2013-02-18

„Liest da niemand drüber?“ – Über Mecker-Kultur, Nicht-Gönnen-Können und Arschlochmenschen


Ponys machen alles besser. Kauft euch Ponys.

Wenn ich Dinge blöd finde, dann schreibe ich sie meistens als erstes auf – und stelle sie dann hier online. Es gibt ziemlich viele Dinge, die ich blöd finde, deswegen habe ich immer genug Sachen im Kopf, die ich aufschreiben oder über die ich mir Gedanken machen kann. Besonders gut meckern können Menschen natürlich im Netz. Sie bleiben anonym, niemand kann ihr Gesicht sehen, wenn sie losschreien, mensch nennt sie Trolle und kann sich darüber streiten,ob sie gefüttert werden sollen oder nicht.
                                                                  
Was mir aber in letzter Zeit besonders aufgefallen ist, ist eine Kultur des Nicht-Gönnen-Könnens. Diese Kultur gibt es sowohl online als auch offline in meinem ganz persönlichen Umfeld und vielleicht ist es sogar so, dass ich auch manchmal Dinge nicht gönnen kann, aber das ist von Grund auf ja erst einmal menschlich.

Dieses Nicht-Gönnen-Können ist mir als erstes bei meinen alten Lieblingscommunities jetzt.de und neon aufgefallen. Es kann daran liegen, dass ich jetzt alt bin und wahrscheinlich nicht mehr in die richtige Zielgruppe falle und so gar nicht mehr verstehe, was abgeht. Es kann aber auch sein, dass das mit dem Rummeckern und Nicht-Gönnen-Können tatsächlich mit der Zeit bösartiger und schlimmer geworden ist. Vor allem bösartiger. Die RedakteurInnen stellen einen Artikel online. Er ist meistens ganz gut, manchmal sehr gut, beschäftigt sich mit irgendeinem Thema, das einen interessiert oder eben auch nicht und es gibt die Möglichkeit dieses Thema zu kommentieren. Davon abgesehen, dass es bei Artikeln, die sich um Frauen drehen immer einen gibt, der als erstes kommentiert: „Hübsch/Geile Titten/Tolles Lächeln“, gibt es immer (IMMER!) unter den ersten fünf Kommentaren jemanden, der/die mitteilen muss, dass ihn/sie das nicht interessiert. Was soll das? Ich gehe doch auch nicht in einen Baumarkt zur erstbesten Verkäuferin und erzähle ihr: „Das, was sie hier anbieten, ne? Laaaangweilig!! Interessiert doch niemanden! Vor allem mich nicht. Geben sie sich mal mehr Mühe mit ihrem blöden Sortiment.“ Und dann drehe ich mich um, mache „Pffft!“ und verlasse den Laden.

Ich rufe auch nicht bei der Tageszeitung an, um der Redaktion aufzulisten, welche Rechtschreibfehler ich in der heutigen Ausgabe gefunden habe. Wobei ich befürchte, dass es tatsächlich Menschen gibt, die das tun. Womit wir beim zweiten 100-prozentigen Beitrag unter den ersten fünf Kommentaren wären: „Da ist ein Rechtschreibfehler! Ey, lernt mal Deutsch. Liest das denn hier niemand gegen?“ Nein, wohlmöglich liest das tatsächlich niemand gegen. Weil da wenig Menschen in einer Redaktion sitzen und weil alles immer so schnell gehen muss und weil es verdammt noch mal meistens auch kackegal ist, ob da jetzt ein Komma fehlt oder nicht. Diese KommentatorInnen sind dieselben, die sich über diese „deutsche Bürokratie“, die „böse Polizei“ und andere Korrektheitsfanatiker beschweren. Die Kreativleistung der AutorInnen wird nicht anerkannt. Es wird manchmal sogar ganz allgemein an den Grundfähigkeiten der JournalistInnen gezweifelt. Warum können Menschen Kreativleistungen weniger anerkennen als „normale“, berufliche Leistungen? Warum sagt niemand zu seinem Friseur: „Du, das mit dem Schneiden, ne, da musste aber nochmal jemanden drüber gucken lassen. Geht so gar nicht.“ Warum sagt niemand zum Menschen an der Supermarktkasse: „Das, was es hier so gibt, ne? Interessiert mich eigentlich alles gar nicht, ich will nur mein Pferdefleisch und ab dafür. Ist ja auch schön, wie sie das alles so bunt angeordnet haben, aber was soll das?“ Das mit dem Nicht-Anerkennen von Kreativleistungen ist so groß und viel, dass es eigentlich einen eigenen Artikel verdient hat. Der Lieblingssatz der Nicht-Anerkenner lautet: „Na toll, das kann ich auch.“ Und sie glauben das auch wirklich. Und manchmal mag es sogar stimmen. Aber sie machen es nicht. Ach, das ist wirklich einen eigenen (Korrekturvorschlag in den Kommentaren ;)) Artikel wert. Der kommt. Bald.

