2014-11-18

SO VIEL LIEBE. ODER: GEH BITTE.

Irgendwie kribbelte es dann doch unter meinen Fingern und ich konnte zur Toleranzwoche der ARD nicht ganz untätig bleiben. Weitere gute Artikel und Statements findet ihr hier:

"Gleiche Sauce, andere Verpackung: Toleranzwochen in der ARD"
"Spiel ohne Reflexion"
"Toleranz ist scheiße" 
"Gut gemeint, schlecht gemacht" 
"Zwischen gut gemeint und gut gemacht"
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Die ARD macht aktuell eine „Toleranzwoche“. Anlässlich dieser Veranstaltung haben alle Verantwortlichen ungefähr alles falsch gemacht.

Fangen wir bei dem Namen an: Toleranzwoche. Im Ernst?! Laut Duden bedeutet „tolerieren“, dass ich etwas „dulde“ oder „zulasse“. Ich stelle mir vor, wie die Toleranz auf einem eisernen Thron sitzt und bei jedem, der vor sie tritt ihren langen Stab schwingt. Dazu spricht sie: „Ja, du bist ok. Ich dulde dich!“ Oder eben auch: „Nein, du bist nicht ok. Bitte geh weg.“ Wenn ich entscheiden darf, ob ich etwas dulde, bin ich dadurch automatisch in einer erhöhten Position. Ich bin besser als die, die ich toleriere. Ich darf bestimmen, wer ok ist und wer nicht. Und ja, das ist genauso eklig, wie es sich anhört. Toleranz hat nichts mit Respekt oder Liebe zu tun, sondern ist eine althergebrachte Tradition für all die Sarrazins und „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Marktschreier_innen unter uns. Toleranz ist das Vorgaukeln von Freundlichkeit.

Dann gestaltet irgendeine döspaddelige Agentur die Plakate zur Themenwoche. Und was passiert da im Brainstorming? Ein vollgekokster Agenturchef springt ein bisschen herum und ruft: „Hier, Toleranz und so! Anderssein! Was habt ihr für Ideen?“ Und alle drucksen herum und sagen höchstens: „Och… also.“ Einem fällt irgendwas mit Vegetariern ein.
„Nee, nee, krasser. Jetzt mal alle political correctness beiseite. Was nervt euch so richtig? Wann fragt ihr euch: Muss ich das eigentlich noch ertragen?“ Alle starren in die Luft. Als einer endlich: „Kinder!“ ruft, platzt der Knoten. „Genau, nervige Kinder!“ ruft der nächste. „Oh, ich hasse Kinder. Die sind ja überall! Die brauchen wir nicht mehr!“ „Gut, sehr gut!“, brüllt der Agenturchef und schreibt mit Edding groß KINDER an das Flipchart. „Weiter! Mehr! Schlimmer!“ „Schwule! Wenn die sich küssen, also das muss doch nicht sein! Im Ernst, ich hab ja auch schwule Freunde und die sind auch voll nett. Aber die müssen das ja nicht so nach außen tragen.“ „Ok, sehr gut!“ Der Chef schreibt HOMOS an das Flipchart. Da meldet sich ein anderer: „Also, Homos würde ich jetzt nicht sagen. Wenn zwei Frauen sich küssen, ist das ja schon erotisch.“ Alle nicken und stimmen zu. Der Chef streicht Homos durch und schreibt SCHWULE an das Flipchart. Die Farbe des Eddings hat vor lauter Aufregung schon an seine Finger abgefärbt.

