2011-11-30

Nichts ist egal

Im Wendland ketten sich Menschen an Gleise, um zu verhindern, dass ein Zug mit ziemlich giftigem Müll vorbeifährt und bei Ihnen gelagert wird. Es ist dir egal.

Im politischen Alltag treten Menschen zurück, weil sie Sex mit Minderjährigen haben oder wissenschaftliche Arbeiten fälschen. Sie tun so, als wüssten sie gar nicht, was sie getan haben und dass die Gesellschaft sie zum freiwilligen Rücktritt zwingt. Es ist dir egal.

Im Fernsehen bekommt ein Deutscher, der 1978 in Bonn geboren ist, einen Integrationspreis, weil er halt so ein bisschen aussieht wie ein Ausländer und ja auch eine schwierige Kindheit hatte und dazu einen ausländischen Vater. Berühmte Menschen stellen sich dahin und sagen, sie fänden das gut, was der alles gemacht hat, so für die Jugendlichen. Genau. Er hat ihnen nur gesagt, dass im harten Berlin jede Schwuchtel verkloppt wird und er mit der rechten wichsen und seine Freundin mit der linken schlagen wird. Das ist ja jetzt auch nichts Schlimmes eigentlich. Oder? Es ist dir egal.

Ich möchte, dass alle Menschen wütend sind. Ich möchte, dass du aufstehst und einfach mal darüber nachdenkst, was hier eigentlich abgeht. Halt an. Hör auf Zeitung zu lesen und geh raus in die Welt. Sprich doch mal mit den Hinterbliebenen, den Opfern und Leidenden. Und hör auf, nur Berichte über die Bösen zu schauen.

In Deutschland gibt es tausende Menschen, die einer Jahrzehnte alten Ideologie nachjagen und dafür töten. Sie sind brutal, verbohrt und gesellschaftsfähig. Finde den Fehler. Es ist dir egal.

13,2 Prozent der Deutschen wünschen sich einen Führer der Deutschland mit starker Hand regiert. Ach und naja, diese komischen Ausländer. Ich kann ja nichts dafür, wenn die kein Deutsch können. Die tun ja auch manchmal einfach so. Schau dich doch mal um. Überall nur Kopftücher. Und wir mittendrin. Wenn wir nicht aufpassen, dann übernehmen die das hier bald. Und „Neger“, wieso darf ich das denn nicht sagen? Man wird doch wohl nochmal „Neger“ sagen dürfen. Ich mein das ja nicht so. NEGER! Ist dir das egal?

Ich finde es kacke, wenn ein halbnackter Frauenhintern für Bier wirbt. Ich finde es kacke und schreibe es ins Internet. Als Antwort bekomme ich diverse Verbesserungsvorschläge für mein Leben. In der Hauptsache solle ich doch erst mal ordentlich durchgevögelt werden, dann ginge das schon. Ist dir das egal?

Ich möchte, dass alle Menschen wütend sind. Ich möchte, dass du aufstehst und einfach mal darüber nachdenkst, was hier eigentlich abgeht. Halt an. Hör auf Zeitung zu lesen und geh raus in die Welt. Sprich doch mal mit den Hinterbliebenen, den Opfern und Leidenden. Und hör auf, nur Berichte über die Bösen zu schauen.

In China verschwinden Menschen, nur weil sie öffentlich gesagt haben, dass sie schon Bock drauf hätten, ein bisschen freier zu sein. Weil sie kreativ sind, ihre Regierung kritisieren und bei vielen Leuten gut ankommen. In Berlin bekommt man dafür 8,9 Prozent. In China Hausarrest. Wenn’s gut läuft. Ist dir das egal?

In Ägypten werden Frauen auf öffentlichen Plätzen vergewaltigt. Weil sie eine eigene Meinung haben und dafür einstehen. Ihre Söhne werden erschossen oder zusammengeschlagen. Weil sie eine eigene Meinung haben und dafür einstehen. Das ist dir nicht egal, denn als plötzlich der Ursprung allen Übels weg ist, da jubelst du und zündest Lichterketten bei Facebook an. Bis heute hat sich wenig getan in dem Land. Jetzt ist es aber nicht mehr aktuell, sich damit zu beschäftigen. Es sterben immer noch Menschen und es fließt immer noch Blut. Ist dir das wieder egal?

