2015-12-20

IM WARTEZIMMER

Es ist Erkältungszeit. So werden ja inzwischen ganze Jahreszeiten benannt. Frühling, Sommer, Erkältung eins, Erkältung zwei. Ich leide an meiner Jahresenderkältung. Meine Ärztin nennt das so, weil ich seit vier Jahren konsequent zum Jahresende erkranke. Der Körper signalisiert mir dann, dass jetzt genug gemacht wurde. Und streikt. 

Nachdem ich meine eigentlich harmlosen Symptome gegoogelt habe und herausgefunden habe, dass ich höchstwahrscheinlich an Krebs, Aids und irgendeiner seltenen, subtropischen Krankheit gleichzeitig erkrankt bin, bin ich dann doch zur Sprechstunde geschlappt. Deshalb sitze ich mal wieder im Wartezimmer. Nach kurzer Zeit ereilt mich die bahnbrechende Idee für ein neues Start-up. Kleine Quarantäne-Zelte to go. Denn: Das Wartezimmer ist der Herd für alle Krankheiten. Ich sitze wie paralysiert auf meinem Stuhl und jedes Geräusch der anderen Erkrankten wirkt wie ein Donnergrollen in meinen Ohren. Der alte Mann röchelt – höchstwahrscheinlich hat er mich gerade angesteckt. Hätte ich ein kleines Zelt dabei, das ich, ähnlich einer Schwimmweste, mir nichts dir nichts aufpusten könnte, könnte mir in diesem bakteriell verseuchtem Raum nichts mehr passieren.

Ich verzichte darauf, Zeitschriften zu lesen. Früher habe ich das wirklich gerne gemacht. Manchmal habe ich mir sogar Krankheiten ausgedacht, nur um beim Arzt endlich mal wieder die neuste Gala oder Bunte lesen zu können. Ich vermute aber inzwischen, dass es eine unsichtbare Überwachungskamera im Wartezimmer gibt und immer, wenn die Sprechstundenhilfen sehen, dass man gerade die besonders spannende Geschichte über dieses eine Königskind liest, dann rufen sie einen rein. Es war zum Mäuse melken. Ich konnte die spannenden Artikel nie zu Ende lesen. Und nur, weil man aus dem einen Wartezimmer raus darf, heißt das ja nicht, dass man dann direkt reinkommt. Man sitzt dann noch stundenlang im Behandlungszimmer und fragt sich, wie diese Geschichte wohl ausgegangen ist. Einmal musste ich mich von einer Sprechstundenhilfe anschreien lassen, weil ich nicht bereit war, die Zeitschrift im Wartezimmer liegen zu lassen. 

Es ist ja nicht wie bei den Kindern. Die haben immer ganz tolle Spieleecken. Und können trotzdem nicht die Klappe halten. 
Oder wie bei den Alten. Die haben immer sich gegenseitig. Und können trotzdem nicht die Klappe halten.

Ich bin eine frustrierte Arztkundin. Ich sage nicht gern Patientin, ich will ja gar nicht krank sein. Also will ich auch nicht hier sein. Ich will auch nicht mit anderen Menschen sprechen. Ich hasse andere Menschen im Allgemeinen. Vor allem, wenn sie Kind, alt oder krank oder alles zusammen sind.

Die Frau gegenüber sieht genau so fit aus wie ich. Also gar nicht fit. Ganz unfit. Schlapp sogar. Dann passiert es, wie in Zeitlupe. Sie quetscht ihr Gesicht und zieht es nach hinten, wie eine Schildkröte, um dann explosionsartig nach vorne geschossen zu kommen und in irrer Lautstärke zu niesen. Während sie nach einen Taschentuch kramt, das heute zum sechzehnten Mal benutzt wird, fliegen die Tröpfchen ganz langsam, aber zu schnell, um ihnen auszuweichen, in meine Richtung. Ich fühle sie nicht und fühle sie doch. Ich merke, wie die Infektion sich quasi auf meiner Haut niederlässt. Wie diese fiesen kleinen Bakterien in meine Haut eindringen. Wie bei dem Film „Die Mumie“, kennen Sie den? Die Stelle, wo bei dem einen Typen lauter Käfer unter der Haut herumkrabbeln? So ungefähr stelle ich mir das vor. 

Ich verstehe das Konzept Wartezimmer nicht. Menschen werden doch nicht davon gesund, sie alle zusammen für Stunden in einen kleinen Raum zu sperren. Ganz im Gegenteil. Es sind auch die Gesprächsthemen, von denen ich einfach nichts mitbekommen möchte. Ich will partout nicht wissen, wie sich die offene Wunde am Bein von Herrn Oberschmidt entwickelt hat. Oder welche zahlreichen Krankheiten der kleine Finn jetzt schon wieder aus dem Kindergarten mitgebracht. Und dass da erst vor drei Tagen auch Läuse dabei waren. Ich weiß nicht, wo Datenschutz erfunden wurde. In einer Arztpraxis kann es nicht passiert sein.

„NA, HERR OBERSCHMITT. BRESLAUER STRASSE SECHS STIMMT NOCH?!“
„FRAU KAISER, HIER IST IHR REZEPT FÜR DIE HÜHNERAUGENTINKTUR.“

Das ist doch nicht schön. Und erst recht nichts für die Allgemeinheit.

Nachdem mir meine Ärztin Vitamin-D-Tabletten verschrieben hat, weil ich ihrer Meinung definitiv viel zu selten an die Sonne komme, erkläre ich ihr, dass da vielleicht auch mal eine Diskussion mit der Sonne angebracht wäre, weil die nämlich definitiv viel zu selten zu den Zeiten am Start ist, an denen ich wach bin. Sie sagt dann noch, dass sie mir auch eine Eigenurin-Therapie für ein stärkeres Immunsystem empfehlen würde und dann bin ich auch schon ganz schnell wieder weg. 

Bis zum nächsten Jahr!

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