2014-02-19

DEHNEN. SCHWITZEN. ATMEN.


So sehe ich aus, wenn ich vom Sport komme.
Das Fitnesstudio befindet sich im vierten Stock,
niemand geht da zu Fuß hoch.
Als ich mal drei Wochen am Stück nicht im Fitnesstudio war, bekam ich eine automatisch generierte Mail, in der ungefähr folgendes stand:

„Hallo Ninia,
Dein Studio-Team hat sich gerade gefragt, warum Du solange nicht
mehr beim Training warst.
Fehlt Dir die Motivation, geht es Dir momentan nicht so gut, oder sind es andere Gründe?
Egal was es ist...Bitte melde Dich!“

Ich habe kurz überlegt, eine sehr lange Mail zurückzuschreiben, in der ich ausführlich über alle Termine in den letzten drei Wochen berichte, meine privaten Probleme ausbreite und mich entschuldige. Stattdessen bin ich am nächsten Tag einfach wieder ins Studio gegangen. Ich hasse mein schlechtes Gewissen.

Sport gehört zu den Dingen, die ich nach Milchreis essen und auf Beerdigungen gehen, am unliebsten mache. Trotzdem tauche ich immer wieder in diesem unglückseligen Ort auf. Das Fitnessstudio befindet sich direkt neben meinem Büro. Das ist auch der einzige Grund, warum ich mich dort angemeldet habe. Weil ich dann keine Ausreden mehr habe, es ist ja direkt nebenan. Ich zwinge mich, meine Zeit mit etwas zu verbringen, dass ich hasse. Nur weil ich glaube, ich müsste das tun. Weil es gesund sein soll.

Davon mal ab. Das, was ich da mache, ist nicht gesund. Alle zwei Wochen vorbeischauen. Auf dem Crosstrainer rumjuckeln und dann in den Muskel-Aufbau-Circle gehen, ist nicht gesund. Ich beginne nämlich alle zwei Wochen von vorne, meine Muskeln aufzubauen. Zwischendurch habe ich Muskelkater und im Anschluss bauen sich meine spärlichen Muskeln wieder ab. Als ich anfangs noch wirklich regelmäßig ging, umfasste der Mann meinen Oberarm und ich spannte ihn so sehr an, dass mein Kopf fast platzte. Er schaute mich fragend an und sagte: „Ja, jetzt spann mal an.“ Seitdem hasse ich ihn. Und meinen Oberarm.

Und immer, wenn ich dann in diesem Circle sitze und meine Bizeps-Trizeps-Supermuskeln trainiere, muss ich auf einen Bildschirm starren, auf dem mir das Studio-Team Tipps gibt. Zum Beispiel: 70 Prozent des Trainingserfolges hängen von der Ernährung ab. Aha, denke ich und sinniere über die Pasta, die ich mir im Anschluss reinpfeifen werde. Mit Ernährung meinen die vom Studio aber „Eiweiß-Drinks“. Das nennen die tatsächlich Ernährung. Getränke, die aussehen wie Milchshakes, aber nicht mal halb so gut schmecken. Das ist so schrecklich, dass ich gleich noch mehr Hunger bekomme.

An guten Tagen besuche ich nach dem Muskelaufbau noch einen dieser Kurse. Die haben ja auch immer so crazy Namen: „Core Workout“, „Step Fatburner“ & „BBP 2“. In Wirklichkeit sind das alles Synonyme. Für Schweiß.
Nun muss man dazu sagen: Ich bin eine schwierige Patientin. Nach Knie-OP und diversen Problemchen mit Kniescheiben, Wasser im Knie und falschem Gang ist es extrem ungünstig, wenn ich rumhüpfe. Egal, in welcher Form. Damit habe ich auch immer eine gute Ausrede für die richtig anstrengenden Kurse. Stattdessen mache ich Pilates. Pilates ist auch ein Synonym. Für „Atmen“.

Das allerwichtigste beim Pilates ist, dass man an sein Powerhouse denkt. „Denkt an euer Powerhouse“, ruft die Trainerin etwa alle fünf Sekunden. „Denkt an euer Powerhouse! Schön anspannen!“ Das Powerhouse ist der Bauch. Mein Bauch hat sehr wenig mit einem Powerhouse zu tun. Eher mit einem Entspannungszentrum. Oder einem Fachgeschäft für besonders weiche Matratzen.
Trotzdem versuche ich natürlich an das Powerhouse zu denken. Damit bin ich dann auch schon voll ausgelastet. Alle anderen in dem Kurs machen parallel noch tausend andere Dinge. Ihre Beine in die Höhe wuchten. Einen Ball dazwischen klemmen. Atmen. Ich denke nur ans Powerhouse.

Die Atemtechnik ist beim Pilates super wichtig. An bestimmten Stellen muss man einatmen und an anderen wieder ausatmen. Damit auch die dümmsten Köppe im Kurs das kapieren, macht die Trainieren das sehr laut vor. „EINATMEN, hüüüüüüp.“ „Und wieder AUSTAMEN, pfffffff.“ Es gibt Menschen, die machen das genauso nach. GENAUSO. Die atmen gefühlt für alle 30 Kursteilnehmerinnen mit. Ich möchte nicht, dass jemand für mich mitatmet. Das kann ich allein. IMMERHIN. Und wenn ich schon was alleine kann beim Sport, dann will ich das auch alleine machen. Diese lauten Atmer nerven mich nach kürzester Zeit und dann kann ich gar nichts mehr denken, außer an Atmen und Mund und nicht an ein Powerhouse oder Anspannen, geschweige denn daran, wo gerade welcher Arm und welches Bein von mir liegen, stehen, stützen sollte.

