2014-09-01

BÄREN UND ANDERES GESINDEL

Wenn ich in Kanada eines gelernt habe, dann dass Deutsche überhaupt keine Ahnung davon haben, wie es ist, mit Tieren zu leben. Jaja, wir haben alle süße Karnickel und Meerschweinchen zuhause und natürlich, euer Hund hat auch mal jemanden angeknurrt, aber das sind Tierchen, die die Kanadier zum Frühstück verspeisen. Was ich meine, sind richtige Tiere. Gefährliche Tiere.

Denn in Kanada gibt es Bären, die mal eben in der Küche vorbeischauen, weil halt der Magen ein bisschen knurrt. In Kanada gibt es Wölfe, die es einen Dreck schert, ob wir Bock darauf haben, dass sie im Zeltvorraum schlafen. Und in Kanada gibt es Pumas, die es besonders gut finden, kleine Kinder mitzunehmen, wenn gerade mal niemand aufpasst.
Jährlich sterben viele Menschen, weil sie einem Bären begegnen. Bei den meisten würde ich aber eher Dummheit als Ursache anführen. Am Tatort wird dann ihre Kamera gefunden und das letzte Bild zeigt einen freundlich lächelnden Bären, der auf die Kamera zuläuft. Das hat der Ranger gesagt: „Niemals zu nah rangehen!“ Hat er gesagt. Auf einem Campingplatz auf Vancouver Island, irgendwo in der Wildnis zwischen Ucluelet und Tofino, gab es im campingeigenen Theater einen Vortrag, wie man sich bei der Begegnung mit Bären, Wölfen und Pumas zu verhalten habe. Der Vortrag richtete sich an Kinder. Ich war trotzdem da. Ich wollte ja schlauer werden! Und ich musste an diesem Abend auf dem Campingplatz schlafen, in dessen Nähe durchaus Bären leben. Deshalb gab es auf dem Campingplatz auch so genannte Bärenboxen – in die alle Dinge reingestellt werden mussten, die auch nur im Entferntesten an die Existenz von Menschen erinnerten. Also alles. Essen, Teller, Handtücher, Kosmetika… jeder Hinweis, der den Bären auf den Gedanken bringen könnte, dass es dort Menschen, also auch etwas zu Essen gäbe, musste verschwinden.

Also saß ich sehr aufgeregt mit anderen 10jährigen in dem Theater und lauschte dem spannenden Vortrag. Der Ranger zeigte ein Bild von einem Teddybären: „Is this a wild animal?“ Vor Aufregung wackelte ich wild mit den Armen und rief, gemeinsam mit meinen neuen Freunden: „Noooo!“ Dann zeigte der Ranger ein Bild von einem Schwarzbären: „Is this a wild animal?“ Und wir alle: „Yeeees!“ Dann erzählte der Ranger einige lustige Anekdoten von Bärenbesuchen und, dass er die Bären dann leider immer erschießen muss, wenn sie einmal in menschliches Gebiet eingedrungen waren. Während das erste weinende Mädchen den Saal verließ, fragte ich mich, ob man da vielleicht nicht nochmal drüber diskutieren könnte. Letztendlich waren es doch eher die Menschen, die als erste in das Gebiet der Bären eingedrungen sind. Und sind die Bären damals alle mit Gewehren herumgelaufen und haben Menschen erschossen, nur weil die vielleicht mal an ihrem Fressen schnuppern wollten? Nein! Aber wir wissen es natürlich mal wieder besser.

