2013-02-25

#TATORT - ODER "JA , ICH HABE NICHTS BESSERES ZU TUN."

Die richtige Ausrüstung und der mysteriöse Kamerafilter ist schon vorhanden!

Es ist so. Ich mag konstante Dinge. Dinge, die planbar sind und immer wieder passieren. Von denen ich weiß, dass sie mich nicht groß überraschen oder intellektuell herausfordern werden, die aber trotzdem gut sind, einfach, weil es sie gibt. Dinge, die mich daran erinnern, dass ich auch nur ein Mensch bin, der gerne auf dem Sofa sitzt, der gerne billigen Wein trinkt und salziges Popcorn isst. Zu diesen Dingen gehören der „Tatort“ und „Wetten, dass…?!“

(Fast) jeden Sonntag sitze ich pünktlich um 20:14 Uhr vor dem Fernseher, ruckel noch schnell die Kissen am Rücken zurecht, zupfe an der Wolldecke und kontrolliere die Anwesenheit des Mannes neben mir. Tatort-Time. Tatort ist Tradition. Ich habe den Tatort quasi schon im Bauch meiner Mutter mitgeguckt. Und seitdem es Twitter gibt, ist der Tatort nochmal viel besser. Es kommt natürlich darauf an, welche Ermittler jeweils am Werk sind. Natürlich mag ich die Münsteraner, wer mag die nicht? Allerdings werden sie mir in letzter Zeit etwas zu klamaukig. Eine kleine Rückbesinnung darauf, dass hier eigentlich kleine Kriminalgeschichten erzählt werden sollen, täte den Drehbuchautoren ganz gut. Ich mag die Kölner, Wien und München. Ich werde niemals damit zurechtkommen, dass ich die Kommissarin aus der eigenen Stadt (Hannover) ganz und gar nicht leiden kann und trotzdem schaue ich mir den Tatort jedes Mal an. Und jedes Mal twittere ich dazu. Ich rege mich auf oder mache mich lustig. Ich rätsele, wer es wohl gewesen sein könnte. Und gebe kluge Tipps für Drehbuch oder Regie. Und jedes Mal lese ich dann auf Twitter und Facebook von Menschen, die sich darüber aufregen, dass sich andere Menschen über den Tatort aufregen und wieso sie den dann überhaupt gucken würden. Kurz: Weil es einfach Spaß macht! Unabhängig davon, dass ich tatsächlich gerne Krimis schaue (oder einfach Geschichten, in denen jemand stirbt), finde ich es einfach ganz und gar großartig, meine Meinung mit anderen online zu teilen. Und zu sehen, wie lustig andere wiederum den Tatort kommentieren können. In Wirklichkeit wünsche ich mir auch, dass der Tatort niemals richtig, richtig gut wird. Dann könnte ich vor Spannung ja gar nicht mehr twittern. Alle paar Wochen so ein „Ja, ok, das war jetzt wieder ganz interessant“-Ding reicht, um meine Gelüste zu befriedigen. Und obwohl es sich für manche Nicht-Internet-Menschen komisch anhören mag: Ich bin in diesen 90 Minuten wahrscheinlich sozialer als irgendwann sonst am Wochenende. Ich kommuniziere mit dem Mann neben mir, der ebenfalls mit Handy im Anschlag dasitzt. Ich spreche mit vielen Menschen im Netz, die alle genau die gleiche Sendung sehen, dabei auf dem Sofa rumlümmeln, vielleicht sogar ungewaschene Haare haben und trotzdem virtuell „vor die Tür gehen“. Das ist übrigens auch ein Grund dafür, warum das mit dem „Ich schaue mir meine Sendung an, wann ich will“-Ding nie wirklich funktionieren wird. Wir brauchen diese vorgesetzten Uhrzeiten. Ich kann den Tatort nicht montags um 11 Uhr gucken. Das wäre komisch. Und einsam.

Natürlich schaue ich auch gerne anspruchsvolle Sachen. Ich gehe ständig ins Kino, ich verschlinge alle möglichen Reportagen und bin süchtig nach gut gemachten Dokumentationen. Für all diese Dinge muss ich aber „bereit“ sein. Und das bin ich abends am Wochenende meistens nicht. Ich kann dann einfach nicht stundenlang ganz genau aufpassen, reflektieren und denken. Ich möchte einfach nur unterhalten werden. Und eine miese Krimifolge mit spektakulär lustigen Kommentaren ist für mich in diesen Momenten mehr Unterhaltung als alles andere.

