2018-03-20

PARAGRAPHEN, PAPAYAS UND PAPPNASEN.

Es ist Abend. Das Kind ist im Bett, wir sitzen vorm Fernseher. Auf irgendeinem Sender läuft irgendein Mist, wir hören gar nicht richtig zu. Der Mann liest nebenbei auf dem Handy naturwissenschaftliche Artikel, ich blättere durch eine dieser schrecklich Elternzeitschriften. Dann der Werbeblock. Ich blicke kurz auf. Über eine grüne Wiese mit bunten Blumen läuft eine Frau. Sie springt, sie ist fröhlich und gelassen. Im Hintergrund angenehme Klimpermusik. Den Spot kenne ich noch nicht. Ich haue dem Mann in die Seite, damit er auch hinschaut. Plötzlich schreit ein Baby. Verwirrt schaue ich auf das Babyphone. Aber der Ton kommt aus dem Fernseher. Der Hintergrund ändert sich. Die Frau steht plötzlich in einer abgedunkelten Wohnung. Ihre Augenringe hängen auf ihren Brüsten. Im Arm hält sie ein Kind. Ein Mann schaut in das Kinderzimmer und zuckt nur mit den Achseln. Die Frau hat strähniges Haar, alles in ihrem Körper schreit nach fünf Litern Kaffee. Plötzlich eine Männerstimme. „Das soll ihre Zukunft sein?“ fragt jemand aus dem Off. „So schlimm muss es nicht werden. Mit uns bleiben sie kinderfrei – und allen Umständen.“ Dann die Frau wieder auf der Wiese. Sie wendet sich zur Kamera und lacht ausgelassen: „Ich habe abgetrieben. Treib auch du ab! Es kann so einfach sein!“ Ich schaue den Mann an. „Ach, das ist ja nett“, sage ich, „wieso verhüten wir, wenn das so einfach ist. Ich rufe am Montag direkt meine Frauenärztin an, vielleicht kann ich einen monatlichen Termin bekommen.“ „Gute Idee“, antwortet der Mann und vertieft sich wieder ins Handy.

Klingt bescheuert? Ja, weil es bescheuert ist. Aber offensichtlich ist das die Vorstellung von Jens Spahn, Annegret Krampf-Karrenbauer und wie diese ganzen selbsternannten Lebensschützer heißen. Paragraphen 219a des Strafgesetzbuches verbietet Ärzt*innen Werbung für Schwangerschaftsabbrüche – dazu gehört aber zum Beispiel auch, nur die Information auf die eigene Website zu stellen, dass Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Die Gießener Ärztin Kristina Hähnel wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie genau das getan hat. In einer Situation, die vielen Menschen mit Uterus sowieso schon komplett ausweglos erscheint, können sie sich nicht einmal vernünftig informieren, weil allein die Informationsweitergabe unter Strafe steht.

"Mich wundern die Maßstäbe: Wenn es um das Leben von Tieren geht, da sind einige, die jetzt für Abtreibungen werben wollen, kompromisslos." Das sagt Jens Spahn und er meint es ernst. Ein Vergleich, der komplett unangebracht ist und eine Schlussfolgerung, die an der Realität komplett vorbeigeht. Mich wundern die Maßstäbe auch. Zigaretten- und Alkoholwerbung ist (noch) erlaubt. Das Anbieten von gesundheitsgefährdenden und unnötigen Schönheitsoperationen auch. Aber die reine Informationsweitergabe zu Schwangerschaftsabbrüchen nicht? Alles, was die Gegner*innen des Paragraphen aus dem Jahr 1933 wollen, ist die Umsetzung eines Menschenrechts. Die freie Selbstbestimmung über den eigenen Körper für Menschen mit Uterus. Dass das für Spahn eher ein kompliziertes Thema ist, hat er schon bei der Diskussion um die Pille danach bewiesen. Wie Smarties würden Menschen die Pille einwerfen, wenn sie rezeptfrei werden würde. Sie ist rezeptfrei. An den Nutzungszahlen hat sich nichts geändert. Stimmenfang am konservativen, rechten Rand – ausgetragen auf dem Rücken Anderer. Soweit nichts Neues.

