2015-01-22

VERZEIHT MIR – EINE BEICHTE


Ich bin Atheistin. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht auch schon Sünden begangen hätte. Oder zumindest Dinge mache oder mag, von denen ich normalerweise erst erzählen würde, wenn der Abend besonders spät, gemütlich und prozentreich ist. Nun wurde ich aber von Trotzendorff aufgefordert, zu beichten und weil ich seinen Blog so gerne mag und die Idee schön finde, mache ich das heute auch. Sieben Geständnisse werden eingefordert – na dann mal los.

BÜCHER Ich lese gerne. Natürlich. Ich schreibe ja auch und erwarte, dass andere Menschen lesen. Ich lasse mir Bücher empfehlen, noch und nöcher. Aber dann kommt dieser Moment, an dem ich die Buchhandlung meines Vertrauens betrete, besagtes Buch in die Hand nehme und feststelle, dass es zu viele Seiten hat. Ich diskrimiere Bücher, die über 500 Seiten haben. Ich kann das nicht lesen. Diese Werke sind nicht für meine Aufmerksamkeitsspanne gemacht. Momentan zwinge ich mich durch "Der Distelfink" und ich sage euch, es ist ein absolut fantastisches Buch. Komplett großartig. Aber es hat 1024 Seiten. 524 zu viel. Ich kann das nicht mal vernünftig begründen und weiß, dass mir durch diese intolerante Einstellung schon einige gute Leseerlebnisse durch die Lappen gegangen sind, aber es geht einfach nicht. Meine Mutter hat mir ungefähr 34 mal "Der Medicus" ausgeliehen. Ich hab's bis heute nicht gelesen. Als ich noch jung war, sagten sie, das ändere sich. Jetzt bin ich fast alt. Ich lese immer noch gern, aber eben lieber die kleinen Geschichten.

SCHLECHTE FREUNDIN Ich bin keine gute Freundin. Ich hab quasi nie Zeit, um mich mit Menschen zu treffen. Und, wenn ich Zeit habe, verbringe ich diese oft und gerne auch mit mir selbst (und einem dünnen Buch). Ich mag mich. Ich bin nämlich die einzige Person, von der ich mir merken kann, was sie mir erzählt hat. Mir fällt vernünftiges Zuhören sehr, sehr schwer. Sowohl in Vorträgen, als auch in Meetings und eben auch in Kaffee-, Tee-, Freundschaftsgesprächen. Das ist niemals böse gemeint. Ich will Dinge wissen, teilhaben, helfen und unterstützen. Aber dann spinnt mein Kopf einen Satz, den das Gegenüber sagt, weiter und *schwupps* bin ich raus aus dem Game. Das ist mir sehr oft sehr unangenehm. Ich weiß nicht, wie oft ich "Das habe ich dir doch aber erzählt!" schon gehört habe. Das Ganze hat aber auch was Schönes: Man kann mich immer wieder überraschen. Und ich vergesse sogar wichtige Serienspoiler oder Filmenden. Ich bin also leicht zu begeistern.

ZEICHNEN Ich kann nicht zeichnen. Und das ist kein Kokettieren. Ich kann's echt so gar nicht. Umso toller finde ich natürlich Menschen, die wirklich zeichnen können. Und ich schaue ihnen gerne dabei zu. Wenn man sagt, jeder Mensch hat irgendwie einen Fetisch, dann ist dies wohl meiner. Ich sehe Menschen gern beim Malen zu. Ich kriege davon Gänsehaut, so schön finde ich das. Falls jemand den medizinisch korrekten Begriff für diese Vorliebe kennt, dann möge er oder sie diesen bitte in die Kommentare tippen.

TUUTUUT Ich hasse telefonieren. Jedes Gespräch, das über fünf Minuten hinausgeht, zerrt an meinen Nerven. Eigentlich sind fünf Minuten schon zu viel. Ich horte Adressen von Ärzt_innen, bei denen ich per Mail einen Termin abmachen kann und nicht anrufen muss. Früher habe ich lange darüber nachgedacht, wie mein Leben werden soll, wenn ich noch nicht einmal in der Lage bin, im Büro zu telefonieren. Und dann kam das Internet und man musste nicht mehr telefonieren. Ich schätze, das war Schicksal. Oder Gott.

