2013-05-13

THERE IS MORE TO SEXISM THAN MEETS THE EYE


Jasmin Mittag ist Initiatorin der Kampagne "Wer braucht Feminismus?" in Deutschland. Das amerikanische Vorbild "Who needs feminism?" hat sie so begeistert, dass sie es auch bei uns verbreiten wollte. Ich finde das super und habe ebenfalls schon mitgemacht. Am 20. Mai ist Jasmin nun zu Gast in Berlin: Im Rahmen ihrer Abokampagne "Miss No Missy" lädt das MISSY MAGAZINE zum Diskussionsabend „There is more to sexism than meets the eye ins HEBBEL AM UFER. Welche unterschiedlichen Formen es von Sexismus gibt und welche Konsequenzen jetzt aus der aktuellen Sexismus-Diskussion gezogen werden müssen, darüber diskutieren an diesem Abend die legendäre Angela McRobbie zusammen mit Anne Wizorek, Sookee, Nana Adusei-Poku, Jasmin Mittag und Margarita Tsomou. Hier gibt es Karten! 

Jasmin Mittag

Im Vorfeld habe ich mir Jasmin geschnappt und ihr ein paar Fragen gestellt!

Am 20. Mai 2013 bist du beim Diskussionsabend „There is more to sexism than meets the eye“ im HEBBEL AM UFER dabei. Was erwartest du von der Diskussion?

Ich persönlich erwarte auf engagierte, kluge Frauen zu treffen. Ich bin erst seit letztem Jahr feministisch aktiv und das erste Mal bei so einer Diskussionsrunde dabei und natürlich schon ganz gespannt. 
Von der Diskussion selber erhoffe ich mir einen erweiterten Blick auf Sexismus und feministisches Engagement durch die Beiträge der anderen Teilnehmerinnen und im Idealfall so etwas wie eine gemeinsame oder auch mehrere Visionen für die Zukunft. 

Mit welchen Gefühlen hast du die Sexismus-Debatte im Netz und/oder in den Medien verfolgt? 

Zunächst natürlich: Begeisterung! Ich habe direkt an dem Abend den ersten #aufschrei Tweet gesehen und war in den folgenden Tagen und Wochen davon fasziniert , dass dadurch - sogar auch noch unbeabsichtigt - eine Welle in Gang gesetzt wurde, die das Thema Sexismus so enorm präsent gemacht hat. 
Später kam bei mir noch - wie bei vielen anderen auch - Wut und Genervtsein dazu: Darüber, dass immer wieder dieselben Phrasen herhalten, um die Aufschreie und die Debatte ins Lächerliche zu ziehen oder kleinzureden. 
Sehr interessant bzw. bemerkenswert find ich generell, dass die öffentliche Diskussion bei einem vergleichbar 'soften' Thema so hochgekocht ist. Also, als es zum Beispiel am 14. Februar weltweit und in über 100 deutschen Städten 'One Billion Rising'-Veranstaltungen gab, zu denen Eve Ensler aufgrund der Statistik, dass jede dritte Frau in ihrem Leben Gewalt erfährt, aufgerufen hat, war die Aufmerksamkeit hierzulande doch wesentlich geringer. 

Hast du den Eindruck, dass die Debatte etwas verändert bzw. neue Denkprozesse angestoßen hat?

Mein Eindruck ist: ja. Auch ich höre immer wieder Berichte von Frauen, dass sie durch die Debatte erstmals tiefer in ihren Erinnerungen graben und den Mut gefunden haben, Erlebnisse zu benennen, Worte zu finden und auch die eigene Wahrnehmung ernster zu nehmen. Missstände benennen und Austausch sind ja der erste wichtige Schritt zur Veränderung. Und Vernetzung und Zusammenhalt ein weiterer. 

Dazu vielleicht ein kleines Beispiel: Ich war neulich tagsüber in der Straßenbahn unterwegs. Gegenüber saß eine junge Frau, neben ihr ein Mann im Rentenalter, der sie auf einmal unvermittelt anfing auszufragen, wo sie den hinfährt und ob sie da wohnt und ob und was sie arbeitet. Die ersten beiden Fragen beantwortete sie noch höflich distanziert und dann sagte sie zu ihm "Ich möchte mich mit ihnen nicht unterhalten - wir kennen uns ja gar nicht." Sie und ich tauschten verständige Blicke und nickten uns zu und es war eine Art Gemeinschaftsgefühl da, dass wir beide keinen weiteren Schritt von ihm dulden würden. 

Solche Szenen gibt es seit dem öffentlichen Austausch über Sexismus bestimmt öfter als vorher, weil die öffentliche Benennung das Bewusstsein geschärft und Einigkeit über No-Gos geschaffen hat. 

Wie definierst du „Alltagssexismus“?

Ich bringe den alltäglichen Sexismus, den wir hier alle erleben, stark mit der globalen Benachteiligung und Mißhandlung von verschiedenen Personengruppen und insbesondere von Frauen in Verbindung, sehe Sexismus also vor allem als sogenannte Spitze des Eisbergs.

