2013-01-03

WER REDET DENN HIER VON VERNUNFT?




Hallo 2013.

Während sich alle Menschen mit Jahresrückblicken beschäftigt haben, habe ich dir heimlich entgegen gefiebert. 2013 also. Ein Jahr, in dem zumindest für die Mayas und mich eine neue Zeitrechnung beginnt. 2013 ist ein besonderes Jahr. Ich werde 30 Jahre alt. Ich habe zehn Jahre Abitur. Es ist Abschluss von so vielem und gleichzeitig ein Anfang. Was kommt da wohl auf mich zu?

In den letzten zehn Jahren habe ich Abitur gemacht, studiert, so viele Praktika gemacht, studiert, Bewerbungen geschrieben, Männer geküsst und wieder heim geschickt, ein Volontariat gemacht, auf immer mehr Bühnen gestanden, das erste Mal mein komplettes Leben selbst bezahlt, den besten Mann kennengelernt und behalten, gebloggt, in der Weltgeschichte herumgefahren und -geflogen, eine Visitenkarte mit einer richtigen Berufsbezeichnung bekommen, so viel geschrieben, einem Kaninchen ein neues Zuhause gegeben, getanzt, getrunken und geweint, sehr viel mehr gelacht, beste gute Menschen kennengelernt, vor Fernsehkameras gestanden, richtig gewählt, getwittert, Gedanken gemacht, im Matsch getanzt und neben Käfern geschlafen.

Das alles ist so super und trotzdem fühle ich mich noch nicht richtig komplett. Da fehlt doch noch was, da muss doch noch etwas kommen. Das ist jetzt also dieses „Erwachsen-Sein“. Ich muss Rechnungen bezahlen und günstige Stromanbieter suchen. Ich muss mir überlegen, ob ich für das Alter vorsorgen möchte und wenn ja, wie. Ich weiß jetzt, dass es eine gute Idee war, dass eine Knie operieren zu lassen, werde mir aber noch weitere zehn Jahre überlegen, ob ich mir das mit dem anderen Knie jemals antun werde. Menschen in meiner Umgebung heiraten und ich denke „Och Mensch, die sind aber noch jung“ und dann fällt mir auf, dass sie so alt sind wie ich. Also alt genug, um zu heiraten. Sogar so alt, dass andere sagen würden, es wird jetzt aber mal Zeit. Ninia, es wird jetzt aber mal Zeit. Ihr seid doch schon so lange zusammen. Die Susi, die hat jetzt auch geheiratet. Der Bastian hat jetzt übrigens seinen Doktortitel. Und Jennifer schon längst das zweite Kind. Mit 30 ist dann bald auch schon Schluss mit lustig. Merk dir das, es wird nicht besser, du musst jetzt bald mal anfangen.
Der Mann und ich, wir bekommen Weihnachtspost von anderen Pärchen. Richtige Karten, die sie mit der Post schicken und in die sie nette Dinge schreiben und außerdem berichten, dass sie ja jetzt bald mal dieses Häuschen auf dem Grundstück bauen wollen, dass sie sich gekauft haben. Und ich lese das und denke, ich habe bis zum Ende des Monats noch 150 Euro auf dem Konto, die ich wahrscheinlich in Sushi, Sneaker und eine neue Mütze investieren werde. Wer redet denn hier von Vernunft?

Dabei habe ich das alles bis jetzt ganz gut hingekriegt. Ich besitze eine wirklich schöne Wohnung in einer wirklich schönen Stadt, auch wenn einem das immer keiner glauben will, das mit der Stadt. Ich habe einen Job, um den ich manches Mal beneidet werde und einen Mann, der Dinge zusammenbauen kann und heute ein Jeanshemd mit Hosenträgern trägt. Menschen wollen, dass ich in ihre Stadt komme und Dinge vorlese, die ich selbst geschrieben habe. Und das ist wahrscheinlich das Verrückteste von allem, was in den letzten zehn Jahren passiert ist. Dieses Rumgeträume, dass einem Menschen zuhören, wenn man auf einer Bühne steht und etwas vorträgt, das ist wahr geworden. Sogar so wahr, dass ich hin und wieder erkannt werde und wildfremde Menschen mir erklären, wie cool sie das finden, was ich da mache. Das ist völlig bekloppt und ziemlich gut. Und ein bisschen bilde ich mir dann auch immer etwas ein. Nur kurz. Aber das ist, glaube ich, erlaubt.

In einem halben Jahr werde ich 30. Das ist nicht schlimm. Wenn in diesen weiteren zehn Jahren nur halb so viel Gutes passiert wie in den letzten zehn, dann ist alles gut. Ich werde kein Häuschen auf einem Grundstück bauen, weil ich kein Grundstück kaufen werde. Ich fliege lieber nach Island. Ich werde auch weiterhin keine Postkarten an andere Menschen meines Alters verschicken, weil ich das einfach nicht kann. Ich kann keine Postkartentexte schreiben. Ich werde andere Dinge schreiben. Und weiterhin Sushi essen. Ich werde sehen wie aus dem Mann ein ganz kompletter Lehrer wird und ein bisschen stolz sein. Ich werde ein Kind bekommen. Nicht sofort, aber in den nächsten zehn Jahren. Ich werde weiterhin allen Menschen erzählen, wie wichtig es ist, dass Frauen in allen Ländern und allen Bereichen gleichberechtigt werden. Egal, ob sie es hören wollen oder nicht. Ich werde vieles falsch machen, aber einiges auch sehr richtig. Und ich werde weitertanzen. Und da freue ich mich drauf.

Hallo 2013.

Kommentare:

  1. nadenn, ich wünsche dir viel glück und erfolg dabei...

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  2. Das ist wahrscheinlich die allerallererste positive Sichtweise auf 2013, die ich gelesen habe.
    Tausend Dank, ich war schon am Verzweifeln.

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  3. Einer der schönsten Texte zum neuen Jahr. Danke.

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  4. Das war mein 2012. Ich habe es überlebt, geliebt und darüber gelacht. Kannst du nicht mal einen Brand-Text darüber schreiben, dass alle einem auf den Sack gehen, wann denn das erste Kind kommt? Ich dachte immer das sei privat und trotzdem fragen mich Menschen, die ich in meinem Leben noch nie zuvor gesehen habe (und auch nicht mehr sehen werde, hoffentlich).

    Hanna

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    1. Hallo Hanna! Das kenne ich! Meine Mutter hat mir mal gesagt: "Erst fragen sie dich, wann du endlich einen Mann bekommst, dann wann ihr euch endlich verlobt, dann wann ihr endlich heiratet, dann wann endlich das erste Kind kommt und nach dem zweiten Kind lassen sie dich irgednwann in Ruhe!" ;) Vielleicht schreibe ich wirklich mal darüber!

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