2014-05-14

BUCH VS. BIER. ODER: LUZIE MIT Z.

Da der "Tag des Buches" und der "Tag des deutschen Bieres" jedes Jahr zusammenfallen, entstand vor einigen Jahren in Hannover die Idee, einen passenden Slam zu veranstalten. Seitdem treten das Team "Buch" und das Team "Bier" gegeneinander an – ich war dieses Jahr das erste Mal dabei und durfte mit dem Team Buch alle drei Slams gewinnen (yeah!). Mein Text ist eine Wutrede gegen die eine bestimmte Sorte an Büchern, die mich jedes Mal wieder, wenn ich auch nur ein Cover von ihnen sehe, ob ihrer klischeehaften Klischeehaftigkeit zur Weißglut treiben. (Und ich entschuldige mit bei allen Luzies mit Z, euer Name ist ganz und gar großartig und kommt genau deshalb in dieser Geschichte vor.)

Das schlimmste, was der deutsche Buchhandel zu bieten hat, sind nicht die Romane von Frank Schätzing. Auch nicht all die gleich klingenden Krimis, die Otto-Normal-Verbraucher im Zug oder Urlaub dabei hat. Das schlimmste, was der deutsche Buchhandel zu bieten hat, sind "Freche Frauen"-Romane. Freche Frauen. Was soll das sein? Freche Frauen ist eine Alliteration, die niemals irgendjemand irgendwo benutzen sollte. Freche Frauen gehen erst zum frechen Friseur ihres Vertrauens und lassen sich eine freche Kurzhaarfrisur schneiden, um danach in einen Buchladen zu gehen und sich einen Roman für freche Frauen wie sie eine sind, zu kaufen.
Bücher für freche Frauen haben immer ganz unfreche Cover. Ein braves Pink mit Gänseblümchen, ein Rot mit Sonnenblume oder, und das kratzt schon leicht an der Grenze des Frechen, eine umgekippte Wodkaflasche mit herumliegender Herrenboxershorts. Hihi.

Die Autorinnen der Freche-Frauen-Romane haben die Handlung etwa selbst so erlebt, wünschen sich, diese selbst so erlebt zu haben oder sind einfach verzweifelt genug, um für einen großen Verlag die volle Klischeeschublade zu öffnen.
Was ist in der Schublade drin? Zuallererst natürlich eine Frau, die im ersten Moment gar nicht frech, sondern eher naiv und hilflos erscheint. Natürlich würde sie gerade von ihrer ersten großen Liebe verlassen oder zumindest dem Mann, den sie für ihre große Liebe hielt.

Hier müssen wir einen kurzen Exkurs einschieben:
Die Protagonistin ist IMMER auf der Suche nach dem Mann für's Leben. Das ist ihr Golden Goal. Andere Formen des Zusammenlebens existieren in diesen Büchern nicht. Einzig obligatorisch: der beste schwule Freund. Natürlich. Praktischerweise ist der meist auch Friseur, damit sie sich zwischenzeitlich immer mit ihm beim Haareschneiden unterhalten kann. Sie ist also immer auf der Suche nach der großen Liebe. Mr. Big. Deshalb hat sie auch keine anderen Gesprächsthemen. Sollte eine Autorin versehentlich mal schreiben, dass sich die Protagonistin mit ihren Freundinnen über Politik unterhält oder gar über Technik, würde sie vom Verlag postwendend erschossen werden. So steht das auch im Vertrag.
Exkurs: Ende.

Wie heißt unsere Protagonistin? Klar, die kann nicht Margot oder Heidrun heißen. Wie kommt das denn rüber? Margots oder Heidruns passen nicht ins Setting. Also heißt die Protagonistin Lilly. Oder Luzie. Luzie mit z. Weil das ein bisschen frecher klingt. "Hallo, ich bin Luzie. Luzie mit Z." Bäm! Das ist frech, das ist modern. Luzie mit z hat ein sehr einfaches Charakterprofil. Sie ist vor allem eines nicht: frech. Wer auch immer sich jemals ausgedacht hat, diese Ecke im Buchladen mit "Freche Frauen" zu überschreiben, kann niemals auch nur eines dieser Bücher gelesen haben.

