2017-08-14

WIE VIELE TÖCHTER BRAUCHEN WIR NOCH?

Es gibt ungefähr fünf Dinge, die bei einer Diskussion, in der es um feministische Themen gehen soll, auf jeden Fall passieren. Eines dieser Dinge ist, dass ich immer jemand meldet und sagt, dass die Feministinnen™ sich doch auch mal den Männern gegenüber öffnen sollten und mehr Männer zum Feminismus einladen sollten. Ihre Vorreiterin ist Emma Watson (love her nevertheless!), die in dieser berühmten UN-Rede auch davon sprach, Männer nicht auszuschließen. Ich bin dann immer ein bisschen angenervt, denn ich verstehe einfach nicht, wieso es meine fucking Aufgabe sein soll, Männer zum Feminismus einzuladen. Ich lade sie auch nicht aus. Die meisten sind mir eigentlich ziemlich egal. Im Gegenteil, ich traue (den meisten) Männern eigentlich so viel Verstand zu, dass sie selbst merken, dass ihnen einen feministische Grundeinstellung eigentlich nur helfen kann. Dass es dabei nicht darum geht, dass Frauen jetzt plötzlich alles kriegen und Männer weinend zuhause sitzen müssen (obwohl das eigentlich... naja, lassen wir das). Sondern, dass es um Geschlechtergerechtigkeit geht. Darum, dass auch "die Männer" vom Feminismus und seinen Auswirkungen nur profitieren können.

Manche haben das schon verstanden. Das ist schön. Heute zum Beispiel las ich einen Artikel von Nilz Bokelberg, der zum 16. Geburtstag seiner Tochter überlegte, in welche Welt er sie eigentlich entlässt und sich nun auch als Feministin bezeichnet. Weil er gemerkt hat, dass die Welt gar nicht so gerecht ist, wie er dachte. Das ist eine wichtige Erkenntnis (auch, wenn sie etwas spät kommt, aber immerhin). Und ich finde es ebenso wichtig, dass er darüber schreibt. Mich nervt, dass dann gleich wieder Stimmen kommen, die sich darüber lustig machen, das er ein Mann ist und jetzt darüber schreibt und erst jetzt merkt, dass er ungefähr drei Millionen Privilegien hat. So what? Besser als nie. Wenn Menschen, die sich noch kein Fitzelchen mit dem Scheiß beschäftigt haben, diesen Artikel lesen und dann plötzlich ein bisschen nachdenken, ist das doch schön. Dann ist schon viel gewonnen. Was die Menschen, die sich wiederum über so einen Artikel aufregen, vermutlich eigentlich nervt, ist, dass es schon sehr viele, sehr, sehr viele, unfassbar viele Artikel von Frauen zu diesem Thema gab. Dass es seit mehr als hundert Jahren Frauen gibt, die immer mal wieder sagen: "Hey, sorry, aber wir sind noch nicht gleichberechtigt, weißt du? Also, haste vielleicht nicht gemerkt, weil du bist weiß und ein Mann und hast studiert usw., aber hier stimmt immer noch nicht alles, you know?" Und dass diese Artikel einfach kein Schwein interessieren. Oder nur die, die sich dann an den Laptop setzen und der Frau eine kleine Morddrohung schicken. Aber, wenn sie ein Mann geschrieben hat, dann ist das plötzlich total emotional, weil er von seiner Tochter schreibt und all the feelings, ich verstehe das. Es nervt trotzdem. Trotz allem ist dieser Artikel wichtig. Allein, um das Thema wieder auf den Tisch zu bringen. Bei denen, die sich nicht jeden Tag damit beschäftigen. Bei denen, die - wie Nilz - sagen, dass sie sich nicht als "Feministin" bezeichnen wollen, weil sie mit bestimmten Leuten nicht in einen Topf geworfen werden wollen. Ich bin "Feministin" und will zum Beispiel auch nicht mit Alice Schwarzer in einen Topf geworfen werden (ich will eigentlich nirgendwo reingeworfen werden). Aber die, die mich in diesen Topf werfen, sind doch selbst schuld, wenn sie nicht differenzieren können. Wenn sie immer noch nicht verstehen, dass unter einem Begriff verschiedene Lebensweisen existieren. Die das gebetsmühlenartige "Naja, es gibt ja verschiedene Feminismen" immer noch nicht verstanden haben.

Und ich frage mich auch, wie viele Töchter es noch braucht, bis alle Väter verstanden haben, dass dieser Feminismus™ was Cooles ist. Das kann doch im Ernst nicht nur ein Thema für euch sein, nur weil ihr eine Tochter habt. Schaut euch mal um. Frauen gibt es überall. Und auch, wenn die - wie Nilz schreibt - augenscheinlich gleichberechtigt sind, weil sie nicht von einem Mann abhängig sind, dann heißt das nicht, dass sie WIRKLICH gleichberechtigt sind. Sie sind vielleicht alleinerziehend, verdienen weniger, machen mehr Carearbeit, werden diskriminiert, weil sie Women of Color sind oder eine Behinderung haben oder weil sie einfach nicht dem Bild dieser Superfrau, das die Gesellschaft so zeichnet, entsprechen. Das sieht man nicht immer unbedingt auf den ersten Blick. Und das sagen die meisten Frauen auch nicht beim Cappuccino.
Also: Cool, wenn die eigene Tochter einen auf den richtigen Weg führt (preach!). Cool aber auch, wenn es die Tochter gar nicht braucht. Und wenn man den eigenen Sohn oder einfach das eigene Kind sowieso gerne in eine feministische Welt entlassen möchte und sich dafür engagiert. Und das kann auch einfach sein, dass man für's nächste Podium oder den nächsten Artikel eine Frau vorschlägt (so wie Nilz es gemacht hat) und dann nochmal nachhakt und sich aufregt, wenn dann nichts mehr kommt. Das sind kleine Schritte. Aber auch die machen die Welt ein bisschen besser.

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