2014-06-25

LEITFADEN FÜR BLOGGERINNEN – INTERVIEW MIT STINE ECKERT

Stine Eckert
Schon in meinen letzten Linktipps habe ich kurz von Stine Eckert und ihrer Studie, aus der sie einen Leitfaden für Bloggerinnen entwickelt hat, berichtet. Auch ich durfte Stine damals einige Fragen zur Bloggerei und meinen Erfahrungen im Netz beantworten. Jetzt hab ich den Spieß umgedreht und mir Stine kurz zwischen Promotion und Umzug geschnappt, um ihr ein paar Fragen zu stellen.

Liebe Stine, im Rahmen deiner Doktorarbeit hast du 109 Frauen, die bloggen oder online veröffentlichen, befragt. Wie bist du auf die Idee gekommen, dich mit dem Thema zu beschäftigen?

Ich habe durch zwei Studien zu Blogs in Deutschland vorher und der wissenschaftlichen Literatur zu Blogs in Deutschland, Großbritannien und den USA immer wieder gemerkt, dass Blogs von Frauen in den Medien und der Gesellschaft entweder weniger wahrgenommen werden oder oft in bestimmte Schubladen gedrängt werden (Stichwort „Internettagebuch“ oder „Mamablog“). Die meisten Studien, in denen es um Bloggerinnen ging, waren auch Umfragen, Textanalysen oder Diskursanalysen. Um mehr über Bloggerinnen, ihre Erfahrungen und ihr eigenes Erleben herauszufinden, wollte ich mit so vielen Frauen wie möglich und auch mit verschiedenen Hintergründen selbst sprechen. Ich wollte vielen, verschiedenen Bloggerinnen eine Stimme geben und sie selbst erzählen lassen.

Wie ist das Feedback auf deine Arbeit?

Bisher ist das Feedback nur positiv. Es gab zwei-drei kritische Bemerkungen zu meinem „Leitfaden zum Bloggen,“ der ein Teil meiner Arbeit gewesen ist. Diese Stimmen sind auch wichtig und Teil einer Diskussion, die wir weiter brauchen. Wie können mehr Frauen mit verschiedenen Hintergründen, die sich durch soziale Medien in die Gesellschaft einbringen, gehört werden? Wie können Frauen digitale Räume noch mehr und noch besser nutzen? Es scheint dafür sehr viel Aufmerksamkeit zu geben. Ich freue mich, dass so viele meine Arbeit interessant und diskussionswürdig finden.

Was war für dich die wichtigste Erkenntnis der Studie?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass Gender und auch andere Dimensionen der Identität eine große Rolle im Netz spielen, wenn es darum geht, welche Stimmen wie laut gehört werden. Das Netz ist kein Allheilmittel für eine demokratischere Teilhabe, auch wenn es Möglichkeiten für Frauen bietet. Diese Möglichkeiten entfalten sich aber auch entlang bekannter Probleme, die es auch „offline“ gibt. Zum Beispiel war es erstaunlich, dass 4 von 5 Frauen ihr Bloggen als zumindest teilweise oder indirekt als politisch beschreiben. In den herkömmlichen Medien, Rankings, aber auch mitunter Studien, kommen in als „politisch“ bezeichneten Blogs fast nur Männer als Autoren vor. Das heißt, die Definition von Politik, die verwendet wird, greift zu kurz. Es war toll zu sehen, wie viele Frauen mit ihren verschiedenen Hintergründen sich zu so vielen wichtigen Themen im Netz einbringen! Beeindruckend! Das muss noch viel stärker in der Öffentlichkeit, in den Medien, und in Studien wahrgenommen werden, und eben auch als politisch wahrgenommen werden.

Ein Thema deiner Arbeit war der „Umgang mit Kommentaren“ – das ist auch für mich ein sehr interessantes Thema. Der Umgang mit Kommentator_innen, vor allem mit Trollen, war für mich ein „Learning by Doing“, was teilweise auch sehr schwer war und ein dickes Fell erforderte. Was sind deine wichtigsten Tipps für Bloggerinnen, wenn es um Kommentare geht?

