2016-03-01

PIERRE JARAWAN: AM ENDE BLEIBEN DIE ZEDERN

"Seltsam zu wissen, dass er hier geboren ist. Obwohl ich nie hier war, ist es, als würde mich jede Straße, jeder Winkel an ihn erinnern. Als lächle sein Geist von den Fenstern der Häuser herab, geheimnisvoll, wissend, dass ich den Hinweisen folge, und gespannt darauf, ob ich fähig bin, sie richtig zu deuten."


Heute erscheint der Roman "Am Ende bleiben die Zedern" von Pierre Jarawan. Pierre ist ebenfalls Poetry Slammer 2012 - wurde er sogar deutschsprachiger Meister - und hat nun seinen ersten Roman herausgebracht. Und mit Romanen von Poetry Slammern ist es ja manchmal ein bisschen schwierig. Es ist ein komplett anderes Genre und trotzdem schwingt da immer dieses Slam-Wort mit. Also vergessen wir das jetzt mal, denn Pierres Roman ist fantastisch und hat es nicht verdient, dass irgendwas mitschwingt.

Pierre Jarawan ist also Autor und heute ist sein erster Roman erschienen. Ich habe ihn vorab erhalten und stecke bereits mitten drin. Heißt, ich habe ihn noch nicht ganz durch, kann euch aber jetzt schon verraten, dass er zu den besten drei Romanen gehört, die ich in den letzten sechs Monaten gelesen habe. Worum geht's?

Samirs Eltern sind in den 80er Jahren aus dem Libanon nach Deutschland geflohen. Samir ist in Deutschland geboren und lässt sich durch die Erzählungen und Geschichten seines geliebten Vaters immer wieder in das Land der Zedern entführen. Bis Samirs Vater verschwindet, einfach so. Samir ist acht Jahre alt und versteht die Welt nicht mehr. Viele Jahre später, als erwachsener Mann, reist er in den Libanon, um seinen Vater zu finden und irgendwie auch sich selbst.

Als ich gedacht habe: "Na gut, dann lese ich mal rein", hatte ich plötzlich die ersten 200 Seiten in einem Schwung weggelesen. Ich konnte einfach nicht aufhören. Pierre erzählt Samirs Geschichte genau so emotional genug, dass es nicht zu unglaubwürdig und nicht zu steif wirkt. Er webt Geheimnisse und Verwicklungen, deren Lösung man kaum erahnen kann. Er erzählt eine Familiengeschichte im großen Stil und genau das hat mich an dem Roman sehr gereizt. Ein weiterer großer Pluspunkt: Die Geschichte des Libanon gehört zum Roman dazu. Sie wird aber nicht belehrend oder abgesetzt erzählt, sondern entwickelt sich aus dem Roman. Ich lerne nebenbei noch so viel dazu, ohne dass ich es merke, weil ich eigentlich nur Samirs Fußstapfen folge.

Pierres Stil gefällt mir ebenfalls sehr gut. Er beschreibt große Orte wie Beirut oder kleine wie die Küche bei Samir zuhause sehr detailreich. Ein alter Arbeitskollege von Samirs Vater erzählt ihm im Laufe des Buches, dass der Vater allen das Gefühl geben konnte, Teil eines Abenteuers zu sein. "Hauptdarsteller einer unglaublichen Geschichte, Glückspilze, vom Schicksal ausgewählt." Und genau so fühlt es sich als Leserin auch an. Wenn das kein Bestseller wird, weiß ich auch nicht weiter. Absolute Kaufempfehlung. Mehr als das.

Hier gibt's eine kostenlose Leseprobe.

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