2012-04-27

STADT, LAND, JÄGERMEISTER



Es ist so. Ich bin ein arrogantes Miststück. Das kann man ruhig mal sagen. Ich halte mich für besonders klug, weltgewandt und überhaupt ziemlich in Ordnung. Und ich bin durch und durch Großstadt. Schon immer gewesen. Ich bin als Großstadtkind aufgewachsen und habe immer in Großstädten oder zumindest relativ weltgewandten Studentenstädten gewohnt.

Und dann fahre ich mit den alten Freunden in den Schwarzwald. Dort unten wohnt eine weitere alte Freundin mit ihrem Freund. Der Freund heißt Josef und seine Eltern haben einen Bauernhof. Das ist alles wahr. Wir sind zu fünft. Der Mann, ein Juristenkumpel mit Juristenhaartolle, ein Werbetexterkumpel mit einem Pullover voller graphischer Hipstermuster, eine Landschaftsarchitekten-Beste-Freundin-Freundin und ich. Wir sind ziemlich aufgeregt. Ich am meisten. Ich mag Zugfahren. Und sobald etwas Besonderes passiert, finde ich das immer gleich sehr aufregend. Es passiert auch schon bald etwas Besonderes. Wir müssen umsteigen. Aber es kommt gar nicht der Zug, mit dem wir fahren wollen, sondern ein Ersatzzug. Im Zug finden wir uns alle zusammen, haben ein gemeinsames Abteil und meckern über den rumpelnden, stinkigen Zug. Eigentlich ist das so ganz schön. Wir sitzen alle zusammen, wie in alten Zeiten.

Von Offenburg aus geht es mit dem Auto weiter zum Bauernhof von Josefs Eltern. Eine lange Fahrt vorbei an diversen kleinen Dörfern, bei denen Julia, die Freundin von Josef und somit meine alte Freundin, immer Dinge ausruft wie: „Ach schau, die Pferde von Ringwalds!“ Ich suche nach dem Ring an meinem Finger, den ich nachher ins Feuer werfen muss. Wir fahren an einem Traktor vorbei: „Ja, Mensch, das war doch der Georg!“ So geht das eine halbe Stunde lang. Dann ruckeln wir einen sehr schmalen Weg hinauf und sind plötzlich mitten im Nirgendwo. Panisch schauen drei von uns auf ihr Smartphone. Kein Empfang. Gar kein Empfang. „Ich habe keine Balken!“, ruft die Juristenhaartolle. Wir laufen zu dritt durch das Ferienhaus, um einen Empfangspunkt zu finden. Letzte Hoffnung Balkon. „Hier!“, schreit die Juristentolle. Er steht am Abflussrohr und hält mit abgewinkeltem Arm sein Handy in die Höhe. „Wenn du so machst, kommt ab und zu ein Strich.“ Nach zwei Minuten merken wir, dass das total dusselig ist und finden uns damit ab, nun 24 Stunden kein Telefon und Internet zu haben. Auf den Schock erst einmal einen Schnaps.

Wir sitzen in der Hofküche und Josefs Mama macht leckere Dinge für uns. Stilecht kommt kurz darauf auch der Chefbauer herein. Mit fetter Zigarre im Mund und Hinkebein. Er setzt sich neben dran und sagt Dinge, die er für klug und richtig hält. Ich finde ihn witzig. Er findet uns auch witzig. Früher musste er jeden Tag zu Fuß ins Dorf. Jeden Tag. Zu Fuß. Vielleicht hat er auch Kartoffeln vom Feld geklaut. Wir hatten ja nichts.

Der nächste Programmpunkt: Tiere angucken. Die Juristentolle und der Werbetexterkumpel kriegen sich gar nicht mehr ein, als sie hören, dass es hier Kühe gibt. Also echte, richtige Kühe. So was Verrücktes haben die beiden noch nie in ihrem Leben gesehen. Sie wollen sofort in den Stall, als Josef ihnen erklärt, dass es relativ wahrscheinlich sei, dass sie sehr stinkend wieder raus kommen würden. Die Juristentolle ist gewarnt und leiht sich lustige Bauernkleidung von Josef. Dem Werbetexterkumpel ist das egal, er hat nur noch Kühe im Kopf. Sollte er im Anschluss stinken, trägt das nur noch zu seiner absolut kreativen Erscheinung bei. Der macht halt, was er will, der Mann. Ist ja auch ein Werber. Die beiden erobern den Stall im Nu. Hinter dem ersten Raum befindet sich ein zweiter. In diesem wohnen... Achtung! KÄLBCHEN! Mit ihren iPhones bewaffnet stöbern sie umher und fotografieren jeden Nasenring und jede lange Wimper, die sie finden können. Völlig geflasht kommen sie wieder raus und strahlen: „Kleine Kälbchen.“ Und der Werber fügt hinzu: „Ich esse nie wieder Fleisch.“ Irgend jemand antwortet: „Du stinkst.“

