2015-12-04

IHMEZENTRUM: TRAUM. RUINE. ZUKUNFT.

Constantin Costa Alexander ist Journalist, Politikwissenschaftler, Nachhaltigkeitsberater, Künstler und Autor. Vor allem aber ist er für mich Herzenskumpel, weil er sich für mein Lieblingsgebäude in Hannover einsetzt: das Ihmezentrum. Auf seinem Blog erzählt er, wie es ist, im Ihmezentrum zu wohnen und er spricht mit vielen Menschen über die Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit des Ihmezentrums. Regelmäßig bietet er kommentierte Spaziergänge an, an denen ich auch schon teilnehmen durfte, um zu zeigen, dass das Ihmezentrum nicht der Schandfleck ist, für den es viele halten.

Gemeinsam mit Hendrik Millauer will er eine Dokumentation über das Ihmezentrum drehen und macht dafür aktuell eine Crowdfunding-Kampagne, die ihr natürlich unterstützen könnt, wenn ihr Geld übrig habt. Eines der Dankeschöns ist eine kleine, feine private Lesung von mir direkt im Herzen des Ihmezentrums. Wenn das nichts ist!

Was genau Costa vorhat, hat er mir in einem Interview verraten.

Ihr wollt mit eurem Film, für den ihr das Geld sammelt, zeigen, wie der Wandel einer urbanen Tragödie zu einem neuen nachhaltigen und kreativen Wahrzeichen gelingt. Warum ist das Ihmezentrum eine urbane Tragödie?

Das Ihme-Zentrum ist ein Symbol für einiges, was in Gesellschaft und Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten schief gelaufen ist. Die Idee hinter dem Stadtviertel kommt aus den 1960er-Jahren, einer Zeit voller Aufbruchsstimmung, in der Kunst und Kultur explodiert sind, und in der Experimente in allen Bereichen unseres Lebens gemacht wurden. Diese Wirtschaftswunderzeit war das letzte Jahrzehnt, in der die Menschen in Deutschland noch so ein überwiegend positives Bild von der Zukunft hatten. Das ist dann mit dem Terroranschlag auf Olympia 1972, mit der Ölkrise 1973 jäh beendet worden. Den Menschen wurde klar, dass es kein ewiges Wachstum geben kann, und so ein kolossales Projekt wie das Ihme-Zentrum eben auch scheitern kann.
Dazu kommt, dass das Stadtviertel seit seiner Eröffnung 1975 über viele Jahre als Spekulationsobjekt von Unternehmen und Banken missbraucht wurde. Und die Kommunikation zwischen den Bewohnern, der Stadtverwaltung und den Menschen drumherum war lange sehr eisig oder sogar feindselig. Diese Schockstarre fand ich sehr schade und versuche dass durch das Engagement aufzutauen.

Habt ihr schon Reaktionen auf den geplanten Film von der Stadt oder anderen öffentlichen oder privaten Einrichtungen bekommen?

Ja, es gibt großes Interesse von der Stadtverwaltung, von vielen Verbänden und Vereinen, von Politikern nahezu jeder Partei. Viele wollen einfach wissen, was wir hier machen. Ich erkläre dann immer, dass es uns um einen Neustart geht. Darum, auf konstruktive, nachhaltige und vor allem positive Weise das Ihme-Zentrum neu zu denken. Hier stehen bestimmt 100.000 Quadratmeter leer, mitten in einem der boomendsten Stadtviertel Norddeutschlands. Gleichzeitig wächst der Druck auf den Wohnungsmarkt in Hannover, und viele Künstler, Handwerker oder Startups suchen nach passenden Räumen für ihre Arbeit. Ich möchte diese beiden Aspekte zusammenbringen. Aus meiner Sicht darf es so einen Leerstand bei der aktuellen Lage – auch in Bezug auf Flüchtlinge – nicht geben in Deutschland.
Am Anfang dachte ich, dass ich allein bin mit dem Wunsch, doch inzwischen gibt es Verbände wie den Bund Deutscher Architekten (BDA) oder die Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung, die mich dabei unterstützen. Und gerade vor einer Woche war ich beim Seniorenbeirat Hannover, die das Ihme-Zentrum gerne als generationsgerechtes Quartier etablieren würden.

Warum ist es für mich als Hannoveranerin oder Stadtmensch wichtig, mich mit Stadtentwicklung auseinander zu setzen? Ich wohne ja gar nicht im Ihmezentrum! 

