2012-10-13

DER BLICK INS PUBLIKUM

SlampoetInnen an sich wurden ja schon von diversen Medien zur Genüge und auch mehr als nur zur Genüge beschrieben, interviewt und dargestellt. Aber das Publikum, da hat noch niemand so richtig rein geguckt. Können JournalistInnen ja auch nicht, weil sie nicht auf der Bühne stehen. Deshalb übernehme ich das mal großzügig für sie. Hier also meine ganz eigene Interpretation der Gesichter, die einen da so anstarren, wenn man gerade am Mikrofon steht. Dabei sei gesagt: Natürlich kann jede Kategorie von allen Geschlechtern besetzt werden. Ich habe die Betitelung willkürlich gewählt.
  1. Der Frustrierte
    Er weiß auch nicht so richtig, wie er in diese Veranstaltung geraten ist. Irgendein Kumpel sagte was von Bier und lustigen Typen und schon war er dabei. Dass er sich jetzt den ganzen Abend so einen Blödsinn anhören muss, hat vorher niemand erwähnt. Also rutscht er in seinem Stuhl immer tiefer und bleibt bei seinem betont gelangweilten und unbeteiligten Gesichtsausdruck. Er nimmt sich vor, ab sofort besonders dann keine Emotionen zu zeigen, wenn alle anderen ausrasten und in der nächsten Pause zu gehen. Zumindest kurz raus, um zu rauchen.



  2. Der Groupie
    Sie findet diesen Slammer mit den Locken und der Brille ja eh super gut. Wie niedlich der schon ist. Und dann erzählt der auch noch so schöne Sachen über die Liebe. Oder der andere, der mit der Röhrenjeans. Der ist so witzig. Sie fragt sich zweieinhalb Stunden lang, warum die Männer in ihrem Umfeld nicht so sein können. Diese Slammer sind doch bestimmt immer so. Schreiben ihrer Traumfrau lauter Gedichte und tragen sie dann vor, nackt und nur mit einer Gitarre bekleidet. Hach. Vielleicht bleibt sie nachher noch ein bisschen länger. Kann ja sein, dass sich noch ein Gespräch ergibt.




  3. Die Intellektuelle
    Lyrik ist die höchste aller Künste. Und hier soll es doch um einen Poetenwettstreit gehen, oder?! Es stört die Intellektuelle schon seit einigen Jahren, dass immer mehr Comedy-Texte auf Slams auftauchen und auch noch gewinnen. Das Publikum hat halt meistens keine Ahnung, was wahre Poesie ist. Sobald jemand auf der Bühne steht, der oder die mindestens einmal die Wörter „Wolken“, „Zuckerwatte“ und „Regenbogen“ in besonders schöner Art und Weise gereimt hat, wird sie aufmerksam. Alles andere ist einfach nur Abschaum.




    3.1 Der Pseudo-Intellektuelle
    Niemand darf merken, dass er nur da ist, um sich die lustigen Sachen im Anschluss noch einmal heimlich und zuhause bei YouTube reinzuziehen. Denn er wäre so gerne ein schlauer Mensch. Also nickt er immer sehr enthusiastisch und macht ein stetiges „Aha!“, sobald auf der Bühne besonders komplizierte Texte vorgetragen werden. Was kein anderer versteht, er weiß ganz genau, was der oder die PoetIn mit diesem Text ausdrücken wollte. Wenn man ihn aber fragt, druckst er kurz herum und erklärt dann, dass man offensichtlich nicht in der Lage sei, so wunderschöne Poesie zu verstehen. Da sei man dann halt selbst Schuld. Er müsse aber jetzt auch gehen.



  4. Der Amüsierte
    Er ist das komplette Gegenteil von der Intellektuellen. Sobald ein Mensch auf der Bühne anfängt, rhythmisch zu sprechen oder in irgendeiner Form einen ernsten Eindruck macht, steigt er aus. Dieses Gelaber versteht doch eh keiner. Der Amüsierte denkt, er soll hier doch nur amüsiert werden. Lustige, kleine Stories aus dem Leben, das sind seine Lieblingstexte. Und so was können Frauen doch eh nicht, da muss man doch mal ehrlich sein. Nach dem Slam steht er dann noch unschlüssig an der Bar herum, um die eine Slammerin mit den großen Brüsten zu fragen, wo sie übernachtet. Aber die interessiert sich komischerweise nicht für ihn.




  5. Die Wohlwollende
    Die Wohlwollende ist meist etwas älter als das Durchschnittspublikum. Sie findet alles toll, überhaupt ist das doch toll, dass diese jungen Menschen sich trauen auf die Bühne zu gehen und ihre innersten Gefühle zu offenbaren. Sie lacht immer an der richtigen Stelle und schweigt, wenn es angemessen ist. Am Ende geht sie noch beim Veranstalter vorbei und sagt kurz: „Hach, das war wieder ganz toll, vielen Dank!“ Mit dem guten Gefühl, auch noch in ihrem Alter Mitglied der hippen Kulturszene zu sein, geht sie nach Hause. Nicht ohne vorher von der Hälfte der PoetInnen ein Buch gekauft zu haben. Weil sie es kann.