Wir vertreiben uns die Zeit mit crazy Quartett-Runden und Weingummi-Wettessen. Der Werbetexter ruft: „Ich habe A1, ich fange an!“ Irgend jemand antwortet: „Du stinkst.“

Dann fängt die Party an. Wir sitzen alle an Tischen und es gibt Schnitzel mit Salat. Gutes Schnitzel vom Schlachter-Meyer oder Ringwalds oder was weiß ich. Der Werbetexter hat sich dann doch umgezogen. Er trägt nun einen engen Pulli in dunkelblau mit roten, galoppierenden Pferden drauf. Als ich ihn frage, ob das ein Schlafanzug-Oberteil von C&A sei, wird er böse und die Landschaftsarchitekten-Beste-Freundin-Freundin fängt an zu lachen. „Das hat Birthe auch schon gefragt“, knurrt er. Nein, das sei ein wirklich wichtiger Pullover für ihn, der ihm sehr viel bedeutet und überhaupt, in New York habe ihn jeder gefragt, von wem dieser Pullover sei. Wenigstens antwortet jetzt niemand mehr mit: „Du stinkst.“

Nach und nach treffen auch die anderen Gäste ein. Fast alle kommen im Paar. Ich habe gut reden. Ich bin auch im Paar da. Aber ich bin nicht als Paar da. Alle anderen sind quasi als eine Person da. Das ist so auffällig, dass Julia am nächsten Tag von dem einen spricht, der gestern ohne Partnerin da war. Der Erdbeer-Benni. Erdbeer-Benni ist immer „am Schaffe“ und macht alles mit Erdbeeren im Dorf. Und ansonsten betreibt er einen 24-Stunden-Kiosk. Da hat er letztens ein paar Jungs erwischt, die den Laden auseinander genommen haben. Als sie flüchten wollten, hat Erdbeer-Benni sie einfach verprügelt. Erdbeer-Benni ist nämlich, genau wie Josef, Ringer. Die Jungs versuchten ihm zu erklären, dass sie nur einen Schlagbohrer dabei hätten, weil sie auf dem Weg zu einem Kumpel seien, um seinen Tischtennisschläger zu reparieren. Das glaubt selbst auf dem Dorf niemand.

Die Landschaftsarchitekten-Beste-Freundin-Freundin und ich schauen uns auf der Party um. Es scheint ein geheimes Motto zu geben: Wer auffällt, verliert. Jedes Mädel aus dieser klitzekleinen Stadt sieht aus wie das andere. Jede hat eine Brille, deren Bügel ein bisschen crazy verspielt sind. Eine Frisur, in der sich farbige Strähnchen befinden. Die Vorsichtigen haben die Strähnchen nur im Pony. Alle tragen Jeans und stecken diese in ihre möglichst flachen Stiefel. Darüber tragen sie ein Shirt von E-Sprit oder S.Oliver und ein Pandora-Armband. Sie sprechen kaum und stehen lieber erst einmal unschlüssig fünf Minuten vor der Bank herum, bis sie fragen, ob hier möglicherweise unter Umständen noch ein Plätzchen frei sein könnte. Auf die krasse Internet-Situation auf diesem Hof angesprochen, erzählen sie dir, dass sie sowieso nur bei Facebook sind, um Farmville zu spielen und danach holen sie ihr Tastentelefon aus der George, Gina und Lucy-Tasche, um ihrer allerbesten Freundin eine kurze „Hab dich lieb“-SMS zu schicken. An der Tasche baumelt ein kleines Nici-Tierchen. Spätestens nach dem Versuch, mit ihnen das Penis-Spiel zu spielen, schauen sie dich angeekelt und erschrocken an und wechseln unauffällig den Platz. Nicht ohne zwischendurch das Fenster zu schließen, weil es ja so zieht in diesem 45°C heißen Raum. Plötzlich ruft jemand: „Flunky Ball!“ Und alle gehen raus. Bezeichnend, dass am Ende nur die Menschen mitspielen, die für diese Party aus der Ferne angereist sind, weil alle anderen Menschen dieses Spiel nicht kennen.