Ich möchte, dass alle Menschen wütend sind. Ich möchte, dass du aufstehst und einfach mal darüber nachdenkst, was hier eigentlich abgeht. Halt an. Hör auf Zeitung zu lesen und geh raus in die Welt. Sprich doch mal mit den Hinterbliebenen, den Opfern und Leidenden. Und hör auf, nur Berichte über die Bösen zu schauen.

Und in deinem Kopf sitzt der kleine Feindbild-Mann. Und flüstert dir Dinge zu. Pass auf, der hat einen Vollbart. Pass auf, die trägt ein Kopftuch. Pass auf, der sieht nicht gut aus. Pass auf, die Frau sieht aus, als könne sie Hilfe gebrauchen. GEH LIEBER VORBEI. KÜMMERE DICH NICHT. DIR WIRD AUCH NIE GEHOLFEN. 

Wie egal ist dir das?

Plön.


2011-11-25

Und der Himmel ist in der gleichen Stimmung wie ich.

Das hat ja auch ewig gedauert bis die Verfilmung des Romans "Ich, Oliver Tate" endlich in Deutschland angekommen ist. Seit kurzem läuft "Submarine" nun auch in den deutschen Kinos. Der Mann und ich haben uns das Regiedebüt von Richard Ayoade gestern angeschaut und waren vollkommen begeistert.

"Ich stelle mir gerne vor, wie die Menschen reagieren, wenn ich sterbe", sagt Oliver Tate, 15, in der Überzeugung, das ganze Land würde um ihn weinen. Es ist eher das Gegenteil der Fall. Oliver ist semibeliebt, ärgert aus Gruppenzwang ein dickes Mädchen und steht auf die kleine Pyromanin Jordana. Die findet ihn ebenfalls ganz gut und trägt außerdem einen wunderschönen Rotkäppchen-Mantel und einen zauberhaften Tierpullover. Ich mag sie, diese Jordana, genau weil sie das Mädchen ist, das nicht am besten aussieht, mit der aber trotzdem alle nach Hause gehen wollen. Oliver analysiert außerdem das Sexualverhalten seiner Eltern und lebt in ständiger Angst, seine Mutter könnte mit dem Magier-Nachbarn, der Licht in Menschen sehen kann, etwas anfangen. 

Einfach alles, alles an diesem Film ist wunderbar. Das Meer, die Möwen, die Industriekulisse, die Darsteller und die Dialoge, diese Dialoge: "Ich habe ihm einen runtergeholt, möchtest du dazu etwas sagen?". Der Mann und ich hoffen nun inständig, dass wir nicht so werden wie Olivers Eltern. Und ich möchte den Roboter von Olivers Nachtisch haben. Das ist eigentlich alles. Und: Schaut euch diesen Film an. Bitte.

2011-11-21

Deine Ideale schwimmen im Silbersee davon.





Warten.
Warten bis die Zukunft passiert.
Bis jemand kommt und mich an die Hand nimmt.
Oder bis ein Hund bellt.

Bis dahin sammele ich schöne Sätze:
Und deine Ideale schwimmen im Silbersee davon.
Und übe mit meiner Ukulele.

2011-11-20

Kronermusik

Am Freitag war ich im Wolfsburger Café Nando und habe schöne meine Geschichten vorgelesen. Das war toll, vor allem, und hier dürft ihr zuhören, liebe Verlage, weil mehrere Menschen sagten, sie wollen mein Buch kaufen. Problem: Das Buch gibt es (noch) nicht. Also. Wer meine schönen Großstadtgeschichten verlegen will, melde sich!

Was anderes: In diesem Café spielten vorher und nachher Kroner aus Braunschweig. Natürlich. Offensichtlich kommt immer mehr gute Musik aus Braunschweig. Hört hier doch mal rein. Die CD kommt im Frühjahr. Wann genau, erfahrt ihr bestimmt über Facebook.

2011-11-16

Am liebsten würde ich mir Glitzer ins Gesicht schmieren.

Die Sache ist ja die, dass du immer denkst, es kann eigentlich nicht mehr schlimmer werden. Und wenn dann der Moment kommt, an dem du dir Frage stellst, wo du eigentlich falsch abgebogen bist, dann kann dir das niemand beantworten. Die Geschichte von einem Mädchen, das auszog, die Realität kennenzulernen.