Das allerschlimmste an diesem Kurs sind aber nicht die Teilnehmer. Auch nicht die Trainerin. Nein. Das allerschlimmste sind die Glasfenster! In kurzen Abständen kommen Menschen an diese Glasfenster oder gehen an ihnen vorbei und schauen rein. Wie im Zoo. Auf der Infotafel könnte stehen: „Hier sehen Sie verzweifelt, atmende Menschen, bei dem Versuch, fitter zu werden. Bitte nicht füttern. Und wenn, nur mit Eiweißshakes.“ Immer, wenn jemand reinschaut, fühle ich mich unter Druck gesetzt. Ich gebe mir dann für fünf Sekunden besondere Mühe. Kaum schaut der Mensch nicht mehr, breche ich zusammen. Ich weiß noch nicht, ob das wirklich der Sinn von Pilates ist.

Das Schönste am Sport ist nach dem Sport. Das Duschen. Essen. Das gute Gewissen. Dem Mann sagen: „Du solltest aber auch mal wieder, wenn du im Frühjahr auf die lange Wanderung willst.“ Und das so Tun als es das Natürlichste der Welt für mich, regelmäßig zum Sport zu gehen. „Ja, natürlich mache ich regelmäßig Sport. Der Körper braucht das doch! Wie, du machst das nicht? Aha. Tja, musste selbst wissen. Also, ich bin mindestens zweimal die Woche da. Ist auch richtig gut für meine Gelenke.“ Und drei Wochen später bekomme ich dann wieder eine Mail…

Kommentare:

  1. Die großen Schaufenster sehe ich eher als Anreiz. Gehen draußen die "Gaffer" vorbei, denk ich, die sind faul und ich nicht und bin schon deswegen gleich 'ne Ecke motivierter.

    AntwortenLöschen
  2. Ich habe mich selten so gefreut,
    selten so bekloppt vor mich hingrinsen müssen,
    mich selten so amüsiert und
    mich noch nie so sehr verstanden gefühlt!
    Danke ;)
    Liebste Grüße, Nadine

    AntwortenLöschen
  3. Ja! Jaaaa! Ja, ja, JA, ja! *zustimmend nick* Genau so! Danke fürs Aussprechen, resp. Niederschreiben ;)
    Lg,
    Josy

    AntwortenLöschen
  4. Ich beömmle mich vor Lachen. Sehr treffend beschrieben. Ich hasse Fitnessstudios und War seit 12 Jahren in keinem mehr.

    Aber ich muss mal eine Lanze für Pilates brechen: macht man das mit einem richtigen Trainer, der sich nur darauf spezialisiert hat, und nicht im Fitnesscenter, bei dem der Trainer im Idealfall einen Wochenendkurs belegt hat, dann ist Pilates nicht nur Atmen, sondern richtig harte Arbeit. Und gut für den Rücken. Und den Beckenboden nicht vergessen. ��

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das habe ich mir schon gedacht, dass es wahrscheinlich besser wäre, es mal außerhalb des Studios auszuprobieren. (Für die Geschichte musste ich die Situation natürlich ein bisschen auf die Spitze treiben ;)).

      Löschen
    2. Blöde Frage, aber wäre ein schöner Spaziergang nicht unstressiger, billiger und letztendlich effektiver? Ich will nicht klugscheißen, ich hab nur festgestellt, daß das bei mir nen Unterschied macht (fitnessmäßig) und ich Fitneßstudios eh eklig find...

      Löschen
  5. Konnte bei dem Artikel sehr gut mitfühlen, Fitnessstudios sind mir auch ein Graus. Pilates habe ich eine zeitlang bei einer befreundeten Physiotherapeutin gemacht. Das hat mir gut gefallen und ich konnte ein paar Erfolge feststellen (im Bauch hat man Muskeln, die tun was ich möchte, unglaublich :)). Seit knapp einem Jahr mache ich nun einen Fitnesskurs vom Hochschulsport, der Elemente aus Thai Bo, Thai Chi usw. kombiniert. Durch einen super motivierenden Trainer und die Art wie der Kurs aufgebaut ist, habe ich richtig Spaß daran und ärgere mich, wenn ich nicht mindestens einmal von den 2 Terminen die Woche hingehen kann. Denke erst wenn einem die Sportart gefällt bleibt man dran und erreicht auch was. Früher hab ich mich auch eher gequält, egal ob im Studio, beim Laufen oder Walken.

    AntwortenLöschen
  6. Vielen Dank für einen wirklich unterhaltsamen Beitrag!! :-) Ich habe herzlich gelacht!
    Auch ich habe es bereits mit dem Powerhouse versucht, musste aber schnell feststellen, dass es bei mir vergessen wurde einzubauen. ;-)

    AntwortenLöschen
  7. Großartig!! Ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen. Die wahre Geschichte über den Fitnessstudio-Gänger :-)

    AntwortenLöschen
  8. Ok hallo, ich liebe deinen Schreibstil. Mehr mehr mehr!

    AntwortenLöschen
  9. Ich habe deine Geschichte mal auf meinem Blog aufgegriffen.

    AntwortenLöschen
  10. Wundervoll! Ich wusste, dass jemand für mich da hingeht.Aber dass Sie es sind, das weiß ich nach dem Lesen des Textes. Danke.DANKE!Herzliche Grüße an Sie und das POWERHOUSE!Sunni

    AntwortenLöschen
  11. Super Post! Ich geh einfach nicht mehr hin und mach gar keinen Sport, sondern geh nur spazieren und Radfahren. Vielleicht demnächst zum Yoga aber nur, wenn die nett sind und es mir gefällt. Ich will keine Qual und kein Sport machen müssen mehr!
    Liebe Grüße von der Besitzerin eines weichen Matrazenfachgeschäfts (alias Bauchi)
    Nanne

    AntwortenLöschen