2014-12-01

ZUM JUBILÄUM DER SOZIALHELDEN: FRAU HELLSTRÖM

Diesen Text habe ich zum zehnjährigen Jubiläum der Sozialhelden geschrieben und durfte ihn auf der Feier, letzte Woche in Berlin, als eine der Redner_innen vortragen.
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Meine Nachbarin heißt Frau Hellström. Frau Hellström hat sich, als ich eingezogen bin,  beschwert, dass ich einziehe. Sie hat zwar nicht gesagt: „Es stört mich maßgeblich, dass Sie hier einziehen.“ Aber Sie musste auffällig oft vor die Tür oder in den Keller laufen und hat dabei immer genau dreimal höchst angestrengt geschnaubt und irgendwas mit „immer dieser Stress“ vor sich hingemurmelt. Nach drei Tagen hat Frau Hellström bei mir geklingelt, um mir zu sagen, dass die Kinder zu laut seien. Ich habe sie gefragt, ob sie hier irgendwo Kinder sähe. Nein, sie nehme an, die wären ja wohl gerade im Kindergarten und würden mit ihrer unerzogenen Art die Erzieherinnen nerven. Ich habe ihr geantwortet, dass es mich schon sehr wundern würde, wenn heute Mittag Kinder aus dem Kindergarten zurück in meine Wohnung spazieren würden, da ich nämlich, soweit ich mich erinnern könne, noch nicht geboren hätte. Dann herrschte für wenige Sekunden eine unangenehme Stille im Treppenhaus.

Frau Hellström stotterte kurz vor sich hin und entschied dann: „Ja, also, keine Kinder. Aha. Naja, dann muss das ja irgendwas anderes sein. Auf jeden Fall sind Sie sehr laut. Bitte unterlassen Sie das.“ Ich versprach ihr, mich zukünftig leicht über den Boden schwebend durch meine Wohnung zu bewegen. Nach dem Wochenende klingelte Frau Hellström wieder bei mir. Mein Fußabtreter sei ja schon ganz schön auffällig, eröffnete sie das Gespräch. Mein Fußabtreter ist bunt. Ich mag es bunt. Ja, der Kleine ist ein Außenseiter im Treppenhaus und ich möchte nicht wissen, was ihm die anderen, konservativen Fußabtreter zuflüstern, wenn gerade niemand da ist, aber er muss lernen, sich durchzusetzen. „Und, also beim besten Willen, aber am Wochenende war es wieder sehr laut bei Ihnen“, versuchte sie noch einen nachzusetzen. „Frau Hellström, beim besten Willen, aber ich war am Wochenende gar nicht da. Was auch immer Sie da hören, es kommt nicht von mir. Und ich muss Ihnen auch sagen, dass ich grundsätzlich den Eindruck habe, dass es in diesem Haus sehr leise vor sich geht.“ „Hm, ja, ach so“, murmelte Frau Hellström daraufhin leicht abwesend. „Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie behilflich sein?“ fragte ich schon leicht ungeduldig. „Nein, natürlich nicht“, sagte Frau Hellström leicht angesäuert und drehte sich um. Sie brauchte drei Anläufe bis der Schlüssel endlich im Schloss gelandet war und sie ihre Tür aufsperren konnte, um nach einem nervösen Blick in meine Richtung endlich hinter der Tür zu verschwinden.

In den nächsten Wochen bekam ich fast nichts von Frau Hellström mit. Ab und an begegnete sie mir im Hausflur. Dann duckte sie sich immer extrem schnell an mir vorbei und flüsterte ein schnelles: „Ja, hm, guten Tag.“ Ich begrüßte Sie mit Absicht völlig überschwänglich: „Oh, hallo Frau Hellström! Ich wünsche Ihnen noch einen besonders schönen Tag!“ Sie schaute mich dann so an, als würde sie sagen wollen: „Psssst, machen Sie doch nicht so einen Aufruhr.“ Aber sie sagte einfach gar nichts und beeilte sich, aus dem Haus zu kommen.


Normalerweise konnte ich mit Ablehnung ganz gut umgehen. Ich hakte das unter „beruht auf Gegenseitigkeit“ ab. Aber das mit Frau Hellström war etwas anderes. Das mit Frau Hellström juckte mich. Frau Hellström war mein kleiner Tinnitus. War ich abgelenkt, musste ich nicht an sie denken, aber sobald ich in den Hausflur trat, war Frau Hellström überall.