Ich bin eine Träumerin. Nachts träume ich böse Dinge, gerne von Menschen, die ohne Erlaubnis plötzlich in meiner Wohnung stehen und Plakate aufhängen, wo sie es nicht dürfen. Von Feuer, das überall dort ausbricht, wo ich gerade bin und vor dem es kein Entrinnen gibt. Von Männern, die mit mir Sachen machen, die ich nicht will. Aber das ist sehr böse und das träume ich auch nicht häufig. Tagsüber träume ich von Glitzerpartikeln, die durch die Luft schweben. Von einem Leben als Rockstar und um wie viel alles besser wäre, wenn ich rosafarbene Haare hätte. In meinem Traumleben sitze ich in einer alten Burg und schreibe den ganzen Tag an einem äußerst wichtigen, weltverbessernden Roman, den die Leute schon vorbestellen, bevor er überhaupt fertig geschrieben ist. Ich trinke den ganzen Tag Smoothies und habe einen unendlichen Vorrat an M&Ms und diesen Keksen aus Blätterteigzeugs. Wenn ich denke, ich müsste mal was Warmes essen, gibt es immer Pizza. Mal mit scharfer Salami, mal mit Brokkoli, aber immer mit Parmesan. Kalorien gibt es in meiner Welt nicht.

Das wäre mein Traumleben. In Wirklichkeit esse ich sehr oft Pizza, diese platziert sich dann aber auch entsprechend auf meiner Hüfte (oder bei mir eher aufm Popo). Ich habe eine anständige Haarfarbe und einen anständigen Job und muss deshalb wie viele Menschen morgens früh aufstehen, lange arbeiten, abends früh schlafen gehen, morgens früh aufstehen, lange arbeiten. Und so weiter. Bei einer großen Reportage im Fernsehen sagen Jugendliche von heute Dinge wie „Ich möchte erst einmal mein Abitur machen und studieren“, „Ich möchte ein eigenes Haus haben und zwei Kinder“. Dinge, die ich so damals nie gesagt hätte. Ich bin fast fünfzehn Jahre (!) älter als diese Menschen und denke Dinge wie „Ich möchte gerne bunte Haare haben, Glitzer im Gesicht und immer fröhlich sein“ und „Ich möchte gerne mit einem bunten VW-Bus durch die Welt fahren und mir keine Gedanken über Geld oder Gesundheit machen müssen“. Und ich überlege, warum man das nicht einfach macht. Warum man nie mutig genug ist, tatsächlich Träume umzusetzen. Natürlich könnte ich mir heute Glitzerpulver kaufen, mir den ins Gesicht schmieren und danach glücklich auf dem Sofa sitzen. Aber so das Wahre ist das ja nicht. Man fügt sich doch irgendwann den Regeln. Selbst wenn man was total Verrücktes studiert hat, lange mit fetten Spinnen in Guatemala gelebt hat oder mal Meerschweinchen gegessen hat: Am Ende benehmen die meisten von uns sich so wie man es von ihnen erwartet. Und das macht mich ein bisschen traurig. Denn dann sitzen wir in vielen, vielen Jahren herum und denken, an welcher Stelle wir eigentlich falsch abgebogen sind, dass da doch nicht so viel von den ganzen Träumen übrig geblieben ist. Menschen sagen: „So ist das. Das muss jeder irgendwann lernen.“ Nee nee, das will ich noch nicht so ganz glauben. Das ist doch bloß ein Sich-Selbst-Absegnen im Rückblick auf das bisherige Leben. Das ist doch nicht die Wahrheit. Das darf nicht die Wahrheit sein.

„Du musst dich irgendwann damit abfinden, dass mehr nun mal nicht geht“, sagen diese Leute. Und: „Natürlich darf man Träume haben, aber man hat ja auch eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung.“ Und die besteht darin, sein ganzes Leben lang zu arbeiten, furchtbar viel Geld für Nichtigkeiten zu bezahlen und dann wohlmöglich vor der Rente zu sterben? Eine Freundin sagt: „Ich sterbe mit 60. Das weiß ich. Also jedenfalls hätte ich kein Problem damit. Was soll ich alt werden?“ Ich denke, wenn ich mit 85 noch so fit bin wie meine Oma, dann werde ich gerne alt. Dann muss ich sogar alt werden, um mir die ganzen Dinge zu erfüllen, von denen ich träume. Vor allem, um die ganzen Reisen zu machen, die ich mir in meinem Kopf ausmale. Wollt ihr alt werden? Denkt ihr darüber nach, wie es sein wird, wenn ihr alt seid? Seid ihr sogar ganz und gar vernünftig und habt für’s Alter schon vorgesorgt? Jetzt schon?

Ich befinde mich da in einem kleinen Zwiespalt. Ich habe bis jetzt nicht sonderlich gesund gelebt. Aber wer hat das schon bis er dreißig wird? Ich kann mir nicht vorstellen, alt zu sein und dann nur noch Fernsehen zu schauen, auf den Friedhof zu gehen und beim Arzt herumzusitzen. Wahrscheinlich werde ich auch nicht auf den Friedhof gehen, sondern fahren, in meinem Hightech-Rollstuhl. Jedenfalls wenn meine Knie in dem Alter immer noch das Sagen haben. Und mit all diesen Gedanken im Kopf werde ich älter und älter und bemerke, wie meine Träume immer mehr verblassen und die vernünftige Frau in mir zum Vorschein kommt, die ganz langsam merkt, wie sie in der Realität ankommt.

2011-11-14

Rückblick, Ausblick. Und was ich nicht bin.

Bevor dieser Post hier beginnt und auch weil ich mich manchmal über Kommentare ärgere: Ich bin nicht mein literarisches Ich. In jeder meiner Geschichten steckt etwas von mir, aber nicht alles. Die Ich-Erzählerin, das bin nicht ich, das ist eine Erzählerin, die vielleicht Ninia LaGrande genannt werden kann, aber nicht die komplette Ninia ist. Vieles, von dem ich schreibe, habe ich erlebt. Vieles, was ich erlebe, inspiriert mich zum Schreiben. Aber das hier ist kein Lebensprotokoll. Das wär erstens zu privat und zweitens zu langweilig. Und deswegen müsst ihr euch (meistens) nicht fürchten, wenn ich schreibe, dass eine Erzählerin jemanden töten möchte. Und ihr müsst euch auch (fast nie) irgendwelche Sorgen machen, dass ich möglicherweise zu weltfremd sein könnte. Alle Geschichten sind übertrieben, phantastisch und in Wirklichkeit einfach in meinem Kopf entstanden.

So, heute gibt's aber nicht mal eine Geschichte. Sondern nur mal ein Update. Am Wochenende war ich in Erfurt zum Highslammer. Das war schön. Mettigel, Bier und Transportservice, da kann man nicht meckern. Nun wartet die Hammer-Woche auf mich: Morgen bin ich zu Gast bei den Nachtbarden. Und ich freue mich schon sehr. Weil Lesebühnen ja sowieso immer schön sind. Und weil Lesebühnen in Hannover sowieso noch schöner sind. Am Donnerstag wird das hannöversche Team die Kölner nach Hause schicken und zwar ohne Sieg: Hannover vs. Köln in der Faust. Und am Freitag bin ich, die "gestählte Bühnenliteratin", wie es so schön in einer Ankündigung heißt, zu Gast in Wolfsburg, im Café Nando. Krasse Katze. Das wird was!

Und nun noch ein Musiktipp, der mir sehr am Herzen liegt. Bitte hören Sie rein! Hier könnt ihr das Album kaufen. Den einen Typen kennt ihr ja vielleicht eh schon von den Slam-Bühnen. Und bald gibt's hier auch ein Interview mit ihm. Wir sehen uns! Und dann gibt es auch wieder mehr Geschichten, bei denen ihr euch wieder denken könnt, wer um Himmels Willen denn nun diese Person in der Geschichte ist.


2011-11-08

Weltrettungsauftrag

by bellabellinsky

"Ich empfinde keinen Weltrettungsauftrag. Ich bin schon genug damit beschäftigt, meine eigene Welt zu retten jeden Tag, sagt Anni, die Stimmen hört wie einst Jeanne d'Arc, Hildegard von Bingen, G. E. Lessing oder der heilige Paulus."

Der Mann und ich waren mal wieder im Theater. Der Saal in der Eisfabrik ist dunkel und besteht im Prinzip nur aus Mauerwerk. Das macht schon sehr viel Stimmung. Wenn es dann noch um Schizophrenie, Depressionen, Liebe und Elvis Presley geht, dann wird es auch innen drin ein bisschen dunkel.

Anfänglich noch eine Person trennen sich die drei Darstellerinnen der Anni irgendwann voneinander und können aber doch nicht ohne die anderen Zwei. Drei Schauspielerin für eine Protagonistin. Hört sich für den Zuschauer anstrengend an, ist es auch ein bisschen. Aber gleichzeitig so spannend und gut, dass man sich das Stück gar nicht anders vorstellen kann. Alltägliche Situationen, wie Einkaufen, überfordern Anni komplett. Vor allem, als sie dann noch den tollen Mann trifft, der ihr im Laufe des Stückes immer wieder begegnet. Er muss lernen, dass Anni nicht krank ist, sondern nur in einer anderen Situation. Sie hört Stimmen. Böse, gute, belanglose Stimmen. Alle durcheinander, die eine mal leise, die andere mal laut. Und der Zuschauer beobachtet Anni, wie sie versucht, mit ihrer Situation fertig zu werden, ohne ihr helfen zu können. Denn helfen, und das wird sowohl dem verliebten Jungen als auch dem Zuschauer mit der Zeit klar, kann ihr niemand.

Die drei Darstellerin könnten unterschiedlicher nicht sein und vereinen doch in Perfektion eine Person, Anni. Marina Lubrich, Katharina Nesytowa und Sarah Elena Timpe sind Anni. Anni in fröhlich, in verliebt, in verzweifelt und in böse. Vor allem Marina hat mich mit ihrer Spielweise sehr beeindruckt und in ihren Bann gezogen. Regisseurin Bea Tinzmann spielt mit sphärischen Klängen, einem einfachen Bühnenbild und bewegten Bildern und schafft zu zeigen, wie es einer Stimmenhörerin im Kampf gegen die Welt ergeht. Wie viele Eindrücke auf sie niederprasseln und was es zu retten gilt. Und ich stehe drauf! Ich mochte das sehr, was ich da gesehen habe. Und möchte euch, solltet ihr in den nächsten Tagen in Hannover sein, geradezu zwingen, euch das Stück anzuschauen. "Weltrettungsauftrag" läuft noch am 11./12./13. November 2011, jeweils um 20 Uhr in der Eisfabrik in Hannover.

Im Anschluss an das Stück hat mir Bea noch ein paar Fragen beantwortet:

Bea, die Atmosphäre in der Eisfabrik hat perfekt zur Stimmung des Stückes gepasst. Hast du dir die Location extra deswegen ausgesucht oder war das Zufall?

Als ich den Schwarzen Saal in der Eisfabrik zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich sofort in den Raum verliebt – der karge Hintergrund mit einer gewissen Abrissromantik passte mit seiner klaustrophobischen Atmosphäre perfekt. 

Das Zusammenspiel von Spiel, sphärischer Musik und Film hat mir sehr gut gefallen. Wie entwickelst du deine Ideen?
 
Grundsätzlich nie alleine. Ich bin ein absoluter Teamplayer. Ich habe ein Thema, das mich interessiert und dann setze ich mich zusammen mit meiner Kostüm-und Bühnenbildnerin Johanna Krause und wir überlegen, wie wir es auf der Bühne umsetzen können. Konkret bei Weltrettungsauftrag hatte ich die Idee mich mit dem Phänomen Stimmenhören zu beschäftigen. Ich habe ein Interview mit einer Stimmenhörerin geführt und aus diesem Material hat die Autorin Marianna Salzmann ein Stück entwickelt. Bei diesem Projekt war klar, dass wir viel mit Musik und Geräuscheinspielungen arbeiten werden und somit die Innen-und Aussenwelt einer Stimmenhörerin auch akustisch abbilden. Zusammen mit dem Musiker Julius Martinek habe ich daran gearbeitet dies auf der Bühne umzusetzen. Auch bei diesem Projekt entwickelte sich das Meiste während der Proben, wenn Schauspieler und Konzept aufeinandertreffen. Ich erzähle, was ich mir so vorstelle, und die anderen setzen das um und geben mir neue Impulse. Es ist ein wechselseitiger kreativer Prozess.

Die Thematik ist mit Schizophrenie und Depressionen nicht gerade einfach. Hat dich das während der Proben auch beeinflusst? So, dass du gedacht hast, jetzt reicht's, bald bin ich selbst "verrückt"?

Es gibt in dem Stück einen schöne Passage: „ Wenn du mir sagst, ich war noch nie in meinem Leben so drauf, dass man mich hätte einweisen können –
Wer das von sich sagen kann –
Bitte, hebe die Hand.
Bitte. Jetzt. Ich will dich kennenlernen.“ Ich denke, jeder von uns hat Momente, wo er kurz davor ist, die Kontrolle zu verlieren, dass war bei mir während den Proben nicht mehr und nicht weniger als sonst. Von wirklichem Verrückwerden kann da nicht die Rede sein. Wir haben sehr viel Spaß gehabt während der Proben – trotz oder gerade wegen des ernsten Themas. Wir haben viel diskutiert und viel preis gegeben von uns. Auch über unsere Ängste, Macken und Ticks, die uns so begleiten. Aber man darf natürlich nicht vergessen, dass Schizophrenie eine sehr ernste Erkrankung ist, die nicht ohne weiteres mit alltäglichen Krisen gleichgesetzt werden können.


Was kommt, wenn der "Weltrettungsauftrag" vorbei ist?

in neues Projekt. Wir sind in der Planungsphase für das nächste Jahr. Wir basteln gerade an unsere Internetseite grenzkollektiv.de, dort und auf Facebook wird man erfahren, was wir noch so „Verrücktes“ im Kopf haben. 

Vielen Dank an Bea für das nette Interview!



2011-11-07

Internet-Eltern. Oder: Was von deiner Privatsphäre übrig bleibt.

Ich. Mit Sternchen. Und ohne Zähne. Hier habe ich mich
selbst entschieden, das Bild in dieses Internet zu stellen.

Jaja, ich liebe das Internet. Ich habe schon immer gewusst, dass sich der Kram durchsetzt. Ich schreibe seit zehn Jahren wichtige und unwichtige Dinge hinein, bin mir bewusst, dass die Währung, die ich dafür bekomme, Aufmerksamkeit ist und dass die ganze Welt alle Dinge über mich weiß, die ich so in das Internet schreibe. Vor allem Facebook.

Würde man es ein bisschen übertreiben, dann könnte man sagen, das Internet ist meine Ersatzreligion. Man darf das auch ganz offiziell sagen, weil ich nämlich nicht getauft bin, weil meine Mama den Pastor damals nicht mochte und revolutionär in die Welt hinausrief: „Mein Töchter dürfen das selbst entscheiden.“ Haben sie dann auch gemacht, die Töchter. Ich habe mich gegen Taufe und das ganze Pipapo entschieden. Aus einem ziemlich einfachen Grund: Ich glaube nicht, dass man eine Institution wie die Kirche braucht, um an Gott oder Heinzelmännchen oder was auch immer zu glauben. Ich kann das ganz gut mit mir selbst ausmachen. Und genauso ist das mit dem Internet. Ich kann das ganz gut mit mir selbst ausmachen, was ich da reinschreibe und was nicht. Welche Bilder ich poste und welche nicht. Und wer mich auf Bilder verlinken darf und wer nicht. Und wer diese Bilder sehen darf und wer nicht… naja, ihr wisst jetzt wahrscheinlich, was ich meine. Und weil das Internet meine Religion ist und ich die Entscheidung meiner Mama damals ziemlich gut fand, so im Nachhinein betrachtet, sage ich euch: „Meine Kinder dürfen das selbst entscheiden.“ Beides. Religion und Internet. Ich hasse sie nämlich. Die Internet-Eltern. Die Eltern, die jedes Foto von ihrem kleinen Kotzbröckchen online stellen, bevor dem Zwetschgen überhaupt irgendwelche Haare oder auch nur ein Funken Verstand gewachsen sind.
Stellt euch vor, ihr seid Kinder und irgendwann in der Lage, selbstständig im Internet herum zu surfen. Und dann entdeckt ihr Bilder von euch. Wie ihr, nur mit einer Windel bekleidet, irgendwo liegt und lächelt. Süß. Wie ihr im Pool planscht und lächelt. Süß. Wie ihr euer ganzes Gesicht mit Tomatensoße beschmiert habt und lächelt. Süß. Es gibt diesen Werbespot von Google, in dem ein Vater das gesamte Leben seiner Tochter im Internet aufzeichnet. Mit Texten, Bildern und Videos. Und das soll alles ganz toll sein und alle freuen sich. Mir macht der Spot Angst. Mir macht es Angst, dass Eltern denken, nur weil sie Eltern sind, dürfen sie das Leben des Sprösslings ins Netz stellen. Da bekommt die geplante Timeline von Facebook doch eine ganz neue Bedeutung. Nichts mit, die Geburt erst im Nachhinein eintragen. Sofort am Tag der Geburt wird am besten ein Profil angelegt. Alles wird aufgezeichnet und vermerkt. Alle Fotos und Videos abgespeichert, so dass sich jeder die Sachen anschauen kann. Am besten auch Menschen, die gar nicht mit euch befreundet sind. Die ganze Welt soll sehen, was unser Zwerg macht. Mir macht das Angst, wirklich.
Natürlich ist man stolz und möchte das zeigen. Und es ist ja auch nichts dagegen zu sagen, mal ein Foto online zu stellen und es entsprechend nur bestimmten Menschen zur Verfügung zu stellen. Aber es gibt Leute, die machen das exzessiv. Und diese Leute sind dann die, die mir irgendwann erzählen, dass sie es „verrückt“ finden, wenn sie personalisierte Bannerwerbung bekommen. „Ja, da merkt man erst, Ninia, das Internet weiß alles.“ Mhm. Genau. Und nun denk dir mal, was das Internet nicht nur über dich, sondern über dein Kind weiß. Und wie dein Kind das in zehn Jahren vielleicht mal finden könnte. Wenn wir ehrlich sind, haben wir es doch schon gehasst, wenn unsere Eltern früher im Wohnzimmer anderen Leuten alte Videos von uns gezeigt haben. Heute stehen die bei YouTube, für jeden verfügbar. Von mir gibt es auch Videos bei YouTube. Aber bei denen habe ich in irgendeiner Form selbst entschieden, sie zu zeigen. Ich twittere, blogge und schreibe jeden Blödsinn bei Facebook rein. Aber jedes Mal entscheide ich mich selbst dazu, das zu machen. Und wenn andere Leute, Dinge über mich in dieses Internet stellen, die mir nicht passen, dann bekommen sie es mit mir zu tun. Im Gegensatz zu kleinen Kindern, kann ich nämlich schimpfen. Und das nicht zu knapp.
Also liebe Jung-Eltern, die ihr alle das Netz so spannend findet. Kauft euch mal ein Fotoalbum. Klebt da Fotos rein. So die alte Retro-Tour. Hebt das alles schön auf und zeigt es euren Freunden und später euren Kindern. Und wenn die dann der Meinung sind, dieses superniedliche Bild vom Spielplatz, als Lotta die Rutsche runtergefallen ist und so herzzerreißend weint, müsste wirklich ins Internet. Dann kann sie es selbst reinstellen. Danke.

