2013-02-05

ÜBER IPADS, KANINCHEN UND WARUM KINDER IMMER BEIDES HABEN KÖNNEN.

Hello, hello! Zu euch spricht eine Person aus der Hölle. Zumindest muss ich das sein, wenn es nach ein, zwei, drei Gästen der gestrigen "Hart aber Fair"-Sendung geht. Ich schaue gerne fern, ich besitze ein Smartphone, einen Laptop, ein iPad (auch das noch!) und einen sehr großen Fernseher, genauso der Mann. Übrigens auch ein Kaninchen, aber das versteht ihr nur, wenn ihr die Sendung schaut...

In dieser Sendung nun diskutierten Menschen über Jugendliche und Kinder, die die "neuen" Medien, Laptop, iPad usw. nutzen. Der jüngste dieser Menschen war Christopher Lauer (Jahrgang 1984)... das sagt schon alles. Menschen, die 30 und aufwärts sind, diskutieren über die angebliche Lebenswirklichkeit von Jugendlichen... well. Die einzigen Beiden, die überhaupt genau wussten, wovon sie da sprachen, waren wieder Lauer und Ranga Yogeshwar.

Ich mache mir jetzt nicht die Mühe, den Verlauf der Sendung zu kommentieren, das haben gestern schon genug Menschen auf Twitter gemacht. Ich möchte mein eigenes, damaliges Medienverhalten reflektieren und so einige grundlegende Fehler, die gestern gemacht worden, gern kommentieren:

1. Der Großteil der Diskussionsteilnehmer unterschied in der Sendung ständig zwischen der "wirklichen" Welt und diesem Internet, der digitalen Welt. Diesen Unterschied gibt es für mich nicht (mehr). Ich bewege mich auf der Straße, in Clubs, auf Bühnen und im Netz. Ich kommuniziere zu Hause, im Büro, am Telefon und im Netz. Dass ich in meinen Social Media Accounts versuche, nur meine Schokoladenseite zu zeigen, ist selbstverständlich. Aber das versuche ich im Büro und auf der Bühne und sogar vor FreundInnen genauso! Jeder möchte sich immer von seiner besten Seite zeigen. Und auch alle Gefahren, die ich in der angeblich "wirklichen" Welt erlebe, drohen mir in Netz genauso. Wenn ich im Netz bedroht, gemobbt oder mit fiesen E-Mails bombardiert werde, dann hat das nicht damit zu tun, dass es dieses Internet gibt. Sondern dann stecken da ganz einfach Blödköppe dahinter.


Ergo: Böse und nette Menschen gibt es sowohl auf der Straße als auch im Netz. Ergo II: Wirkliche Welt = Internet = Ganze Welt. So einfach ist das für mich.

2. Wenn Kinder immer nur vorm Computer sitzen, werden sie ganz schnell fett und überhaupt haben sie dann keine Freunde mehr. So, nur ein bisschen netter, hat das Josef Kraus, der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, in der Sendung ausgedrückt. Er fordert einen asketischen Umgang mit den "neuen" Medien. Ich fordere übrigens einen asketischen Umgang mit Büchern! Bücher sind gefährlich. Wer immer nur rumsitzt und liest, wird ganz schnell fett und hat bald keine Freunde mehr. Außerdem ist die Suchtgefahr von Büchern nicht zu unterschätzen. Man schaue sich nur meine monatlichen Ausgaben für diese ekelhaft bedruckten Seiten zwischen zwei Deckeln an. Und Bücher fördern Kriminalität. Wer zu viele Krimis liest, der könnte ja auch ganz schnell selbst zum Killer werden. 
Im Ernst: Das ist natürlich ganz großer Blödsinn. Merkt Josef Kraus aber nicht. Ich hatte mit 12 meinen ersten eigenen Computer. Ich habe ihn selbst bezahlt und sehr, sehr lange davor gesessen, um Texte zu schreiben (ja, tatsächlich!) und Spiele zu spielen. Etwa ein, zwei Jahre später bekam ich mein erstes Handy. Ein Motorola (oh Gott) in der Größe eines Kleinkindes mit Antenne oben dran. Zum Rausziehen, wie in 80er-Jahre-Agentenfilmen aus Amerika. Dieses Gerät schnallte ich mir auf den Rücken, wenn ich eine Freundin besuchte. "Falls etwas passiert". Das Wunder dieser Geschichte: Ich bin trotzdem erwachsen geworden. Ich habe trotzdem Freunde, ich hatte auch damals Freunde. Ich habe diese Freunde in der verrückten, wirklichen Welt getroffen und hatte überhaupt ziemlich viel Spaß am Leben. Und zusätzlich auch noch einen Computer.