Gesondert benennen würde ich die allgemeine gesellschaftliche Atmosphäre und die persönlichen Erfahrungen:  Also, einmal, die  strukturelle Benachteiligung von Frauen, die uns schon als Mädchen spüren lässt, dass wir nur besonders wertvoll sind, solange wir jung und attraktiv und gefällig u.ä. sind und potentiell sexuellen Gefahren ausgesetzt. Und dann konkrete Erlebnisse wie eben persönliche Belästigung, Anmache und Übergriffe. 

Du hast die Aktion „Wer braucht Feminismus“ nach Deutschland geholt. Erzähl doch mal etwas darüber!

'Who needs feminim?' ist eigentlich eine Aktion von amerikanischen Studentinnen. Kern der Kampagne sind Aussagen von Menschen, warum sie Feminismus brauchen, meist in Form von Fotos, auf denen sie mit einem Schild abgebildet sind, auf denen ihre individuelle Begründung "Ich brauche Feminismus, weil..." steht. Die Kampagne möchte so stärker zur Identifikation mit Feminismus anregen und Menschen gewinnen, die ihre eigenen, ihrer Lebenswelt nahen Pro-Feminismus Argumente finden und so für das Thema einstehen. Wir sammeln seit Oktober letzten Jahres explizit Statements auf deutsch. 

Was willst du mit „Wer braucht Feminismus“ erreichen?

Die Vision von dem amerikanischen Original und auch der deutschen Variante ist, zu einer Imageverbesserung von Feminismus beizutragen. Wir möchten, dass es mehr Mainstream und 'cool' wird, sich als Feministin oder Feminist zu bezeichnen. Wir hoffen einen Teil dazu beitzutragen, weil das schlechte Image von Feminismus den Blick auf die Bedeutung von Frauenrechten und auf Themen der Gleichstellung verstellt. 
Wir arbeiten gerade an einer Reihe von Ideen für Aktionen im Rahmen der Kampagne, z.B. bundesweite Aktionstage an Hochschulen, eine Wanderausstellung, eine Publikation und eine Anzeigenkampagne und suchen noch nach Finanzierungsmöglichkeiten. Momentan arbeiten wir quasi ganz ohne Budget.

Vielen Dank an Jasmin für das Interview! Sie freut sich übrigens über jedes "Ich brauche Feminismus..."-Statement - ob als Foto oder Text über die Webseite oder Facebook und Twitter. Auch neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind willkommen. Hier findet ihr den Kontakt. Am 7. Juni gibt es beim "Festival contre le racisme" an der Uni Hannover den ersten Aktionsstand. Dort werden Statements gesammelt und Kampagnenfotos geschossen - wer Lust, geht dort vorbei!

Kommentare:

  1. Ich frage mich: Was ist denn sexistisch daran, dass ein alter Mann im Bus eine junge Frau anspricht und offensichtlich Smalltalk mit ihr betreiben will? Er hat sie ja nicht angefasst oder an unpassende Stellen gestarrt. Das hätte - meiner Meinung nach - genausogut eine alte Oma sein können. Das kommt vermutlich vom Alleinsein und dem Bedürfnis, sich auszutauschen oder etwas von der Welt zu erfahren.
    Was DARAN Sexismus oder gar Alltagssexismus sein soll, verstehe ich wirklich nicht.
    Genau sowas fördert ein schlechtes Bild über Feminismus. Wenn man sich über sowas aufregt.

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    1. Zunächst einmal: Niemand kann sich ein Bild über Feminimus im Allgemeinen machen... es gibt so viele Ausrichtungen und Meinungen, auch im Feminismus, dass eine allgemeine Meinung darüber sehr schwierig zu fällen sein sollte. Auch unter Feminst_innen gibt es sicherlich Menschen, die die von dir beschriebene Situation nicht schlimm finden würden.
      Zu der Situation: Natürlich ist es nicht sexistisch, wenn ein älterer Herr in der Straßenbahn eine Frau anspricht. Ich denke, es geht eher um die Gesamtsituation. So wie Jasmin es beschrieben hat, hat der Mann die Frau vorher angestarrt und immer mehr, persönliche Fragen gestellt. Sie hat gesagt, sie will nicht mit ihm reden und damit war's gut. Jasmin hat nicht behauptet, dass sei sexistisch gewesen, sondern brachte es als Beispiel für den "Zusammenhalt" unter Frauen, der ihrer Meinung nach durch öffentliche Aktionen wie #aufschrei gefördert wird. Die beiden Frauen haben sich angesehen und es war klar, dass die eine die anderer unterstützt hätte, wenn der Mann noch weiter gesprochen hätte.

      Trotzdem: Niemand ist verpflichtet mit einem anderen Menschen zu sprechen, auch wenn dieser dringendes Mitteilungsbedürfnis hat. Da kann man ruhig mal sagen, dass man jetzt keine Lust hat zu reden. Unabhängig von Geschlecht, Alter und Sexismen.

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