Auch sehr beliebt: Der nett gemeinte Verbesserungsvorschlag. „Tolle Geschichte, aber das Ende hätte ich noch ein bisschen anders gestaltet. Wär gut, wenn jemand stirbt.“ Ja, Menschen stellen ihre Texte online, weil sie auch hören wollen, wie andere sie finden (Laienschreiber, ich spreche jetzt nicht mehr von Journalisten). Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Cool, an der Stelle hätte es mir anders noch besser gefallen“ und „Schreib die Geschichte besser so wie ICH sie geschrieben hätte“. Das bedeutet nicht, dass ich einen Kuschelkurs fordere, aber ein bisschen Selbstreflexion und Eingeständnis, dass eben nicht alle so geil sind wie man selbst, muss doch drin sein, oder?! Im Zweifel gilt immer: Wenn ich nichts Gutes zu sagen habe, dann halte ich besser die Klappe.

Beispiel: Der Mann und ich leben, unserer Meinung nach, in einer sehr gemütlichen, sehr guten Wohnung. Viele Menschen sagen das auch, wenn sie uns besuchen und ich nehme es ihnen ab. Gleichermaßen lobe und preise ich auch fremde Wohnungen, wenn sie mir gut gefallen. Wenn es aber Wohnungen sind, mit denen ich im Gesamtfazit nicht viel anfangen kann, denke ich mir: „Für mich wär das ja nichts.“ Und sage aber freundliche Dinge, wie: „Was für ein großes Bad!“ Weil ich wirklich finde, dass sie ein großes Bad haben. Ich lüge nicht, ich beleidige aber auch niemanden. Keine/r von uns würde doch in eine Wohnung reinkommen und feststellen: „Gott, ist das kacke bei euch. Streich die Wand lieber blau, so wie ich das mache, dann wird es gleich gemütlicher.“ Warum schreiben wir es dann anonym unter Texte?

Die Hemmschwelle ist viel, viel niedriger. Klar. Das wird besonders deutlich beim Phänomen des Nicht-Gönnen-Könnens. Bei der Neon wurde ein Text, weil er sehr viele Herzchen erhielt und aber schon so alt ist, einfach nochmal auf die Startseite gestellt. Jemand aus der Redaktion fand den Text so gut, dass er/sie ihn nochmal auf den Präsentierteller packte. Das ist nett und ein bisschen rührend und vollkommen ok. Unter dem Text finden sich inzwischen mehr Kommentare, die sich damit beschäftigen, wieso der denn jetzt NOCHMAL auf der Startseite ist und überhaupt, der Text sei ja wohl total blöd und öde und so weiter. Am liebsten würde ich jeder/m persönlich antworten, dass sie dieser Langeweile mit einem einfachen Klick entgehen können und sich ihre Laune doch nur verschlechtert, wenn sie sich durchs Kommentieren nur noch mehr mit dem Text auseinander  setzen müssen. Aber ich lasse es. Siebzig Prozent von denen haben wahrscheinlich irgendwann mal eigene Texte online gestellt, die auf keine Startseite gepackt wurden und nie hat ein Verlag angerufen oder wenigstens mal die Oma gesagt, dass das ja so schön ist, was sie da schreiben. Und die anderen haben einfach alle Scheiße zum Frühstück gegessen. Im Ernst: Dieses Nicht-Gönnen-Können ist eine Sache und manchmal sogar verständlich. Eine andere ist, wie mensch damit umgeht. Und mit der Schippe immer auf den Kopp des anderen zu hauen, hilft hier doch niemandem. Weitergehen, sich seinen Teil denken und es besser oder anders machen, ist mit höchster Sicherheit die bessere Strategie. Und am Ende auch die, die uns zum Weltfrieden bringen wird. Amen.

