2016-12-20

JAHRESRÜCKBLICK 2016

Januar

Ein neues Jahr, neu durchstarten, neu ordnen, neu wünschen, neu neu.
Das Jahr startet mit einer Nachricht, die meinen politischen Aktivismus in diesem Jahr prägen wird. Hunderte sexualisierte Übergriffe während der Silvesternacht – und das nicht nur in Köln – die unentschuldbar und absolut ekelhaft sind. Eine überforderte Polizei, ein aufgebrachtes Deutschland, zu viel Öffentlichkeit für unangebrachte Meinungen. Die plötzliche Erkenntnis bei manchen, dass Frauen in diesem Land nicht sicher sind und es noch nie waren. Und dass das Gesetz genau diese Taten nicht deckt. Das immer wieder müde machende Wiederholen von Grundsätzen, davon, dass sexualisierte Gewalt nicht nur thematisiert werden darf, wenn es rassistischen Ressentiments dient. Dass das Gesetz jede Form von Übergriffigkeit endlich schützen muss und ein Nein immer ein Nein ist.

Mit dem Hashtag #ausnahmlos gewinnen wir den Clara-Zetkin-Preis für politische Intervention. Der Erkenntnisgewinn in Medien und Politik bleibt aus. Im Gegenteil.

In Istanbul die erste berühmte Bombe des Jahres und die Befürchtung, dass das nicht gut ausgehen wird. Nicht wissen, wohin mit sich und all den Gedanken.

Ein Sortieren.

Snape stirbt. Dieses Mal in echt.

Februar

Meine Jugendliebe gewinnt endlich den langersehnten Oscar. Für einen Film, für den er ihn am wenigsten verdient hat. Ich würde ihn trotzdem gerne anrufen, aber leider habe ich seine aktuelle Nummer nicht.

Ich lese in einer Wohnung im Ihmezentrum und denke danach, dass eigentlich jeden Tag irgendjemand in einer Wohnung im Ihmezentrum lesen sollte. Also Vorlesen, für andere. Weil das Ihmezentrum in Wirklichkeit genau dafür gemacht ist.

An Rosenmontag ist in Hannover niemand verkleidet oder deutlich betrunken. Alle ziehen einfach die gleiche Montagsfresse wie immer. Ich mag diese Stadt.

Peter Lustig stirbt.

März

Kein guter Monat für Jan Böhmermann.

Schon wieder ein Anschlag. Dieses Mal in Brüssel. Aber was soll das? Jeden Tag finden irgendwo Anschläge statt und nur die in der westlichen Welt finden ihren Weg in die Medien und auf die Profilbild-Veränderer bei Facebook. Jeder Mensch, der bei diesem Schwachsinn stirbt, ist einer zu viel.

Meine Freundin Laura und ich geben der Zeitschrift „Barbara“ ein Interview. Auf den Fotos sehe ich das erste Mal im Leben aus wie ein Bondgirl.

Der Mann und ich fahren nach Berlin und lassen meinen Arm anmalen. Zwei Tage lang starre ich auf das Bild unter der Folie und kann mir nicht vorstellen, dass das jetzt für immer dort ist. Der Mann zieht nach. Anderes Motiv, andere Stelle, gleiche Tätowiererin. Meine Mutter sagt erst gar nichts dazu und dann nur: „Es ist riesig.“ Mein Vater freut sich, dass ich das endlich gemacht habe.

Guido Westerwelle stirbt.

April

Ganz Hannover darf nicht mehr winken. Denn er ist da. Der mächtigste Mann der Welt. Die Version, die wir noch ernst nehmen können. Zwei große Sorgen machen sich die Hannoveraner laut den Facebook-Kommentaren der Tageszeitung:
1. Sie dürfen am Sonntag den Müll nicht auf die Straße stellen.
2. Dürfen sie sich aber noch im Park öffentlich betrinken?

Der Mann und ich gehen einkaufen. Über unseren Köpfen kreisen durchgehend zwei Hubschrauber. Ich komme mir beobachtet vor. Obwohl die NSA wahrscheinlich eh schon alles über mich weiß.

