2014-03-19

FERNSEHJUNKIES. ODER: WAS DER MANN UND ICH MACHEN, WENN ANDERE LEUTE DAS SCHÖNE WETTER GENIESSEN.

Das Kaninchen passt gut zu uns.
Der Mann und ich sind absolute Fernsehjunkies. Das geht so weit, sollte einer von uns irgendwann mal in einem Anflug von Wahn auch nur versuchen, zu äußern, dass wir den Fernseher – halt, die ZWEI Fernseher – ja auch abschaffen könnten, wäre diese Beziehung schlagartig beendet. Das ist traurig. Aber sehr wahr.

Möchtegern-Intellektuelle, die mir erklären, dass sie keinen Fernseher zu Hause haben, weil da ja eh nur Mist drin läuft, lache ich aus. Was wissen die schon! Im Fernsehen laufen so viele wunderbare Dinge – da sind der Mann und ich uns einig. Als wir einmal mit Freunden auf unserem Sofa zusammen saßen und das Gespräch irgendwie auf Guido Maria Kretzschmar kam, sagte eine der Personen: „Wer ist das?“ Wir schauten sie entsetzt an. „Ach, ist das so ein C-Promi aus dem Fernsehen?! Na, dann kenn ich den nicht, ich habe ja schon seit einigen Jahren keinen Fernseher mehr.“ Wir haben sie dann höflich zur Tür begleitet.

Apropos Guido Maria Kretzschmar. Inzwischen ist mir eigentlich egal, wie das Wetter am Wochenende wird. Der Samstag ist größtenteils belegt – von Shopping Queen! Gemeinsam sitzen wir im Wohnzimmer und beurteilen, wie die Stylobräute im Fernsehen sich anziehen. Dann malen wir uns aus, wie das wäre, wenn ich dort Kandidatin wäre und der Mann natürlich meine Shopping-Begleitung. Ausgeschlossen, dass wir nicht gewinnen am Ende. Die 1.000 Euro gehörten uns, bevor wir überhaut losgefahren wären. Der Mann ist eine großartige Shopping-Begleitung. Er sagt einfach immer: „Ja, geht.“ Ich komme aus der Umkleide und gucke sehr fröhlich: „Ja, geht.“ Ich komme aus der Umkleide und gucke eher skeptisch: „Ja, geht.“ Nicht anders läuft das, wenn ich mich morgens oder zu irgendeinem Event anziehe. „Kann ich das so tragen?“ – „Ja, geht.“ Ich bin mir nicht sicher, was „Ja, geht“ eigentlich heißen soll. Manchmal versuche ich ein in irgendeiner Form wertendes Urteil aus ihm herauszuquetschen. „Sieht das gut aus?“ – „Kann man machen.“ Einmal hat er tatsächlich mehr gesagt. Ich machte mir die momentan absolute Trendfrisur aus Island. So laufen dort alle rum – Männer und Frauen. Ich schaute ihn an und er sprach: „Das ist scheiße.“ Ich fand es gar nicht so schlimm und hakte noch einmal vorsichtig nach: „Wirklich? Sieht aus wie eine Antenne, oder?“ „Mach das bitte weg.“
Dann drehte er sich wieder zum Fernseher, in dem gerade eine Frau versuchte, eine Handtasche auszusuchen und sprach: „Die passt nicht zum Kleid – das denkt Guido sicher auch.“

Es ist nämlich nicht so, dass der Mann sich mit Mode überhaupt nicht auskennen würde. Er geht selbst gern shoppen und trägt eine Mischung aus Hipster- und Lehrer-Outfit. Wenn man sich jetzt fragt, wie das aussieht: Vollbart mit Skinny-Jeans und Karohemd. Die Northface-Jacke ist obligatorisch. Das fiel auch den Schülern schon auf. Einer fragte ihn mal: „Wollten Sie eigentlich mal Modedesigner werden?“ – „Äh?! Nein. Das finde ich ziemlich langweilig.“ Der Schüler schaute ihn verzweifelt an und sprach: „Und dann haben Sie Chemie studiert?“ Wo er Recht hat…