„Ach hier, ich weiß noch was“, ruft der nächste Kollege. Alle schauen ihn gespannt an. „Ist jetzt so in, dies mit der Inklusion. Und mich nervt dass total. An der Schule meiner Tochter sollen jetzt auch Behinderte ganz normal mit in den Unterricht eingebunden werden. Das geht mir manchmal echt zu weit. Dann müssen die normalen Schüler da total Rücksicht nehmen und so. Das ist doch kacke.“ Der Chef zweifelt kurz: „Meinst du echt, das können wir bringen? Also bei Behinderten sind die Medien jetzt schon ziemlich tolerant und so. Die kommen gut an, weil sie alles trotz ihrer Behinderung machen und so weiter. Vorbildfunktion, weißte?!“ „Ja, aber frag die Eltern bei uns an der Schule, das geht denen zu weit!“ Der Chef nickt langsam: „Ok, gut, das stimmt schon. Kostet ja auch alles und so. Also da muss man sich schon überlegen, ob man das tolerieren kann.“ Er dreht sich um und schreibt BEHINDERTE an das Flipchart. Dann lacht er plötzlich laut los. „Hahaha, kennt ihr den: ‚Papa, wieso darf ich keine Witze mehr über Behinderte machen? – Weil wir ohne die Behinderten keinen Parkplatz mehr kriegen würden, mein Schatz.‘ Hahahaha, mega gut!“ Er steht vorne und lacht sich scheckig. Die anderen stimmen langsam mit ein und lächeln höflich mit.
„Ok, eine Gruppe brauchen wir noch.“ „Mensch!“ ruft der Kollege aus der Grafik. „Dass ich da noch nicht drauf gekommen bin: Ausländer!“ „Ausländer!!!“ rufen alle im Chor. Der Chef sagt: „Natürlich!“ Und schreibt AUSLÄNDER am allergrößten und dicksten auf das Flipchart.
Dann wird das Ganze zu den Textern gegeben, die klatschen ein paar platte Attitüden drüber und fertig ist die armselige Plakatreihe.

Jetzt müssen aber auch die Mitarbeiter_innen der ARD zeigen, wie crazy anders sie sind. Damit Otto-Normal-Zuschauer_in auch merkt, dass ja quasi überhaupt niemand mehr normal ist! Alle haben Dinge an sich, die von anderen toleriert werden müssen. Und deshalb stellen sie sich vor eine Kamera und halten Schilder mit ihren zu tolerierenden Eigenschaften in die Höhe. Dazu näselt Jan Delay im Hintergrund: „Soooo viel Liebe!“ Es ist eine nicht wirklich hintergründige Botschaft, die da vermittelt werden soll.
Und dann stehen da Menschen und offenbaren so krasse Aussagen, wie „Ich mache keinen Sport“, „Ich mag Pommes Schranke“, „Ich schreibe Liebesbriefe“ und, Achtung, „Ich trage Größe 40!!!“ DREI AUSRUFEZEICHEN! Das sind krasse Schicksale. Das sind naturgegebene Probleme, ein Anderssein, dass einen quasi direkt an den Rand der Gesellschaft rückt. Kaum zu ertragen. Ich zerfließe vor Mitleid. Und im Hintergrund: „Ich hab soooo viel Liiiiiebe!“

Als sich später eine nicht geringe Zahl an Menschen öffentlich über die Plakate und die Aktion an sich mokiert, reibt sich die ARD die Hände. „Ja, das wollten wir ja so!“ ruft der Sprecher und freut sich, dass die Zuschauer_innen jetzt mal nachdenken. Und bei Facebook kommentieren einsame, weiße, nicht-behinderte Deutschländer: „Die treffen unsere Denke. Das ist doch gut, so denken wir jetzt mal nach.“ Ich möchte mich hiermit ausdrücklich von „unsere Denke“ und „wir“ distanzieren. Ich glaube, die einzigen, die hier überhaupt nachdenken, sind die, die sich mit den abgebildeten Personen auf den Plakaten identifizieren können und für die es wie ein Schlag ins Gesicht wirken muss, wenn ihnen entgegen geschrien wird, dass man sich diese Woche in der ARD einfach mal locker-flockig fragt, ob sie ob ihrer Behinderung ein „Freund“ oder „Außenseiter“ sind oder ob sie, weil ihre Hautfarbe die andere ist „Belastung“ oder „Bereicherung“ sind.

Eine der größten Belastungen, die "wir" aktuell ertragen müssen, sind Programmmacher_innen, die Menschen wie Matussek Sendezeit bei der Toleranzwoche einräumen. Menschen, die im Rahmen eben dieser ein Schild mit „Ich habe nicht studiert“ in die Kamera halten und damit immer noch den allgemeinen Glauben aufrecht erhalten, dass dies ein zu tolerierendes Makel sei. Und alle, die glauben, dass eine Toleranzwoche in der Form ernsthaft dazu beitragen kann, Barrieren im Kopf all dieser Volldeppen abzubauen.

