Vor vielen Wochen waren meine Schwester und ich gemeinsam bei H&M. Hinter der Kasse stand ein Verkäufer. Er hatte blonde Haare und sah recht nett aus. Meine Schwester war derselben Meinung. Sie grübelte die ganze Zeit, weil sie sich ziemlich sicher war, ihn zu kennen. Ich schlug ihr vor, ihn anzusprechen, aber sie traute sich nicht. „Dann schreibe ich halt einen Brief an Kai Pflaume“, sagte ich . Um sie zu ärgern. Ihr großer Fehler war dann zu sagen: „Haha, mach doch.“ Und ich machte.
Imke kann sehr lange reden, ohne Luft zu holen: „Wir fanden deinen Brief sehr witzig und das hört sich nach einer schönen Geschichte an. Meinst du denn, Antonia, deine Schwester, ist noch in den Verkäufer verliebt?“ „Ähm“, sage ich. „Ja, naja, also verliebt…. bestimmt!“ „Das ist gut“, jubelt Imke. Sie erklärt mir, dass sie mir gleich eine Mail schicke, in der sich ein Foto von besagtem Kassierer befinde. Ich solle sagen, ob er es ist. Wir legen auf, ich checke meine Mails und gucke dem Kassierer in die Augen. Imke ruft wieder an: „Uuuuund?“ „Ja, er ist es“, sage ich. „Ok, Ninia, bist du dir sicher, dass er nicht schwul ist? Ich meine, er ist schließlich Verkäufer.“ Ich schließe kurz die Augen, um mich zu beruhigen. „Ja, ich denke, er fand meine Schwester auch nett, er hat sie angegrinst“, lüge ich. „Guuuut, seine Chefin sagt auch, dass er auf Frauen steht“, verrät Imke. „Ok, Ninia, du musst am Samstag nach Köln kommen.“ Ich schlucke. Nach diversen „Ich habe kein Geld und kann die Fahrkarte deshalb auch nicht vorstrecken und eigentlich habe ich auch keine Zeit“-Versuchen lässt Imke von mir ab und sagt, dass ich mir dann eben am nächsten Tag eine Kamera aus einem Geschäft, mit dem sie noch sprechen wird, abholen muss und dann machen wir ein Telefoninterview und dabei muss ich die ganze Zeit in die Kamera sprechen. Und so machen wir es.
Ich erzähle also die ganze Geschichte nochmal der Kamera, während Helium-Imke mir über das Telefon Anweisungen gibt. Zehn Minuten später klingelt ein Bote, holt das Band ab und bringt es nach Köln. Und ich habe plötzlich das Gefühl, das Privatfernsehen hat seine Spitzel überall. Zwei Tage später meldet sich Imke und sagt, wann Antonia zuhause überrascht werden soll. ICH SOLL MIT NIEMANDEM DARÜBER REDEN. Das ist natürlich nicht sonderlich einfach umzusetzen. Vor allem, weil ich schon in den letzten zwei Tagen jedem erzählt habe, dass meine Schwester bald von Kai Pflaume überrascht wird. Und dann fahre ich unter fadenscheinigen Gründen mitten unter der Woche nach Hause und besuche meine Familie. Mama ist eingeweiht.
Es klingelt. Meine Mutter hat sich im Badezimmer eingeschlossen, man hört ein leicht hysterisches Glucksen. Ich sitze am Computer. Meine Schwester brüllt: „Es hat geklingelt!“ Meine Mutter brüllt zurück: „Ja, dann mach auf.“ Antonia rennt runter, bleibt stehen, schaut durch den milchigen Glaseinsatz in der Tür und ruft: „Nein, mache ich nicht, da ist eine Kamera.“ Daraufhin öffnet meine Mutter die Tür. Kai Pflaume strahlt sie an und sagt: „Hallo, wir wollen zu Ihrer Tochter.“ Dann muss Antonia doch vor die Kamera. Und während Kai Pflaume ihr erklärt, was los ist und meine Mutter verarbeitet, wie groß und gutaussehend Kai Pflaume ist, fragt mich Helium-Imke, die natürlich dabei ist, etwa zwanzig Mal, ob ich auch nichts erzählt habe. Draußen steht das riesige Wohnmobil von Kai und nach und nach setzen sich alle Nachbarn vor ihre Haustür, um das Spektakel zu beobachten. Antonias beste Freundin ist gerade aus dem Bus gestiegen und spekuliert mit dem alten Mann von hinten links, ob es wohl um den Exfreund oder eher um einen heimlichen Verehrer geht. Der alte Mann setzt zehn Euro auf den Exfreund.
Antonia nimmt eine Videobotschaft auf. Kai Pflaume fährt wieder weg und alle tun so, als wären sie gerade ganz zufällig draußen und schauten sich die schöne Straße an. Am Wochenende muss Antonia nach Köln. Kai hat die Botschaft dem jungen Mann gezeigt und nun sollte das Happy End passieren. Ich sitze vorm Fernseher, mein Handy hört überhaupt nicht mehr auf zu piepsen. Besagter junger Mann erklärt nämlich gerade der Bevölkerung, dass er noch nie eine Freundin gehabt habe und Maschinenbau studiere. Angesichts des Blicks meiner Schwester in der linken unteren Bildecke sinke ich immer tiefer in den Sessel. Der junge Mann hört überhaupt nicht mehr auf, sein Weltbild zu erläutern. Wie seine Traumfrau sein muss, was sie alles können und machen muss und dass er sich freue. Immer wieder freut er sich sehr. Nach dem Einspieler treffen sich die Zwei im Studio, bekommen den grandiosen Gutschein für das erste Date und verschwinden wieder.
Von dem Gutschein gehen sie später am Kölner Hauptbahnhof bei Pizza Hut essen. Viel mehr gibt der Gutschein nicht her. Sie telefonieren noch einmal. Das war’s mit Happy End. Meiner Schwester fällt endlich ein, dass sie damals mit ihm gemeinsam Schwimmtraining hatte. Wenigstens das hat die Geschichte klären können. Noch Wochen nach der Sendung kann sie nicht in Ruhe in die Stadt gehen. An jeder Ecke wird sie von Leuten, die „Nur die Liebe zählt ja eigentlich nie gucken, aber zufällig eben dieses eine Mal“ angesprochen. Manchmal hasst sie mich noch ein bisschen. Ich rede ihr dann aber ein, dass sie wenigstens schön geschminkt wurde. Immerhin. Und meine Mutter denkt derweil immer noch darüber nach, wie groß und gutaussehend eigentlich Kai Pflaume ist.
Nach einer wahren Begebenheit.
Das Leben - naja, Fernsehen - schreibt eben immer noch die schönsten Geschichten.
AntwortenLöschenZwar kein Happy End, aber dafür wenigstens lustig :D
Hahaha, herrlich!
AntwortenLöschenIch liebe diese Story, seit du sie das erste Mal erzählt hast. Geschrieben gefällt sie mir aber auch sehr gut :)
AntwortenLöschenich glaube, du willst deine mutter ärgern !!!!
AntwortenLöschenEinfach sooo gut!
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