Luzie mit z ist vor allem eins: naiv. Und auch ein bisschen dumm. Sie wohnt in Berlin oder Köln oder München. Gerne in München, weil dort nämlich die ganzen Frauen-Zeitschriftsredaktionen sitzen. Und da arbeitet Luzie mit z nämlich. Entweder sie ist Moderedakteurin oder Bildredakteurin. Luzie mit z wohnt allein. Sie hat keine Katze, obwohl sie gern eine hätte. Wenn sie sich aber eine zulegt, hat sie Angst wie diese Katzenlady in den Simpsons zu enden und das ist ungefähr das Schlimmste, was Luzie mit z in ihrer Welt passieren kann.

Luzie ist natürlich hübsch. Nicht so richtig megahübsch, aber hübsch. Leider sind ihre Brüste klein. Sie existieren zwar, aber sie sind klein. Genauso wie alles andere an Luzie. Der Körper ist klein, der Popo ist klein, der Bauch ist klein – alles ist klein und zierlich. Vor vielen Jahren hat Luzie sich mal den Haarschnitt von Jennifer Aniston machen lassen, jetzt trägt sie aber die kurzen Haare von Jennifer Lawrence. So lange Jennifer davorsteht, kann man nichts falsch machen. Luzie mit z kann jede Folge von Sex and the City mitsprechen und hat immer eine Flasche Wodka im Eisfach. Anderen Alkohol trinkt sie nicht, außer Cocktails. Über's Essen brauchen wir nicht zu reden, Luzie mit z isst nicht. Luzies Stimme ist auf Dauer unerträglich, genau wie die Tatsache, dass sie den Menschen, mit dem sie redet, ständig am Oberarm anfassen muss. Luzie hat viele Freundinnen. Aber nur eine Beste. Die ist ein bisschen hässlicher als Luzie, um ihr keine Konkurrenz machen zu können.

Zurück zur Geschichte: Luzie mit z wurde also von ihrer ersten großen Liebe verlassen. Tom, Till oder Tim hat eine andere kennengelernt. Zum Beispiel eine erfolgreiche Slammerin mit großen Brüsten und tiefer Stimme, die Bier trinkt und... gut, lassen wir das. So beginnt das Buch. Und dann passiert auf den nächsten 220 Seiten nichts anderes, als dass Luzie arbeiten geht, mit ihren Freundinnen quatscht, nichts isst, sich von ihrem schwulen, besten Freund die Haare machen lässt und Männer datet. Unzählige Männer datet Luzie mit z und keiner will so richtig passen. Sie haben die üblichen Probleme: Mutterkomplex, einen Vollbart (Bärte sind in diesen Büchern hyperout), keinen guten Beruf, zu wenig Geld, keinen Sportwagen oder sie sind nicht Arzt.
Es passiert wirklich nichts anderes. In den meisten Kinderbüchern geschieht mehr als in diesen Freche-Frauen-Romanen. Luzie ist traurig, Luzie geht aus, Luzie analysiert mit ihren Freundinnen, Luzie ist traurig, Luzie arbeitet, Luzie geht aus, Luzie isst nichts, Luzie ist traurig.

Bis! Ja, bis endlich Max, Julius oder Christian auftaucht und Luzie endlich mal wieder lachen kann. Max, Julius oder Christian ist Arzt, verdient einen Haufen Kohle, hat nette Eltern, ist treu, schaut keinen Fußball und überhaupt ist er ganz großartig. Dann hat der Roman noch zwei Seiten, die beiden gehen aus, spielen das Spielchen "Wer meldet sich zuerst?", Max Julius oder Christian gesteht Luzie mit z, dass er einen Leberfleck am rechten, großen Zeh hat. Das findet Luzie mit z aber nicht schlimm. Sie küssen sich. Ende.