Es ist 23 Uhr. Zwei Paare stehen auf und sagen: „So, mer packens jetzt, isch ja scho spät.“ Es sind die, die statt Alkohol Blumen für die Wohnung der Gastgeber mitgebracht haben. „Spät“ ist mein Stichwort und ich gehe in die Küche, um für die vernünftigen Menschen unter uns Jägermeister einzuschenken. Als ich reinkomme, höre ich wie die mit dem weißen Brillengestell zu der mit der Hyänenhaarfarbe leise sagt: „Guck mal, die trinken Cola aus ganz kleinen Gläsern.“ Ich trinke alle drei Schnäpse sofort und drehe um, um neue zu holen.

Richtig gut wird die Party, als fast alle gegangen sind. Nichts für ungut, aber als der Werbetexterkumpel endlich Platz hat, um die Deckenleuchte im Rhythmus der Musik hoch und runter zu schieben und dabei zu johlen, sieht sogar sein Pferdepulli ein bisschen cool aus. Wir tanzen auf den Tischen und trinken noch mehr Cola aus ganz kleinen Gläsern. Als ich ins Bett gehe, habe ich drei Dinge gelernt: 1. Es war eine gute Entscheidung, immer in der Großstadt leben zu wollen. 2. Wenn ich meinen Kindern später ganz viele Nici-Tierchen schenke, glauben sie vielleicht auch, dass Mama nur Cola aus ganz kleinen Gläsern trinkt. 3. Marc Terenzi hat früher in einer Boyband gesungen, die... na, wie hieß die Band? Natural! Aber was das mit einem Ausflug auf einen Bauernhof zu tun hat, ist eine andere Geschichte.

2012-04-23

SCHAUEN SIE HER: LESESTOFF ZU GEWINNEN!

Ich lese schon mal vor.
Heute ist Tag des Bieres. Das werde ich gebührend mit dem Mann feiern. Heute ist aber auch: Tag des Buches! Und weil das hier ein anständiger und intellektueller Blog ist, verschenke ich kein Bier, sondern Bücher. Ich bin nämlich Teil der Aktion "Lesefreunde". Und das bedeutet, der Mann musste heute für mich dreißig Exemplare eines ganz und gar wunderbaren Buches abholen, damit ich es unter die Leute bringe. IHR SOLLT WIEDER LESEN! Und das geht mit Axel Hacke sehr gut. Passenderweise haben Herr Hacke und ich beide in Braunschweig gelebt. Das vereint uns für immer. Auch wenn Herr Hacke das stets verleugnet, das mit Braunschweig. Überraschenderweise kann er trotzdem mindestens genauso gut schreiben wie ich. In "Deutschlandalbum" sammelt Hacke Porträts verschiedenster Menschen von Berlin bis München. Auf jeden Fall lesenswert. Vor allem, wenn man es geschenkt bekommt, oder?! Deshalb verschenke ich hier 15 Ausgaben. Sollten sich wider Erwarten mehr als 15 Menschen melden, entscheidet das Los. Bitte hinterlasst eine gültige E-Mail-Adresse, ihr habt bis 29. April 2012 Zeit dafür. Fröhlichen Buchtag!

Edit: Das Gewinnspiel ist beendet und jede/r Gewinner/in hat von mir eine Mail erhalten. Deshalb habe ich den Inhalt eurer Kommentare gelöscht, damit eure Adressen nicht mehr sichtbar sind.

2012-04-20

YOU SAY MAINSTREAM. I LIKE IT ANYWAY.

Ich bin Chrome-Nutzerin. Das hält mich nicht davon ab, den Werbespot für den Internet Explorer 9 gut zu finden. Vor allem den darin enthaltenden Song. Alex Clare kommt aus London, hat einen schönen Bart und war schon mit Jessie J auf Tour.

2012-04-15

MOODBOX

Ich bastelte. Aus der Not heraus. Ich kann nicht basteln. Aber ich kann zur Zeit auch keine Geschichten schreiben. Also schnappte ich mir einen alten Schuhkarton und zerlegte meine zahllosen Zeitschriften. Von nun an wird jedes Bild, jeder Schnipsel und jede Notiz, die mir auffallen, in dieser Box landen. Und dann schaue ich da rein und werde (hoffentlich) ganz ordentlich inspiriert. Was inspiriert euch?





Das Zitat stammt von der wunderbaren Wisława Szymborska.