SCHMECKT'S Dies ist eine gute Nachricht für alle Eltern, deren Kinder quasi nichts mögen: Es wird besser. Vielleicht erst, wenn sie 30 oder älter sind, aber es wird besser. Bis zu meinem 25. Lebensjahr war es für mich leichter, aufzuzählen, was ich mag und nicht, was ich nicht mag. Ich aß quasi kein Gemüse außer Brokkoli und Kohrabi (den aber nur roh). Ich mag keine Kartoffeln, kein Wild, keinen Milchreis, keine Pfannkuchen, keine Suppen... es ist hart, mit mir zu essen. Aber es wird besser. Ich nehme seit einiger Zeit all meinen Mut zusammen und probiere Dinge. Manche schmecken sogar (Rosenkohl!). 

RUDEL Ich befinde mich ungern in Menschenmassen. Gut, wer tut das schon? Wahrscheinlich nur pubertierende Jugendliche, die das erste Mal auf einem Konzert sind und pogen wollen. "Krass, so viele Leute, SCHNELL MITTEN REIN!" Menschen riechen unangenehm, reden Blödsinn und sind zu 98 Prozent einfach auch viel größer als ich und deshalb habe ich in diesen Situationen einfach auch ständig Ärsche oder Ellenbogen im Gesicht. Ich liebe Konzerte, bei denen ich an den Rand ausweichen kann, um dort erhöht zu stehen oder zu sitzen. Ich muss die Stimmung nicht wortwörtlich hautnah mitkriegen. Dasselbe gilt auch für andere Bereiche des Lebens: Busse, Büros, Betten. Zu viele Menschen um mich herum machen mich nervös. Einige finden das lustig und sagen: "Aber dann vor über 1000 Leuten auftreten." Ja, richtig, VOR. Da liegt alle Macht in meinen winzigen Händen. Muhahahaha.

NEID Es passiert mir sehr oft, dass ich andere Frauen sehe und diese komplett großartig finde. Ihren Stil, irgendeine Kleinigkeit im Outfit, eine Handtasche, die Frisur, egal was. Ich bin dann immer direkt neidisch, dass mir das noch nicht eingefallen ist und muss zuhause sofort alles nachstylen. Und dann ärgere ich mich natürlich manchmal, weil ich es nicht so aussieht, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich würde diesen Frauen gerne öfter mitteilen, dass sie großartig sind, aber ich traue mich nicht, mir fremde Menschen anzusprechen und deshalb grinse ich sie meist nur dummdusselig an. Sollte ich euch also mal dummdusselig angrinsen, dann nicht, weil ich über euch lache, sondern weil ich euch ganz toll finde.

So, ihr Sündigen! Falk, Hamti, Journelle, Frau Dingens  – wer von euch mag auch beichten?

Kommentare:

  1. Oh, ich steh da ja auch. Mist, muss mir Gedanken machen.

    Du schaust Leuten gern beim Malen zu? Wieso wusste ich das noch nicht? Vielleicht sollte ich dir zum Geburtstag ein paar Stunden mit mir beim Zeichnen schenken :D Wobei das ohne Zeitraffer echt langweilig wär.

    Hier ist übrigens ein Malvideo von einer meiner Lieblingskünstlerinnen (im Zeitraffer):
    https://www.youtube.com/watch?v=VZ5XYP5tZ_Q

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  2. Mensch, wenn Du nicht so eine schlechte Freundin wärst, dann könnten wir total gute Freunde sein und ganz oft nicht miteinander telefonieren und neidisch auf Frauen und ihre Klamotten sein und uns von Rudeln fernhalten. Und ich könnte Dir ein paar richtig gute, dicke Schmöker ausleihen. ;-)

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  3. Ich bin da in einigen Dingen voll bei dir: Die Sache mit der schlechten Freundin, das Telefonieren, die Nahrungsmittel- und die Menschenmassenaversionen... Aber dicke Bücher finde ich super. Wenn ich denn mal die Zeit dazu finde. Gerade bin ich auch am Distelfink. Hervorragendes Buch.

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  4. "Ich diskrimiere Bücher, die über 500 Seiten haben." - Agree. Meine Zurückhaltung gegenüber Wälzern wurde auch noch schlimmer, seit ich viel Blogs lese. Manchmal denke ich, ich habe mich zu sehr an die Textkürze gewöhnt.

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  5. Ich kann eigentlich alle Punkte voll nachfühlen und teile sie sogar. Das mit dem Zuhören bekomme ich in beruflichen Treffen inzwischen besser hin und das mit dem Telefonieren musste ich dazu auch lernen, aber bis heute ist es mir sehr sehr unangenehm. Beruhigend, dass es mehr Menschen so geht.
    Bist du irgendwie hochsensibel oder so? Vielleicht haben wir einfach denselben "Hirnfehler", also wir Menschen, die uns da so ähneln.

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