2011-10-30

Die akrobatischen Poeten

Heute Abend wird's wieder poetisch, lustig, ernst, herzergreifend und chaotisch: Acrobat Readers ist am Start in Göttingen. Nice! Wie immer geht's um 20 Uhr los und es sind wieder tolle Menschen dabei. Kommt alle und spitzt eure Ohren.

Ich versuche vielleicht heute noch einen neuen Text zu schreiben und ansonsten packe ich mein Täschchen und mache mich bald auf nach Göttingen. Bis dahin höre ich gute Musik. Könnt ihr auch, wenn ihr wollt. Oder ihr schaut, so wie ich das heute morgen schon getan habe, Terra X in der ZDF Mediathek. Hape Kerkeling erklärt Geschichte. Und die Leute, die den Soundtrack dazu ausgesucht haben, hatten auch ihren Spaß.

2011-10-26

Ella.


Jeden Morgen sieht die alte Frau Hohenheimer, wie Ella aus dem gegenüberliegenden Haus tritt und müde in den Laden von Herrn Türkmen stolpert, um danach mit einem Fladenbrot, irgendwelchem Obst und einem Kaffee im Pappbecher wieder ins Haus zu gehen. Und jeden Morgen fragt sich Frau Hohenheimer, ob die nette Ella denn keine Kaffeemaschine besitzt, dass sie immer diesen Kaffee aus dem Pappbecher trinken muss. Sie fragt sich auch, ob Ella jeden Tag ein ganzes Fladenbrot isst. Allein. Frau Hohenheimer stellt sich vor, wie Ella sich das ganze Fladenbrot zum Frühstück in den Mund schiebt und dann so aussieht, wie diese afrikanischen Frauen, die Frau Hohenheimer im Fernsehen gesehen hat. Fladenbrotlippe.

Ella hat einen Freund. Das weiß Frau Hohenheimer. Frau Hohenheimer weiß überhaupt ziemlich viel über ihre Nachbarn. Seitdem Herr Hohenheimer tot ist, sitzt sie fast nur am Fenster und beobachtet die Straße. Manchmal sagt sie, sie könne ein ganzes Buch darüber schreiben, was auf der Straße so passiert. Es könnte ein Kinderbuch sein, mit dem Kinder lernen, was auf einer Straße eben so passiert. Oder ein Krimi. Oder eine erotische Geschichte. Wenn Ella vergisst, die Vorhänge zu schließen. Das mit dem Buch erzählt sie dann immer ihrer Katze. Die sitzt neben Frau Hohenheimer, direkt auf dem Fensterbrett und heißt Anchovi, weil Frau Hohenheimer so gerne Anchovis mag.

Na gut, Ellas Freund also. Ellas Freund heißt Pit. Vielleicht heißt er auch nicht so, aber Frau Hohenheimer nennt ihn so, weil er aussieht wie ein Pit. Pit hat nur einen Arm, aber immer sehr schöne Schuhe an. Er erinnert Frau Hohenheimer ein bisschen an Herrn Hohenheimer, weil der nämlich auch nur einen Arm hatte. Er hat seinen Arm im Krieg vergessen. Das hat Frau Hohenheimer immer gesagt, wenn jemand gefragt hat, wo der Arm ist. Ja, wo soll der denn sein, hat Frau Hohenheimer dann immer gedacht. Der wird ja schlecht noch am Frühstückstisch sitzen. Deswegen fand sie Pit auch gleich sehr sympathisch, als er eines Morgens gemeinsam mit Ella zu Herrn Türkmen reingestolpert ist. Pit trägt immer sehr schöne Sportschuhe. Die sind entweder knallgelb oder ketschuprot oder ozeanblau. Frau Hohenheimer fragt sich, ob Pit Schnürschuhe trägt oder ob das alles Schuhe mit Klettverschluss sind. Denn Herrn Hohenheimer musste sie immer die Schuhe binden, weil er das ja mit einem Arm nicht allein konnte. Und wenn Ella dann mit dem Fladenbrot im Mund vor Pit kniet und die Schuhe zubinden muss, ja, das wäre ja ein Theater. Wo Pit wohl seinen Arm vergessen hat?