Kommentare:

  1. Immer wenn ich denke, och, die Menschheit ist doch gar nicht so schlimm, wie ich immer tue, dann lese ich eine Viertelstunde die Kommentare unter der Artikeln auf Welt Online (und mittlerweile auch auf SpOn: Seit welt.de eine Paywall hochgezogen hat, sind die ganzen Nazis, Verschwörungstheoretiker und Männerschützer geschlossen dorthin umgezogen). Und dann ist mir wieder klar: Die Menschheit ist noch viel schlimmer als gedacht.

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  2. Also ich finde ja, dass du das Ende ruhig hättest anders schreiben können. Und irgendwo fehlte sicher auch ein Komma.

    Recht haste aber ;)

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  3. Hm, der Bezug zu Prosatexten ist mir jetzt nicht so ganz klar. Gerade in Bereich Fanfiction denke ich oft: "Kann dem/der mal jemand sagen, dass man das so nicht schreiben kann?"
    Ich denke, konstruktive, sachliche Kritik ist völlig okay. Wie sollten sich die Autoren sonst verbessern? Aber man sollte wenigstens noch EINEN positiven Punkt nennen können. Wenn ich das nicht kann, halte ich auch die Fresse ;)

    Ist es Nicht-Gönnen-Können oder manchmal einfach purer Neid? Da schreibt einer für ein Onlinemagazin und alle können es lesen. Meh, Neid.

    Mir hat letztens einer bescheinigt, meinen "äh... Text" nicht zuende gelesen zu haben. Ich fragte mich direkt, was das soll? Ich bin keine professionelle Autorin, aber ich schreibe auch nicht scheiße. Vielen gefällt's. Die Kritik an der Form, so lächerlich sie auch manchmal ist, kommt wohl nur, wenn man dem Inhalt nichts entgegen zu setzen hat. So ähnlich, wie bei einer Politikerin, die ganz plötzlich hässlich oder fett ist, weil man ihre Einstellung scheiße findet.

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    1. "Mir hat letztens einer bescheinigt, meinen "äh... Text" nicht zuende gelesen zu haben. Ich fragte mich direkt, was das soll?" - Genau diese Form der Kritik ist die, über die ich mich aufrege. Natürlich darf ich jemanden konstruktiv kritisieren. Wobei da immer noch die Frage für mich bleibt, wieso ich das aus Eigeninitiative tun sollte, wenn der/diejenige mich nicht darum gebeten hat. Ich finde dann immer, das zeugt von einer gewissen Arroganz. Dann lese die den Fanfiction-Kram halt einfach nicht, wenn ich ihn schlecht finde.

      Ansonsten kann ich dir nur zustimmen!

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  4. Und außerdem heißt es "...das ist wirklich einen eigenen Artikel wert."

    SCNR

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  5. Das hier gilt eben nicht nur für "political discourse":

    http://www.smbc-comics.com/index.php?db=comics&id=2177#comic

    Der Peak am linken Rand enthält 90% der Kommentarschreiber in Online-Foren. Wobei ich ja vermute, dass es insgesamt nur ein paar hundert Trolle im deutschsprachigen Raum gibt, die unter verschiedenen Identitäten alles vollkommentieren, was sich in 80 bis 100 Wochenstunden vollkommentieren lässt.

    Wesentlich krasser als diese anonyme Kommentarschreiber-Parallelgesellschaft finde ich aber, dass die Redaktionen das einfach alles veröffentlichen. Sie entwerten damit ihre eigene Publikation, anstatt sie durch eine gezielte Auswahl lesenswerter Kommentare aufzuwerten. Meiner Hoffnung, dass sich die gute alte Leserbriefkultur der Printmedien auch online etabliert, habe ich vor ein paar Jahren Ausdruck verliehen, als ich mich mal als Blogger versucht habe:

    http://robertkayser.de/2010/08/dahinter-steckt-oft-auch-ein-vollpfosten/

    (Werbung fürs eigene Blog machen - dafür ist die Kommentarfunktion doch eigentlich da, oder?)

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