Natürlich sollte jede Bloggerin ihren Blog so organisieren wie sie möchte. Aber eine der häufigsten Antworten meiner Teilnehmerinnen war, dass sie alle Kommentare moderieren, bevor sie sie online stellen oder zumindest den ersten Kommentar einer neuen Leserin moderien. Je eher diese Praxis angewendet wurde, desto weniger Probleme schien es später zu geben. Sehr häufig half es auch, sich mit anderen Bloggerinnen auszutauschen und sich in schwierigen Situationen zu unterstützen, schon vorher Netzwerke zu bauen, sich gegenseitig wahrzunehmen, zu lesen, auch Kommentare selbst zu hinterlassen. Die Wichtigkeit von Solidarität wurde immer wieder betont, auch wenn verschiedene Frauen vielleicht verschiedene Ansätze, Themen und Perspektiven haben. Ich habe weitere Tipps zum Umgang mit Kommentaren, aber auch generell zum Bloggen, in einem Leitfaden zusammengestellt.

Eine der positivsten Sachen am Bloggen für mich ist, dass ich so viele tolle Menschen kennenlerne – sei es über Kommentare, Twitter oder bei Konferenzen. Ich habe gelernt, dass es viele gibt, die ähnliche Meinungen haben wie ich und meine Postings gerne lesen. Geht es anderen Bloggerinnen genauso – kannst du das nach deiner Studie bestätigen?

Ja, auf jeden Fall! Alle 109 BloggerInnen haben mir mindestens ein positives Erlebnis erzählt. Neben der Freude einen eigenen digitalen Raum zum Schreiben zu haben, lag das meist daran, dass sie interessante, hilfreiche, spannende Menschen getroffen haben. Es haben sich wichtige Freundschaften entwickelt; es sind Projekte daraus entstanden oder persönliche Hilfsnetzwerke. Viele Frauen waren erstaunt, welche tollen Möglichkeiten sich durch den Blog ergeben haben und wie viel Unterstützung und Ermutigung sie für ihre Belange unter anderen BloggerInnen gefunden haben.

Wie geht es für dich jetzt weiter? Wirst du dich mit dem Thema weiter beschäftigen?

Ja, ich werde weiter zu den Themen neue Medien, demokratische Teilhabe, Frauen, Gender und auch Minderheiten forschen. Im Moment versuche ich eine Studie zu „race,“ Feminismus und „toxicity on twitter“ in den USA auf die Beine zu stellen. Ab August forsche und lehre ich als Juniorprofessorin an der Wayne State University in Detroit. In und um Detroit leben sehr viele people of color, muslimische und arabisch-stämmige AmerikanerInnen und EinwandererInnen. Da bietet es sich an auch weiter zur Nutzung von social media mit Menschen mit diesen Hintergründen zu forschen. Da sie in den herkömmlichen Medien als ProduzentInnen meist unterrepräsentiert sind oder in Inhalten verzerrt dargestellt werden, ist es spannend mehr darüber herauszufinden, was ihnen die sozialen Medien bringen (oder nicht), um sich in öffentliche Debatten einzumischen. 

Und wenn ich deine Doktorarbeit lesen möchte? Wo finde ich sie?

Meine University in Maryland stellt die Doktorarbeit im September ins Netz. Dort können dann alle (auch außerhalb der Uni) kostenlos darauf zugreifen. Ich werde auf meiner Website auf die Doktorarbeit verlinken, sobald sie online ist. Wer bis dahin spezielle Fragen hat, kann mich per E-Mail erreichen: keckert@umd.edu.
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Wer noch mehr von Stine lesen möchte: Bei den Kolleg_innen von kleinerdrei.org hat sie einen Gastartikel zu Ihrer Doktorarbeit veröffentlicht.

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