2015-09-14

TAXIFAHRTEN

Ich fahre sehr oft Taxi. Eigentlich ständig. Weil es die schnellste Methode ist, abends sicher und gemütlich nach Hause zu kommen. Und bei diesen Fahrten treffe ich auf Fahrerinnen und Fahrer, die es mir oft leicht machen, mich vergnüglich zu fühlen. Manche nerven mich auch, aber das ist die Minderheit. In Berlin traf ich mal einen Taxifahrer, der mir innerhalb von 30 Minuten, so lange dauerte der Weg vom Hauptbahnhof bis zu meinem Hotel, die verschiedensten Käsesorten erklärte und mir eine genaue Beschreibung der Sorten mit auf den Weg gab, die ich doch am nächsten Tag im KaDeWe kaufen sollte. Er würde kaum Geld ausgeben, erklärte er mir, eigentlich für gar nichts. Er habe eine sehr kleine Wohnung, seitdem er und seine Frau beschlossen hatten, dass sie getrennt lebend doch mehr von einander hätten und ansonsten habe er ja auch nicht viele Möglichkeiten, Geld auszugeben, weil er immer Taxi fahre. Aber Käse, ja also Käse sei wirklich eine Sache, für die sich das Geldausgeben richtig lohnte. Er würde Menschen, die keinen Käse aßen oder, noch schlimmer, nur billigen Käse kauften, nicht verstehen. Käse sei das Beste auf der Welt. Ich stieg mit einer unbändigen Lust auf weichen Camembert aus dem Auto aus und hoffte bei der nächsten Fahrt nicht jemanden zu treffen, der gerne Wurst aß.

Als ich einmal von der Lesebühne nach Hause fuhr, bot der Taxifahrer mir als erstes ein schönes Sahnebonbon an. Kurioserweise war das erste, was ich dachte: „Keine Süßigkeiten von fremden Männern annehmen!“ Und ich lehnte ab. Er ließ nicht locker, diese Bonbon seien wirklich, wirklich sehr lecker und es gäbe auch kein Problem mit dem Bonbonpapier, da er sich aus seinem letzten Coffee-to-go-Becher, tadaaa, einen kleinen Mülleimer gebastelt hätte, in dem er jetzt sein Bonbonpapier sammeln würde. Ich staunte über so viel Erfindergeist und nahm dann doch ein Bonbon. Es schmeckte wirklich sehr lecker. Er hielt mir stolz seinen Becher hin und ich warf das Knisterpapier hinein. Wir freuten uns beide sehr.

Einmal stieg ich mitten in der Nacht in Linden in ein Taxi und der Fahrer sagte: „Bist du nicht Ninia?“ Und ich antwortete wahrheitsgemäß. Es stellte sich heraus, dass eben dieser Fahrer regelmäßiger Gast bei den Nachtbarden ist und sich freute, dass er mich jetzt heimfahren konnte. Er verabschiedete sich mit „Bis nächsten Dienstag“ und das freute mich fast ein bisschen mehr als das Knisterpapier vom Sahnebonbon.

Erst vor wenigen Tagen stieg ich in ein Taxi am Hauptbahnhof in Hannover und der Fahrer strahlte mich an: „Mausi, du siehst aber lustig aus, mit deiner Mütze.“ Ich trug eine orangefarbene Mütze, weil ich kurz vorher noch in Köln Dreharbeiten gehabt hatte und die Mütze zu meinem Outfit gehörte. Weil die Haare nach einem Tag mit Mütze so plattgedrückt sind, wollte ich sie nicht absetzen und beim Schreiben dieses Absatzes frage ich mich selbst, warum ich mich überhaupt für eine dusselige Mütze verteidigen muss. Der Fahrer fuhr los, aber wir kamen nicht weit, weil er mich an der ersten roten Ampel fragte, ob ich überhaupt wüsste, was ein Pindopp sei. Ich sage immer, „auf der Höhe vom Pindopp“, das ist der Name einer Kneipe und die kennen, im Gegensatz zu der Straße, in der ich wohne, wirklich alle in Hannover. Ich verneinte, was nichts heißen muss. Da ich nicht zuhören kann, vergesse ich viele Dinge einfach wieder. Ich kann Serienfinale ohne Probleme zweimal gucken oder auch fünfmal, weil ich immer wieder vergesse, wie es ausgeht. Genauso verhält es sich bei Büchern oder Geschichten, die ich von Freundinnen erzählt bekomme. Ich bin froh, dass ich im Laufe meines Lebens zumindest nicht die grundsätzlichen Sachen vergesse. Wie man sich die Schuhe bindet, dass man nach dem Klogang spülen muss und dass diese andere Person in meiner Wohnung mein Partner ist.