Die Wohnung wird zunehmend zu klein. Der Mann und ich müssen uns ein Arbeitszimmer teilen. Während ich so tue, als würde ich arbeiten, schickt er mir folgende Nachricht: „Neben meinem Arbeitsplatz sitzt eine, die ständig irgendwelche Handy-Videos laut abspielt. Das Handy ist nicht auf lautlos und sie bekommt die ganze Zeit Nachrichten.“ Meine Deckung ist also aufgeflogen.

19. April 2016: Tobi Kunze ist als Erster und vor der verabredeten Uhrzeit im Theater der Lesebühne.

In der letzten Aprilwoche fährt der Mann auf Klassenfahrt und lässt mich mit meinen Handyvideos allein. Er verabschiedet sich mit: „Iss vernünftig!“ Klar, ich lege auch keinen großen Wert auf so romantischen Quatsch wie „Ich liebe dich“ oder „Pass auf dich auf“.

Prince stirbt.

Mai



Juni

Boateng wird zum Sinnbild eines guten Nachbarn.
Einen von den Geflüchteten, der noch keine Tore für Deutschland geschossen hat, wollen die meisten dann aber doch nicht direkt nebenan haben.
Es brennt in Kaltland.

Als ich aufwache, schaut der Mann neben mir erschrocken auf sein Handy. „Was ist denn?“, frage ich. „Die haben für den Brexit gestimmt“, sagt er. Fassungslosigkeit.

In diesem Monat bin ich das erste Mal im Jahr zwei Wochen am Stück zuhause. Der Mann und ich nutzen die Zeit und machen ein Baby. Wissen wir da aber noch nicht.

Muhammad Ali stirbt.

Juli

Urlaub. Schottland. So viel Land und so wenig Menschen. Ein Traum. Es regnet quasi zwei Wochen durch. Nur am Anfang und am Ende des Urlaubs scheint die Sonne. Aber das ist uns egal. Wir haben es uns ja so ausgesucht.
In einem Studierendenwohnheimzimmer mache ich einen Schwangerschaftstest. Positiv. Bis Mitte August werde ich niemandem davon erzählen. Es ist das schwerste Geheimnis, das ich jemals behalten musste.
Wenn ich dem Baby erzähle, wo es schon alles war, allein durch die Tatsache, dass es sich meinen Bauch zum Wachsen ausgesucht hat, dann wird es sicher schon vom Erzählen reisekrank.

An dem Tag, an dem der Freund meiner Schwester offiziell zum Doktor der Mathematik wird, verschlucke ich aus Versehen eine Menge Glitzerkonfetti, weil ich es für ein Kunstprojekt in den Mund nehmen muss. Jeder so wie er kann.

Und während ich das Urlaubsleben genieße, werden in den USA weiterhin Schwarze von weißen Polizisten erschossen. Ein Land steuert auf den vollkommenen Kontrollverlust zu und alle gucken zu. Ach, was sage ich? Es ist ja schon mitten drin. Schon seit immer. Black Lives matter.

Miriam Pielhau stirbt.

August

Der Mann und ich unterschreiben den Mietvertrag für die Traumwohnung.

Sonst passiert nichts. Auch mal schön.

Gene Wilder stirbt.

September

Plötzlich New York. Dieser Schnellkochtopf an Geräuschkulissen. Eine Woche voller Eindrücke, die für Jahre reichen sollten. Es sind 38 Grad und in den U-Bahn-Schächten herrscht so etwas wie eine natürliche Sauna. Ich bestaune die Gebäude und meine Mutter bestaunt die Menschen. Es ist wie Luftanhalten bis wir wieder in Hannover landen und ich zuhause in einer Badewanne liege und niemand spricht und kein elektronisches Gerät an ist.

