2015-07-20

ALL THE GOOD GUYS

In den letzten Tagen habe ich eine Überdosis an mittelalten, weißen Männern, die vermeintlich gute Dinge tun, erhalten. In meiner Timeline wurden Artikel, Postings und ein Video geteilt, die die Mehrheit für gut und richtig hielt. Vieles davon war auch gut und richtig (nicht alles). Alles davon war aber nicht neu. Und trotzdem kriegen genau diese Typen, genau jetzt, Applaus dafür. Meine Problemfälle im Einzelnen:

Da ist dieser Mann, Tom Greaves, und er hat wahrscheinlich viele Tage geweint, weil niemand mehr auf die "gute, alte Art" dated. Die gute, alte Art in diesem Kurzfilm ist offenbar übergriffiges und völlig unangemessenes Verhalten gegenüber Frauen von Tom. Er spricht sie wahllos an, stoppt sie auf dem Gehweg, obwohl sie Musikstöpsel im Ohr haben (und wie, wenn nicht so, soll man sich eigentlich noch vor Anlabereien schützen?) und fragt sie, ob sie JETZT mit ihm auf ein Date gehen wollen oder ihm ihre Nummer geben (ohne auch nur ein Wort mit ihm gesprochen zu haben). Das soll einmal die Realität gewesen sein? Als Ausreden akzeptiert er nur, dass sie "into girls" sind oder "a boyfriend" haben. Außer Reichweite oder besetzt also. Dass sie vielleicht einfach keine Lust haben, mit einem wildfremden, creepy guy jetzt sofort was trinken zu gehen, lässt ihn so sehr verzweifeln, dass er erst einmal seinen Kopf auf's Lenkrad schlagen muss. Schön auch, wie er, wenn eine der Frauen nicht möchte, die Freundin direkt daneben fragt. Weil: Hauptsache irgendwen mit Brüsten finden. Kate Lloyd hat sehr schön zusammengefasst, warum dieser Kurzfilm keine romantische Komödie ist, sondern ein völlig falsches Bild vom ach so tollen Offline-Dating zeichnet.

Christian Ulmen ist jetzt Vater und trotzdem immer noch männlich. Wahnsinnig gute Nachrichten, ich bin so froh! Das Interview mit der FAZ ist fast eine Persiflage auf sich selbst. Man stelle sich vor, sie hätten eine Frau interviewt: "Ich musste nie stärker und härter sein als als Mutter." Diese Überschrift wäre so niemals gegangen. Mütter sind nicht hart. Vielleicht wäre sie eher stark und aufopferungsvoll gewesen. Niemals wäre sie gefragt worden, ob sie sich manchmal unweiblich fühle. Christian Ulmen muss aber beantworten, ob er sich manchmal unmännlich fühle. Weil Männlichsein immer noch das höchste Level in dieser Gesellschaft ist. Ich bin erstaunt, mit welcher Geduld Ulmen all diese kuriosen Fragen beantwortet hat. Als Beispiel: "Der Reisdrink, den Sie hier trinken, ist auch ziemlich unmännlich, oder?" Warum nur? Ich wusste bis zu diesem Interview nicht mal, dass Reisdrink ein Geschlecht hat! Leider ist es immer noch wichtig, dass Aussagen bekannter Väter, wie Ulmen einer ist, so gepusht werden. Um anderen Vätern zu zeigen, dass es völlig cool ist, wenn jemand sich gleichberechtigt um's Kind kümmert. Jetzt muss ich gleich anfangen zu weinen, weil wir das Jahr 2015 haben und immer noch Väter-Vorbilder brauchen.Väter-Vorbilder, die aber immer noch gut einparken können und Sendungen namens "Who wants to fuck my girlfriend" drehen. Aber immerhin: "Da wurde ich angefeindet." Obwohl er doch sonst so'n Guter ist.

Und dann wäre da noch Til Schweiger. Wir erinnern uns: Der Typ, der die Bundeswehr in Afghanistan besuchte, um ihnen seinen kriegsverherrlichenden Film "Schutzengel" vorzuspielen, in Begleitung eines BILD-Kolumnisten (der Flug wurde übrigens von der Bundeswehr bezahlt). Der Typ, der mit seinen Facebook-Postings zum Fall Edathy den digitalen Mob so richtig schön angeheizt hat. Jetzt findet Schweiger mit einem Posting zum Thema Flüchtlingshilfe heraus, dass einige seiner Fans Nazis sind und ihre Meinung offen in die Kommentare kotzen. Er fordert diese Fans mit einem weiteren Posting auf, von seiner Seite zu verschwinden. Das gut, richtig und selbstverständlich. Danach passiert nichts. Die Kommentare werden nicht moderiert. Weiterhin posten Menschen rechten und menschenverachtenden Müll auf die Schweigers Seite. Hier könnte man ganz klar eingreifen, löschen, Konsequenzen ziehen. Natürlich ist es wichtig, dass Schweiger in seiner Vorbildfunktion klar macht, dass er so ein Verhalten in keinster Weise unterstützt. Warum man ihn dafür so abfeiern muss, verstehe ich allerdings nicht. Schenkt eure Aufmerksamkeit in Zukunft doch auch denen, die sich tagtäglich für andere aufreiben und einsetzen und deren Arbeit durch so ein Gehype unsichtbar gemacht wird.

Und weil ich euch nicht mit diesen drei Männern im Regen stehen lassen möchte, hier ein paar Linktipps zu Artikeln, die ihr vielleicht stattdessen oder zumindest auch lesen und teilen könnt: