2014-01-07

ICH HABE DAS AUSSPANNEN VERLERNT.



Irgendwann in den letzten Jahren habe ich das Ausruhen verlernt. Ich arbeite, ich schreibe und blogge, ich bin viel unterwegs und habe trotzdem immer das Gefühl, ich müsste doch noch mehr schaffen. Wenn ich einschlafe, denke ich darüber nach, was am nächsten Tag auf mich zukommt und wenn ich aufstehe, gehe ich im Kopf die Termine der nächsten Tage durch. Ich fühle mich nicht unwohl dabei. Mir macht das alles Spaß. Aber es gibt Wochen, in denen ich nicht so ganz weiß, wozu eine Wohnung noch gut ist als in ihr zu schlafen.

Ich bilde mir ein, dass das besser wäre, wenn ich nicht in einer Großstadt leben würde. Diese vielen Möglichkeiten, die vor der Haustür warten, müssen doch auch genutzt werden. In einem kleinen, einsamen Häuschen irgendwo auf dem Dorf, hätte ich Zeit, Zeit zu haben. Glaube ich. Wahrscheinlich ist dem gar nicht so. Wahrscheinlich würde ich dann in diesem Dorf sitzen und mich stündlich ärgern, dass ich so weit fahren muss, um etwas Gutes irgendwas zu machen. In meiner Stadt muss ich nur vor die Haustür stolpern und schon warten dort hundert Dinge, die ich tun könnte. Und von diesen hundert Dingen mache ich natürlich auch kaum etwas – weil ich andere Dinge zu tun habe. Aber die Möglichkeit, sie ist da und schon das beruhigt mich ungemein.

Die letzten zwei Wochen hatte ich frei – so ganz komplett. Und dann saß ich auf dem Sofa, schaute Serien und fragte nachmittags den anderen Menschen auf dem Sofa, was wir denn heute noch machen würden. „Nichts“, sagte dieser und schien damit zufrieden zu sein. „Aber dann, ähm, dann haben wir heute nichts geschafft, nur hier gesessen“, stellte ich verzweifelt fest. „Ja. Du hast verlernt, dich auszuruhen, ansonsten würdest du das nicht schlimm finden.“ Aha.

Ich gehe in die Sauna und schwitze und überlege: Ist das jetzt dieses Ausruhen? Ich liege in der Badewanne schaue diese eine Reportage, die ich schon so lange sehen wollte und überlege: Ist das jetzt Ausruhen? Ich brauche immer Pläne. Diese werfe ich auch gerne wieder über den Haufen, aber zuallererst müssen sie da sein. Das gibt mir Sicherheit. Ich strukturiere gerne alles. Sich spontan mit mir verabreden? Vergiss es. Das kann sehr schwierig werden.

Sport. Ich habe es mal mit Yoga probiert. Nicht nur einmal. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass Yoga nichts für mich ist. Ich verbiege mich und denke darüber nach, wie ich es denn heute noch schaffen soll, auch noch die Wäsche zu waschen. Das ist keine Entspannung. Das ist Schwitzen mit To-Do-Listen-Erstellen. So richtig abschalten kann ich bei Aktivitäten, die mir alles abverlangen. Karate, zum Beispiel. Oder Ballett. Beide Sportarten erfordern höchste Konzentration und lassen gar nicht zu, dass ich noch an irgendetwas anderes denke. Außer daran, dass jetzt bitte auch mein kleiner Finger unter Vollspannung steht. Beide Sportarten darf ich nicht mehr machen, weil Ballett ungefähr alle Gelenke kaputt macht, die man so hat.
Ich besitze einen Ausweis für das Fitnessstudio neben dem Büro. Weil das so praktisch ist. Dann kann man nach Feierabend ja direkt rübergehen. Ich finde trotzdem Ausreden. Ab und an gehe ich zum Circle-Training, weil das wiederum gut für meine Gelenke ist. Und manchmal verirre ich mich dann auch in den Pilates-Kurs. Dann hänge ich frustriert und verdreht herum und frage mich, wie andere Menschen diese Übungen der Trainerin so gut nachmachen können. Verzweifelt versuche ich, meinen Po in die Höhe zu hieven und frage mich dabei, wie ein Mensch so laut atmen kann. In diesen Kursen ist immer mindestens ein Mensch, der laut atmet. Oder schnauft. Oder Rotze hochzieht. In meinem Kopf wird das zu einem lauten Orchester und ich kann mich auf gar nichts mehr konzentrieren. Auch nicht auf Entspannung.