2011-11-01

Big City Girl

Ich bin ein Stadtkind. Durch und durch. Ich bin eines dieser Kinder, von denen man früher dachte, sie würden denken, Kühe seien lila. Für mich sind Kühe auch heute noch lila. Die guten Kühe jedenfalls. Alle anderen sind hässlich. Ich bin eines dieser Kinder, die mit ihren Eltern Ferien auf dem Bauernhof gemacht haben. Ferien! Wir haben die Menschen besucht, die in einem kleinen, klitzekleinen Dorf leben und auf ewig hoffen, dort mal raus zu kommen. Um bei ihnen Urlaub zu machen.

Und dann traf ich den Mann. Der Mann ist in Wirklichkeit auch ein Stadtkind, er kommt nämlich aus Frankfurt. Aber in seiner Wirklichkeit ist er ein Dorfkind. Die größte Zeit seines Lebens ist er auf einem 1.600-Seelen-Dorf aufgewachsen. Als ich das erste Mal mit ihm gemeinsam dorthin gefahren bin, habe ich eine neue Welt kennengelernt. In der Küche war eine Fliege. Ich sagte: „Hier ist eine Fliege drin.“ Er sagte gar nichts. Ich wiederholte mit Nachdruck: „Hier ist ein Fliege drin.“ Er schaute mich an und sagte: „Sehr gut, Ninia. Genau. Das ist eine Fliege.“ Ich wollte wissen, was die Fliege in der Küche macht. „Fliegen“, antwortete der Mann. Es hatte keinen Sinn. Er verstand einfach nicht, dass Fliegen in der Wohnung nichts zu suchen hatten. Also verließen wir die Küche und machten einen Spaziergang. Auf einer großen Wiese sah ich verrückte Dinger. Ich fragte: „Was ist das denn?!“ Er antwortete: „Rinder.“ Ich überlegte und sagte: „Aber die haben Haare.“ „Ja“, stöhnte der Mann. „Das sind schottische Hochlandrinder.“ Ich überlegte, ob wir wirklich nur vier Stunden mit dem Zug gefahren sind.
Aber nein: Diese Viecher werden im Münsterland gezüchtet. Und laufen dann halt auf den Weiden herum. Ich hatte noch nie in meinem Leben so verrückte Tiere gesehen. Ich kannte Hunde, Katzen, Wellensichtiche und Meerschweinchen. Aber keine schottischen Hochlandrinder.