Vor einigen Jahren bekam der Ranger einen Anruf von einem Paar, das auf dem Zeltplatz schlief. Der Anrufer erklärte, er habe ein kleines, vielleicht auch größeres Problem. Er sei gerade aufgewacht und, nun ja, zwischen ihm und seiner Freundin, und da sei nun wirklich nicht viel Platz in dem Zelt, stünde ein Wolf und starre sie an. Der Ranger erklärte dem Mann, sich am besten überhaupt nicht zu bewegen und einfach zu warten, bis jemand komme, er beeile sich. Den beiden ist letztendlich nichts passiert, der Wolf ist einfach irgendwann weggelaufen. Die Geschichte geht noch weiter. Dann hat sich ein Ranger mit einem Stück Fleisch an den Strand gesetzt, um zu testen, ob der Wolf sich wieder so nah an den Menschen traut. Natürlich tat er das – der Ranger hatte ein Stück Fleisch dabei! Und, schwupps, erschoss der Ranger den Wolf, weil der sich ja zu nah an den Menschen traute. Das ist ungefähr so als würde ich ein kleines Kind, das heimlich Gummibärchen geklaut hat, testen, in dem ich mich ins Wohnzimmer setze und Gummibärchen auf den Tisch lege. Und wenn das Kind dann reinkommt, bekommt es Hausarrest.

Nun ja, vielleicht ist das auch ein bisschen übertrieben von mir, das kleine Kind würde mich ja nicht fressen, nachdem die Gummibärchen leer sind. Wobei, bei Kindern weiß man nie. Ich war trotzdem sehr erschrocken darüber, dass die Tiere dann einfach abgeknallt werden. Natürlich vergaß der Ranger nicht, ständig zu erklären, dass ihm dabei auch das Herz blute und am Ende das Paar aus dem Zelt schuld gewesen sei, weil diese Essen im Vorzelt aufbewahrt hatte.
Eine andere Geschichte handelte von einer Frau, die alleine auf einer Wanderung war und einem Puma begegnete. Der Puma schlawänzelte so hinter ihr her und immer wenn sie sich umdrehte und Faxen machte, um den Puma zu verjagen, setzte sich der Puma hin, Kopf auf die Tatzen und schaute der Wanderin amüsiert zu. Sobald die Wanderin weiterging, stand auch der Puma wieder auf und schlich hinter ihr her. So ging das fröhliche fünf Mal Hin und Her. Bis die Wanderin irgendwann die Schnauze voll hatte und sich dachte, dass sie dem Puma jetzt einfach eins auf die Fresse geben würde, damit er abhaut. Und als sie nur einen Schritt auf ihn zu machte, haute der Puma, schnell wie er konnte, ab. Die Wanderin war in seinen Tanzbereich eingedrungen, das fand er nicht so lustig und nahm lieber Reißaus.

Grundsätzlich lernten wir also: Wenn man in Kanada Tiere trifft, soll man einfach sehr, sehr laut sein. Den Bären anschreien, sich aufbauen, mit Geäst über dem Kopf herumfuchteln, um sich größer zu machen (wobei der Bär in meinem Fall dann immer noch denken würde: „Ja, niedlich!“). Am besten hat man Kinder dabei (die muss ich mir beim nächsten Mal ausleihen), singt ein Lied oder hat ein Glöckchen am Rucksack. Dann kommen die Tiere gar nicht erst aus ihrem Versteck. So lange man Schwarzbären trifft, ist meistens auch noch alles cool. Gruseliger wird es mit Grizzlybären. Aber tja, irgendwann kann einem halt niemand mehr helfen, wenn man unbedingt durch die Walachei spazieren möchte. Ich habe ja schon vorher nicht sonderlich viel von Natur gehalten.

Nach dem Vortrag war ich nervöser als vorher. Der Mann murmelte irgendwas von: „Hätten wir niemals machen dürfen…“ und ich redete ich einer Tour davon, dass hier sicher keine Bären wären, wenn doch so viele Leute da sind, aber wozu dann die Bärenboxen und was, wenn der am Zelt herumwackelt? Ich lag fast die ganze Nacht wach und achtete auf jedes Winzgeräusch. Morgens war ich der Meinung, dass wir von Glück reden könnten, überlebt zu haben. Bären, Horden an Wölfen, Hirsche, Pumas – alle waren sie an unserem Zelt vorbei gelaufen. Geht man nach meinem Gehör. Der Mann gratulierte mir zum Überleben und ging Zähne putzen.

