2013-06-12

ZEHN JAHRE OHNE... UND IM KOPF IMMER DA.

by Nicole
(TW: Der Text erwähnt Gewichtszahlen und Gedanken über das Verhältnis zum eigenen Körpergewicht.)

Alles fing damit an, dass eine Waage kaputt ging und endete mit einem Aufruf zu einer Revolution Diskussion. Maike twitterte, sie wolle sich keine neue Waage mehr kaufen. Andere Twitterinnen fanden ihren Schritt sehr mutig. Sie berichteten von eigenen Erfahrungen mit der Waage und weil wir schnell merkten, dass das ein emotionales Thema ist - die Sache mit dem Wiegen und dem Gewicht - beschlossen wir, eine Aktion ins Leben zu rufen. Wir erzählen von unserem #waagnis und setzen unsere Waagen aus!

Als ich vor zehn Jahren zuhause auszog, nahm ich einige Dinge mit. Eine Waage gehörte nicht dazu. Ich beschloss, dass ich mir schon irgendwann eine kaufen werde. Genauso wie ich beschloss, mir irgendwann ein Bügeleisen zu kaufen. Das Bügeleisen besitze ich seit sechs Monaten. Eine Waage immer noch nicht.
Das bedeutet nicht im Geringsten, dass ich mich nicht mit meinem Körpergewicht auseinander setzen würde. Selbst der Nicht-Besitz einer Waage ist immer noch ein Thema, mit dem ich mich ausdauernd beschäftigen kann. Wenn ich jemandem erzähle, dass ich keine Waage habe, lautet die Antwort oft: „Ach wie angenehm, dann musst du dich nicht ständig wiegen.“ Nun. Prinzipiell ist es so, dass sich eigentlich niemand ständig wiegen muss. Auch wenn er eine Waage besitzt. Ich muss ja auch nicht ständig toasten, nur weil in der Küche ein Toaster steht. Aber das mit der Waage, das ist ein anderes Thema als Toaster, Waschmaschine oder Mikrowelle. Das mit der Waage ist ein heikles Thema.
Ich finde mich ganz cool so, wie ich überleben kann, ohne eine Waage zu besitzen. Es klingt toll, selbstbestimmt und überhaupt auch ganz selbstbewusst, keine Waage zu besitzen. Sobald ich aber bei Menschen zu Besuch bin, die eine Waage besitzen, bröckelt diese Fassade. Ich stelle mich heimlich auf deren Waage, nur um mal zu sehen, wie viel ich inzwischen wiege und ob sich seit dem letzten Mal etwas verändert hat. Immer, wirklich immer, bin ich mit dem Ergebnis unzufrieden. Und wenn man ich ehrlich bin, wird es auch in der Zukunft kein einziges Mal geben, an dem ich mit dem Ergebnis zufrieden sein werde, unabhängig von meinem Gewicht. Und trotzdem mache ich es immer wieder. Ich provoziere für mich selbst eine Situation, von der ich vorher weiß, dass sie mich unglücklich stimmen wird. Das ist schon schräg. Noch schräger wird es nur, wenn ich die Metaebene eröffne: Wieso macht mich die Situation überhaupt unglücklich? Wieso ist es dabei immer, immer (!), egal wie viel ich wiege, oder schlimm, dass ich überhaupt etwas wiege?

Beim Ballettunterricht haben wir uns gegenseitig den Tipp gegeben, dass man sich, wenn man hungrig ist, die Zähne putzen muss. Dann habe man keinen Hunger mehr. Das mag bei manchen Menschen funktionieren. Bei mir nicht. Ich esse gern. Unheimlich gern. Essen ist für mich in den meisten Fällen nicht ‚Hunger stillen‘, sondern ‚Genuss‘. Umso besser, dass ich in dem Mann einen Mann gefunden habe, der gut kochen kann. Des Weiteren bin ich klein. Zu klein, als dass sich das ganze Essen so verteilen könnte, dass ich wirklich dünn aussehe. Und inzwischen habe ich für mich selbst einen Frieden damit gemacht. Es ist ok, wie ich aussehe. An manchen Stellen ist es sogar ziemlich gut, für meinen Geschmack. An anderen wiederum nicht, aber auch das ist ok. Ich will nicht abnehmen wollen. Nicht abnehmen zu wollen, ist mein Protest. Rebellion. Ich will nicht, dass ich mich selbst gesellschaftlichen Regeln unterwerfe, die mich auf Dauer unglücklich machen. Und dann erwische ich mich dabei, wie ich ein Foto von einem Auftritt sehe und denke „Mei, wie siehst du denn aus?!“. Und dann will ich mich am liebsten selbst schütteln, weil es doch beim Auftritt ganz egal sein soll, wie ich aussah, es sollte doch um Worte gehen, um Poesie. Und trotzdem beurteile ich in diesem kurzen Moment meinen ganzen Auftritt an einem Foto, von dem ich glaube, ich würde schlecht aussehen. Das ist völlig irre. Irre und gleichzeitig alltägliche Normalität.

