2013-03-19

F**** EUCH - WARUM ICH GERNE GUTMENSCH BIN.




Der Krieg ist noch nicht vorbei. Immer mal wieder flammen an diversen Ecken neuerliche Diskussionen auf, die  sich mit dem N-Wort, der „Sexismus-Debatte“, der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare oder anderen Themen beschäftigen, die in den letzten Wochen sowohl die großen Medien als auch alle Kommentarmöglichkeiten bei SPON und Co beherrschten.

Der Ablauf ähnelt sich. Jemand stellt sich nach vorne und sagt: „So wie es ist, ist es nicht gut.“ Ein paar Menschen sind froh, dass das mal gesagt wurde. Ein anderer Mensch macht sich darüber lustig oder wertet das Statement in irgendeiner Form ab. Dann befindet sich das Thema meist auf Twitter und wird ein bisschen durchgenudelt. Kurz darauf entdecken die Tageszeitungen und Magazine, dass mal wieder ein neues Thema auf diesem Twitter aktuell ist und nehmen es auf. Und nochmal danach bemerken RedakteurInnen der TV-Talkshows, dass sie wohl Einschaltquoten gewinnen können, wenn sie sich mit diesem Thema beschäftigen und laden Menschen zu dem Thema ein. Besonders wichtig beim letzten Punkt: Der/die ModeratorIn ist schlecht vorbereitet und es sitzen immer wenigstens Herr Kubicki, Frau Schwarzer, Herr Karasek und einer von den Piraten in der Runde.
Nach einer Weile beruhigt sich das Thema, irgendjemand beschließt, dass da jetzt mal was getan werden müsse und es dümpelt so weiter vor sich hin. Dass sich vorher und nachher Menschen mit Herz und Seele diesem Thema bereits widmeten und es immer noch tun, interessiert in der Regel niemanden. Sonst könnte ja keine/r für sich beanspruchen, dass er/sie es aufs Tableau gebracht hätte.

Das macht mich gleichzeitig wütend und müde. Ich will das nicht mehr. Und kaum denke ich, dass es jetzt in eine bessere Richtung weiter geht, kommt ein Magazin/ein Mensch/eine TV-Sendung daher und rollt den Scheiß neu auf – mit den gleichen alten Diskussionspunkten und Bildern . Es nervt. Es nervt, weil sie wissen, dass es funktioniert. Es nervt, weil es immer noch genug IdiotInnen gibt, die meinen, „political correctness“ schränke ihre Meinungsfreiheit ein. Weil es immer noch genug Menschen gibt, die glauben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und wenn sie das nicht als Beleidigung sehen, dann ist es eben auch keine!!11!!1 Es nervt, weil diese Menschen andere Menschen, die sich wie auch immer für eine bessere, gerechtere, schönere Welt einsetzen, beschimpfen, indem sie sie gehässig „Gutmenschen“ nennen. Gutmenschen. Es ist also ein Schimpfwort, wenn ich jemanden als „gut“ bezeichne. Was sind sie? „Bösmenschen“, „Schlechtmenschen“ – wie wollt ihr genannt werden, die ihr immer noch aus einer Tasche einen rassistischen, sexistischen, einfach komplett bescheuerten „Joke“ ziehen könnt und uns dann ein „Satire darf alles“ in die Fresse klatscht?!

Wenn „Gutmensch“ bedeutet, dass ich mir Gedanken um meine Mitmenschen, meine Umwelt und unser Leben mache. Wenn „Gutmensch“ bedeutet, dass ich den Finger in die Wunde drücken muss, um zu zeigen, dass doch nicht alles so Happy-Fairy-Land ist, wie manche sich das ausmalen. Und wenn „Gutmensch“ bedeutet, dass ich einfach mal versuche, mich in andere reinzuversetzen, um deren Gefühle zu beachten und zu deuten, dann, ja dann bin ich gerne ein Gutmensch. Und klatsche dir meine unangenehmen Gedanken vor den Latz.

Ich will das nicht mehr.

Kommentare:

  1. Ich habe mich auch lange Zeit darüber geärgert, als Gutmensch beschimpft zu werden. Dann merkte ich, dass ich für viele schon ein Gutmensch bin, wenn ich gegen Folter und Todesstrafe bin.
    Und da merkte ich: Okay, eigentlich ist das ein Kompliment! Seitdem bin ich auch gerne ein Gutmensch.