Seit einiger Zeit ging in meiner Wohnung ein Mann ein und aus. Es war nicht irgendeiner. Das wäre ja auch schön gewesen, wenn ich nicht mal wüsste, wer bei mir ein und aus ging. Aber nicht nur ich musste anscheinend dringend wissen, wer das war, sondern auch Frau Hellström. Jeden Morgen, wenn ich ihn, noch im Bademantel, zur Arbeit entließ, hörte ich Frau Hellström hinter ihrer Tür atmen – zumindest bildete ich mir ein, sie atmen zu hören. Und hinter ihrem Spion schoss hektisch ein Auge hin und her und versuchte, aus den Einzelstücken, die es erkennen konnte, einen ganzen Mann zusammenzusetzen. Einmal, als der Mann gerade die Treppe herunter gegangen war, riss Frau Hellström ihre Tür auf und dann standen wir uns gegenüber. Bademantelbekleidet wie wir beide waren. Unbewaffnet. Und Frau Hellström sagt einen Tuck zu laut: „Dieser… Mensch ist ja ganz schön oft hier. Wohnt der bei Ihnen? Weil, wenn ja, würde ich gerne mal wissen, ob die Vermietung auch darüber Bescheid weiß. Die muss das nämlich wissen. Sonst geht das ja nicht. Sie können ja hier nicht einfach heimlich einen Untermieter haben.“ „Frau Hellström“, antwortete ich ganz langsam. „Seien Sie unbesorgt. Dieser… Mensch wohnt hier nicht. Er ist nur ab und an zu Besuch. Und Besuch darf ich empfangen, soweit ich meinen Mietvertrag richtig verstanden habe. Oder wollen Sie ihn notfalls nochmal gegenchecken?“ Aber Frau Hellström machte nur ein Geräusch, das sich anhörte wie ein „Tss!“ und schloss ihre Tür wieder.

Wenig später backte ich Stollen. Ich konnte damit nicht früh genug anfangen und besonders der selbstgemachte, nach dem Rezept meiner Oma, schmeckte mir immer besonders gut. Aus irgendeinem Grund hatte ich einen wirklich guten Tag und packte ein wenig von dem Stollen in einen kleinen Korb und stellte ihn vor Frau Hellströms Tür. „Ich mag Sie eigentlich“ schrieb ich auf einen kleinen Zettel und legte ihn dazu. Als ich eine Stunde später nachsah, war der Korb weg. ‚Hoffentlich hatte den niemand geklaut‘, dachte ich.

Am nächsten Tag kam ich vom Einkaufen zurück und an meiner Haustür klebte ein Post-It mit der krakeligen Aufschrift: „Hat tatsächlich geschmeckt, danke.“ Aha, dachte ich, dann kannst du auch nicht von lassen. Ich nahm den Zettel von der Tür und winkte dem Spion von Frau Hellström.

Wenn wir uns jetzt im Treppenhaus trafen, war Frau Hellström zumindest so weit, dass sie ein leises „Hallo“ flüsterte, während sie sich an mir vorbeidrückte. Ich tat ihr ebenfalls einen Gefallen und schrie sie nicht mehr überschwänglich an.

In der zweiten Dezemberwoche kam ich am frühen Abend von einem glühweinreichen Weihnachtsmarkt-Besuch mit Freunden zurück und sah schon von weitem den Polizeiwagen vor unserer Haustür. Ich war schlagartig nüchtern. Im Treppenhaus stand eine Polizistin, die mich anhielt und nach meinem Namen fragte. „Tja“, sagte sie „dann ist das wohl heute ihr Glückstag.“ Und dann erzählte sie mir, dass ein fremder Typ versuchte hatte, bei mir einzubrechen, Frau Hellström aber so aufmerksam gewesen sei, dass sie das mitbekommen hätte. Sie habe sogleich die Polizei gerufen und bevor die überhaupt da sein konnten, sei sie mit ihrem Spazierstock in meine Wohnung gelaufen und hätte dem Einbrecher von hinten eins übergebrezelt. Ich hörte der Polizistin mit aufgerissenen Augen zu, während ich immer wieder „Nein!“ ausstieß und meine Hand vor den Mund hielt. Dann rannte ich nach oben und schloss stumm Frau Hellström in die Arme. Die fühlte sich einigermaßen überrumpelt und sagte nur: „Ach, ach.“ Dann schaute ich ihr in die Augen und rief: „Frau Hellström! Ich backe so viele Stollen, wie sie überhaupt nie essen werden können. Sie haben ab jetzt immer ein persönliches Stollenabo bei mir.“ „Na, also, das war doch nur eine Kleinigkeit“, sagte Frau Hellström und lächelte das erste Mal in meiner Gegenwart.

Zu Weihnachten hat mir Frau Hellström einen neuen Fußabtreter geschenkt. Einen einfarbigen. „Der lockt niemanden mehr an“, hat sie gesagt. Also habe ich den anderen Fußabtreter jetzt auf den Balkon gelegt. Da fühlt er sich auch wohl. Manchmal sitzt auch Frau Hellström auf meinem Balkon, isst Stollen und trinkt Tee. Wir reden meist nicht viel. Ich glaube aber, dass er ihr immer noch gut schmeckt.

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