2015-11-10

SCHREBERGARTEN. ODER: WAS ZUHAUSE PASSIERT, WENN ICH WEG BIN.

Immer, wenn ich denke, jetzt hat der Mann sich gefangen. Jetzt kann er akzeptieren, dass er ein normaler Lehrer ist, der mit einer kleinen Frau zusammenlebt, immer dann, hat er neue Ideen, die mich um den Verstand bringen. Nachdem wir letztens also in unserem Wohnzimmer herumsaßen, er wie immer Fernsehen schaute und ich wie immer twitterte, facebookte, shoppte und an meinem Weltbestseller schrieb, setzte er sich plötzlich gerade hin und räusperte sich. ‚Nein’, dachte ich. ‚Bitte nicht schon wieder. Bitte nicht schon wieder das Schlafzimmer umräumen, im Keller einen Werkraum einrichten oder einen Seehund auf dem Balkon unterbringen. Bitte nicht.’

„Ich habe mir übrigens was überlegt, während du weg warst.“
‚Arrrgh!’
Das Problem hierbei ist, dass ich wirklich oft weg bin. Das ist mein Beruf. Wegsein. So würde es zumindest der Mann bezeichnen. Ich nenne es „Moderatorin und Autorin“. Aber darüber lässt sich streiten. Und immer, wenn sich nach dem Wegsein Dinge in unserer Wohnung verändert haben, bekomme ich den Vorwurf zu hören, ich solle halt nicht weg sein. Dann könnte ich ihn mehr kontrollieren. Manchmal ist es als würde man ein Kind im Körper eines dreißigjährigen Mannes mit dem Gehirn eines Hundes zuhause zurücklassen. Das wird nicht besser, wenn ich mir in jedem zweiten Telefonat mit meiner Mutter anhören muss, wie leid ihr der Mann täte, weil ich nie zuhause sei. Ich frage mich dann immer, wo diese ganzen „Du musst dich später alleine versorgen“ und „Mach immer was du willst, mein Kind“-Grundsätze hin sind.

„Pass mal auf“, sagt meine Mutter, „Wenn du mal ein Kind bekommst, kannst du nicht mehr so viel herumfahren.“
„Aha.“ Mein Interesse an Gesprächen über Kinder gleicht meinem Interesse an Gesprächen über Hämorrhoiden – es existiert nicht.
„Und, ähm, ist das ein Grund, jetzt auch nicht herumzufahren. Also ohne Kind? Und wer weiß, wie das bei mir wird. Grundsätzlich sind Kinder ja mobile Menschlein. Manchmal verlassen die sogar die Wohnung.“
„Ich sage ja nur. Bereite dich schon einmal drauf vor.“

Gut. Dann bereite ich mich unschwanger und ohne Pläne in diese Richtung lieber schon einmal darauf vor, dass ich, sollte dann plötzlich, aus heiterem Himmel, ein Kind in meine Arme fallen, nicht mehr die Wohnung verlassen kann.

„Und, was machst du am Wochenende?“
„Auftreten.“
„Ach, der arme Mann. Was macht er denn dann?“
„Ich weiß nicht, soll ich ihn dir geben?“

Ich verstehe das nicht. Für viele Menschen in meinem Umfeld existiert ein Paar nur als Paar. Und Paare machen alles zusammen. Im Kollegium des Mannes fragte mal jemand, was seine Freundin, also ich, tun würde, während er Klausuren korrigiert. Da ich ja nicht Lehrerin sei, müsse das für mich doch total langweilig sein. Er erzählte mir davon und alles, was ich fragte, war: „Du korrigierst zuhause Klausuren?!“

Lehrer sind grundsätzlich nur mit Lehrerinnen zusammen. Nur damit sich ein Mensch nicht sein Leben lang langweilen muss, wenn ein anderer Klausuren korrigiert.

Zurück zu der Idee vom Mann. Er saß also auf dem Sofa und verkündete feierlich: „Ich habe übrigens eine Mail an einen Kleingartenverein geschrieben, um mal zu fragen, wie das so ist.“
„Wie was so ist? Das beengte, von Regeln überhäufte Leben in den Käfigparzellen?“
„Nein. Wie das bei denen so ist, wenn man auch einen Schrebergarten haben möchte.“

Ganz kurz herrschte eine gruselige Stille im Wohnzimmer.

„Wenn man WAS?! Auch einen Schrebergarten haben möchte?“
„Ja.“
„Ich will keinen Schrebergarten.“
„Aber ich.“
„Aber warum?!“

Das war’s. ‚Ich muss mich trennen’, dachte ich. ‚Wenn Paare zu unterschiedliche Vorstellungen von ihrer zukünftiger Lebensgestaltung haben, dann kann die Beziehung nicht funktionieren. Das hatte ich vor kurzem erst gelesen. Und so ein Schrebergarten war ja schlimmer als ein Kind. Man kam zwar aus der Wohnung raus, aber dann nicht mehr aus dem Garten. Kaum hat man die eine Hecke runterschnitten, glitscht am anderen Ende des Beetes eine Schnecke über den Boden. Erst nur eine, aber dann hunderte und dann muss man die alle fangen. Und während man damit beschäftigt ist, denken sich die Maulwürfe, dass man jetzt sicher gut abgelenkt sei und machen sich auf den Weg, den ganzen Garten von unten zu spazieren. Währenddessen schaut Herr Krause in Feinrippunterhemd und Badehose von vor zwanzig Jahren immer mal wieder hoffnungsvoll über den Zaun, um die Frau, in diesem Falle mich, im Bikini zu sehen. Und dann grinst er und sagt: „Na, die Kirsche müssen sie aber nochmal stutzen.“ Oder irgendeinen anderen gärtnerischen Quatsch, was weiß ich. Ich weiß nicht einmal, ob man Kirschen überhaupt stutzen muss.’

Ich sah mich schon frohgemut samstags um 7 Uhr aufstehen, nur um „was von diesem schönen Tag zu haben“ und dann sofort in die Küche zu gehen und Kuchen zu backen. Den würde ich dann mit Schlagsahne, Keksen, Piccolöchen und anderen Schwachsinn in so einen Korb stecken, den ich der Gitte von der anderen Gartenseite abgekauft hätte, weil ihre Freundin, die immer so schön selbst macht. Ich ekelte mich vor mir selbst und fühlte nur noch Entsetzen.

„Und was, was haben sie geantwortet?“ fragte ich den Mann vorsichtig und strich irgendeine imaginäre Falte im Kleid flach, um die Hände nicht flehend in den Himmel erheben zu müssen.
„Noch gar nichts. Wahrscheinlich ist da eh nichts frei.“
Alles in meinem Körper feierte eine riesige Party. „Ach schade. Wär ja schön gewesen. Für dich.“ Sagte ich und lächelte ihn aufmunternd an.
„Ja, mal gucken. Irgendwann mal. Vorher werde ich aber erst mal das Gästezimmer streichen.“

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