Annegret Kramp-Karrenbauer sagt in der ARD, dass der Lebendschutz schon immer ein wichtiges Thema für die CDU gewesen sei. Ach so. Deshalb engagieren sie sich auch so dafür, dass täglich weniger Menschen im Mittelmeer sterben. Dass Menschen vor sexualisierter Gewalt und Übergriffen geschützt werden. Dass Kinder, wenn sie durch die heldenhaften Retter der Christlich Sozialen Union, erst einmal geboren werden durften, nicht in Armut und Gewalt leben müssen. Wobei, das mit der Armut gibt’s in Spahnis Welt ja wirklich nicht.

Körper von Menschen mit Uterus wurden in der Politik schon immer instrumentalisiert. Ihnen zutrauen, dass sie schon selbst wissen, was für sie am besten ist? Unmöglich. Anderen erzählen, sie müssten sich an „unsere Kultur“ anpassen – was auch immer „unsere Kultur“ bedeutet – aber selbst tiefgreifende Regulierungen für das Leben von Menschen schaffen. Oder eben nicht abschaffen, selbst wenn der Paragraph aus einer Zeit stammt, mit der man sich sonst nicht mehr so gerne beschäftigt. Es war doch nicht alles schlecht.

Über 100.000 Schwangerschaftsabbrüche werden jährlich in Deutschland durchgeführt. Diese sind nur straffrei, wenn sie bis zur 12. Woche passieren und, wenn die Gesundheit der schwangeren Person in Gefahr ist oder die Schwangerschaft durch eine kriminelle Handlung entstand. Viele Abtreibungen sind also im Grunde immer noch illegal. Grund genug für Mediziner*innen in der Ausbildung, sich mit dem Thema lieber nicht zu beschäftigen. Wie führt man einen Schwangerschaftsabbruch durch? Welche Methoden gibt es? Ein Thema, das nicht regulär im Studium vorkommt und dass die Mediziner*innen nur lernen, wenn sie sich selbst fortbilden. Und davon gibt es immer weniger – auch, weil sie nicht dem Strafbestand ausliefern wollen. In ganz Niederbayern gibt es einen Gynäkologen, der Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Er ist siebzig Jahre alt und geht nicht in Rente, weil es sonst niemanden mehr gäbe. Und weil das Thema im Studium so ein rotes Tuch ist, gibt es Workshops für Mediziner*innen mit erfahrenen Gynäkolog*innen, bei denen sie die Absaugung mit einer Papaya üben.

Mit einer Papaya. So sieht sie aus – die Ausbildung für die Umsorgung von schwangeren Menschen in verzweifelten Situationen. Also ja, offensichtlich gibt es sogar viele, die bei den Rechten von Tieren kompromissloser sind als bei denen für Menschen mit Uterus – auch in der Politik.

Und die SPD? Die manövriert sich um Konflikte herum. Und zieht ihren Gesetzentwurf vorläufig zurück. Einknicken statt durchsetzen. Hauptsache Koalitionsharmonie. Und beweisen ein weiteres Mal, das nichts unglaubwürdiger ist als ihre eigene Partei.

In der ganzen Debatte wird so getan, als wüssten die Menschen mit Uterus nicht, was sie da eigentlich machen. Als müsste man ihnen rechtliche Vorgaben machen, damit sie nicht wirr herumvögeln und alle vier Wochen ein Kind abtreiben lassen. Als würde es Leben retten, Ärzt*innen das Recht auf Informationsweitergabe zu verbieten. Menschen mit Uterus haben und werden immer Schwangerschaften beenden, wenn sie glauben, sie müssten das tun. Meinen Ururomas bis hin zu meinen Ururenkeln wird es gehen. Sie alle wissen, dass es um ungeborenes Leben geht. Das es um Leben und Tod geht! Sie alle machen das nicht aus Spaß oder unüberlegt. Man kann nur hoffen, dass 2018 das Jahr ist, in dem ihnen die Umstände in so einer beschissenen Situation endlich erleichtert werden.

Oder, was meine Kollegin Sophie Passmann zum Thema sagt:



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