Es ist so. Ich bin ein arrogantes
Miststück. Das kann man ruhig mal sagen. Ich halte mich für
besonders klug, weltgewandt und überhaupt ziemlich in Ordnung. Und
ich bin durch und durch Großstadt. Schon immer gewesen. Ich bin als
Großstadtkind aufgewachsen und habe immer in Großstädten oder
zumindest relativ weltgewandten Studentenstädten gewohnt.
Und dann fahre
ich mit den alten Freunden in den Schwarzwald. Dort unten wohnt eine
weitere alte Freundin mit ihrem Freund. Der Freund heißt Josef und
seine Eltern haben einen Bauernhof. Das ist alles wahr. Wir sind zu
fünft. Der Mann, ein Juristenkumpel mit Juristenhaartolle, ein
Werbetexterkumpel mit einem Pullover voller graphischer
Hipstermuster, eine Landschaftsarchitekten-Beste-Freundin-Freundin
und ich. Wir sind ziemlich aufgeregt. Ich am meisten. Ich mag
Zugfahren. Und sobald etwas Besonderes passiert, finde ich das immer
gleich sehr aufregend. Es passiert auch schon bald etwas Besonderes.
Wir müssen umsteigen. Aber es kommt gar nicht der Zug, mit dem wir
fahren wollen, sondern ein Ersatzzug. Im Zug finden wir uns alle
zusammen, haben ein gemeinsames Abteil und meckern über den
rumpelnden, stinkigen Zug. Eigentlich ist das so ganz schön. Wir
sitzen alle zusammen, wie in alten Zeiten.
Von Offenburg aus geht es mit dem Auto
weiter zum Bauernhof von Josefs Eltern. Eine lange Fahrt vorbei an
diversen kleinen Dörfern, bei denen Julia, die Freundin von Josef
und somit meine alte Freundin, immer Dinge ausruft wie: „Ach schau,
die Pferde von Ringwalds!“ Ich suche nach dem Ring an meinem
Finger, den ich nachher ins Feuer werfen muss. Wir fahren an einem
Traktor vorbei: „Ja, Mensch, das war doch der Georg!“ So geht das
eine halbe Stunde lang. Dann ruckeln wir einen sehr schmalen Weg
hinauf und sind plötzlich mitten im Nirgendwo. Panisch schauen drei
von uns auf ihr Smartphone. Kein Empfang. Gar kein Empfang. „Ich
habe keine Balken!“, ruft die Juristenhaartolle. Wir laufen zu
dritt durch das Ferienhaus, um einen Empfangspunkt zu finden. Letzte
Hoffnung Balkon. „Hier!“, schreit die Juristentolle. Er steht am
Abflussrohr und hält mit abgewinkeltem Arm sein Handy in die Höhe.
„Wenn du so machst, kommt ab und zu ein Strich.“ Nach zwei
Minuten merken wir, dass das total dusselig ist und finden uns damit
ab, nun 24 Stunden kein Telefon und Internet zu haben. Auf den Schock
erst einmal einen Schnaps.
Wir sitzen in der Hofküche und Josefs
Mama macht leckere Dinge für uns. Stilecht kommt kurz darauf auch
der Chefbauer herein. Mit fetter Zigarre im Mund und Hinkebein. Er
setzt sich neben dran und sagt Dinge, die er für klug und richtig
hält. Ich finde ihn witzig. Er findet uns auch witzig. Früher
musste er jeden Tag zu Fuß ins Dorf. Jeden Tag. Zu Fuß. Vielleicht
hat er auch Kartoffeln vom Feld geklaut. Wir hatten ja nichts.
Der nächste Programmpunkt: Tiere
angucken. Die Juristentolle und der Werbetexterkumpel kriegen sich
gar nicht mehr ein, als sie hören, dass es hier Kühe gibt. Also
echte, richtige Kühe. So was Verrücktes haben die beiden noch nie
in ihrem Leben gesehen. Sie wollen sofort in den Stall, als Josef
ihnen erklärt, dass es relativ wahrscheinlich sei, dass sie sehr
stinkend wieder raus kommen würden. Die Juristentolle ist gewarnt
und leiht sich lustige Bauernkleidung von Josef. Dem
Werbetexterkumpel ist das egal, er hat nur noch Kühe im Kopf. Sollte
er im Anschluss stinken, trägt das nur noch zu seiner absolut
kreativen Erscheinung bei. Der macht halt, was er will, der Mann. Ist
ja auch ein Werber. Die beiden erobern den Stall im Nu. Hinter dem
ersten Raum befindet sich ein zweiter. In diesem wohnen... Achtung!
