2015-09-23

NILS STRAATMANN: WO DIE KARTOFFELN AUF BÄUMEN WACHSEN

"Man könnte meinen, es sei gefährlich, sich nachts bei Wellengang über die Reling eines mehr als hundert Jahre alten Schiffes zu übergeben, doch tatsächlich fühle ich mich in diesem Augenblick so sicher wie nie. In den Sekunden, da mein Magen alles hinaustreibt, auch die Furcht, bin ich hochkonzentriert. Meine Finger krallen sich in die Wanten, meine Füße sind zwischen Deck und Bordwand verkeilt, mein Inneres versinkt in der See."


Nils Straatmann ist Autor, Slam Poet (unter dem Namen "Bleu Broode") und vor allem ist er getrieben. Vom Fernweh und vom Wind. 2013 packt er seinen Rucksack und zieht los. Nicht als Backpacker, sondern als Matrose – auf den Spuren seines Großvaters. Gott sei Dank hat er darüber ein Buch geschrieben.

Erst nach dem Tod seines Großvaters erfährt Nils mehr über seine Zeit als Schiffskoch. Er hatte die Weltmeere besegelt, bevor er seine Kinder gezeugt hatte und in Deutschland blieb. Und plötzlich fällt Nils auf, dass er gefangen ist. Studium, Nebenjob, auf gerader Schiene ins geregelte Berufsleben. Immer nur am Computer sitzen und schreiben, schreiben, schreiben. Als Nils sich die alten Bilder seines Opas anschaut, fasst er den Entschluss, zur See zu fahren. Sein Roman "Wo die Kartoffeln auf Bäumen wachsen" erzählt eine die Abenteuergeschichte eines eigentlich völlig durchschnittlichen Studenten, der was Neues ausprobiert.

Er heuert auf der Stahlratte ein, einem über hundert Jahre alten Schiff. Allein die Vorgeschichte ist lesenswert: Nils trifft auf deutsche Backpacker, die kaum glauben können, dass sie woanders auch Deutsche treffen (sic!) und schafft es irgendwie nach Kuna Yala, wo er die Stahlratte das erste Mal betritt. Es folgen 113 Tage als Matrose, in denen ich wahrscheinlich noch öfter gekotzt hätte als er und in denen er wahnsinnig viel erlebt. Sturm, Segel setzen, Deck schrubben – nichts geht an ihm vorbei. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte des Schiffs und von seinem Opa und dessen Jahre auf See. Er schließt Freundschaft mit den anderen an Bord, trifft viele interessante Charaktere und nimmt die Leser*innen mit auf eine sehr schnelle Reise zwischen Meer, Vergangenheit und Sandstrand. Ein bestes, gutes Buch für den Urlaub oder gerade für den Herbst, um sich wieder nach dem Urlaub zu sehnen. Ich mag Nils Sprache sehr und wer noch mehr von ihm lesen möchte, sollte seinem Blog aus Brasilien folgen (ja, der Mann ist jetzt nur noch unterwegs, von wegen geregeltes Berufsleben). Absolute Empfehlung!

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