Und dann passierte es wirklich. In Old Hazelton gingen wir auf dem Fußweg zurück aus dem Ortskern zum Zeltplatz. Es war ein zweigeteilter Fußweg, oben die Hauptstraße und wir, unten Häuser und ein kleiner Weg davor. Und wie wir da so gingen, sagte der Mann plötzlich: „Oh, huch. Da ist ein Bär.“ Er sagte das ungefähr in dem Tonfall, in dem er feststellte, dass die Waschmaschine fertig ist: „Es piept.“ Völlig unbeteiligt. Emotionslos. Ich hatte doch so viel gelernt. Groß machen, anschreien, laut sein, auf jeden Fall verjagen, nicht schnell weglaufen. Das Einzige, was ich in dem Moment allerdings fertig brachte, war, meine Fäuste vor den Mund zu halten und hysterisch zu rufen: „Oh mein Gott!! Was machen wir denn jetzt???“ Yeah, ich hab’s echt drauf. Der Mann blieb ruhig, holte seine Kamera raus und filmte den spazierenden Bären. Ich jammerte im Hintergrund: „Von wegen, hier gibt’s keine Bären. Der Ranger hat gesagt, man soll die nicht filmen!“ Das hört man natürlich auch alles auf der Aufnahme. Die einzige Maßnahme, zu der ich mich befähigt sah, war, die Straßenseite zu wechseln. Zügig. Der Mann folgte mir irgendwann und dann gingen wir einfach in respektvoller Entfernung an dem Bären vorbei.
Am Campingplatz erzählten wir von unserer Entdeckung. Dazu ist man sozusagen verpflichtet. Später aßen wir gerade am Zelt und hörten plötzlich drei Schüsse. Ich möchte der Aussage des Campingground-Chefs glauben, nach der sie den Bären nur verjagt haben. Er war es auch, der mir erzählte, dass er regelmäßig Probleme mit deutschen Touristen habe, weil die es nicht gewohnt sind, so große Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Und wenn sie dann einen Bären treffen, sind sie von seiner Niedlichkeit so überzuckert, dass sie ihn erstmal füttern und streicheln wollen. Ernsthaft Menschen! Streicheln? Einen Schwarzbären?? Ansonsten geht’s euch aber gut?! Und danach beschweren sie sich, dass der Bär nicht so nett war, wie sie sich das vorgestellt haben. Ach, ach, ach.

Im Laufe des Urlaubs haben wir noch zahlreiche andere Tiere gesehen. Wölfe und Pumas glücklicherweise nicht. Aber Hirsche, drei Stück! Der eine kam einfach an der Straße aus einem kleinen Waldstück heraus und poste für all die Menschen mit ihren Smartphones. Ich war nur etwa 5 Meter von ihm entfernt und dachte: ‚Mei, der ist ja echt cool, obwohl hier so viele Menschen stehen. Ganz ruhig!“ Bis mir Anna, die ich im Hostel kennen lernte, erzählte, dass viel mehr Menschen durch Hirsche als durch Bären sterben würden, weil sie denken, ach Hirsche, Mensch, die sind ja echt super easy und ruhig.

Da bin ich aber gerade noch davon gekommen!

1 Kommentar:

  1. Habt ihr ein Glück gehabt! Wir haben bei zwei Wochen Ontario im Wald campen nur Eichhörnchen, Chipmunks, einen ElchABDRUCK, einen WaschbärABDRUCK und eine kleine Schlange gesehen. Ach ja, und als wir unsere Sch.. in die Güllegrube gepumpt haben, stand auf einmal ein Reh direkt neben uns. Aber bei nem Reh verfällt man natürlich nicht in Panik sondern gerät ehr in Verzückung :)

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