2015-04-07

ANDRÉ HERRMANN: KLASSENKAMPF

"Bescheinigen wir hiermit Herrn Herrmanns sofortige Exmatrikulation", las er vor. "Na herzlichen Glückwunsch! Aber's steht gar keene Note dabei!"
"Du hast WAS?", rief meine Mutter.
"Ach so, hatte ich ganz vergessen zu erzählen", sagte ich. "Habt ihr zufällig mein Bett noch?"

André Herrmann gehört für mich, und, meine Lieben, ich weiß ja, wovon ich spreche, seit Jahren zu den besten Slammer_innen Deutschlands (auch im Team). Aber was erzähle ich, ihr kennt sicher alle eh schon sein sehr gutes Blog. Und nicht nur, dass dieser Mensch im Januar unsere Lesebühne Nachtbarden mit einem Besuch beehrte. Nein! Er hat jetzt auch noch einen Roman veröffentlicht! Das Buch heißt "Klassenkampf" und ist sehr, sehr lustig und sehr lesenswert.

Protagonist André wollte nach der Schule ganz was Großes machen und immatrikulierte sich für Germanistik in Potsdam (hier fängt der Fehler ja schon an). Das schmeißt er überraschenderweise nach einem Semester wieder und fährt zurück ins Heimatdorf seiner Eltern. Unabhängig von seiner Studienkarriere (die danach wieder leicht Fahrt aufnimmt bis zur Masterarbeit), besucht er ab diesem Zeitpunkt jedes Jahr zu Weihnachten seine Familie und lebt in seinem zu einem Privatkino umgebauten Jugendzimmer. Und wie das so ist (ist bei uns nämlich auch so): Jedes Jahr um Weihnachten treffen sich die alten Schulfreund_innen beim Klassentreffen. André nimmt sich jedes Jahr erneut vor, nicht dorthin zu gehen, bis Mike, sein bester Kumpel aus dieser Zeit und hochgradig liebenswerter Charakter, klingelt und ihn abholt. Auf diesen Klassentreffen kommen die typischen Leute aus jedem Abschlussjahrgang zusammen. Der Jugendpunk, der jetzt plötzlich in der Bank arbeitet. Das Mädel, das jedes Jahr ein neues Baby dabei hat. Und all die anderen, die man eigentlich nicht wirklich vermisst hat. 

André zeichnet die Charaktere und Geschehnisse sehr detailgetreu und lustig nach. Ich war im Kopf jedes Mal wieder an unseren alten Schule und stellte mir vor, wie ich die ganzen Köppe in der Aula genau unter diesen Umständen wieder treffen würde. Ich hab oft Angst, wenn Poetry Slammer_innen einen Roman schreiben. Manchmal geht das aber gut. Hier besonders. Dies sei dadurch bewiesen, dass ich normalerweise keine Bücher lesen, die sehr viele Seiten haben. Andrés Buch hat mehr Seiten als erwartet. Ich habe es trotzdem an einem Wochenende durchgelesen. Das Buch funktioniert vor allem auch durch die Dialoge, in denen Herrmann den Dialekt seiner Kindheit nachzeichnet und jedem Charakter seinen_ihren eigenen Klang verleiht. Mochte ich sehr.

Bevor ihr also für den nächsten Wochenendurlaub wieder irgendeine Notlösung in der Bahnhofsbuchhandlung sucht, besorgt euch lieber dieses.

Als die Menschen nach der Lesebühne das Theater verließen, sprach mich eine Dame an und fragte, bei wem der Herr Herrmann denn das Schreiben studiert hätte. Ich erklärte, dass er meines Wissens etwas ganz anderes als "Literarisches Schreiben" studiert habe. Sie wollte mir das lange nicht glauben und schloss dann mit: "Aber wieso kann er denn dann so gut schreiben?" Tja, das weiß wohl nur der Herrgott.

1 Kommentar:

  1. Heute wegen dem taz-lab Ninia Lagrande im Web entdeckt und schockiert ob der Frage: Warum kennst du die eigentlich nicht? Riesen Blog, Poetry Slam und aus Hannover. Irgendwie muss ich die letzten Jahre verschlafen haben. Egal. Einfach gleich mal abspeichern und mich darüber freuen, dass ich, weil ich ja noch nichts kenne, jetzt jeden Tag schmunzelnderweise Zeit habe, das nachzuholen.

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