Ich mache wirklich gerne Dinge. Nur herumzusitzen fällt mir sehr schwer. Und wenn das so ist, dann muss ich es auch nicht tun. Das beschließe ich jetzt. Vielleicht kann Auspannen ja auch ein Auftritt sein. Oder ein Museumsbesuch. Oder eine Fototour. Oder schreiben. Oder singen. Oder Blogs lesen. Oder…

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele - ich konnte das auch lange Zeit nicht, dieses "ausruhen". Ständig To-do-Listen anfertigen und abhaken (diese Genugtuung!), von einem Termin zum anderen laufen, ständig online sein. Seit kurzem habe ich "nur" noch einen Job und den auch noch in den frühen Morgenstunden - seitdem habe ich gelernt, mich mal wieder gepflegt zu langweilen, einfach nur aus dem Fenster schauen oder ins Nichts zu gucken. Zu lernen, sich ab und zu zu langweilen, kann gar nicht schaden, meine ich - vorausgesetzt man weiß, dass es kein Dauerzustand ist. (Was nicht heißt, dass man im Museum oder bei einem Spaziergang nicht entspannen kann!)

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  2. Oh jau! Das kenn ich zu gut! Ich versuch auch das einfach zu akzeptieren. Fällt mir aber nicht immer leicht. Aber ist dieser innere Antrieb, diese Ruhelosigkeit vielleicht eine positive Eigenschaft? Wären wir ohne sie wirklich so kreativ, so weltoffen, so unternehmungslustig? Bei mir hilft auf jeden Fall Nähen, Stricken und Fotografieren um meinen Puls runterzuholen und meine Gedanken auf eine Sache zu fixieren.
    Liebe Grüße :-)
    Frauke

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    1. Hallo Frauke, vielleicht hast du Recht und man muss diesen inneren Trieb wirklich als etwas positives sehen. Denn er sorgt ja tatsächlich dafür, dass wir sehr kreativ sind. :)

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  3. Sehr gut geschrieben! Ich übe das entspannen gerade auch wieder etwas bewusster. Mir ist nämlich bewusst geworden, dass ich zwar entspannende Dinge mache, wie zB in Ruhe zu lesen, dabei im Kopf aber noch zig andere Dinge habe \ mache.

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  4. ...oder autogenes training !!

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    1. Ach ja, auch auf meiner Liste. Dann können wir ja zusammen ;).
      Uta

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  5. Auch ich kenne das allzu gut! Alles, was kein Ergebnis hervorbringt oder nicht nach Leistung aussieht, ist für mich gleich "faul". Dabei sollte ich es als notwendige Entspannung begreifen. Habe das sinnvolle Nichtstun verlernt - übe es aber.

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  6. Die Kunst ist es, die Dinge, die wir lieben in vollen Zügen zu genießen und nicht im Kopf an das nächste denken, da gebe ich dir Recht. Diese Dinge sind bei mir meistens auch andere als klassisches nichts tun auf der Couch. Ein schöner Skitag oder eine Wanderung. Ein Buch lesen oder im Sommer ein Tag am See. Das sind für mich die Auszeiten und ich schaffe es meistens ganz gut, dann zu entspannen. Aber diese müssen auch bei mir meistens bewusst geplant sein - das hilft mir dann beim genießen. Denn zu viel abhängen ohne Struktur hat ja auch was mit gelangweiltem absitzen der freien Zeit zu tun und dafür ist sie nun wirklich zu schade!

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    1. Genau! Ich fühle dann oft: "Jetzt hast du schon so viel Zeit und sitzt nur rum." Vielleicht hilft es wirklich schon, einfach bewusst, Auszeiten zu planen und sich dafür "schöne" Dinge vorzunehmen.

