2013-05-01

Und in der Dämmerung fallen ihre Masken [Turbostaat]


Es ist nicht ein einzelner Spruch. Es ist die Summe der Ereignisse.
Es ist nicht das wehren können, sondern das wehren müssen.
Es ist nicht die Intention, sondern die Wirkung.

Das alles, wovon ich hier spreche, sei harmlos. Kinkerlitzchen. Ein Tugendfuror. Einzelne Ereignisse, über denen wir doch stehen müssten. Gegen die wir uns doch wehren können. Sagst du.
„Wenn ich jetzt nicht einmal mehr flirten darf, dann wird es doch langweilig.“
„Wenn ich jetzt nicht einmal mehr eine Frau auch nur ansprechen darf, dann spricht ja bald niemand mehr miteinander.“
„Wenn jetzt schon ein Kompliment als Belästigung gilt, dann haben wir hier ja bald amerikanische Verhältnisse.“
Sagst du.

Und ich verrate dir etwas: Du hast Recht. In deiner Realität liegst du vollkommen richtig. In deiner Realität, ist das Lächeln einer Frau, die Einladung, wie zufällig ihren Busen zu berühren. In deiner Realität, ist das Kommentieren von Äußerlichkeiten eine Meinungsäußerung oder ein Kompliment, das gefälligst dankend angenommen werden soll. In deiner Realität ist Sexismus keine Alltäglichkeit, sondern nur ein Schimpfwort, das von hysterisch daher schwafelnden Frauen erfunden wurde, um dich zu unterdrücken.

In deiner Realität ist die neue Ulmen-Show endlich mal wieder richtig gutes Fernsehen. Eine Show mit dem Namen „Who want's to fuck my girlfriend?“, in der Männer miteinander um die Fickbarkeit ihrer Freundinnen konkurrieren, ist eine lustige Abendbefriedigung deiner Sucht nach immer noch mehr Sensation. Satire! Das ist Satire! Hier muss gelacht werden, das ist Kunst und damit witzig und überhaupt der Ulmen, der macht das doch mit Absicht, um uns die Augen zu öffnen. Ja, wahrscheinlich ist das sogar so. Nur leider verstehst du das nicht. Weil in deiner Realität nicht Ulmen dort steht, sondern Uwe. Uwe moderiert die Sendung. Und du sitzt davor und fühlst Uwe. Du kannst Uwe verstehen. Zu Uwe waren die Frauen nämlich auch immer nicht nett. Und deshalb findest du, das was Uwe da macht gut und lachst. Und dein Bauch wackelt vor Freude vorm Fernseher und danach gehst du ins Bett und schrubbelst so lange an deinem kleinen Penis, während du an die kleine Kassiererin aus dem Supermarkt denkst, bis es passiert. Sie wird auch noch sehen, dass du eigentlich der Beste für sie bist. Letztens konntest du wie zufällig ihren kleinen Arsch berühren. Sie hat sich schnell verschämt weggedreht, aber nichts dagegen gesagt. Also hat es ihr bestimmt gefallen.

Es ist nicht ein einzelner Spruch. Es ist die Summe der Ereignisse.
Es ist nicht das wehren können, sondern das wehren müssen.
Es ist nicht die Intention, sondern die Wirkung.

Männer und Frauen. Und Männer und Männer. Und Frauen und Frauen. Und Menschen. Werden hoffentlich niemals aufhören, miteinander zu flirten. Zum Flirten gehört aber mehr als ein dusseliges Kompliment oder der Mut, jemanden anzusprechen. Es ist nur ein Wort, aber es ist entscheidend: Gegenseitigkeit. Das ist das große Geheimnis, das du so schwer verstehst: Flirten beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn ich auf dein „Du hast aber ein schönes Lächeln“ mit „Danke! Ich heiße übrigens Ninia!“ antworte, dann freue ich mich höchstwahrscheinlich darüber, wenn du weitersprichst. Und ab dem Zeitpunkt meiner Antwort, ist das, was wir da tun: flirten. Wenn ich nicht antworte, dich ignoriere, meine Kopfhörer nicht abnehme und woanders hinschaue, dann war das ein Versuch. Ein erfolgloser. Und dann musst du damit leben. Ob dir das gefällt oder nicht. That's it! Es klingt so einfach, nicht? Es könnte auch wirklich einfach sein. Wenn du nicht nur an dich selbst denken würdest.

Noch gibt es dich überall. Es gibt dich in Frauen und in Männern. Es gibt dich in Frauen, die Dinge sagen wie: „Also, ich als Frau finde das gar nicht schlimm.“ Und damit bewirken, dass wenn sie „als Frau“ das sagen, dann kann es ja nicht schlimm sein. Schließlich sind sie eine Frau. Und dann können sie das bestimmt für alle anderen Frauen beurteilen. Ich „als Frau“ finde auch, dass wir Schuhe ab Größe 36 abschaffen können. Und dass wir alle kein Fleisch mehr essen müssen. Gefühle und Empfindungen sind keine Frage des Geschlechts. Sondern der Erfahrung, des Alters, der Einstellung, der Erziehung und so vielen anderen Dingen. Und, Überraschung! Gefühle und Empfindungen sind bei jedem Menschen anders.

Noch gibt es dich überall. Es gibt dich in Frauen und in Männern. Es gibt dich in Fernsehmoderatorinnen und Politikern. Es gibt dich in Müttern und Vätern. Es gibt dich in Chefinnen und Kabarettisten. Es gibt dich in Ärztinnen und Journalisten. Noch gibt es dich überall.
Aber du wirst seltener. In vielen Menschen wirst du immer winziger. So winzig bis du irgendwann ganz weg bist. So winzig, dass das Fernsehen sich nicht mehr fragen muss, ob wir ein Sexismus-Problem haben. So winzig, dass die Chefin am Telefon nicht mehr gefragt wird, wer ihr Vorgesetzter sei. So winzig, dass Frauen sich nicht mehr anhören müssen, dass sie doch selbst Schuld sind. Weil sie absichtlich so aussehen wie sie aussehen, weil sie das nämlich wollen, das mit dem angesprochen werden. Immer. Und überall. So winzig, dass ich nie wieder einen dummen Spruch zurückfeuere. Nicht weil ich es kann, sondern weil ich es nicht mehr muss. Weil es gar keinen Anlass mehr gibt, sich zu wehren.

Es ist nicht ein einzelner Spruch. Es ist die Summe der Ereignisse.
Es ist nicht das wehren können, sondern das wehren müssen.
Es ist nicht die Intention, sondern die Wirkung.

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Artikel.

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  2. Das Problem sind leider nicht nur kleine, einsame Loser als Sexisten, die sich abends im Bett einen auf die Verkäuferin runterholen. Trotzdem: Sehr, sehr cool!

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  3. Ninia, Dein Wort in Gottes Ohr! (Oder besser in aller Ohren, damit Dein letzter Absatz sich erfüllt)

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  4. Wunderschön geschrieben. Genau so - perfekt. Und, der Tag wird kommen, an dem unsere Töchter, Enkelinnen uns fragen: "Wie war das damals, als es noch diesen Sexismus gab, als ihr euch wehren solltet, musstet?" Wir schaffen das!

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