    Ich mag das Wort noch aus anderem Grund: Es ist ein so schönes Signalwort. Sobald jemand es benutzt, selbst wenn der sich vorher noch halbwegs vernünftig angehört hat, weiß ich, dass die Diskussion vergebens ist. Das spart haufenweise Zeit und Energie und in 99% der Fälle stellt sich der "Diskussionspartner" wirklich als Idiot heraus.
    Das übrige eine Prozent besteht aus Menschen, die persönlich betroffen und einfach nur wirklich, wirklich wütend sind, meist zurecht. Jeder vergreift sich mal im Ton.

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  2. Für mich bezieht sich "Gutmensch" eigentlich eher auf die Leute, die Betroffenheit heucheln, ohne etwas gegen die vorhandenen Missstände zu tun. Sonntags-Betroffene oder so. Deswegen fühle ich mich von so etwas nicht angesprochen.

    (Und jeder, der mit mir zu tun hatte, weiß sowieso, dass ich nicht "gut" bin.)

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  3. Gutmensch passt sehr gut zu Menschen die für eine moralisch geprägte linke Gesellschaftskritik stehen, manchaml trifft man ähnliche gesinnte Leute auch auf Kirchentagen. Gutmenschen mag ich nicht, und wenn dieses Wort diese Leute der Lächerlichkeit preisgibt, dann hat es seine Funktion erfüllt.

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  4. Toller Text und ich stimme dir ebenfalls zu. Gerade diese Strukturen, wie derzeit Themen "durchgenudelt" werden, regt mich auf. Aber ich sehe das ein bisschen wie Diandra: Der Begriff "Gutmensch" bedeutet für mich nicht, dass ich etwas gutes beabsichtige oder vielmehr, dass ich wirklich etwas dafür tue, dass ein Umstand besser wird. Für mich ist ein Gutmensch eher jemand, der etwas kurzfristig ganz wichtig findet, sich in den Vordergrund drängelt, sich damit ein besseres Image zulegt und dann die Sache an sich vergisst und sie auch nicht mehr wichtig findet, sobald keiner mehr drüber redet. Der Begriff ist für mich zu negativ belastet.

    An der Begrifflichkeit wollte ich mich aber eigentlich gar nicht aufhängen. Ich finde, du hast schlichtweg recht!

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  5. Eigentlich ist der Text genau so überflüssig wie die angesprochenen TV-Sendungen. Die scheinbar unsere aktuelle Welt zerstörenden sexistischen Einflüsse werden zunehmend zum pseudo-alternativen, bürgerlichen Rebellions-Symbol wie man es bereits vom Tierschutz kennt. Und das die Deutschen "Rebellion/Revolution" nicht besonders gut können, ist hinreichend bekannt. Aber es ist für uns besonders wichtig, keine zu große Konformität nach außen hin zu suggerieren, obwohl wir alle ein Bausparkonto besitzen und bei zu lauten Nachbarn die Polizei rufen. Vielleicht ist es das letzte große 68er-Erbe...ein Gutmensch ist man deswegen noch lange nicht. Da muss schon mehr kommen, als die monatliche Spende an den örtlichen Tierschutzverein!
    Bitte mich nicht falsch verstehen: Ich nehme den Tierschutz und die Antidiskriminierungsaktionen ernst und halte sie für wichtig. Allerdings muss doch der Menschenschutz an erster Stelle stehen. Und so lange, selbst in Deutschland, Menschen unter erbärmlichen Zuständen leben müssen, kann nicht die richtige Rechtschreibung oberste Priorität haben. Jetzt wird der erste gleich schreien: "Du widersprichst Dir doch, Anti-Sexismus ist doch auch Menschenschutz!" Er wäre es vielleicht, wenn wir nicht mehr diskutieren würden mehr Frauen hohe Managergehälter auszuzahlen, sondern zu dem einzig richtig Ergebnis kommen, niemanden mehr einen solchen finanziellen Umfang zur Verfügung zu stellen. Denn eines muss jedem hier klar sein: Solange wir weltweit, und ganz besonders national, ein massives Problem mit dem Auseinanderdriften von arm und reich haben, wird die Sexismus-Diskussion immer ein Hintergrundgemurmel bleiben, dass, wie richtigerweise festgestellt, immer für die Quote ab und zu aus der "Mottenkiste" geholt wird.

    Und zu guter Letzt noch ein Tipp: Einfach mal die Glotze ausgeschaltet lassen. Das nützt Dir und allen anderen, die keine Lust mehr auf oberflächlichen Trash-Talk haben. Dann hat man vielleicht mehr Zeit die Umwelt bewusster wahrzunehmen und ist nicht der Problemsteuerung der Medien ausgesetzt.