Wenn Ella eine Kaffeemaschine hätte, dann könnte Pit ihr morgens Kaffee kochen. Das geht ja auch mit einem Arm, denkt Frau Hohenheimer. Deswegen macht Frau Hohenheimer heute etwas ganz Verrücktes. Sie verlässt die Wohnung. Anchovi muss mal ein paar Stunden alleine bleiben. Frau Hohenheimer sieht ziemlich abgedreht aus, wie sie so im Bus sitzt. Das merkt sie, weil die Menschen, die einsteigen und Frau Hohenheimer sehen, sie sehr komisch mustern. Klar. Frau Hohenheimer hat ja auch einen bunten Mantel an und dazu trägt sie den Jägerhut von Herrn Hohenheimer. Und der hat eine riesige Feder an der Seite. Mit der Feder könnte sie jedem ein bisschen in der Nase herumkitzeln, der sich hinter sie setzt. Frau Hohenheimer kichert. Oh, und dann ist es schon soweit. Sie muss aussteigen. Nur noch ein paar Meter und sie ist bei dem Elektrohandel von Herrn Wering angekommen.

Herr Wering war ein guter Freund von Herrn Hohenheimer. Die beiden sind oft zusammen zum Kegeln gegangen. Und Herr Wering hat mit Herrn Hohenheimer so lange geübt, bis der alleine mit einem Arm kegeln konnte. Auf der Beerdigung von Herrn Hohenheimer hat Herr Wering statt einem Blumenkranz eine Kegelkugel mitgebracht und an den Sarg gelegt. Frau Hohenheimer hat die Kugel dann mit nach Hause genommen und auf den Küchentisch gelegt. So ist Herr Hohenheimer immer noch ein bisschen da, wenn sie was isst oder einfach nur da sitzt. Jetzt sitzt also wirklich immer Teil von Herrn Hohenheimer am Frühstückstisch.

Nun gut, Herr Wering ist natürlich jetzt schon viel zu alt und liegt im Heim am Stadtpark. Das ist auch das einzige, was er da macht. Liegen. Er wartet darauf, dass es irgendwann vorbei ist. So wie andere auf den Bus warten, wartet Herr Wering auf den Tod. Nur dass er dabei weder eine Zigarette rauchen noch lesen kann. Er liegt. Frau Hohenheimer hat ihn mal besucht. Aber die Liegestimmung hat sie so traurig gemacht, dass sie bald wieder gegangen ist.

Jetzt führt die Enkelin von Herrn Wering das Geschäft. Die ist sehr nett und packt Frau Hohenheimer fluchs eine Kaffeemaschine ein. Eine ganz normale Filterkaffeemaschine. Weil die nämlich noch richtigen Kaffeeduft verbreitet. Und wenn der Duft dann aus Ellas Wohnung strömt, hat Frau Hohenheimer mit ein bisschen Glück auch etwas davon. Fini, so heißt die Enkelin von Herrn Wering, baut Frau Hohenheimer eine komplizierte Konstruktion aus zwei Plastiktüten, damit Frau Hohenheimer die Kaffeemaschine besser tragen kann. Fini redet ganz viel. Sie erzählt von der Familie und ihrem Freund. Sie klagt, wie schwierig es heutzutage sei, einen Familienbetrieb zu erhalten. Und sie erzählt, dass der große Bruder jetzt in New York wohnt. New York kennt Frau Hohenheimer nur aus dem Fernsehen. Sie stellt es sich aber recht nett vor, dort zu leben. Für Anchovi und sie wär das bestimmt anstrengend, aber für junge Menschen ganz toll.

Dann macht sich Frau Hohenheimer ganz aufgeregt auf den Rückweg. Nach der Busfahrt, bei der sie die Maschine zittrig auf ihren Beinen balanciert hat, klingelt Frau Hohenheimer bei Ella. Ella öffnet und ruft gleich: „Ach, Frau Hohenheimer, das ist aber nett. Wie geht es ihnen?“ Und Frau Hohenheimer sagt wie immer, dass es ihr gut geht und dass Anchovi ebenfalls immer gebrechlicher wird. Dann stellt sie die Tüte vor Ellas Füße und strahlt: „Ella, das ist für Sie und Pit.“ „Wer ist Pit?“, fragt Ella und Frau Hohenheimer sagt: „Na, Ihr Freund!“ „Ach, Sie nennen ihn Pit?! Das gefällt mir.“ Dann packt Ella die Maschine aus und ist ganz aus dem Häuschen. Sie freut sich so sehr und Frau Hohenheimer ist froh, dass Ella nicht sagt, dass das ja nicht nötig gewesen sei, weil es nämlich doch nötig war.

Beim Abendbrot erzählt Frau Hohenheimer der Kegelkugel und Anchovi von ihrem Ausflug und dass sie die Maschine gleich bei Ella vorbeigebracht hat. Die hat sich so gefreut. Frau Hohenheimer ist jetzt glücklich. Und während sie Butter auf der Brotscheibe verteilt, bildet sie sich ein, dass Anchovi und die Kegelkugel ebenfalls lächeln.

2011-10-25

Analoges Zuhause

Hannover und Lehrte, mit der Canon Prima BF-7 festgehalten. Ich habe mir einen Scanner gekauft! Das bedeutet, ihr seht jetzt öfter mal meine analogen Schätzchen.








2011-10-24

What makes a man

Immer wenn sich die Blätter bunt färben und ich ohne Mützchen nicht mehr aus dem Haus gehen kann, wird auch mein Musikgeschmack ein bisschen anders als im Sommer. Folkiger, ernster, gerne viele, viele Gitarren mit rauchigen Stimmen. Von "City and Colour" hat mir als Erste vor längerer Zeit mal die Steinmenschin erzählt. Da konnten wir uns noch nicht richtig anfreunden. Jetzt aber bin ich doch verliebt. Manchmal braucht man eben ein bisschen länger bis man wahre Juwelen erkennt.

Dallas Green war Gitarrist und Sänger bei Alexisonfire (großartige Band!). Im Unterschied zur Bandmukke ist die Musik seines Soloprojekts etwa ganz genau das Gegenteil. Ein tättowierter Arm zupft die Gitarre, der Mann hat ein Mützchen aufm Kopf, Brusthaare und ne tolle Stimme. Hach. Im Prinzip ist es also sogar egal, was er singt. Hauptsache, er singt. Und das tut er. Zur Zeit ständig in meinen Ohren.

2011-10-21

Und trotzdem war da ein Gefühl von Geborgenheit.

Und dann kommst du nach langer Zeit zurück in die Heimat, die schon ewig kein Zuhause mehr ist. Du stehst auf einem Balkon und schaust über diese grau-beigen Plattenbauten, die du früher nur zu gut kanntest. Geranien blicken traurig hinunter auf ungepflegte Rasenflächen und hinter einem Fenster liest eine Rentnerin die nächste Meldung über eine Messerstecherei. Du denkst, es wäre so passend, wenn jetzt Nebel aufsteigen würde zwischen all den Straßen. Wenn in der Ferne unheimliche Laute die Stimmung untermalen würden. Aber wir sind hier nicht im Film oder in der Bronx. Wir sind bloß in irgendeiner deutschen Stadt.

Jede Straßenecke verbindest du mit einem Gesicht. Jeden Geruch mit einem Erlebnis. Hier, in diesem Eck, wo damals nur noch eine der ehemals drei Sitzbänke übrig war, da hast du mit neun deine erste Zigarette geraucht. Jetzt steht dort gar keine Bank mehr. Ein Mülleimer ist übrig. Er bekommt jeden Tag Besuch von dem alten Pfandsammler, aber der findet auch schon lange nichts mehr. Hier habt ihr gesessen und über das Leben philosophiert. Davon geträumt, wie es sein wird, als berühmter Rapper oder schönes Model auf der Bühne zu stehen. Und jetzt blickst du auf die Pflastersteine und fragst dich, wie aus so viel Phantasie so wenig Leben werden konnte. Oder die Tischtennisplatten in der Nähe der Schule, niemand hat hier je Tischtennis gespielt. Die Tischtennisplatten waren das Facebook der 90er. Jeder kam vorbei, erzählte, wie es ihm ging, bekam ein Bier, setze sich und schwieg. Bis am Ende alle gemeinsam schwiegen. Und trotzdem war da ein Gefühl von Geborgenheit.

