2013-06-24

R-E-S-P-E-C-T: FIND OUT WHAT IT MEANS TO ME.


Hier sehe ich mich mehrmals. Andere sehen mich gar nicht.
Christiane Link hat am Wochenende bei einer Radiosendung gesagt, sie würde sich wünschen, dass Behinderte ihre Erlebnisse und Probleme mehr ins Netz stellen und damit öffentlich machen (in der Sendung werden übrigens schon viele tolle Beispiele genannt). Deshalb fange ich gleich mal damit an und werde mir vornehmen zukünftig öfter von Erlebnissen zu berichten.

Am Wochenende wollte ich eine Freundin vom Bahnhof abholen. In Hannover trifft man sich „unterm Schwanz“. Der Schwanz befindet sich direkt vorm Bahnhof und gehört einem Pferd, was wiederum Teil eines Denkmals für Ernst August ist. Ich finde diesen Platz sehr unangenehm. So wie ich große Menschenansammlungen oft unangenehm finde. Das liegt daran, dass ich es gut finde, den üblichen Körperabstand zu anderen Menschen einzuhalten. Unterm Schwanz treffen sich viele Menschen. Und es laufen viele Menschen an einem vorbei. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich ständig angestoßen werde, wenn ich dort stehe. Freunden, die größer sind als ich, passiert das nur sehr selten. Ich stehe an einem Punkt und warte und Menschen gehen sehr nah an mir vorbei und stoßen mich an. Weil ich nicht ausweiche. Ich wüsste allerdings nicht, wieso ich ausweichen sollte. Wieso die Menschen nicht einfach ein paar Zentimeter weiter links oder rechts gehen. Warum ist das so?


Ich weiß es nicht. Ich habe mir vor vielen Jahren abgewöhnt, Slalom zu laufen. Als kleiner Mensch war ich es gewohnt, vor den größeren auszuweichen und Platz zu machen. Das mache ich nicht mehr. Ich will genauso sichtbar sein und genauso beachtet werden wie alle anderen auch. Ich habe beobachtet, dass es Kindern (die also auch kleiner sind) ebenfalls so geht. Was soll das? Selbst wenn ich ein Kind wäre, gäbe es keinen Grund, mich ausweichen zu lassen, zu streifen oder anzustoßen. Die gleiche Situation habe ich auch schon auf Rolltreppen und in Geschäften erlebt. Menschen „sehen“ mich nicht und entschuldigen sich manchmal noch mit: „Oh sorry, ich habe dich gar nicht gesehen, hihi.“ Nein. Hast du nicht. Aber das liegt nicht an mir. Ich wünsche mir, dass wir mehr sehen. Und mehr Respekt anwenden.


Und wie ich da so stehe, geht ein Paar an mir vorbei. Die Frau links und der Mann rechts. Sie halten Händchen und schwingen ihre Arme fröhlich über meinen Kopf hinweg. Das mag sich lustig anhören. Und die beiden haben das in dem Moment sicherlich nicht „böse gemeint". Aber es hat mich verletzt. Ich kam mir vor, wie einer dieser Pöller, bei denen man das üblicherweise macht. Ich war in dem Moment allerdings auch so perplex, dass ich den Beiden keinen Spruch hinterher pfeffern konnte. 


Ich finde Christianes Idee, mehr Öffentlichkeit und Bewusstsein für Diskriminierung von Behinderten zu schaffen, super und das ist meine Art, mich daran zu beteiligen. Und da ich weiß, dass ich ganz viel in der Hinterhand habe und leider immer noch neue Erlebnisse dazu kommen, wird das hier eine neue Serie. (Und Grundlage für einen neuen Slamtext, aber das ist eine andere Geschichte...).

Kommentare:

  1. Klingt gemein, aber: Wenn Leute mir physisch zu nahe kommen (z.B. beim Ein-/Aussteigen aus der U-Bahn), fahre ich meine Schultern aus und rempel zurück. Es gibt da einen jungen Mann an meiner täglichen Haltestelle, der war mal sehr dreist und macht jetzt einen sehr großen Bogen um mich. :D

    (So etwas löst zwar nur ein einzelnes Symptom, aber diese Haltung lässt sich auf viele Dinge im Leben anwenden: Push back.)

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  2. Das mit dem Slalom-Laufen kenne ich auch. Ich habe auch oft den Eindruck, ausweichen zu müssen...einfach weil ich kleiner bin. Wenn ich mich der Situation stelle, den Blickkontakt provoziere und nicht aus dem Weg gehe, endet es damit, dass die Person mit letztlich näher kommt als mir dann wieder lieb ist. Doof.

    Gar nicht doof: Deine neue Serie!

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  3. Übrigens: Sehr große Menschen werden auch ständig angerempelt! Kann ich aus eigener Erfahrung als sehr große Frau sagen, habe auch ander Menschen mit Übergröße danach gefragt. Ähnlich wie dein Empfinden, dass du eher als "Pöller" gesehen wirst, komme ich mir dann immer als Säule o.ä. vor, halt eher als in der Gegend rumstehendes Bauteil, vor dem mensch eben nicht denselben Berührungsrespekt hat wie vor anderen Menschen. Kein Blickkontakt zum Abchecken wer wie herum ausweicht, kein entschuldigendes oder zumindest erkennendes Nicken oder Blinzeln. Wahrscheinlich liegt's daran, dass wir unwillkürlich auf Augenhöhe Ausschau halten nach anderen Menschen. Alles andere wird ganz unbewusst im schnellen Abscannen als Gegenstand eingestuft.

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  4. Du bist doch able-bodied... Finde ich irgendwie schwierig wenn du Menschen mit Behinderung die wenige Aufmerksamkeit, die sie bekommen, mit so vergleichsweise irrelevanten Luxusprobs wegnimmst. Einfach mal drüber nachdenken und nich gleich die Abwehrreflexe ausfahren bitte. Ich weiß das ist "gut gemeint" und so...

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    1. Falls dir das weiterhilft: Ich bin mit 1,40 m Körpergröße ganz "offiziell" behindert. Und ich sehe Respektlosigkeit nicht als Luxusproblem. Unabhängig davon empfinde ich ein Öffentlich-machen und Engagement nicht als "Wegnehmen" von Themen, egal ob es von vermeintlich Gesunden oder Behinderten kommt. Es kann gar nicht genug Aufmerksamkeit für diese Themen geben.

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  5. Meine Liebste hat 1,52m und deren Erfahrungen kenne ich. Deine Schilderung kommt mir schmerzlich bekannt vor.
    Angerempelt zu werden, ist kein Luxusproblem. Das ist respektlos und unverschämt.

    Wer "zu klein" ist, wird oft nicht als Erwachsener, als vollwertiger Mensch, als intelligent, als reif wahrgenommen. Und nicht-vollwertige Menschen haben eben weniger Menschenrechte -- und sollten schon mal erst recht keien fordern, ginge es nach der Normwelt.
    Es ist nicht nur das Angerempelt-werden, das Nicht-für-Voll-nehmen, das Übersehen, das ist sowas von kränkend und sowas von Ablism.

    Wenn eine ihre Erfahrungen zum Umgang mit ihr als Nicht-Norm-Frau schreibt, wir meistens gesagt: Stell dich nicht so an, Sei froh, dass ...
    Gut dass du es geschrieben hast. Ist mehr als nötig, das sichtbar zu machen!

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