2015-02-18

SPIELPLATZ – EINE FIKTIVE GESCHICHTE

Wenn dem Mann und mir besonders langweilig ist, begeben wir uns an öffentliche Plätze und kommentieren das Geschehen. Meistens handelt es sich bei den öffentlichen Plätzen um Orte, an denen der Mann und ich eigentlich nichts zu suchen haben. Sei es, weil wir aus peer-goup-technischen Gründen dort nicht hingehören oder, weil wir nicht die richtigen Accessoires dabei haben. Spielplätze zum Beispiel. Für Spielplätze benötigt man in der Regel ein Kind. Oder mehrere. Warum sollte man sich auch ansonsten als erwachsener Mensch auf einem Spielplatz aufhalten? Darf man ja auch eigentlich gar nicht. Spielplätze sind nur für bis 12-jährige.
 

Wir haben kein Kind. Irgendwann mussten wir aber mal ein bisschen Zeit vertrödeln und haben uns einfach auf eine Bank eines benachbarten Spielplatzes gesetzt. Nach intensiver Beobachtung haben wir festgestellt, dass es nicht besonders schwer war, ein Elternteil auf einem Spielplatz zu sein. Beim nächsten Mal nahm der Mann eine Zeitung mit und ich drapierte ein paar Kekse und Tupperdosen mit kleingeschnittenen Mohrrüben um uns herum. Dann schaute ich liebevoll wahllos irgendwelche Kinder an. Der Mann senkte alle 5 Minuten seine Zeitung und rief in Richtung Rutsche: „Gisela! Bitte, das muss doch nicht sein.“ Oder: „Heiko! Lass das!“ Gisela und Heiko waren die Namen unserer imaginären Kinder. Niemand interessierte sich für die Zwischenrufe vom Mann. Wieso auch? Die Meisten waren damit beschäftigt, selbst schlimme Kindernamen und irgendein angehängtes Verbot durch die Gegend zu brüllen.
 

Manchmal drehte der Mann sich zu mir und sprach: „Wenn du auch ein bisschen spielen möchtest, mach ruhig. Ich kann hier auch alleine sitzen.“ Dann verscheuchte ich kurz eine hilflose Lotta von der Schaukel und ließ mir von ihrem Vater einen Raketenstart geben.
Die meiste Zeit allerdings saß ich herum und beobachtete. Kinder sind tatsächlich sehr dumm. Das liegt daran, dass sie noch so jung sind. Sie denken, geformte Klumpen aus Sand seien Kuchen. Das wird ihnen natürlich durch ihre dusseligen Eltern auch noch bestätigt. An diesem Tag führten sie den Sand zum Mund und machten Geräusche des Gefallens: „Mmmh, lecker!“ Danach steckte ein Kind sich den Sand komplett in den Mund und bekam ein „Ach, Sören, das isst man doch nicht wirklich, spuck aus!“ zu hören. Und wirklich, wie sollte Sören das jemals lernen?
 

In kurzen Abständen fing immer irgendwo ein Kind an zu jammern. Dann senkte der Mann wieder seine Zeitung und sprach: „Der wieder. Das ist wirklich ein Jammerlappen.“ Ich antwortete: „Das ist ein Kind.“ „Ja, und ein Jammerlappen.“ Es war einer dieser wirklich langgezogenen Jammerer – mehr ein Schrei nach Aufmerksamkeit als wirkliche Sorgen und Beschwerden. Ich lächelte in mich hinein bei der Vorstellung, dass das Kind das im späteren Berufsleben immer noch so machen würde.

Nach mehr als drei Stunden setzte sich eine von diesen übermotivierten Müttern neben uns. Ich hatte sie dabei beobachtet, wie sie sich auf der gegenüberliegenden Seite mit zwei weiteren Eltern offensichtlich über uns unterhielt und anscheinend hatte sie das kürzeste Streichholz gezogen. Also stand sie auf, klopfte sich die Kekskrümel vom Steppmantel und lief auf ihren New-Balance-Schuhen ganz leicht zu uns herüber. „Hallo“, sagte sie und lächelte uns aufmunternd an. Beziehungsweise mich. Der Mann saß ja immer noch hinter seiner Zeitung. „Hallo“, antwortete ich. Und, um gleich zu zeigen, dass ich wusste, wie hier der Hase lief, schloss ich ein „und, welches ist ihres?“ an. „Oh!“ Sie kicherte. „Der kleine Rabauke da hinten.“ Sie zeigte auf irgendein Kind im Sandkasten. Es sah aus wie all die anderen Jungs. Nicht von den übrigen, der Einfachheit halber blau gekleideten, kleinen Menschen zu unterscheiden. „Oh, der ist aber besonders süß!“ antwortete ich. „Danke!“ Sie schien sich ehrlich zu freuen. „Ähm, und“, fing sie an, „sind Sie auch mit Ihren Kindern hier?“ Ich lachte laut: „Wir? Nein, um Gottes Willen. Wir haben gar keine Kinder!“
 

Für einen kurzen Moment schien es, als hätten alle Kinder aufgehört zu spielen, alle Eltern ihre langweilige Übergangsbeschäftigung eingestellt und gemeinsam würden sie uns anstarren. „Sie haben keine Kinder?“, fragte die New-Balance-Mutter. „Nein, nein. Ich verabscheue Kinder. Ich möchte selbst niemals welche haben.“ Sie stutzte. „Aber, ähm, was machen Sie denn dann hier?“ Ich lächelte sie an: „Wir leisten einen guten Dienst. Wir beteiligen uns an der kollektiven Erziehung unserer zukünftigen Gesellschaft.“
 

„Wollen Sie mich verarschen?“ Die Mutter hatte offensichtlich in den letzten drei Sekunden ihren guten Willen abgelegt. „Nein“, antwortete ich höflich. „Indem wir ab und an erzieherische Maßnahmen in das Geschehen rufen, tragen wir doch zu der guten Entwicklung der anwesenden Kinder bei. Wir üben sozusagen ein Ehrenamt aus. Im Prinzip sollten Sie sich sogar bei uns bedanken, dass Sie nicht alles alleine machen müssen.“ Die Mutter starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Dann stand sie auf, nuschelte ein „Schönen Tag noch“ und lief, diesmal sehr viel schneller, zurück zur gegenüberliegenden Front. Kaum hatte sie sich gesetzt, brach die Gruppe explosionsartig in sehr lautes Getuschel aus und immer wieder blickte einer von ihnen verwirrt zu uns herüber.
 

„Ich habe den Eindruck, dass unsere Anwesenheit hier nicht besonders geschätzt wird“, sagte ich zum Mann. Dieser ließ zum letzten Mal seine Zeitung sinken. „Gisela, Heiko, kommt her – wir wollen gehen!“ rief er in die Kindermenge. Dann faltete er die Zeitung zusammen, schaute mich an und sprach: „Ich denke, morgen werde ich mal wieder Straßenbahn fahren.“ „Das ist schön, mein Schatz“, sagte ich. Dann packte ich die Tupperdosen und Kekse wieder ein und bildete mir ein, den Aufatmer von gegenüber fast hören zu können, als wir aufstanden und gingen. 

[Anmerkung der Autorin: In Wirklichkeit mag ich Kinder. Sie haben so flauschige Haare.]

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