2016-04-17

PROBLEMZONEN – DAS GEHEIMNIS SCHÖNER ACHSELN

Werbung. Eine schwierige Angelegenheit. Und eines meiner Lieblingsthemen. Die meisten Leute in der Werbung sind ungefähr so schlau wie die Redaktionen von Stern und Focus, die es sogar schaffen, Heilkräuterthemen nackig zu bebildern. Im Zweifel würden sie das wohl auch mit den #panamapapers tun. Gestern zum Beispiel habe ich in der Werbung gelernt, dass die meisten Frauen Schmerzen haben, wenn sie High Heels tragen. Ach so. Ganz was Neues. Und auf die Diskussion ums #Brüsteverbot bei der Werbung brauch man sich ja gar nicht einlassen. Die Kommentare machen das mit meinem Kopf:


Den einzigen Text zum Thema, den man wirklich lesen sollte, stammt wie so oft von Margarete Stokowski.

In dieser Diskussion fiel mir eine Geschichte ein, die ich vor einiger Zeit schrieb. Die steht hier aber noch gar nicht drin. Was soll das den?! Nun aber. Inspiriert übrigens von der tollen @dielilly #ff.


PROBLEMZONEN.

Es klingelt. Als ich öffne, steht meine beste Freundin Ruth vor der Tür und sagt: „Ninia! Es tut mir leid, aber es gibt eine weitere Problemzone. Bitte entschuldige, dass du es auf diesem Weg erfahren musst.“ Ich bin geschockt. Noch eine? Wie soll ich das meistern? Als hätte ich nicht schon genug mit all den anderen Zonen zu tun.
Ich erkläre Ruth, sie solle sich bitte auf’s Sofa setzen und koche erst einmal einen Tee zur Beruhigung. Dann setze ich mich dazu, schlage meine Beine übereinander, damit meine Oberschenkel nicht so enorm riesig aussehen und versuche, einen geraden Rücken zu machen. Wie es sich für eine elegante Frau gehört.

„So“, sage ich in besonders tiefem Tonfall, damit sich meine Stimme positiv auf Ruths Gemütslage auswirkt. „So, Ruth. Dann erzähl doch mal. Was haben wir für ein Problem?“ Dabei weiß ich ja noch gar nicht, ob das wirklich unser Problem ist oder vielleicht einfach nur Ruths. Aber wenn es sich wirklich um eine neue Problemzone handeln sollte, dann ist das unser aller Problem. Ruth reißt ihren Arm nach oben und nickt nachdrücklich. „Hier!“ ruft sie. „Hier ist sie. Siehste das! Dass mir das vorher nie aufgefallen ist.“ Ich presse meine Lippen nachdenklich aneinander und hole tief Luft. Noch weiß ich nicht so genau, was sie meint. Ich analysiere. Sie trägt ein ärmelloses Top in weinrot, ohne Aufdruck. Ganz schlicht. Passend zu Ruth. Ihre Haare sind im Nacken zusammengebunden und über ihrem Gürtel wölbt sich ganz leicht ein Bauch. Der kann es aber nicht sein. Als wenn der Bauch als Problemzone neu wäre. Vielleicht war der Bauch auch die erste Problemzone von allen. Ich weiß es nicht mehr genau. Er gehörte zumindest zu den ersten Zehn. Und damit ist er immer noch ziemlich wichtig als Problemzone. Unter Ruths Top zeichnet sich ihr BH ab. Seitdem wir gemeinsam beim BH-Fitting waren, konnten wir zumindest für uns die Problemzone Brust abhaken. Da sitzt jetzt alles wie es soll.

Ihren Oberarm kann sie auch nicht meinen. Über schwabbelnde Winkearme haben wir erst vor zwei Wochen gesprochen und uns gegenseitig garantiert, dass wir da sicherlich etwas gegen machen werden. Ich esse seitdem keine Gummibärchen mehr, weil ich gelesen habe, dass die Gelatine quasi direkt in den Oberarm wandert. Schrecklich. Gelatine ist eh nicht gut.