Um am Wochenende nicht besonders früh aufstehen zu müssen, haben wir auch einen Fernseher im Schlafzimmer. Das ist besonders für den Sonntagvormittag sehr praktisch. Vox hat offenbar einen Narren an Sendungen gefressen, in denen es hauptsächlich darum geht, vermeintlich hausfrauliche Tätigkeiten zu bewerten: Shoppen, Kochen und Heiraten. Und so schauen wir Sonntags Vormittags den Hochzeits-Horror. In „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ buhlen vier aggressive Bräute um die Punkte der jeweils anderen und hoffen auf den Gewinn einer Urlaubsreise. Nie lernte ich mehr über das Leben und meine Vorstellung von Beziehungen als beim Schauen dieser Sendung. Punkt 1: Es gibt seit fünf Jahren keine Hochzeit in Deutschland – keine einzige – während der nicht „Ich habe einen Schatz gefunden“ gespielt oder schlecht gesungen wird. Punkt 2: 98 Prozent aller Menschen sollten das mit dem Eröffnungstanz einfach lassen oder nur schmusig herumschwofen. Punkt 3: Venezianische Masken aufsetzen und sich gegenseitig anzusingen zeigt den Gästen nicht, dass ihr total romantisch seid, sondern einfach nur, dass ihr eine Meise habt, eine sehr große.
In jeder Runde gibt es mindestens eine, die unbedingt gewinnen will. Weil ihre Hochzeit genau wie alle anderen nur durchschnittlich ist, versucht sie es über die Schiene, alle anderen einfach schlecht zu bewerten. „Beim Buffet war wirklich alles dabei und sehr lecker. Allerdings hat mich gestört, dass die Braut mich nicht persönlich gefüttert hat – deswegen gebe ich ihr für das Essen fünf von zehn Punkten.“ „Die Kirche war halt relativ langweilig eingerichtet…“ EINGERICHTET! „unter Kirchen stelle ich mir etwas anderes vor – deshalb gebe ich für die Zeremonie drei von zehn Punkten.“ An dem Punkt, an dem ich dann immer gern in den Fernseher springen will, beschließe ich aufzustehen. Besser als jeder Wecker.

Den Abschluss in Sachen Aggressiv-Fernsehen macht „Das perfekte Dinner“. Es ist aber auch schlimm. Diese Sendung läuft immer dann, wenn wir gerade gekocht haben und die Simpsons fertig sind. Irgendwas müssen wir ja nebenbei schauen. Sonst müssten wir uns unterhalten und das will wirklich niemand. Beim perfekten Dinner gibt es Runden, die ich tatsächlich sehr angenehm finde. Die gibt es ungefähr einmal im Jahr. Den Rest des Jahres rege ich mich über dumme oder arrogante Menschen auf. Aktuell ist eine Rechtsanwältin aus Frankfurt dabei, die allein schon aufgrund ihrer Stimmlage weder im Fernsehen noch im Gerichtssaal auftauchen dürfte. Frauen, die sprechen, als wollten sie gerade die Erzieherin überreden, ihnen ihr Spielzeug wiederzugeben, kann niemand ernst nehmen. „Ja, Euer Ehren, mein Mandant…“ – „Schuldig! Das kann ich mir nicht länger anhören.“
Gut sind auch die, die prinzipiell gar nichts essen und dann aber bei dieser Sendung mitmachen. „Ich mag keine Meeresfrüchte, nichts, dass knackt, wenn ich drauf beiße und nichts, was vorher in einem Supermarkt gelegen hat.“ Im Ernst, Vox: Wo grabt ihr die aus?

Wenn beim perfekten Dinner Werbung ist, schauen wir bei Pro7, welcher Galileo-Beitrag heute wiederholt wird. Möglicherweise ist es der mit dem geheimen Kriegsbunker-Geldlager in Nordrhein-Westfalen. Dieser Bunker, der super geheim ist und den nur wenige Menschen kennen und genau deswegen laden diese Menschen das Galileo-Team ein, um im Fernsehen zu zeigen, dass der Bunker in Wahrheit nur verschimmelt und leer ist und das Geld wohl verschwunden ist. UNHEIMLICH. Oder der Beitrag über diese super scharfen Messer, die wirklich alles, alles!, schneiden. Und dann schneiden die Galileo-Mitarbeiter fünfzehn Minuten alles, was ihnen unter die Finger kommt. Um am Ende festzustellen, dass die Messer bei verwesten Mumien im Windkanal bei Minus 35 Grad auch ihren Geist aufgeben. Oder der Beitrag über dieses lustige Video aus dem Internet, in dem ein Adler ein Kind von einer Wiese klaut und mitnimmt. KANN DAS WIRKLICH ECHT SEIN ODER IST ES EIN FAKE? Die Hälfte des Beitrags beschäftigt sich mit der Suche nach einem Adler und einem Kind, die freiwillig den Test mitmachen wollen. Nach einigen Kratzern und dem Verschwinden des Adlers stellen sie dann fest, dass das Video, Überraschung!, ein Fake ist. Galileo ist immer wieder für gutes Fernsehen gut.