Ich finde einen Ohrringverschluss wieder, den ich zu Ostern glaubte, verloren zu haben. Nicht nur das. Ich dachte nachts, er sei mir gerade in den Gehörgang gefallen. Der Mann hielt das für ausgemachten Unsinn und technisch nicht möglich. Der Arzt in der Not-Ambulanz sagte: „Außer Schmalz ist da nichts drin.“ Und so lebte ich einfach weiter, sechs Monate, in dem Glauben, in meinem Gehörgang sei alles in Ordnung.
Und dann mache ich diese kleine Gehörgangsspülung nach den Flügen, weil alles so verstopft scheint. Und was passiert? Der Verschluss findet seinen Weg zurück aus meinem Ohr und landet im Waschbecken. Er hatte es sich in meinem Gehörgang gemütlich gemacht und nicht entzündet. Aber er war da! So wie ich es geahnt habe. Und die Moral von der Geschicht’: Hört nicht auf Experten.

Curtis Hanson stirbt.

Oktober

Plötzlich ist eine Kugel zu sehen. Vorne an mir dran. Jetzt sind es insgesamt drei Kugeln, die immer größer werden. Ich fühle mich schon super schwanger und dick. Aber ich weiß ja auch noch nicht, was da noch kommt.

Wir packen Kisten über Kisten. Das Umzugsunternehmen liefert 60 davon und ich denke: „What the fuck? So viel hat niemand.“ Am Ende des Monats sind 60 von ihnen voll. Ansonsten darf ich nicht viel machen, weil ich nichts heben soll. Deshalb esse ich lieber Haribo und sitze auf dem Sofa herum. Der Mann packt die Elektronik ein. Es läuft kein Fernseher und ich erzähle irgendwas. Er sagt: "Sowas könnten wir öfter machen, das ist besser als Fernsehen." "Abbauen?" frage ich. "Uns unterhalten", sagt er.

Manfred Krug stirbt.

November

„Du liest zu viel!“ sagt der Möbelpacker als er die soundsovielte Kiste mit Büchern in die neue Wohnung trägt. „Das habe ich deinem Mann auch schon gesagt – die wird sonst zu schlau.“ „Und was hat der geantwortet?“ frage ich. „Zu spät!“ sagt der Möbelpacker und lacht.

Ankommen.
Und dann gleich wieder wegfahren. Im November bin ich so viel unterwegs wie seit langem nicht mehr. Während der Mann inzwischen jede Ecke der neuen Wohnung kennt, fühle ich mich immer noch wie ein Gast.

Am 9. November wache ich in Leipzig auf. Es ist sehr früh und ich muss Pipi. Ich denke, ich könnte mal kurz gucken, was Hillary zu ihrem Sieg gesagt hat. Und dann liege ich sehr lange wach im Bett und starre auf die Nachrichten, die mein Handy anzeigt. Irgendjemandem da oben sind in diesem Jahr massiv die Fäden entglitten.

Leonard Cohen stirbt.

Dezember

Diese bekloppte Hoffnung, dass der Typ im LKW doch nur betrunken war oder eingeschlafen ist. Nur damit der Scheiß nicht wieder instrumentalisiert werden kann. Twitter ausschalten, Facebook ausschalten und alles so machen wie früher. Einfach in zwei Tagen die Zeitung lesen und nur das glauben, was tatsächlich bestätigt wurde. Nicht wissen, wohin mit dem Mitgefühl.

Was kann ich tun? Kann ich irgendwas tun? Bringt es irgendwas für Aleppo durch die Stadt zu laufen und zu demonstrieren? Interessiert das wirklich irgendjemanden? Bin ich inzwischen zu abgestumpft? Hab ich noch Geld, das ich spenden könnte? An wen denn?

In der Postfiliale geraten zwei erwachsene Männer so sehr aneinander, dass der eine dem anderen verspricht, ihm den Kopf wegzublasen. Ein Dritter mit beruhigender Samson-Stimme geht dazwischen.

Weihnachten ist schon lange nur noch ein Punkt auf der Zeitkarte.

Aus Gründen, die niemand nachvollziehen kann, sind sämtliche Kindermöbel weiß. Ich mag kein weiß. Im Januar sollte ich dann trotzdem endlich mal ein Bettchen in dieses Zimmer stellen.

Zsa Zsa Gabor stirbt.

Was kommt: Ein Jahr voller Ungewissheiten und mit einem neuen Menschen an Bord. Mehr braucht es erst einmal nicht. Der Rest kommt doch eh anders als man denkt.

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Was sonst noch in meinem Leben passierte (ein Auszug):

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