3. Diese unheimlichen "neuen" Medien. Was erzählte ich gerade? Ich bekam mit etwa 14 Jahren mein erstes Handy. Ich besitze seit 1998 eine E-Mail-Adresse und schreibe seit 2000 eigene Dinge ins Netz. Wir haben 2013 und wir bezeichnen das alles als "neue" Medien. Hell yeah, get over it. Das ist nicht mehr "neu". Diese Medien sind einigen Menschen, zumindest etwa 50 Prozent der Diskussionsteilnehmer bei "Hart aber Fair", vielleicht immer noch fremd, aber sie sind bei weitem nicht mehr neu. Als Bücher auf den Markt kamen, fanden die Menschen das verrückt und einige warnten davor, zu lesen. Als das Fernsehen auf den Markt kam, fanden die Menschen das verrückt und einige warnten davor, in den Flimmerkasten zu schauen. Und nun sind wir beim Internet angekommen. Aber alle anderen Medienformate gibt es auch noch. Josef Kraus und Co. müssen sich keine Gedanken darüber machen, dass das Internet anderen Formate verdrängt. Sondern sie sollten sich lieber überlegen, wie sie sich diesem angst einflößenden Etwas nähern sollen, um in naher Zukunft überhaupt noch zu checken, worüber ihre Schüler und Kinder sprechen.

Natürlich gibt es diese Ausnahmen. Natürlich gibt es immer wieder Fälle, in denen Kinder und Jugendliche nur noch vorm PC sitzen. Natürlich drehen manche von ihnen komplett ab. Natürlich schikanieren sich manche bis aufs Blut. Aber: Ich behaupte mal ganz kühn, dass all das auch ohne Internet und Computer passieren würde. Vielleicht nicht so schnell in so einer Intensität, aber es würde so auch vorkommen.

Diejenigen, die behaupten, Jugendliche sollten bevor sie 15 Jahre alt sind kein Smartphone oder Laptop besitzen, haben einerseits Recht und andererseits nicht. Natürlich "brauchen" Jugendliche diese Dinge eigentlich nicht. Natürlich muss man mit 13 noch kein iPhone besitzen. Aber man sollte die Möglichkeit haben, das Netz kennenzulernen und auszuprobieren. Gemeinsam mit den Eltern. Vielleicht nicht am eigenen Laptop, aber möglicherweise am Familien-PC. Und ich glaube, dieser "Gemeinsam mit den Eltern"-Punkt ist DER Punkt. Viele Eltern von heutigen Jugendlichen sind selbst noch überfordert mit dem Internet und oftmals weiß der Nachwuchs schon viel besser, wie das Online-Leben funktioniert. Diesen Eltern sei sehr das Buch "Netzgemüse" ans Herz gelegt. Bitte kauft es, lest es und wendet es an. Denn Verbote werden eure Kinder vor gar nichts schützen. Verbote machen alles nur noch spannender. Und die meisten dieser Internetkids werden doch irgendwie ganz lebensfähige Personen, keine Angst!

Kommentare:

  1. Da kann ich dir nur voll und ganz zu stimmen. Ich finde, dass vor allem das "es gemeinsam kennenzulernen" der wichtigste Punkt ist. Ich sehe das bei vielen Leuten aus meinem Bekanntenkreis (ich bin 28!), dass sich einige wirklich null mit dem Internet auskennen. Dann gibt es hingegen Leute, die sich sehr gut im Web auskennen und das auch sehr stark nutzen. Ich denke aber, dass Kinder heutzutage nun mal auch eine gewisse Medienkompetenz brauchen, um im Leben zu bestehen. Dazu gehört nun mal auch das Internet richtig zu bedienen und zu gucken, wo und wie man Informationen bekommt, die man sucht. Wenn die Eltern das nicht vertreten, dann wird es glaube ich schwierig, weil das in der Schule einfach gar nicht so aufgefangen werden kann.

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  2. Danke, Danke, Danke für diesen tollen Beitrag. Schon mein Professor im Studium hat damals den Begriff "neue Medien" angeprangert. Ich finde auch diese Trennung in Internt und reale Welt albern, das Internet gehört zur "realen" Welt. Man bestellt doch Sachen, "trifft" Freunde, bildet sich weiter. Es gehört damit zum täglichen Leben.
    Ich stimme die völlig zu, dass Eltern und Kindern gemeinsam das Internet und die Möglichkeiten ausloten sollen. Denn natürlich gibt es im Internet die gleichen Gefahren wie auf dem Weg zum Schulhof u.ä. Eltern die ihre Kinder einfach machen lassen finde ich verantwortungslos, wenn sie sich nicht auskennen, dann gibt es Möglichkeiten dies zu ändern. Angst vor fremden Dingen hat man oft, weil man nicht damit umgehen kann.

    Medien (Buch, Radio, Fernseher, Internet) haben schon immer nebeneinander existiert. Nie hat ein Medium das andere abgelöst. Das liegt einfach in der Natur des Menschen. Man lernt mit den Umgang mit den verschiedenen Medien und setzt sie so ein wie man sie braucht.

    Das verstehen leider viele nicht...

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  3. Ich saß das erste mal mit 10 vor Papas Computer (war sogar ein Apple *yeah!) und oh Wunder, ich hatte soziale Kontakte und keine Fettleibigkeit. Meine Eltern sind im selben Alter wie diese "Talkteilnehmer". Sie können PCs bedienen und sind auf Facebook. Und sie haben keine Angst vorm Internet oder dass ihre Enkel irgendwann mal verblöden deswegen, sondern spielen wahrscheinlich mit ihnen auf dem iPad Lernspiele. Allerdings befürchte ich, dass wir vielen Leuten auch in unserer Generation das Buch echt näher ans Herz legen müssen.

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