2013-05-26

BELÄSTIGUNG IM ÖFFENTLICHEN RAUM - WAS KANN ICH TUN?

Nachdem gestern eine Twitterin eine absolut ekelhafte Situation in einer Straßenbahn erleben musste, möchte ich das Thema Zivilcourage und Anzeige nach einer Belästigung noch einmal neutral aufnehmen. Ich verlinke die Tweets absichtlich nicht, weil ich euch die ganzen Bekloppten in diesem Zusammenhang ersparen möchte. Nur so viel: Der Mensch, der das Ziel der Belästigung darstellt, der also durch die Täter zum Opfer gemacht wird, ist NIEMALS, niemals selbst Schuld. Egal, was er/sie getragen, gesagt oder gemacht hat. Nur, weil das anscheinend immer noch nicht alle verstanden haben.
Ich halte den Artikel neutral und möchte damit niemandem einen Ratschlag geben. Jede/r muss für sich selbst entscheiden, was er/sie nach so einem Vorfall tut. Ich möchte nur das "was wäre wenn" aufzeigen. By the way: Ratschläge nach so einem Vorfall sind vielleicht gut gemeint, aber nicht notwendig.

Zuerst: Was kann ich tun, wenn ich als Mitfahrer/in oder Anwesende/r eine schwierige Situation miterlebe? Nur die wenigsten trauen sich, alleine zwischen Täter und Opfer zu gehen. Ich würde mich das, allein schon aus körperlichen Gründen, selbst auch niemals trauen. Was aber jede/r machen kann: Mitmenschen mobilisieren. Aufstehen und Menschen direkt ansprechen. Nicht sagen: "Da muss doch jemand was machen!" Sondern auf Menschen zugehen und sagen: "Du und du und du! Ihr helft mir jetzt, wir gehen gemeinsam dazwischen." Gemeinsam zwischen Opfer und Täter stellen und verbal (!) auf die Täter einwirken. Währenddessen kann eine/r direkt aus der Situation heraus die 110 wählen und schildern, was passiert. Sollte es tatsächlich sehr brenzlig werden, gibt es außerdem die Möglichkeit, die Notbremse zu ziehen. Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. Wenn das Opfer dies möchte, begleitet es bis zur Ziel- oder Endhaltestelle, bleibt als Gruppe zusammen und merkt euch so viele Details wie möglich. 

Das hört sich geschrieben selbstverständlich viel einfacher an, als es ist. Ich weiß nicht, ob ich in dieser Situation so viel Mut hätte, tatsächlich aufzustehen und andere zu mobilisieren. Aber höchstwahrscheinlich geht es allen anderen genauso und jede/r wartet nur darauf, dass eine/r den Anfang macht. Macht den Anfang!

