2013-09-23

DER MORGEN DANACH – EIN FAZIT.



Es ist der Morgen danach und ich realisiere immer noch. Bei den Flâneuren haben wir, in alter #Tatort-Manier, bereits gestern Abend die Wahl diskutiert. In meinem analogen Umfeld herrscht montägliche Resignation. Ja, so sei das jetzt eben und jetzt ginge es weiter. So ist das jetzt also.

Gestern Abend ist mir noch einmal sehr klar geworden, in was für einer Filterbubble ich lebe, dass ich ehrlich geschockt war. Ehrlich geschockt von dem starken Ergebnis für die Union, ehrlich geschockt von den viel zu vielen Stimmen für die AfD und ehrlich geschockt von der Unbekümmertheit, Naivität oder was ist es, mit dem der Großteil der Gesellschaft an Themen wie Überwachung, Familienpolitik und soziale Gerechtigkeit heran geht. Ganz von der Unbedeutsamkeit der so viel zitierten Netzgemeinde mal abgesehen.
Egal, welche Argumente, Finger oder Thesen im Wahlkampf fielen – das was am Ende bestimmt, ist immer die Angst. Und das macht mich zornig. In den nächsten vier Jahren gibt es in meinen Augen keine Chance für eine gerechte Geschlechterpolitik, keine Chance für weitgreifende Inklusion und Integration, keine Chance für einen modernen und fähigen Umgang mit dem Netz, keine Chance für eine gerechte Gesellschaftspolitik und keinen Plan für einen nötigen Komplettumbau der Bildungspolitik.

Mir fehlen, unabhängig von jedem Ergebnis, echte Alternativen. Mir fehlen junge Politiker_innen, die in der ersten Reihe stehen und nach vorne denken, anstatt zurückzuschauen. Mir fehlt das gesellschaftliche Bewusstsein für eigentliche Selbstverständlichkeiten, wie die Möglichkeit der Heirat für alle, Adoptionsrecht für alle und die Gleichheit der Geschlechter. Mir fehlen Talkshowgäste und „gesellschaftliche Repräsentant_innen“, die nicht alt, weiß und männlich sind. Und mir fehlt der Glaube an eine Utopie.

Das Gefühl, dass das eigene Engagement nichts verändert, war gestern Abend größer als nie zuvor. Und ich bin müder denn je.

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele!
    Ich war selten so grantig und geschockt wie gestern Abend.

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  2. Ja ja, wenn der erste Gedanke ist: "Ob die da nicht was gedreht haben?" Ich weiß, bei uns im Wahlkreis mussten wir nicht einmal die Ausweise vorzeigen, das hat mich schon irritiert... Okay, letztendlich ist es schwer vorstellbar, dass hier im großen Stil Wahlfälschung betrieben wurde, aber das Ergebnis unterscheidet sich schon stark von dem, was ich in meinem Umfeld erlebe.

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  3. Nachtrag: Der Mann behauptet, er habe seinen Perso vorzeigen müssen, aber ich hab da keinerlei Erinnerung dran... wer weiß, wer weiß. Matrix, anyone?

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  4. also ich musste zwar meinen Ausweis vorzeigen, kenne aber widerum auch niemanden, der schwarz gewählt hat... Verschwörung!

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  5. Genau das. Ich hatte zwar nicht an ein gutes Erlebnis geglaubt, aber DAS hat mich nun wirklich erschrocken. Ich meine, welcher Mensch von heute wählt denn noch CDU, außer die Banker und Neureiche Nichtdenker? Offensichtlich viel zu Viele. Anscheinend hat dieses Land nichts Anderes verdient!

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  6. Ich glaube wirklich, Ihr unterschätzt die Haltung außerhalb Eurer liberalen, links angehauchten Filterbubble. (Das sage ich jetzt sehr wohlwollend als Ausländer ohne Wahlrecht hierzulande.)
    Jedes Jahr simuliere ich im Rahmen von Sozialkundeunterricht Wahlen. Die Ergebnisse sind jedesmal relativ ausgewogen, ca. 50:50 CDU und Konsorten auf der einen Seite und Rot-Grün auf der andern -bei 16 bis 18-jährigen.
    Das entspricht auch einigermaßen dem Wahlergebnis. Das Pech der linken Reichshälfte ist halt, dass sie so zersplittert ist. Die Alternativen zur CDU rechts von der Mitte sind so prickelnd nicht, und so verteilen sich halt die mitte-rechts-Stimmen nicht, sondern bleiben bei der CDU hängen.
    Aber der CDU-Erfolg ist, da bin ich überzeugt, zu großen Teilen Merkels Persönlichkeit geschuldet. Wenn sie nach dieser Amtszeit geht, sehe ich momentan keinen ähnlich erfolgreichen Nachwuchs, der sie ersetzen könnte.

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    1. Ja, da gebe ich dir in allen Punkten recht! Habe mir im Nachhinein auch die Ergebnisse in allen Altersgruppen angesehen und das Argument, wir wären so überaltert und die Älteren wählen eher konservativ ist totaler Quatsch. Ich bin sehr gespannt, wie es jetzt - auch in den Koalitionsverhandlungen - weiter geht.

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    2. Ja, das sehe ich ganz ähnlich wie Du - meine (wohlbehüteten Mittelschicht)schülerinnen und -schüler lehnen z. B. alle Jahre wieder ein Wahlrecht ab 16 ab, denn (so die gängigen Argumente)

      - die Älteren haben ja schon so viel Lebenserfahrung und wissen viel besser Bescheid als wir
      - wir sind ja noch so jung, wir können ja noch gar nicht wissen, wen wir wählen sollen
      - wir sind erst 16, wir sollten uns noch keine Gedanken über die Politik machen müssen, sonst hat man ja keine Kindheit mehr (ernsthaft. Das war ein gern gehörtes und gebrachtes Argument)

      Gestaltungswille: NULL
      Jemand anderer soll sich kümmern: 85% Zustimmung

      => da kommt jemand wie die paternalistisch angehauchte Frau Merkel einfach gut an.

      Aber, und jetzt kommt das aber, die werden ja nicht von alleine so - eigentlich haben die das Gefühl, dass niemand sie wirklich braucht, dass die "Erwachsenen" eh alles im Griff haben und es auf ihr Engagment entweder nicht ankommt oder es nichts bringt. Da machen doch auch wir "Erwachsenen" was falsch?

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  7. schön geschrieben und leider wahr, auch in Österreich, wo ich wohne. alles liebe, lisa

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