Ab 20:15 Uhr ist unsere Fernsehwoche auch komplett durchgeplant. Wenn wir richtig Bock auf Streit haben, schauen wir „Wer wird Millionär?“. Die Frage wird gestellt und wir legen uns auf eine Antwort fest. „Ich bin mir sicher es ist A.“ – „Ich nehme auch A.“ – „Das kannst du nicht nehmen, weil ich es schon genommen habe.“ – „Aber es ist richtig.“ – „Ja, dann musst du wohl was Falsches nehmen.“
Oder der Mann sagt: „Es ist C.“ Und ich antworte: „Das glaube ich nicht, ich hab mal was von B gelesen.“ Dann sagt der Mann: „Nein, C, hundertpro. Du weiß doch, ich weiß alles.“ Günther Jauch sagt: „Schade, es war B.“ Und dann sagt der Mann: „Siehste, ich hab doch gesagt, es ist B.“ Das ist der Zeitpunkt, an dem ich in die Küche gehe und einen Schnaps trinke, um ihm nicht den Hals umzudrehen.

Mein Lieblingsabend im deutschen Fernsehen ist allerdings der Sonntag. Tatort. Klassisches Spießertum in all seiner Herrlichkeit. Zuschauen, wie Til Schweiger verzweifelt versucht, in 90 Minuten so viele Menschen zu töten, wie sie in allen Cobra 11-Staffeln nicht gestorben sind. Oder Maria Furtwängler, die kalt und abweisend durch die Glasgebäude der Nord LB wandelt und uns weismachen will, dass dort das LKA sitzt. Oder dass sie schauspielern kann. Oder der Kommissar, dessen einzige Aufgabe daraus besteht, immer wieder mit „Ich höre“ an sein Handy zu gehen. Ach, so viele schöne Dinge, die im Tatort passieren, dass diese eine eigene Geschichte verdient haben. Und die gibt es dann wann anders.

Kommentare:

  1. Herrlich, Ninia, herrlich!

    Du sprichst mir wieder einmal aus der Seele... ;)

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  2. Hallo Ninia,

    vielen Dank für diesen tollen Beitrag, ich habe an vielen Stellen wissend genickt oder gelacht. Es war einfach herrlich erfrischend. Für euren "Wer wird Millionär-Abend" wäre es vielleicht hilfreich, dass ihr die Antworten aufschreibt, dann gibt es nicht so viel Streit. Aber manchmal ist es auch befreiend, wenn man sich über diese Situationen oder das Fernsehen aufregen kann. Gerne mehr solcher Artikel, ich freu mich drauf.

    Viele Grüße, Silke

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  3. Wunderbar! Habe meinen Göttergatten und mich be(un)ruhigend oft wieder gefunden. Für den unwahscheinlichen Fall, dass einen das Fernsehprogramm mal im Stich lassen lassen sollte, empfiehlt es sich übrigens, einige Serien auf DVD anzuhäufen. ;)

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  4. ich bin erleichtert! erleichtert, weil endlich mal jemand öffentlich sagt, dass es spass macht, diesen ganzen quatsch zu gucken. und vor allem, dass man ihn guckt! wir sind auch tv-junkies. ich noch mehr als mein mann. aber er ist so freundlich und lässt sich von meiner begeisterung für seltsame sendungen anstecken. nur wenn die fremd-schäm-schwelle überschritten wird, dann müssen wir weg schalten. alles kann man dann doch nicht gucken.
    wie ich jetzt festgestellt habe, das beste am tatort - besonders an einem schweiger-tatort - ist die twitter-timeline. das ist unterhaltung pur. mit witz. da muss ich sogar lachen, während im fernsehen jemand um die ecke gebracht wird. naja, humor ist wohl geschmacksache. ;)
    wunderbare artikel, liebe ninia!
    herzliche grüße
    die frau s.

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  5. "Möchtegern-Intellektuelle, die mir erklären, dass sie keinen Fernseher zu Hause haben, weil da ja eh nur Mist drin läuft, lache ich aus. Was wissen die schon!"

    DANKE! Leider wohne ich mit genau solchen Leuten zusammen. Ich habe seit Jahren keinen Fernsehanschluss, weil ich den nicht allein bezahlen möchte, und muss mir ständig subtile Vorwürfe darüber anhören, warum ich überhaupt fernsehen will. Ob ich wohl, naja... ein bisschen dumm bin?

    Lustigerweise kommt sowas auch häufig von Menschen, die sich null für Politik und Gesellschaft interessieren, aber glauben, mit ihrer Fernsehverweigerungshaltung schon genug zur Verbesserung der Welt beigetragen zu haben. Weil sie da halt voll die Rebellen sind. Hach ja...

    Das perfekte Dinner, wie vermisse ich es... und was ist so schlimm daran, nach einem harten Tag bei so etwas einfach mal komplett das Hirn abzuschalten? Während dem Rest des Tages denkt man doch schon genug.

    Vielleicht bezahle ich den Anschluss doch demnächst allein :)

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