Ich mustere Ruth immer noch. Ihre Hand sieht schon ganz blass aus, weil sie die ganze Zeit den Arm nach oben hält und auf eine Reaktion wartet. „Ruth, also wirklich, äh, ich weiß es noch nicht so genau“, sage ich. Sie reißt ihre Augen auf: „Siehst du das denn nicht?? Sie sieht furchtbar aus!“ „Wer, sie?“ frage ich. So langsam reißt mir der Geduldsfaden. Problemzone hin oder her, aber wenn ich nicht weiß, womit ich mich beschäftigen soll, kann ich es ja auch nicht besser machen.
„Hier!“ schreit Ruth und fuchtelt mit ihrer anderen Hand unter ihrem Arm herum. „Meine Achsel! Schau dir die doch mal an! 36 Jahre lang habe ich gedacht ‚Cool, alles gut da unten, ich schmiere da ein jeden Morgen ein bisschen irgendein Deo hin und dann ist auch gut‘.“ Sie fuchtelt immer noch. In mir steigt die Angst, dass ich gleich einen Notarzt rufen muss, weil sie so außer sich ist. „Aber dann“, japst Ruth, „dann habe ich die neue Werbung von Dove gesehen. Dove. Kennst du doch, oder? Die mit dem ‚Jede Frau ist schön‘-Gelaber. Naja, auf jeden Fall gibt es ein neues Deo von Dove, und das macht Achseln schön. Es ist das Geheimnis schöner Achseln, Ninia. Das bedeutet ja, dass sie vorher nicht schön waren. Und ja, das stimmt. Das stimmt!“ Ruth schnaubt aus und lässt sich gegen die Lehne fallen. „Warum kann an uns nicht mal irgendwas von Natur aus schön sein?!“ Ich nicke bis mir auffällt, was sie gesagt hat. Moment mal. An uns?! Findet Ruth also, dass an mir auch nichts von Natur aus schön ist?

„Ruth, was soll das heißen, an uns? Findest du nichts von Natur aus schön an mir?“ Ruth wedelt mit der Hand als wolle sie mich verschwinden lassen. „Jetzt komm schon, Ninia. Selbstverständlich finde ich dich wunderschön. Aber wenn du morgens aufstehst, siehst doch auch nur aus wie alle anderen.“ Ich hebe die Augenbrauen. Ich rackere mich doch nicht mein Leben lang ab, nur damit Ruth mir jetzt erklärt, ich sähe aus wie alle anderen! „Ruth, wirklich. Das finde ich nicht nett“, sage ich, „ich finde zum Beispiel meinen Nacken von Natur aus wirklich schön. Er ist sehr weich und der eine Leberfleck fügt ein leicht irritierendes Detail hinzu, einen Bruch mit der Perfektion. Also das hat die Natur schon wirklich sehr gut hinbekommen bei mir. Fühl doch mal.“ Ruth fühlt. Sie streicht mir über den Nacken und räumt ein: „Ja, ok, also dein Nacken ist wirklich schön. Das wusste ich ja vorher nicht, dass du so einen schönen Nacken hast. Nacken können ja wirklich auch richtig schlimm sein. Irgendwie zu lang. Oder zu kurz. Aber deiner ist genau richtig. Glückwunsch. Ein sehr schöner Nacken.“

Als Ruth endlich aufsteht, bin ich froh. Ich muss ja auch noch Dinge machen. Die Pflanze im Fenster wollte ich schon lange mal umtopfen. „Du, Ninia, ich glaube, die Pflanze musst du mal umtopfen“, sagt Ruth, „da kommen ja schon die Wurzeln oben raus. Siehst du sowas nicht? Also deine Augen möchte ich haben. Mit denen hat man weder Hausarbeit noch Problemzonen!“ Als ich die Tür hinter Ruth schließe, gehe ich in die Küche und trinke einen Schnaps. Das mache ich fast immer, wenn Ruth da war. Deshalb darf sie nicht zu oft vorbeikommen.

Abends ziehe ich mir mein Shirt aus, stelle mich vor den Spiegel und hebe meine Arme. Tatsächlich. So richtig schön sehen meine Achseln nicht aus. Irgendwie… wie Achseln. Komisch. Leicht rötlich und die Haare wachsen auch schon wieder nach. Mir kommt es auch so vor, als hätte ich in den letzten Jahren mehr Falten unter den Achseln bekommen. Aber vielleicht waren die schon immer da? Das wäre ja furchtbar. Bewusst habe ich mir meine Achseln ja noch nie angeschaut. Ich lasse die Arme wieder sinken und schweige mein Spiegelbild an. ‚Morgen unbedingt dieses Deo kaufen‘ speichere ich in meinem Kopf ab. Dann gehe ich ins Bett. Die Arme lasse ich heute Nacht beim Schlafen lieber unten. Nicht, dass da noch mehr Schaden dran kommt.

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