Am Beispiel des Ihme-Zentrums lässt sich gut erklären, was passiert, wenn Stadtentwicklung darauf ausgerichtet ist, den Interessen großer Unternehmen zu dienen: Wir erleben ja in nahezu allen Städten, dass Wohnraum knapp wird, Freiflächen weniger werden und viele noch gut erhaltene Immobilien abgerissen werden, um darauf austauschbare Häuser zu bauen. Das ist aus ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll: Viertel wie die Hafencity in Hamburg, das Europaviertel in Frankfurt und große Teile vom Prenzlauer Berg in Berlin sind inzwischen Reichenghettos und damit die Problemquartiere der Zukunft.
Aus meiner Sicht muss sich die Stadtentwicklung an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, und dazu gehören beispielsweise barrierefreie Wege, Begegnungsstätten fernab von Einkaufszentren oder Cafés, wo man 3 Euro für einen Espresso bezahlt, eine Versorgung mit hundert Prozent erneuerbaren Energien. All dies ließe sich im Ihme-Zentrum realisieren. Das würde außerdem Arbeitsplätze schaffen und Steuereinnahmen erhöhen.

Werdet ihr auch Ideen für die Umgestaltung und Neunutzung des Ihmezentrums im Film vorstellen? Kannst du uns ein, zwei davon verraten?

Ja. Der Film ist ja in drei Akte geteilt: Im ersten Teil „Traum“ zeigen wir, warum das Ihme-Zentrum einmal europaweit als zukunftsweisendes Vorbild galt. Im zweiten Akt „Ruine“ erklären wir, wieso der Gewerbebereich inzwischen so kaputt aussieht. Und im letzten Teil „Zukunft“ stellen wir Ideen und Initiativen vor, wie eine nachhaltige und kreative Transformation gelingen kann. Das geht los bei Urban-Gardening-Projekte, bei der die Kindertagesstätte und Bewohner eingebunden werden können, über Proberäume und Ateliers für Künstler, Solarzellen und vertikale Windkraftanlagen auf den Dächern, einem Uni-Campus, bemalte und begrünte Fassaden bis zu Food-Truck-Festivals. Ich bekomme jede Woche mindestens eine Idee per E-Mail. Alle sind toll, und für alle gäbe es Platz und sicher auch eine Nachfrage. Ich sage den Interessierten ja immer: Schaut nicht nur, wie das Ihme-Zentrum jetzt aussieht, sondern stellt euch vor, was wir hier alles machen könnten. Dass das gelingt, zeigen die Künstlerinnen und Unternehmerinnen Sarah Kniep und Anet Gubanova, die seit einem halben Jahr Pop-up-Dinner im Ihme-Zentrum anbieten, nachdem ich ihnen das Gelände und dessen Potenzial gezeigt habe.

Warum sollten Menschen euer Projekt unterstützen? 

Als ich im Sommer 2014 als Mieter ins Ihme-Zentrum gezogen bin, hatte ich die gleichen Vorurteile wie viele andere auch: In den unteren Etagen ist es schmutzig, man gruselt sich, es wirkt nicht einladend. Dann habe ich erlebt, wie toll die Menschen im Ihme-Zentrum sind und was für unfassbar tolle Möglichkeit es hier gibt.
Ich finde die Zyniker schlimm, die alles und jeden scheiße finden und immer alles besser wissen. Ich möchte meine Zukunft aktiv gestalten, damit wir alle ein buntes, freies und nachhaltiges Leben haben. So ein Engagement beginnt in den eigenen vier Wänden und betrifft auch die eigene Nachbarschaft. Auch wenn manche das Ihme-Zentrum doof finden, möchte ich ihnen mitgeben: Schaut euch in eurer Nachbarschaft um, und dann fragt euch, warum es dort nicht so aussieht, wie ihr es gerne hättet? Warum kann man nicht überall entspannt Fahrrad fahren? Warum kann ich meinen Strom nicht komplett aus Solar-, Wasser- oder Windenergie bekommen? Warum gibt es Ecken, in denen sich Menschen unwohl fühlen müssen? Das muss aus meiner Sicht nicht sein, und das möchte ich mit dem Film zeigen.

Danke dir, Costa! 

Hier geht's zum Crowdfunding.
Und hier findet ihr die begleitende Facebook-Page zum Projekt.


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