2013-04-21

JUHU, ENDLICH SOMMER

Es sind die ersten schönen Tage des Jahres und ich sitze im Büro und freue mich des Lebens, dass ich hier mal in einem T-Shirt sitzen kann, ohne dass alle zwei Minuten jemand reinkommt, um mich anzubrüllen: "Frierst du nicht??" Nein, ich friere nicht. Ich friere fast nie. Und deshalb trage ich ein T-Shirt, jetzt auch wieder im gesellschaftlicher Akzeptanz.

Und weil es so himmelhochjauchend schön ist, reiße ich die Fensterfront auf und der Kollege und ich sagen etwa fünfmal, wie schön es aber auch ist, nach dem ganzen Schnee, das war ja noch nie so schlimm, jetzt ist es aber wirklich schön und am Wochenende wird es wieder kälter, och nee, dabei war doch schon so viel kalt, jetzt aber dieses Schöne genießen, mei, ist das schön. Und dann schweigen wir wieder, weil wir nicht wissen, was wir sonst sagen sollen, weil ja sowieso alles schön ist und starren in unsere Bildschirme, auf denen wir nix erkennen können, weil die Jalousie kaputt ist, die die schöne schöne Sonne davon abhalten könnte, auf unsere Bildschirme zu scheinen. So scheint sie auf unsere Bildschirme, wir können nix erkennen und versuchen die Arbeit auf dem Bildschirm zu entziffern und die Sonne scheint.

Der Innenhof ist riesig und beherbergt mehrere Teiche, grüne Wiesen, einen Zugang zur Tiefgarage und einen Spielplatz zum Kindergarten, der sich im Bürogebäude ganz unten befindet. Jetzt haben auch die Erzieherinnen bemerkt, dass es so schön ist draußen und kommen mit den Kindern nach draußen auf den Spielplatz. Alle sind sehr fröhlich und laut. Die Erzieherinnen sind am lautesten. Sie brüllen den Kindern vor, wie sehr man brüllen muss, wenn man sich freut, dass die Sonne scheint und alle Kinder brüllen mit. Mein Kopf wandert ganz langsam schräg zur Seite, um den Blick des Kollegen einzufangen. Ich schaue ihn voller Verzweifelung an und stelle fest: "Das geht jetzt den ganzen Sommer so." Man vergisst das. Schlechte Dinge verdrängt man im Nachhinein. Das ist auch bei Beziehungen so. In nostalgischen Momenten, die vor allem entstehen, wenn man besonders viel Wein getrunken hat und traurige Musik hört, denkt man, wie schön es doch mit dem Mann damals gewesen war und der war doch immer so super, wie super der war, warum hat man das nur beendet. Und man nimmt ein modernes Kommunikationsgerät zur Hand und schreibt dem Mann eine Nachricht, in der steht, wie schön es doch war und dass mein auf keinen Fall betrunken ist. In der Hoffnung, der Mann antworte. Man vergisst, dass der Mann es gut fand, wenn man sich während des Sex ausschließlich mit seinem Penis unterhalten durfte oder dass er es gut fand, an den Socken der Frau zu riechen. Aber erst, wenn sie sie den ganzen Tag lang getragen hatte. So etwas vergisst man. Zu Recht.

Und so vergessen wir auch jedes Jahr wieder, dass dort unten Kinder sind, die im Sommer aus ihren Löchern gelassen werden, um draußen noch mehr Menschen auf die Nerven zu gehen, als nur ihren drei Erzieherinnen. Und nach spätestens drei Minuten fängt das erste Kind an zu schreien. Was nur eine Einladung an weitere zwei Kinder ist, ebenfalls zu schreien, denn Kinder sind in diesem Alter sehr solidarisch und schreien gerne in Gruppen. Die Erzieherinnen schrauben ihre Stimmen ins Unermessliche, um die Kinder mit vermeintlich angenehmen Gesprächen zu beruhigen. "Och Marvin-Finn, nein, das geht jetzt nicht, die Paula-Theresia möchte die Schaukel benutzen, aber du kannst doch rutschen." Marvin-Finn findet das nicht gut und gründet eine Partei mit Emil-Jonathan und Frieda-Katharina. Sie schrieben alle gemeinsam, in der Hoffnung, Paula-Theresia von der Schaukel zu schreien. Die hat aber ein dickes Fell.
Um alle Kinder zu beruhigen, haben die Erzieherinnen eine super Idee: Singen! Und so stehen sie alle unten im Kreis, klatschen sinnlos vor sich hin und singen, dabei singen die Erzieherinnen mal wieder am lautesten und erfreuen die ganze Nachbarschaft mit ihrem Talent.

Ich sitze im Büro und weine. Irgendwie freue ich mich auf dem Herbst.

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