In der Serie „Girls“ gab es diese Szene, in der Jessa zu Hannah und Marnie kommt und sich in ihrem perfekten Outfit mit ihren perfekten Haaren auf das Sofa schmeißt, ihre Beine gespreizt in die Luft streckt und in etwa sagt: „Verdammt! Dieser scheiß Sommer, meine Oberschenkel brennen! Meinetwegen könnten wir die Monate Juli und August auch überspringen.“ Und ich hätte am liebsten fünf Minuten „Juchhe!“ gerufen und geklatscht. Das war für mich das erste Mal im Fernsehen, dass jemand zugegeben hat, dass Oberschenkel, zwischen die man nicht hindurch schauen kann, im Sommer nun mal aneinander reiben und irgendwann schmerzen. Das war eine der wenigen Male, in denen ich dachte: „Ok, vielen anderen geht es auch so.“  

Ich gehe regelmäßig und gerne ins Fitnessstudio. Wenn ich das erzähle, kommt fast ausschließlich die Gegenfrage: „Willst du abnehmen?“ The Fuck! Ich gehe dorthin, weil es mir gut tut. Weil ich vor wenigen Jahren eine Knie-OP hatte und zwölf Jahre Ballett meine Bänder so sehr gedehnt haben, dass viele, viele Muskeln aufgebaut werden müssen, die meinen Körper instand halten sollen. Ich gehe dorthin, weil ich mich im Anschluss fühle, als könne ich die Welt erobern und gleichzeitig als bräuchte ich zwölf Stunden Schlaf. Ich gehe dorthin, um noch ein paar Lebensjahre rauszuschlagen. Und ja, vielleicht gehe ich auch dorthin, um hier und da ein paar Pölsterchen zu verringern. ABER NICHT AUSSCHLIESSLICH. Und: Fragt mal einen Mann, was er zu hören bekommt, wenn er erzählt, dass er ins Fitnessstudio geht… „Willst du abnehmen?“ steht da sicher nicht an erster Stelle.

Die harten Fakten sind diese: Ich bin 1,40 m groß und wiege 48 Kilo. So sieht’s aus. Und es gab Zeiten, da habe ich weniger gewogen. Und zu den Zeiten hatte ich sogar noch weniger Selbstbewusstsein, was meine Figur angeht. Es gibt Menschen, die sind wesentlich größer als ich und wiegen nur ein paar Kilo mehr. Oder sogar weniger. Irgendwann will ich aufhören, mich an diesen Menschen figürlich zu messen. Was ich an meinem Körper gut finde: Mein Gesicht, meine Brüste und mein Popo. Was ich nicht so gut finde: Mein Bauch und meine Waden, meine Beine insgesamt, aber meine Waden besonders. So. Nun fang mal an, in irgendeiner Form abzunehmen und dann soll dieses Abnehmen bitte an den Waden und am Bauch beginnen. Vergiss es. Bei mir nicht. Bei mir schrumpfen als erstes die Brüste. Ich hatte schon immer diese Schweinshaxen, wie ich sie gerne nenne. Dicke kleine Beinchen, die mich überall hintragen. Ich werde niemals die Beine eines Supermodels haben (sähe auch komisch aus in Kombination mit einem winzigen Oberkörper). Damit muss ich mich abfinden.

