2016-05-18

ZOE HAGEN: TAGE MIT LEUCHTKÄFERN

"Später am Abend saß Amira auf dem Sofa, ihr Kopf ruhte auf der grünen Lehne, und sie rauchte grauen Rauch gegen die weiße Decke. Ich saß auf einem kleinen Hocker und beobachtete die Schwaden, wie sie emporstiegen und sich langsam auflösten. Amira inhalierte tief ein und atmete dann aus, dabei schloss sie die Augen ihr Gesicht war mit Glitzer verschmiert, ihre Haare umhüllten ihren Hals gleich einem samtschwarzen Schal."


Zoe Hagen ist Slam Poetin aus Berlin und hat mit "Tage mit Leuchtkäfern" ihr Romandebüt bei Ullstein veröffentlicht. In dem Tagebuchroman schreibt die junge Gandhi kleine Briefe an Gott. Dabei ist sie nicht einmal gläubig, sondern brauchte einfach einen Adressaten für ihre täglichen Gedanken. Gandhi ist einfühlsam, gedankenverloren und vor allem anfangs einsam. Den täglichen Kampf mit ihrer Mutter sieht sie für sich immer verloren und sie fühlt sich gefangen in einer kleinen, von Regeln bestimmten Welt. Bis sie Fred kennenlernt – der nimmt sie mit zu seinen Freund_innen, sie nennen sich "Der Club der verhinderten Selbstmörder". Jede_r von ihnen trägt ein Paket mit sich und gerade deshalb verstehen sie sich sehr gut und wissen miteinander umzugehen. Gandhi fühlt sich das erste Mal verstanden und gut, ja fast sicher, aufgehoben. Doch auch vor dem Club machen die Krankheiten, Gedanken und Probleme der Protagonist_innen nicht halt. 

Zoe Hagen beschreibt in ihrem Debüt die Gedankenstränge, Sorgen und Schwierigkeiten eines Teenagers verständnisvoll und detailliert. Das mag daran liegen, dass sie selbst erst siebzehn Jahre alt war, als sie den Roman schrieb. Oder auch daran, dass sie einfach sehr emphatisch ist und gleichzeitig in der Lage, genau diese Gedanken spannend auf Papier zu bringen. Es gibt nichts, was ich mehr hasse, als Autor_innen über vierzig, die meinen, sie wüssten, wie Teenager sich fühlen – in den meisten Fällen geht nämlich genau das daneben. Zoe Hagen ist mittendrin, sie beschreibt ein Lebensgefühl, das sie selbst noch am besten kennt.
Foto: Marvin Ruppert
Das Buch ist nicht fröhlich. Es ist trotzdem schön. Gandhi hat mit einer Essstörung zu kämpfen, hinzu kommen ihre Probleme mit der Mutter und ihrem Umfeld. Mit dem Eintritt in den "Club der verhinderten Selbstmörder" findet sie zwar neue Verbündete, aber auch viele weitere Ebenen von Problemen und Beziehungsstrukturen. All das weiß Zoe Hagen in Worte zu fassen.
Auch klar: Ich bin nicht die Zielgruppe des Buches. Das schreit mir die Covergestaltung förmlich ins Gesicht. Macht aber nichts – ich hab's trotzdem sehr gerne gelesen. Zu meinen Teenie-Zeiten hätte ich dieses Buch sofort gekauft und innerhalb von einem Tag verschlungen.

2014 ist Zoe Hagen Vize-Meisterin der deutschsprachigen U20-Poetry-Slam-Meisterschaft geworden und nach der Lektüre weiß ich nicht, was sie besser kann – Kurz- oder Langform. Ich einige mich mit mir selbst darauf, dass sie in beiden Bereichen sehr gut ist. Und das muss reichen, um euch dieses Buch sehr ans Herz zu legen. Vor allem, wenn ihr selbst noch jung seid oder das nächste Geburtstagsgeschenk sucht.

Hier kann man das Buch online kaufen.


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