Kommentare:

  1. "Diskriminierung ist ein ebenso unabdingbares gesellschaftliches Recht wie Gleichheit ein politisches ist. Es geht nicht darum, wie die Diskriminierung abgeschafft werden kann, sondern um die Frage, wie man sie auf den Bereich der Gesellschaft, wo sie legitim ist, beschränken kann; wie man verhindern kann, dass sie auf die politische und persönliche Sphäre übergreift, wo sie sich verheerend auswirkt." (Hannah Arendt)

    Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/autoritaet-und-freiheit-sind-keineswegs-gegensaetze.1184.de.html?dram:article_id=231123

    Es läuft immer wieder darauf hinaus, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt werden soll, weil "wir" uns gestört, diskriminiert oder nicht ausreichend toleriert FÜHLEN.

    Aber statt die Gewaltenteilung, d.h. die Gerichte zu bemühen, wird dem Konformismus gehuldigt.

    Viele Menschen verstehen nicht den Unterschied bzw. das Zusammenspiel von Demokratie und Rechtsstaat. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein hohes Gut. Dagegen gibt es kein - immer wieder herbei fabuliertes - Recht auf Gehörtwerden.

    Viele Dinge, die mir tagtäglich im Internet "über den Weg laufen", kommentiere ich, teilweise wutschnaubend, andere ignoriere ich.

    Last but not least finde ich die Diskussion, die mit der sogenannten Toleranzwoche angestoßen wurde, richtig. Aber ergebnisoffen sollte es schon sein. Daran können WIR alle mitwirken... ganz (un)duldsam. ;-)

    P.S. Ich verfolge Deinen Blog per RSS-feed und überfliege Deine Post idR nur. Vieles von dem, was Du schreibst, stimmt mit meiner Wahrnehmung der Welt so gar nicht überein.... und das ist gut so.

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    1. Laut Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz ist "Die Würde des Menschen ist unantastbar", außerdem gibt ein Anti-Diskriminierungsgesetz. Und Diskriminierte nehmen sich kein "Recht auf Gehörtwerden" heraus, sondern machen einfach von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch. Und in einer Konsensdemokratie müssen die einzelnen Interessensgruppen gehört werden, sonst kann man ja nicht miteinander diskutieren.

      Und genau das ist auch das Problem mit den Toleranzwochen: Da wird nicht mit, sondern über bestimmte Gruppen geredet.

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  2. ev. solltest du die posts in zukunft ein bisschen intensiver lesen - dann kommentierst du vielleicht inhaltlich nicht mehr so total dran vorbei...

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  3. gibt es denn auch die möglichkeit, etwas ohne arroganz auszuhalten?

    .~.

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  4. Zitat : "...Toleranz ist das Vorgaukeln von Freundlichkeit...."

    Da will man das Wort "Toleranz" genüsslich sezieren und übersieht dabei, dass z.B im Islam genau dieses Wort zum Umgang mit Andersgläubigen verwendet wird. Also ist die Toleranz von Moslems gegenüber Christen oder Juden nur eine "vorgegaukelte Freundlichkeit", oder ist da wieder mal alles ganz anders?

    Im Übrigen: Auch viele Worte machen noch keinen guten Text...

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  5. Ich finde ja, dass viele mit Toleranz schon "das Richtige" meinen, nämlich mehr als ein bloßes Tolerieren, vielmehr sowas wie Akzeptanz und Respekt nämlich. Dennoch sollte ein großer Sende natürlich schon das meinen, was er sagt. Umgangssprachlich drücke ich da eher mal ein Auge zu.
    Zum Rest: ich habe dank der Toleranzwoche einen wundervollen Film entdeckt, den ich nicht kannte (Freier Fall), aber die Plakatkampagne fand ich doch auch sehr grenzwertig. Ist echt die Frage, wer da über was nachdenken sollte oder nachgedacht hat.
    Und auch wenn ich weder Ausländerin noch lesbisch (schwul geht ja schlecht) noch meines Wissens nach behindert bin (wobei ich manchmal glaube, Hochsensibilität ist da schon an der Grenze...), geht mir sowas ganz schön auf den Keks, dass solche wichtigen Themen als Pseudo-Marketing-Kampagne genutzt und auch ein wenig entwertet werden.
    Und zu guter Letzt: DANKE DANKE DANKE für diesen absolut großartigen Text. Ich liebe deine Schreibe :) & Denke!

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