Und um glücklich zu sein, werde ich auch die nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre keine Waage benötigen. Denn ob mein Körper für mich gut und richtig ist, merke ich auch an anderen Anzeichen. Und was ich dann daraus mache, ist meine eigene Entscheidung. Ich brauche keine Waage, um das Gefühl zu haben, dass ich ab- oder zunehmen sollte. Ich brauche an sich keine Waage, um mir irgendwas sagen zu lassen. Nur diesen Dreh, dass es auch wirklich unwichtig sein muss, sich vor jedem Essen zu fragen, ob das denn jetzt sein muss und ob ich nicht mal einfach gar nichts essen sollte, um schlanker zu werden, diesen Dreh muss ich noch rauskriegen.

In meinem Umfeld gibt es auch einige Frauen, die sich für zu dünn halten. Sie fühlen ähnlich wie ich, nur dass sie, um sich anzupassen, gerne zunehmen wollen. Es klappt aber nicht. Ihr Körper ist so wie er ist. Und man möge mir verzeihen, wenn ich in diesem Text hauptsächlich über meinen persönlichen Blickwinkel schreibe.
Das tatsächlich Schlimme ist doch, dass ich keine einzige, wirklich keine einzige Frau kenne, die komplett mit ihrem Körper im Reinen ist. Die sich noch nie Gedanken darüber gemacht hat, wann sie sich wiegen sollte, was die Waage anzeigen soll, wie sie ihren Körper, in welcher Form auch immer, „optimieren“ kann. Und natürlich ist der Vorschlag, Waagen auszusetzen, keine Universallösung. Aber es ist ein Anschubsen. Ein Anregen, gemeinschaftlich über gesellschaftliche Normen nachzudenken. Und gemeinsam zu erleben, dass man selbst nicht die Einzige ist, die mit ihrem Erscheinungsbild kämpft. Dass es in Wirklichkeit totaler Schwachsinn ist, sich sein ganzes Leben mit seinem Gewicht zu beschäftigen. Weil es dort draußen immer Menschen gibt, die dich schön finden, so wie du bist. Und weil es dort draußen einfach so viel mehr gibt, was das Leben wirklich wertvoll macht. 

Macht mit! Bloggt, fotografiert eure ausgesetzten Waagen und erzählt uns davon. Wir fangen an und berichten euch von unserem #waagnis, keiner von uns ist das leicht gefallen und deshalb freuen wir uns umso mehr, wenn ihr mitmacht: auf eurem Blog, per Mail oder auf Twitter mit dem Hashtag #waagnis! Wir sammeln eure Fotos und hoffen auf eine große Galerie der ausgesetzten Waagen. Unter allen, die dort bis zum 31. Juni dieses Jahres mitmachen, verlosen wir das wundervolle Bild, das ihr oben seht. Nicole hat es extra für uns gestickt!! 

Hier verlinke ich nach und nach die Texte der anderen wunderbaren Menschen, die bei #waagnis mitmachen:

Kathrin: Weg mit der Waage - her mit dem Körpergefühl
Johanna: Die räudige Straßenwaage - bitte mitnehmen
Maike: Lebe wohl!
Journelle: Make (self-)love not diet oder #waagnis ist ein Anfang
Happy Schnitzel: Triggerwarnung.
Leelah: Vom Wiegen und Körperwaagen - ein #waagnis
FrauMutti: #waagnis
Quartalsstrickerin: Mein Waagnis. Nicht.
Antje Schrupp: Ich find mich auch zu dick, aber das ist mir egal.  
Robin Urban: Wessen Privileg schwerer wiegt
Lavendelkinder: #waagnis
The Sexist Meme: Eure Blicke sind meine Waage

Edit: Ich werde die Kritik, die auf Twitter zu dem Hashtag und den Texten geäußert wurde, sammeln und in den nächsten Tagen dazu bloggen. Leelah hat schon einige Punkte gesammelt und eine tolle Linkliste zusammengestellt.

Kommentare:

  1. Ich habe zum Glück schon seit Jahren keine Waage mehr, sorge mich aber deswegen auch immer gern, ob ich nicht eventuell zugenommen haben könnte.. Ich war als Jugendliche mal sehr übergewichtig und komme nicht so recht aus der Angst heraus, die Kilos könnten zurückkommen - obwohl ich eigentlich schon seit 12 Jahren esse, was ich will, ohne dass etwas passiert. Daher komme ich auch bei Freunden immer in Versuchung, doch mal wieder zu gucken, was die Waage so sagt... Aber im Endeffekt lasse ich mir davon die Stimmung - oder gar den Appetit . nicht verderben. Ach, was wäre es schön, wenn alle ihre Waagen rauswerfen würden...