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  6. Ganz toller Text. Danke!

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  7. Tatsächlich wird der Begriff Gutmensch heute hauptsächlich diffamierend im Sinne von Heuchelei gebraucht. Es wird unterstellt, der sich politisch korrekt ausdrückenende seie im Wettbewerb um Äusserlichkeiten stecken geblieben, würde aber an den grossen Übeln der Welt teilnahmslos vorübergehen. Also Beispielsweise Konsumieren auf Kosten Armer, die grossen Zusammenhänge aus den Augen lassend. Ursprünglich aber kommt dieses Wort wohl aus Beschreibungen von Brechts 'gutem Menschen aus Sezuan', der darstellte, das es schwer bis unmöglich ist, Gutmenschentum und Überleben miteinander zu vereinbaren. Es ist also Brecht zufolge ein Dilemma, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen, da es in repressiven Systemen nicht Möglich ist immer moralisch zu handeln.

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  8. Ich mag deinen Text und habe mich gerade selbst über ähnliches aufgeregt. Die Menschen, die vorgeben, etwas tun zu wollen. Im TV große Reden schwingen, aber nichts weiter tun. Wichtige Themen zu nutzen, nur um sich selbst in den Vordergrund zu drängen.
    Und genau solche Leute sind es, die eigentlich unter meine Definition des wortes "Gutmenschen" fallen. Die Heuchler. Diejenigen, die gegen Tierhaltung und Fleischkonsum auf die Straße gehen und sich nachher den dicken Burger bei McDonalds reinziehen. Diejenigen, die Solidarität predigen und sich selbst das Geld in die Tasche stopfen.
    Einfach Menschen, die ihren eigenen gestellten moralischen Werten nicht gerecht werden. Die Wasser predigen, aber Wein trinken!

    Du gehörst nach meiner Definition nicht zu den Gutmenschen, sondern zu den guten Menschen. Wirklich etwas erreichen zu wollen und sich einzusetzten ist genau das Richtige und von solchem Engagement sollte es viel mehr geben.

    Ich selbst mache auch viel, um gewisse Dinge zu verbessern. Aber die meisten meiner Bekannten wissen gar nicht, dass ich im Tierschutzverein bin, ehrenamtlich im Jugendzentrum arbeite oder mich an einer jährlichen Spendenaktion für die Kinder in Kinderheimen beteilige. Ich mache das, weil es mir um die Sache geht, weil ich es toll finde, wie die Kinder sich freuen. Und ich erzähle den meisten nichts davon, weil ich es eben nicht abkann, wenn andere versuchen, sich nur irgendwie in den Vordergrund zu spielen mit Engagement. Meistens ist dann nämlick kaum Substanz dahinter.

    Natürlich ist es auch immer gut für die Sache zu werben, aber dabei muss ich nicht erwähnen, dass ich da ja so mega engagiert bin...

    Also ich hoffe, dass es nicht irgendwie zu weiteren Konflikten um das Wort "Gutmensch" kommt, vielleicht einfach abschaffen. Wie wäre es mit gute Menschen und Heuchler, statt dass Gutmenschen von unterschiedlichen Menschen mit so unterschiedlichen Bedeutungen versehen wird?!

    Jetzt habe ich so viel geschrieben, dabei wollte ich doch eigentlich nur sagen, dass ich toll finde, was du sagst (Ausnahme der Bezug auf das Wort "Gutmensch") und das du Recht hast!

    Liebe Grüße,
    Miria

    ps. habe mich auch vor kurzem dem Thema gewidmet: http://nur-miria.blogspot.de/2013/03/blinde-gesellschaft-und-die-sog.html

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  9. Aah Frau LaGrande, es ist immer ein Genuss Deine Gedanken zu lesen. Gutmensch finde ich einen guten Begriff. Ich verstehe mich als einen und versuche(!) so zu leben, was ich selber nicht möchte was man mir antut, tue ich auch keinem an. Versuche mit gutem Beispiel voranzugehen, Vorbild zu sein. Ohne grosse Worte, einfach machen wie man im Pott sagt.

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  10. So wie Robin es macht, finde ich es eigentlich ganz gut: Ich sollte auch langsam versuchen, mich nicht angegriffen zu fühlen durch das Wort "Gutmensch", sondern einfach dadurch meine Gesprächspartner besser auswählen...
    Toller Text, ich stimme dir uneingeschränkt zu!

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