2012-04-14

ANKOMMEN, ABLADEN, AUSRUHEN


Lisa hat einen sehr schönen Text zum Thema „Heimat“ für den Spiegel geschrieben. Das hat mich dazu veranlasst, selbst darüber nachzudenken, was der Begriff „Heimat“ eigentlich für mich bedeutet.

Anker. Mag ich. Ich mochte Anker schon als sie nur dicke, bärtige Seemänner auf dem Oberarm trugen. Ein Anker ist für mich das Sinnbild des Ankommens. Ich werfe den Anker aus. Gehe hier nicht mehr weg und bin gekommen, um zu bleiben. Ein Anker steht am Schluss einer wilden Reise durch Berg- und Talfahrten. Und dann ist es zu Ende.

Heimat ist für mich dort, wo mein Anker fest in der Erde steckt. Ich habe viele Anker. An diesen Orten sind Dinge, die ich brauche, um ich selbst zu sein. Der erste Anker ist mein eigener. Ein kleiner, aber sehr wichtiger Anker. Mein Seelenkompass zeigt auf Reisen immer in diese Richtung. Da sind vier Wände, die so aussehen, wie ich es mir vorstelle und die mich beschützen. Da ist ein Geruch, den ich in- und auswendig kenne und der mir sagt: „Hier bist du sicher.“ Da ist Luft, die alle Gefühle von mir speichert und Erinnerungen portioniert wegschließt. Das ist also der Ort, an dem ich nach Hause komme. An dem ich die Tür aufschließe, Schuhe in die Ecke werfe und gemütliche Klamotten anziehe. An dem ich in der Badewanne sitze und schräge Lieder singe. Oder an dem ich einfach im Bett liege, an die Decke blicke und mir Traumwelten ausmale.

Der zweite Anker steckt immer noch tief in der Erde des Ortes, an dem ich aufgewachsen bin. Dabei geht es gar nicht direkt um den Ort an sich. Dabei geht es ums Jungsein, um erste Erfahrungen, um prägende Erlebnisse und um Familie. Familie ist ein kleiner Extraanker, der an dem zweiten Anker dranhängt. Ein kleiner Extraanker mit Brilli. Heimat ist auch das, was mich ausmacht. Und das wurde zum Großteil von diesem Anker geprägt.

Der dritte Anker ist in Wirklichkeit ein Krakenanker. Ein Anker in mir drin mit vielen Greifarmen nach überall auf der Welt. Das sind Freunde. Weil Freunde ja nicht immer da sein können, wo ich auch bin, sind sie eben woanders, aber werden von mir festgehalten. Das funktioniert auch andersherum. Wenn es mir schlecht geht, dann merken das die Krakenankerfreunde und halten mich. Freunde als Heimat sind wichtig. Selbst wenn ich nirgends zuhause bin, bei Freunden bin ich doch am Ende immer daheim.

Der beste Anker von allen ist der Mann. Bei ihm kann ich so sein wie ich bin. Immer. Das macht ihn zu meiner Heimat. Egal, wo wir sind. Dieser Anker hat auch eh immer so ein bisschen was von allen anderen Ankern dabei, was ihn besonders komplett macht. Bei ihm kann ich ankommen, abladen, ausruhen. Ankommen, abladen, ausruhen. Das ist Heimat in ihrer reinsten Form.

2012-04-12

Bullshit-Bingo

Heute ist mein Beitrag für den Lesen ohne Atomstrom Blog online gegangen. Ich habe wie eine Wilde Worte gesammelt, durcheinander gewürfelt und wieder ausgespuckt. Beim nächsten Zwischenfall, der nächsten Reportage oder Diskussion könnt ihr euch das Zeug ausdrucken und mitspielen! Natürlich dürft ihr auch gerne neue Spielblätter erstellen. An dieser Stelle auch ein fetter Dank an die Organisatoren: Ihr macht das top! Und an euch: Wenn ihr irgendwie die Chance habt, euch eine Lesung oder ein Konzert anzuschauen, dann macht das. Geheimtipp: Konzert der Beatpoeten am 12. April nach der Lesung. Kostet sogar nix. Na!

2012-04-04

acrobat readers - die nächste


Die Lesebühne findet dieses Mal ausnahmsweise an einem Dienstag statt! Am 17. April kommt ihr erst ins Nörgelbuff und am 22. April geht ihr dann fleißig zum Slam im ThOP. So siehts aus. Wer gerne lesen möchte, der melde sich bei mir oder komme einfach vorbei. Und der Rest kommt sowieso und hört zu! 

Abgemacht? Abgemacht. Bis dann!