Genau so ist die Handlung jedes Romans aus dieser Ecke des Buchladens. Jedes. Kein Mensch weiß, was an diesem Verhalten frech sein soll und wahrscheinlich will es auch niemand wissen. Hier wird jedes Klischee bedient, dass es so gibt und das Schlimme ist – diese Mädels gibt es wirklich. Ich hab in München bei einer Frauenzeitschrift gearbeitet und war erstaunt, wie viele Luzies mit z ich dort kennengelernt habe. Bis ich Tom, Till oder Tim getroffen habe – ich weiß nicht mehr genau – und als er anhänglich würde, bin ich lieber wieder nach Norddeutschland gezogen. Und sie küssten sich nicht mehr. Ende.

Kommentare:

  1. Oh man. Genau so. Bloß dass noch zu erwähnen wäre, dass sich die beste Freundin und der schwule beste Freund immer Sorgen um Luzie machen und ihr zureden "Trau dich doch was!". Das sind dann die roten "Killer-Heels", die sie zu dritt im Prosecco-Rausch für Luzie besorgen. Die beste Freundin ist aber manchmal auch ein Maneater, die alles Selbstbewusstsein der Welt hat und zu der Luzie heimlich aufschaut.

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  2. Und diese Ecke in der (Bahnhofs) Buchhandlung wird immer größer.
    Meine persönliche Buchdealerin, hier ums Eck, hat immernoch die meisten Regalmetern Romanen und Krimis reserviert.
    Frau-Irgendwas-ist-immer

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  3. Oh Nina.... du sprichst aus meinem Geschundenen Buchhändlerinnen Herz. Ich kann auch gar nicht auf Hellblau mit Wölkchen aber da kann sich ja wer freches dein kümmern.
    Danke Miss Volt

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  4. Luzie mit z schreibt in ihren Facebook-Status Sachen wie "Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter" oder "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!" und findet das wahnsinnig individuell!

    Frauen, die sich "frech" oder "verrückt" nennen, schlagen mich in die Flucht - und Bücher über solche Leute sowieso! Aber ich bin froh, dass es sie gibt, sonst könntest du nicht so einen tollen Text drüber schreiben! :D

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  5. Och, Du sprichst mir aus der Seele. Nix ist öder als diese Luzies mit Z und ihren Luxusproblemchen.

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  6. Es fehlt noch wahlweise Luzies anstrengende Mutter oder ihr total lieber Vater.

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    1. Ja, und ihre durchgeknallte Schwester, die gerade ein voll schräges Theatervolontariat in London macht und raspelkurze erdbeerrote Haare macht, und mit der sich Luzie seit Jahrzehnten einen subtilen Wettbewerb liefert, wer die "frechere" von beiden ist.
      Ich finde, sie muss auch mindestens einen Hund aus dem Tierheim retten, so einen frechen Mischling mit schwarzen Flecken und einem umgeknickten Ohr. Und ihr Chef/ihre Chefin ist voll dooooooof. Luzie ist nämlich in den tiefen Abgründen ihres Herzens immer noch drei und mag rosa und Glitzer.

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  7. Meine Mutter schenkt mir solchen Quark auch gerne. Damit ich nicht immer nur "Ssriller" lese. In Luzies Leben stirbt nämlich glücklicherweise niemals jemand brutal.

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    1. Ausser die Leser durch lethalen Gähnkrampf.

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  8. Kritik an „frechen Frauen-Romanen“ in Form eines unfrechen Textes, der ironisch die Inhalte nacherzählt. Oookay …

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  9. Das Pendant zu Luzie mit z, der frechen Frau: Peter Krawatte, der maulende Mann.

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  10. Wie Herrlich, ich brech zusammen vor Lachen!

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  11. Danke für diesen hervorragenden Text!

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