2013-09-17

FÜNF TAGE VOR DER WAHL. EIN STATUSBERICHT.



Am Vorabend sitzt ein Kanzlerkandidat bei zwei sich selbst sehr liebenden Fernsehfuzzis. Er verrät, dass er mit einem der Moderatoren ein Bier trank (das soll ihn cool wirken lassen, weil Angie nur Kirschschnaps trinkt) und stellt klar, dass einer mit Sicherheit nicht schuld sei, sollte er nicht gewinnen: Er selbst.
In einem anderen Studio sitzen fünf alte, weiße Männer mit einem alten, weißen Moderator und diskutieren über die Zukunft. Es sind die gleichen Menschen, die auch schon vor zwanzig Jahren über Zukünfte diskutiert haben und es hat sich kaum etwas geändert. Ein bisschen runzliger sind sie geworden, aber das sind Äußerlichkeiten. In der Politik beschäftigen wir uns doch mit Inhalten. Oder?

In der Zwischenzeit ist die Bergung der Costa Concordia fünf Zentimeter fortgeschritten. Die Liveticker auf allen Newsseiten überschlagen sich.

Auf irgendeiner Kabarettbühne in Deutschland macht sich derweil jemand über das Dekolletee und die Frisur der Kanzlerin lustig. Das macht dieser Irgendjemand übrigens seit etwa zehn Jahren. Weil es so einfach ist. Um davon abzulenken, versucht die CDU Werbung mit der Bilanz der Frauen- und Familienministerin zu machen. Vielleicht müssen sie selbst ein bisschen ob ihrer Scheinheiligkeit brechen, aber das zeigen sie nicht. Die Kristina, das ist doch ne Nette, die hat das schon ganz schön gemacht.

„Vorsicht!“, schreit der Experte in Giglio und alle Reporter machen sich bereit für spektakuläre Bilder. Aber dann ist nur jemand über ein Kamerakabel gestolpert.

Die Schlandkette sonnt sich im Erfolg. Ihr Twitteraccount läuft gut. Sie ist das einzige, was vom TV-Duell hängen geblieben ist. Eine Kette macht aber noch lange nicht so authentisch wie ein Finger. So ein Finger – das ist wirklich eine authentische Geschichte. Mit einem Finger zeigt man Mut und Ehrlichkeit. Finger hat jeder, das ist toll, so können die Wähler das auch gut nachempfinden. Sie identifizieren sich mit dem Finger. Weil sie selbst welche haben. Und wenn jemand einen schönen Finger hat und den auch zeigt, warum sollte ich ihn dann nicht wählen?!

Irgendwo in Italien hört man nur noch die Brandung und das leise Schnarchen eines Tonmanns.

Im Bundestag wird der Adler abgehängt. Die Handwerker mühen sich aktuell mit dem Kopf eines jungen, sommersprossigen Mädchens mit roten Zöpfen. Sie gilt als das neue Rolemodel. Es werden sogar Lieder über sie gesungen. Damit können die Politiker jetzt auch mal zeigen, dass die Frauen ihnen doch wichtig sind. Irgendwie. Hauptsache, die beschweren sich hinterher wieder nicht. Und im Hintergrund steht ein alteingesessener FDP-Politiker und weint ein bisschen, weil er das Mädchen sehr bald nicht mehr von Nahem sehen wird.

Vor der Costa Concordia dampft es. Es gibt Kaffee für alle. Die Journalistin krümelt ein bisschen mit ihrem Croissant. Macht aber nichts – hier kommt ja eh niemand mehr hin, wenn das Wrack weg ist.

Und dann passiert doch noch etwas. Hier, die Grünen, die haben doch mal mit Kindern, war da nicht was…?! Ach ja! Super Thema, so können wir schön davon ablenken, dass wir auch Scheiße am Hacken haben. Gott sei Dank engagieren sich alle Beteiligten auch im echten Leben gegen Kindesmissbrauch und sexualisierte Gewalt. Sonst würde die plötzliche Aufregung ja auch etwas gekünstelt rüberkommen.

In Sachsen wird ein Jugendlicher aus Hamburg von Nazis verprügelt, weil er nachts in der Jugendherberge auf die Toilette muss. Statt ihn ins Krankenhaus zu bringen, findet die Lehrerin es wichtiger, ihm einzubläuen, davon nichts zu erzählen. In Marzahn-Hellersdorf wohnen ganz normale Bürger, die wirklich nicht rechts sind, ABER dass diese Ausländer dort einziehen, also das geht ja nicht. Wegen der Kinder. Aus Versehen hat jemand den rechten Arm nach oben gestreckt.
Auf ihrem Sofa wartet die ewig gestrige Alice Schwarzer auf den Anruf einer Redaktion. Irgendeine politische Talkshow muss doch mal wieder eine Frau brauchen, die auch etwas zu sagen hat, so im Sinne aller Frauen. Vor ihrem Fenster tanzt eine Femen-Aktivistin.
In den Kommentaren auf Spiegel-Online beschweren sich Menschen, dass der Berliner Tatort unrealistisch gewesen sei, weil der deutsche Jugendliche der Täter war. So was machten doch nur Ausländer.
Und im Fernsehen erklärt eine Kanzlerin, dass sie sich persönlich schwer damit tue, Menschen gleichberechtigt zu behandeln.

In Italien steht derweil ein Schiff wieder aufrecht. Die Reporter können jetzt zusammenpacken. Sie haben nun Ruhe bis zum Frühjahr. Dann wird das Schiff abtransportiert.

Fünf Tage vor der Wahl stehen an meiner Bushaltestelle Wahlkämpfer, die Kaffee verteilen. Und trotzdem bin ich müde wie nie.

Kommentare:

  1. Das Bild spiegelt genau die Tristesse in meiner Seele, wenn ich an Sonntag denke.

    Genialer Text!

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  2. Ausgezeichnet beobachtet, genau richtig reflektiert, fabelhaft geschrieben. Wie immer.
    Danke!

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  3. Jaaa, der alltägliche Wahnsinn. Venceremos...

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  4. Mir gefällt Ihre Schreibe sowieso sehr gut, aber das ist einmalige Spitze. Danke dafür.

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