2016-09-17

MEIN KÖRPER - MEINE VERANTWORTUNG - MEINE ENTSCHEIDUNG

Copyright: Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung
Immer im September gehen in Berlin die sogenannten "Lebensschützer" auf die Straße, um gegen Abtreibung, Selbstbestimmung und diverse andere Menschenrechte zu demonstrieren. Deshalb fand heute zeitgleich der Aktionstag "Leben und Lieben ohne Bevormundung" des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung statt und ich durfte ich folgenden Slam-Text vortragen.

Mein Leben lang haben mir Menschen erzählt, was an meinem Körper nicht stimmt:

- Er ist zu klein.
- Er ist zu stämmig.
- Er ist von allem zu wenig.
- Er ist von allem zu viel.
- Er ist vor allem und in erster Linie nicht meine Privatsache.

Kleidung war in erster Linie dazu da, mich „vorteilhaft“ aussehen zu lassen. Vorteilhaft, das bedeutete, größer zu wirken, dünner zu wirken, seriöser zu wirken, insgesamt so zu wirken wie all die anderen auch wirken sollen, um in einer sich gegenseitig auffressenden Gesellschaft erfolgreich überleben zu können. Ich war immer zu wenig angezogen. Ich war immer zu viel angezogen. Ich war in jedem Fall immer falsch angezogen. Das wussten sie, weil sie wissen, was sich gehört. Weil es egal war, was ich fühle, wie ich mich fühle oder worauf ich verdammt noch mal Bock habe.

Dazu gehört natürlich auch, den passenden Partner zu finden. Und ich sage hier mit Absicht „Partner“, denn andere Varianten des zwischenmenschlichen Zusammen- oder Sexuallebens waren nicht vorgesehen. Es ist doch schon schlimm genug, dass ich anders aussehe als andere, dann muss ich nicht auch noch anders lieben. Und überhaupt – wenn sich denn einer mir erbarmen würde, und mich, diesen kaputten Körper, dieses Sein an Mensch, das nicht reinzupassen scheint, nehmen würde, dann, ja dann, solle ich doch mal so richtig froh sein. Und Ansprüche könne ich in diesem Zusammenhang aber mal so gar keine stellen. Das könne ich mir in meiner Situation nicht leisten.

Es hat also Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gedauert, bis ich meinen Körper und alles, was zu ihm gehört, nicht nur akzeptieren, sondern auch lieben gelernt habe.
Und dann ist aber nicht Schluss. Im Gegenteil. Ich darf ihn weder gut finden, noch über ihn bestimmen.

Eine Vertreterin meiner Frauenärztin fragte mich mal bei einer Vorsorgeuntersuchung, wann ich denn nun vorhätte, endlich Kinder zu bekommen. Da war ich 30 Jahre alt. Diese Ärztin kannte weder mich, noch meine persönlichen Umstände, noch mein Beziehungsleben, noch meine voran gegangenen Krankheiten, sie kannte also gar nichts, außer dem Fakt, dass ich 30 und weiblich war und daher anscheinend in der Pflicht, zu gebären.

Eine Frau lässt sich mit Ende 20 sterilisieren. Was diese Frau sich daraufhin im Bekannten- und Feund*innenkreis anhören musste, ist kaum auszumalen. Oder – eigentlich doch. Leider. Denn wir alle wissen, wie sehr unsere eigene Lebens- und Liebesplanung unter dem Urteil der anderen bestehen muss.
Sie könne das für sich selbst noch nicht beurteilen. Sie sei noch zu jung, um darüber zu entscheiden. Sie sei überhaupt mal gar nicht in der Lage, das zu entscheiden. Sie solle mal an andere denken. Und an ihre zukünftigen Partner, wenn die doch Kinder wollten. Und überhaupt mal an die Kinder denken, all die Kinder, die sie jetzt nicht gebären kann, diese 453 Stück.

Dass das alles ganz einfach ihre Entscheidung ist. Ihre verdammte eigene Entscheidung über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben, das ist offenbar keinem der Kommentierenden bewusst.
Dass sie Gründe dafür hat, die außerdem niemanden etwas angehen außer sie selbst, dass ist offenbar keinem der Kommentierenden bewusst.
Dass sie außerdem keinem eine Rechenschaft schuldig ist, wie sie über ihren Körper bestimmt, dass ist offenbar keinem der Kommentierenden bewusst.

Schon immer haben sich andere das Recht herausgenommen, über den Körper dieser Frau, über meinen Körper, über eure Körper, über viel zu viele Körper zu bestimmen.
Schon immer wussten alte, weiße Männer, wie ich mich zu fühlen haben. Wie ich zu verurteilen sei, wenn ich über meinen Körper selbst bestimme. Wie ich zu handeln habe. Wie ich zu denken habe.

Wir schleppen seit Jahrzehnten und Jahrhunderten Gesetze und Regeln mit uns, die in keiner Weise gerecht oder angemessen sind. Aber, weil das eben schon immer so war, bleibt es so.

Egal, ob wir damit mindestens 50 Prozent der Bevölkerung das Selbstbestimmungsrecht absprechen.
Egal, ob wir damit im Vergleich mit den Gesetzen in anderen Ländern ein Schlusslicht sind.
Egal, ob wir damit Menschen in völlig hilflosen und ausweglosen Situationen kriminalisieren.

Aber was erwarte ich von einem Land und von einer Gesellschaft, dessen Kanzlerin irgendwie ein schlechtes Gefühl dabei hat, wenn alle Menschen heiraten wollen?

Von einem Land, in dem kaum ein*e Politiker*in es schafft, sich zu diesem Thema, für das wir heute kämpfen, zu positionieren?

Von einem Land, in dem über den Geburtenrückgang gejammert wird, das aber nicht in der Lage ist, Frauen und Schwangere in jeder Lebenslage – vor allem in mehrfach benachteiligten Situationen – zu unterstützen?

Ich bin wütend und enttäuscht, dass wir hier heute immer noch stehen müssen. Hört endlich auf, bestimmen zu wollen, was ich fühlen, denken oder tun soll! Abtreibung ist Menschenrecht!

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