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  2. Was ist denn an deinen Beinen auszusetzen? Die haben dich durchs Ballett getragen, tragen dich immer noch durchs Leben, treten mit dir auf - im wahrsten Sinne des Wortes - und überhaupt.

    Im Ernst, ich kenn das. Mit 81kg bei 1,70m und der klassischen Birnenfigur sind meine Oberschenkel, gesellschaftlich betrachtet, keine Augenweide. Aber heute morgen, nach einem todmüden 30min-Lauf durch den Wald und der obligatorischen Dusche beim Eincremen betrachtete ich meine Beine so im Badezimmerspiegel und dachte mir: Eigentlich sind die voll cool. Was die alles für Blödsinn mitmachen! (Beispielsweise nach einer alpdurchträumten Nacht morgens mit mir in den Wald gehen. Das macht sonst niemand.)

    Meine Waage besitze ich übrigens und werde sie auch nicht aussetzen, aber ich wiege mich nur alle paar Wochen mal, wenn ich gerade dran denke. Schließlich kann man aus starken Schwankungen auch gesundheitliche Probleme ablesen - etwa eine Schilddrüsenunterfunktion (yuchhe!).

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  3. Hab eben auf Twitter gelesen, dass ihr wohl sehr für eure Berichte angegangen werdet. Aber ich finde deinen Text toll! Lass dir bitte nichts anderes einreden. Und auch wenn ich bei manchen Dingen anderer Meinung bin, ändert das ja nichts an deinem Empfinden. Wenn das, was du beschreibst, für DICH funktioniert, ist das völlig okay! Und wenn andere das nicht tolerieren können, ist das ihr Problem und nicht deins.

    Ich kann leider kein Bild meiner abwesenden Waage machen, aber trotzdem bei eurer Aktion mitmachen. Ich finde sie nämlich gut!!

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  4. Unsere Waage im Bad hat der Mann gekauft: Sie hat Bluetooth und es gibt ne App dafür. Das ist der Grund, weshalb ich mich lange nicht mehr mehr gewogen habe. Bin zu blöd für diese Technik. Ich denke, ich gehe das #waagnis mit ein, kriege die Technik eh nicht in den Griff :)

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  5. Ich hab da auch was geschrieben und könnte verlinkt werden.

    http://quartalsstrickerin.blogspot.de/2013/06/mein-waagnis-nicht.html

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  6. für schöne Waden einfach das tun, was alle tun, die schöne Waden haben: Fußball spielen (hat mir auch geholfen, da hab ich sogar mal nen Kompliment für gekriegt)

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    1. "Das war für mich das erste Mal im Fernsehen, dass jemand zugegeben hat, dass Oberschenkel, zwischen die man nicht hindurch schauen kann, im Sommer nun mal aneinander reiben und irgendwann schmerzen. "

      Das Geheimnis heißt Babypuder =)
      Allerdings hat dieses doofe Aneinanderreiben auch nicht unbedingt was mit Gewicht zu tun... mehr mit der Form der Oberschenkel. Denn auch zu Zeiten, als meine Figur regelrecht GNTM-fähig war, haben meine Oberschenkel sich berührt.
      (Und nach meinem persönlichen Geschmack muß ich sagen, daß ich rein optisch gesehen sich berührende Oberschenkel schöner find... mit so "Luft zwischendurch" sieht das bei manchen immer son bißchen aus wie... keine Ahnung, zwei Stöckchen, die man in den Unterleib gesteckt hat.
      (Das soll jetzt aber niemand beleidigen, ist halt mein persönlicher Geschmack und prinzipiell isses mir eigentlich eh wurscht... ich find die "Gesamtperson" deswegen nicht weniger oder mehr schön. Ich kann's nur irgendwie so überhaupt nicht verstehen, weshalb alle diese Zwischenraum-Oberschenkel als Ideal sehen.)

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    2. Danke für den Tipp! Das werde ich definitv ausprobieren. Mein "Ideal" ist auch nicht, dass man durchschauen kann, ich fand nur einfach die Situation so schön, weil, zumindest in meinem Umfeld, noch nie jemand vorher drüber gesprochen hat. Seitdem ich die Szene gesehen habe, spreche ich Freundinnen an und alle sind plötzlich froh, dass es anderen auch so geht. :)

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