Was immer als erstes unter den Reaktionen ist: Geh zur Polizei! Das ist ein gut gemeinter Ratschlag. Trotzdem muss das Opfer selbst entscheiden, ob und wann es zur Polizei gehen möchte. Wenn Menschen viele negative Erfahrungen mit der Polizei und deren Reaktionen auf Anzeigen gemacht haben, können sie mit diesem Ratschlag herzlich wenig anfangen. Doch was passiert eigentlich (normalerweise), wenn das Opfer im Anschluss zur Polizei geht? Vorausgesetzt, die Polizei war nicht direkt am Tatort, es hat also niemand schon während des Vorfalls die 110 gerufen.
Wenn das Opfer noch genug Kraft hat, gibt es die Möglichkeit direkt im Anschluss an die Tat, die Polizei zu rufen oder zur nächsten Wache zu gehen. Sollte dies nicht der Fall sein, kann man sich natürlich auch noch in den Tagen danach an die nächste Polizeidienststelle wenden. Für diesen Fall schreibt man sich am besten alle Details genau auf, damit man möglichst viele, genaue Angaben machen kann. Für Frauen besteht immer die Möglichkeit, für das Gespräch eine Beamtin zu verlangen! Bei der Landespolizei sollte einer das sogar direkt angeboten werden. Wenn der Vorfall in einem Zug der Deutschen Bahn (also auch S-Bahnen) passiert ist, ist die Bundespolizei zuständig. Es kann also ein, dass man dorthin geschickt wird. Die Anzeige wird aufgenommen und an den zuständigen Ermittlungsdienst weitergeleitet. Ich zitiere den Fachmenschen, mit dem ich in diesem Zusammenhang sprach: "Wenn sich die Beamten/Beamtinnen wirklich Mühe geben, können sie den oder die Täter ermitteln." Das ist aber leider nicht immer der Fall. Oft landet die Anzeige aufgrund der Personalauslastung auf einem Stapel, es wird telefoniert und irgendwann werden die Ermittlungen eingestellt. Das ist frustrierend und führt dazu, dass Viele keinen Sinn mehr darin sehen, die Taten zur Anzeige zu bringen. Sollten bei den Beamten/Beamtinnen allerdings schon mehr Anzeigen gleicher Art vorliegen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass in diesen Fällen ermittelt wird. 
Übrigens: Es gibt unter Polizisten/Polizistinnen, wie unter jeder anderen Berufsgruppe auch, Menschen, denen jegliches Gefühl von Empathie und Verständnis fehlt. Die sich weigern, vernünftig zu arbeiten und einem/r das Gefühl geben, nicht ernst genommen zu werden. In diesem Fall gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann eine Beschwerde an die Dienstaufsichtsbehörde schreiben. Klingt kompliziert, ist es auch. Oder, und das ist wesentlich einfacher, man kann die Anzeige auch schriftlich direkt bei der Staatsanwaltschaft einreichen. Diese leitet die Anzeige dann entsprechend weiter.

Was jemand nach einer Belästigung macht, muss jede/r für sich selbst entscheiden. Nur das Opfer weiß, wie viel Kraft es noch hat und ob es daran glaubt, dass eine Anzeige weiterhelfen könnte. Dieser Text soll nur dazu dienen, dass man weiß, was auf eine/n zukommen könnte. Trotzdem noch einmal mein Aufruf: Helft lieber einmal mehr, als einmal zu wenig. Sprecht eure Mitmenschen direkt an und tut euch zusammen. Zusammen sind wir stark!

Kommentare:

  1. Danke, ein/e sehr wichtiges Thema! Kann man/frau gar nicht oft genug sagen.
    War eine/r sehr nette/r Artikel/in. Bis auf die vielen, politisch unverwundbar machenden Schrägstrich/innen. Die stören den/die/das Lesefluss gewaltig.

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    1. Ok, dann belasse ich es nächstes Mal beim generischen Femininum.

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    2. Meinen Lesefluss stören eher Leute, die Sinn und Wichtigkeit von gegenderter Sprache einfach nicht verstehen wollen und dann auch noch einen Text über ein so wichtiges Thema benutzen, um sich darüber lustig zu machen.

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    3. Habe grade an dich und den obenstehenden Kommentar gedacht: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/gleichberechtigung-uni-leipzig-nutzt-weibliche-bezeichnungen-a-903530.html

      :)

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  2. Prima Artikel!
    Das mit der "Hilfsgruppe mobilisieren" ist eine super Idee! Ich Idiotin bin da immer viel zu spontan und geh allein drauf los...
    Auch das direkte Ansprechen ist wichtig. Nicht nur, um so ne Hilfsgruppe zu sammeln, sondern auch, wenn man es selbst ist, die sich in der brenzligen Situation befindet. Mit einfach nur "Hilfe!" oder "Hilft mir denn keiner!" fühlt sich dummerweise halt keine Sau angesprochen. Aber mit "Du, mit dem roten Kittel! Hilf mir bitte!" gibt's dann keine Ausrede!
    Eine weitere Möglichkeit (in beiden Situationen, also als Opfer und als Helfer_in)ist, den Täter zu siezen. Da mag man sich bei den jüngeren zwar bescheuert dabei vorkommen, aber so verhindert man, daß potentielle (Mit)Helfer_innen das dann als "Privatstreit" abtun und wie dämlich die Leute dann reagieren ("geht mich nichts an"), weiß man ja.

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    1. Genau, danke! Vor allem das mit dem Siezen ist ein wichtiger Hinweis!

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