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  7. Ich kenne das Gefühl, wenn ich mal wirklich nichts tue und eigentlich tue ich fast immer was, auch wenn es für mache als nutzlos und sinnlos erscheinen mag, kommt bei mir das Gefühl hoch, ich würde etwas verpassen. Tatsächlich verpasse ich aber nichts, wie ich inzwischen feststellen konnte. Doch, ich verpasse es mir Gedanken über mein Leben zu machen, wie ich zu meinen Mitmenschen stehe und heraus zu finden, was ich eigentlich möchte.

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  8. Oder Du könntest in Deinem Bericht die Kommasetzung in Ordnung bringen; so richtig lesefreundlich nach Zeitungen-Rechtschreibung, nicht nach Deutschlehrer-Rechtschreibung (wenngleich auch diese schon ein Fortschritt wäre).
    Oder Du könntest Deine Lebensbauplätze nach Wesentlichkeit sichten.
    Oder Du könntest Dich um Deinen Nachwuchs kümmern. Das ordnet den Alltag ungemein.

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    1. Vielen Dank für die Tipps. Allerdings bin ich mir unsicher, wo der Unterschied zwischen "Zeitungen-Rechtschreibung" und "Deutschlehrer-Rechtschreibung" liegt. In meiner Naivität dachte ich immer, es gäbe nur eine Rechtschreibung. Nachwuchs habe ich nicht - gehört in meinen Lebensbauplätzen nicht zum Wesentlichen.

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    2. Du scheinst deinem Bild sowie deinem Kommentar nach zu urteilen erst ca. 12 Jahre alt zu sein.
      Also bitte misch dich nicht in die Kommunikation von Erwachsenen ein ! Danke.

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  9. du könntest hier von mir schreiben. ein text, den ich grade schmunzelnd, aber auch gleichzeitig nicht ganz ohne bedenken gelesen habe. mir geht es nämlich im gegensatz zu dir so, dass ich das nicht genieße. ich würde oft gerne einfahc nur zeit haben zeit zu haben. einfach nichts tun. aber ich kann es nicht, weil ich doch so wenig zeit habe und mir die ruhe dafür fehlt, einfach mal "nichts" zu machen. dann ist wieder montag und ich habe das gefühl, die zeit vergeudet zu haben. das ist es nämlich: ausspannend hat heutzutage (vor allem wohl in der großstadt) das flair, dass man die zeit vergeudet. mein körper und mein geist hätten das aber oft bitter nötig, ich krieg nur die ruhe nicht dazu.

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  10. Ferdinand L.Januar 22, 2014

    Hallo. das kenne ich auch nur zu gut. Halte mich auch für einen rastlosen Menschen. Manchmal jedoch hab ich Angst, dass ich nicht alles schaffen könnte, was ich mir vornehme oder bin unzufrieden mit mir selbst, wenn ich mir doch mal einen Moment der Ablenkung gönne, der eben nicht eingeplant war. Ich stelle auf jeden Fall seit einigen Monaten einen schleichenden Verschleiß fest. Zu diesem Zweck hab ich mir einen Kindheitstraum erfüllt und mir jetzt einen Sitzsack angeschafft. Ich konnte mich dran erinnern, dass ich als Winzling so viel Zeit mit dem unserer Nachbarn verbracht habe... Zeit oder Sinn spielten keine Rolle!
    Das habe ich jetzt zu meinem Ritual gemacht. Ich sitze/liege eine halbe Stunde einfach nur da und denke bewusst an gar nichts. Mir geht es um einiges besser, seit dem ich das tue - bin wesentlich ausgeglichener.
    Ich finde es toll, dass du keine Belastung oder Ähnliches empfindest! Wenn man seiner Leidenschaft nachgeht kann man ja sowieso 24 Stunden am Tag vollste Energie hineinstecken... aber ich glaube ewig macht der Körper das nicht mit. Aber jeder ist da anders.
    Ich für mich musste jedenfalls mal in die Bremsen treten. Vielleicht ziehst du deine Entspannung auch völlig unbewusst aus Situationen, die dir eben nicht als Zeit der Entspannung vor Augen geführt werden??

    Gruß, Ferdi

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