KÄLBCHEN! Mit ihren iPhones bewaffnet stöbern sie umher und
fotografieren jeden Nasenring und jede lange Wimper, die sie finden
können. Völlig geflasht kommen sie wieder raus und strahlen:
„Kleine Kälbchen.“ Und der Werber fügt hinzu: „Ich esse nie
wieder Fleisch.“ Irgend jemand antwortet: „Du stinkst.“
Wir vertreiben uns die Zeit mit crazy
Quartett-Runden und Weingummi-Wettessen. Der Werbetexter ruft: „Ich
habe A1, ich fange an!“ Irgend jemand antwortet: „Du stinkst.“
Dann fängt die Party an. Wir sitzen
alle an Tischen und es gibt Schnitzel mit Salat. Gutes Schnitzel vom
Schlachter-Meyer oder Ringwalds oder was weiß ich. Der Werbetexter
hat sich dann doch umgezogen. Er trägt nun einen engen Pulli in
dunkelblau mit roten, galoppierenden Pferden drauf. Als ich ihn
frage, ob das ein Schlafanzug-Oberteil von C&A sei, wird er böse
und die Landschaftsarchitekten-Beste-Freundin-Freundin fängt an zu
lachen. „Das hat Birthe auch schon gefragt“, knurrt er. Nein, das
sei ein wirklich wichtiger Pullover für ihn, der ihm sehr viel
bedeutet und überhaupt, in New York habe ihn jeder gefragt, von wem
dieser Pullover sei. Wenigstens antwortet jetzt niemand mehr mit: „Du
stinkst.“
Nach und nach treffen auch die anderen
Gäste ein. Fast alle kommen im Paar. Ich habe gut reden. Ich bin
auch im Paar da. Aber ich bin nicht als Paar da. Alle anderen sind
quasi als eine Person da. Das ist so auffällig, dass Julia am
nächsten Tag von dem einen spricht, der gestern ohne Partnerin da
war. Der Erdbeer-Benni. Erdbeer-Benni ist immer „am Schaffe“ und
macht alles mit Erdbeeren im Dorf. Und ansonsten betreibt er einen
24-Stunden-Kiosk. Da hat er letztens ein paar Jungs erwischt, die den
Laden auseinander genommen haben. Als sie flüchten wollten, hat
Erdbeer-Benni sie einfach verprügelt. Erdbeer-Benni ist nämlich,
genau wie Josef, Ringer. Die Jungs versuchten ihm zu erklären, dass
sie nur einen Schlagbohrer dabei hätten, weil sie auf dem Weg zu
einem Kumpel seien, um seinen Tischtennisschläger zu reparieren. Das
glaubt selbst auf dem Dorf niemand.
Die
Landschaftsarchitekten-Beste-Freundin-Freundin und ich schauen uns
auf der Party um. Es scheint ein geheimes Motto zu geben: Wer
auffällt, verliert. Jedes Mädel aus dieser klitzekleinen Stadt
sieht aus wie das andere. Jede hat eine Brille, deren Bügel ein
bisschen crazy verspielt sind. Eine Frisur, in der sich farbige
Strähnchen befinden. Die Vorsichtigen haben die Strähnchen nur im
Pony. Alle tragen Jeans und stecken diese in ihre möglichst flachen
Stiefel. Darüber tragen sie ein Shirt von E-Sprit oder S.Oliver und
ein Pandora-Armband. Sie sprechen kaum und stehen lieber erst einmal
unschlüssig fünf Minuten vor der Bank herum, bis sie fragen, ob
hier möglicherweise unter Umständen noch ein Plätzchen frei sein
könnte. Auf die krasse Internet-Situation auf diesem Hof
angesprochen, erzählen sie dir, dass sie sowieso nur bei Facebook
sind, um Farmville zu spielen und danach holen sie ihr Tastentelefon
aus der George, Gina und Lucy-Tasche, um ihrer allerbesten Freundin
eine kurze „Hab dich lieb“-SMS zu schicken. An der Tasche baumelt
ein kleines Nici-Tierchen. Spätestens nach dem Versuch, mit ihnen
das Penis-Spiel zu spielen, schauen sie dich angeekelt und
erschrocken an und wechseln unauffällig den Platz. Nicht ohne
zwischendurch das Fenster zu schließen, weil es ja so zieht in
diesem 45°C heißen Raum. Plötzlich ruft jemand: „Flunky Ball!“
Und alle gehen raus. Bezeichnend, dass am Ende nur die Menschen
mitspielen, die für diese Party aus der Ferne angereist sind, weil
alle anderen Menschen dieses Spiel nicht kennen.
Es ist 23 Uhr. Zwei Paare stehen auf
und sagen: „So, mer packens jetzt, isch ja scho spät.“ Es sind
die, die statt Alkohol Blumen für die Wohnung der Gastgeber
mitgebracht haben. „Spät“ ist mein Stichwort und ich gehe in die
Küche, um für die vernünftigen Menschen unter uns Jägermeister
einzuschenken. Als ich reinkomme, höre ich wie die mit dem weißen
Brillengestell zu der mit der Hyänenhaarfarbe leise sagt: „Guck
mal, die trinken Cola aus ganz kleinen Gläsern.“ Ich trinke alle
drei Schnäpse sofort und drehe um, um neue zu holen.
Richtig gut wird die Party, als fast
alle gegangen sind. Nichts für ungut, aber als der Werbetexterkumpel
endlich Platz hat, um die Deckenleuchte im Rhythmus der Musik hoch
und runter zu schieben und dabei zu johlen, sieht sogar sein
Pferdepulli ein bisschen cool aus. Wir tanzen auf den Tischen und
trinken noch mehr Cola aus ganz kleinen Gläsern. Als ich ins Bett
gehe, habe ich drei Dinge gelernt: 1. Es war eine gute Entscheidung,
immer in der Großstadt leben zu wollen. 2. Wenn ich meinen Kindern
später ganz viele Nici-Tierchen schenke, glauben sie vielleicht
auch, dass Mama nur Cola aus ganz kleinen Gläsern trinkt. 3. Marc
Terenzi hat früher in einer Boyband gesungen, die... na, wie hieß
die Band? Natural! Aber was das mit einem Ausflug auf einen Bauernhof
zu tun hat, ist eine andere Geschichte.