Das gleiche gilt auch für „Wetten, dass…?!“. Wobei ich nach der letzten Folge ernsthaft überlege, ob ich das noch unter „Unterhaltungs-Berieselung“ abhaken kann oder ob diese Sendung einfach unter den Tisch fallen muss. Ich wollte Markus Lanz eine Chance geben, aber er hat sie nicht genutzt. Die Promis, die dort auf dem Sofa sitzen, kann ich mir auch in den Mittags“nachrichten“ auf den Privaten ansehen. „Früher haben wir immer weggeschaltet, wenn die Musik kam“, sagte der Mann am Wochenende. Heute sind wir froh, wenn endlich der Musikact kommt. Something’s wrong here!

Fazit: „Wetten, dass…?!“ wird sterben. Erst in meinem Wohnzimmer und dann, über kurz oder lang, überall. Zumindest, wenn das Konzept so bestehen bleibt. Der Tatort hingegen gehört einfach dazu. Und den lasse ich mir auch nicht mies machen.

So. Das war jetzt dieser Blogpost, der schon so lange rausmusste, weil ich mich jedes Mal wieder über die Menschen aufrege, die sich über Menschen aufregen, die sich über den Tatort aufregen.

Übrigens: Was machen eigentlich diese ganzen Menschen sonntags, die über uns Tatort-Gucker meckern? 90 Minuten auf den Computerbildschirm starren und darauf warten, dass jemand etwas über den Tatort sagt?

Kommentare:

  1. Hach Ninia, jetzt les ich deinen Blog schon so lange. Manches find ich gut, anderes interessiert mich nicht, manches find ich richtig gut und plötzlich, hoppla, bist du mir unsympathisch geworden. Warum? Vielleicht weil ich eine Nicht-Tatort-Guckerin bin. Weil ich Sonntag abends irgendwelche liegengebliebenen Dinge erledige, telefoniere, koche, esse, durchs Netz surfe. Eben all das. Und manchmal bin ich einsam, ja. Weil so viele meiner Freunde Tatort gucken. Und weil man in kaum eine Kneipe Sonntagabend gehen kann. Ist alles leer oder es läuft Tatort. Tja, Pech gehabt, wirst du jetzt sagen, mach halt einfach mit bei dem Zirkus. Was aber, wenn es mich nicht interessiert? Und ich mir nicht gerne Krimis ansehe oder Filme, wo jemand stirbt? Oder generell Filme? Und wenn, dann muss ich mich nicht darüber unterhalten. Weder über Twitter, noch direkt mit jemandem neben mir. Dann will ich da sitzen und allein was gucken. Da passt der Montag vormittag genausogut wie jede andere Minute. Warum ich das alles sage? Ich könnte ja auch die Klappe halten. Stimmt.

    Aber wenn es etwas gibt, was ich nicht mag, dann ist es das wir-Gefühl. Dann ist es Tradition und Neobiedermeiertum und jede Woche das gleiche machen wollen. Und dann ist es vor allem, wenn Menschen davon ausgehen, dass es allen anderen auch so gehen sollte.

    Und eigentlich könnte ich das alles so stehen lassen, was du schreibst. Kann mir ja wumpe sein. Aber da ist das kleine Wörtchen "wir". "Wir brauchen vorgesetzte Zeiten."

    Liebe Ninia, streich das wir. Nicht hier im Text, sondern aus dem Kopf. Denn "wir" ist kein sonderlich schönes Konzept. Wir ist nicht nur schön und heimelig und Zusammengehörigkeit, sondern immer auch hässlich und exkludierend.
    Wir sind nie alle. Wir sind immer nur einige. Und wir kann verdammt weh tun. Weil man eben nicht dazugehört. Nicht nur beim Tatort-Gucken.

    R.

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  2. Liebe/r R.,
    ich hoffe, dass nur meine Eigenschaft als "Tatort-Guckerin" mich nicht gleich komplett unsympathisch erscheinen lässt. Das wäre sehr schade.
    Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich den tatort wirklich gerne schaue und mich immer nur über die wundere, die sich über die Tatort-Gucker aufregen. Es muss doch niemand den Tatort schauen, um Gottes Willen, wo kämen wir da hin ;)?! Aber es muss sich auch niemand über diejenigen aufregen, die ihn nunmal gerne schauen und so konservativ und langweilig sind (wie ich), dass das Sonntagabends eben die Lieblingsbeschäftigung dieser Leute ist.

    Deine Kritik am Wörtchen "wir" kann ich nachvollziehen. Ich habe es aus stilistischen Gründen benutzt und packe damit einfach die in eine "Gruppe wir", die das mit dem Tatort genauso sehen wie ich. Das soll aber niemanden ausschließen, diesen Blog zu lesen oder sich ohne Tatort auch gut zu fühlen.

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