Ich verneinte also, weil ich mich zumindest nicht daran erinnern konnte, was ein Pindopp ist. Der Taxifahrer sagte: „So viel Zeit muss sein.“ Und machte das Licht im Innenraum an. Er zog einen Block und einen Stift hervor und malte einen Pindopp. "Ach, interessant", sprach ich. "Das ist ja was. Ja, ich kenne dieses Teil, aber ich wusste nun wirklich nicht, dass es sich dabei um einen Pindopp handelt. Sowas." Er freute sich, dass er mir etwas beigebracht hatte und fuhr weiter. Am Aegi waren wir so eng, dass er sich nach meinem Beziehungsleben erkundigte. Ach, es laufe sehr gut, ich könne mich nicht beschweren, sagte ich. Und er freute sich, weil er das nun wirklich selten höre und sein Kollege, also der, der da vorhin gestanden habe, der lebe gerade in Trennung und die Frau könne einfach nicht loslassen. Da sei er froh, dass es bei ihm besser ginge. Er habe mal eine oder auch mehrere oder auch keine. An dieser Stelle des Gespräches hatte ich das kurze Bedürfnis auszusteigen.

Dann fragte der Taxifahrer, ob der Mann denn schon aufgeregt am Küchentisch warte. Und ich erklärte ihm, dass wir keinen Küchentisch haben, weil unsere Küche eher schlauchartig gebaut sei und auf der einen Seite Herd, Geschirrspüler und Spüle stünden und auf der anderen Seite Kühlschrank und weitere Schränke und da sei dann leider kein Platz mehr, also nein, der Mann warte nicht. Das fand der Taxifahrer nicht gut. Er beruhigte sich aber, als ich ihn auf die Uhrzeit hinwies und sagte, dass der Mann immer so früh raus müsse als Lehrer, dass das schon ok so sei. Er kenne das ja auch nicht anders. „OH GOTT BEZIEHUNGEN MIT LEHRERN SIND SO ANSTRENGEND“, rief der Taxifahrer und ich bestätigte das, vor allem, weil der Mann unerträglich klugscheißerisch ist. „Dann weck ihn nachher und frag ihn, was ein Pindopp ist!!“, schlug der Taxifahrer aufgeregt vor und ich hielt das für einen unglaublich guten Vorschlag. „Oh mein Gott, ja! Dann weiß ich endlich mal mehr als er. Das wird der schönste Tag in meinem Leben!“, rief ich freudig. „Keine Ursache, Mausi!“, sagte der Taxifahrer und hielt vor meiner Haustür. Ich zahlte und steckte die Visitenkarte vom Taxifahrer ein, falls ich mal wieder reden wollte (und auch irgendwo hinfahren). 

Ich sprang aus dem Auto, schloss die erste Tür auf, flog fast die Treppe hoch und schloss die zweite Tür auf. Dann ließ ich das Gepäck fallen und ging ins Schlafzimmer. Ich tippte auf den Schalter der Nachttischlampe und ruckelte an den Schultern des Mannes: „Hey, der Mann! Wach auf, wach auf! Weißt du was ein Pindopp ist, du weißt es bestimmt nicht, oder, aber ich weiß es, weißt du es?“ Der Mann drückte ob des Lichts die Augen zusammen und schaute mich verzweifelt an. „Ein Pindopp ist ein Kinderspielzeug, wie ein Kreisel, der mit einer Art Peitsche angetrieben wird.“ „Ich hasse dich. Gute Nacht“, antwortete ich und ging ins Badezimmer, um mich abzuschminken.

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