Ein paar Schritte weiter lernte ich, dass es, um ein Feld zu bestellen, nicht reicht, fröhlich mit einem normalen Traktor umher zu fahren und dabei besonders bäuerlich auszusehen. Dafür gibt es diverse, völlig abgefahrene Fahrzeuge. Riesige Dinger mit riesigen Schaufeln oder Messerreihen. Überhaupt ist auf dem Dorf alles anders. Es stinkt. Die Menschen bezeichnen es aber als „die gute Landluft“ oder, wie der Mann zu sagen pflegt: „Freiheit, es riecht nach Freiheit!“ Jeder sagt jedem „Hallo“. Ob man sich kennt oder nicht. Meistens kennt man sich aber sowieso. Im Dorf vom Mann gibt es drei Nachnamen. Aber etwas mehr Menschen. Nun ja, genau genommen 533 Komma Periode 3 mehr Menschen. Und irgendwie ist es so gekommen, dass die fast alle miteinander verwandt sind. Man kennt sich also.

Es ist Samstag Abend an dem Wochenende des Dorfbesuches. Ich habe Lust auf Bier. „Wollen wir noch Bier kaufen?“ frage ich also den Mann. „Wo denn?“ fragt er zurück. „Na, im Supermarkt“, schlage ich vor und denke, was das denn für eine bekloppte Frage ist. „Na dann, hier ist der Autoschlüssel. Wir sehen uns dann in einer Stunde“, sagt er, gibt mir den Schlüssel und macht keine Anstalten aufzustehen. Es gibt keinen Supermarkt in dem Dorf. Es gibt einen kleinen Getränkemarkt, der Samstagmorgens auch Brötchen verkauft. Aber der hat „abends“ um 17 Uhr natürlich nicht mehr geöffnet. Es gibt auch keinen Kiosk, keinen Arzt, keine Tankstelle und keine Dönerbude. Es gibt nur Menschen und Tiere und die gute Landluft.

Inzwischen habe ich mich dran gewöhnt. Wenn man in das Dorf vom Mann fährt, muss man eben vorher planen, wie man von Bahnhof in der nächsten Stadt dorthin kommt und wie man wieder weg kommt. Mein Stadtkind-Charakter kommt aber trotzdem noch ab und zu durch. Erst gestern sahen wir eine Dokumention über Tierärzte im Fernsehen. Eine Tierärztin kümmerte sich um eine Kuh, die Bauchschmerzen hat. Das hört sich niedlich an. Dabei hat die Frau dem Tier vor der Kamera den ganzen Pansen ausgeräumt und nach und nach das halb-verdaute Gras in eine Schubkarre geschmissen. Danach hat sie fast ihren kompletten Oberkörper in die Kuh gesteckt und nach einem kleinen Gegenstand gesucht, der nicht in die Kuh reingehört. Sie hat ihn auch gefunden. Während ich mich die ganze Zeit gefragt habe, wie man sich als junger Mensch für einen Beruf entscheiden kann, bei dem man die ganze Zeit in einer Kuh herumwühlen muss.
Bei der Doku wurden auch winzig kleine Babyküken gezeigt. Niedlich flauschige Babyküken. Der Bauer hat erzählt, dass er die alle ganz süß findet, aber dass die ja nach 36 Tagen den Hof auch schon wieder verlassen. Ich frage den Mann: „Wieso verlassen die den denn?“ Er schaut mich schon leicht mitleidig an: „Ähm, keine Ahnung... vielleicht haben die nach 36 Tagen etwas besseres zu tun?!“ Daraufhin erzählt der Bauer im TV: „... ja, der eine Teil endet als durchgehacktes Hähnchen, andere wiederum werden geschlachtet und im Ganzen verkauft.“ Ich reiße die Augen auf: „Die werden geschlachtet??!“ „Ja, was hast du denn gedacht?“ lacht der Mann. Der lacht auch noch. „Na, ich dachte, die kommen dann einfach woanders hin, werden auf andere Höfe verteilt oder so...“ Ich schmollte. Das war einfach nicht meine Welt. Ich möchte nur die Küken sehen, aber dazu nicht wissen, was mit ihnen passiert oder die gute Landluft riechen.

Ich stehe eher so auf Abgase und Lärm. Ich bin ein Stadtkind.