Die Jungs, die dich einmal auf dem Weg zur Schule verprügelt haben. Sie wohnen jetzt vielleicht immer noch irgendwo hier. Und ihre Kinder zünden die Container an, die du früher nur angemalt hast. Wenn jemand gelacht hat, weil du gesagt hast, aus welchem Viertel du kommst, dann hast du dich gewehrt. In deiner Welt waren alle Häuserblocks bunt und alles Leben fröhlich. Und der Rest gehörte halt dazu. Das war doch normal. Oder nicht?

Graffitis weisen den Weg zu deiner alten Grundschule. In den Fenstern des kaminroten Backsteingebäudes blitzen bunte, selbstgebastelte Sterne. Dort hinten steht die Turnhalle und direkt daneben wohnte einst der Hausmeister. Wie verrückt ihr das alle fandet. Der Hausmeister wohnt auf dem Schulhof. Und immer diese Grünpflanze im Fenster. Bis die Scheibe eines Tages eingeworfen wurde und der Hausmeister seine Pflanze nahm und ging. Einmal standest du allein auf dem Hof und warst mal wieder viel zu spät dran. Du standest dort und hast die Fenster beobachtet. Wie Kinder an Tischen sitzen und malen oder sich melden. Wie Kinder durch die Klasse laufen, wenn sie eine Rechenaufgabe gelöst haben und eine Ecke weiter durften. Es war wie in einem beweglichen Gemälde und die Schule war der Rahmen. Und dann hast du gedacht, dass das eigentlich immer so weiter gehen kann, aber plötzlich warst du erwachsen.

Der geheime Weg ist zugewachsen. Es gibt keine Abkürzung mehr. Haustüren quietschen, wenn sie sich mal öffnen und Menschen siehst du nur am Einkaufszentrum. Die Bibliothek ist schon lange geschlossen, genau wie der Kindergarten. Früher haben hier Skater die besten Tricks gemacht und die schönsten Mädchen beeindruckt. Du hast daneben gesessen, geraucht und den Ghettoblaster bedient.

Es wird kalt auf dem Balkon. Du drückst die letzte Zigarette aus und gehst wieder in die Wohnung. Sie ist jetzt leer. Hier ist nichts, das dich erinnern könnte. Du blickst den Mann von der Entsorgungsfirma an, bedankst dich und bittest um die Rechnung. Wenige Minuten später bringt dich die moderne Straßenbahn zurück in dein Leben.

2011-10-20

Clueso

.. war gestern in Hannover. Und das war schön.


Einziger Kritikpunkt: Er hat sich nicht einmal durch die Haare gefahren mit der Hand. So ein Mist. Das wurde zumindest von drei Mädels vor uns auf'Rückweg bemängelt. Seine Haare waren die ganze Zeit total platt, beschwerte sich die eine. Also echt. Übrigens weiß ich wirklich nicht, was alle mit "Chicago" haben. Ich finde einige Lieder viel besser. Zum Beispiel dieses hier.


CLUESO GEWINNER from dirk rauscher on Vimeo.

2011-10-16

Fahrrad I


Zuhause unterwegs

In Hannover ist ja bühnenmäßig ganz viel los. Das ist schön. Und so spazierten der Mann und ich letztens zur Loge 13. Einer Lesebühne mit Musik, die unter anderem von der wunderbaren Rikje Stanze gemacht wird. Es wird gelesen und gespielt, von den festen Mitgliedern Rikje, Gerrit, Kai-Olaf und eingeladenen Gästen. Und ich hatte ja schon einmal festgestellt, dass aus meiner Herzensheimat Braunschweig anscheinend gute Musiker kommen. Bewies sich an diesem Abend zum zweiten Mal. Philipp Omlor kommt zwar nicht so richtig aus Braunschweig, sondern wohnt dort nur zur Zeit, macht aber nichts. Seine Musik ist trotzdem sehr, sehr gut. Leider hatte der Mann keine CD dabei. Aber er arbeitet dran und man kann sie vorbestellen. Also hört mal rein und klickt ihn an und lasst euch ebenso begeistern wie ich es war.

2011-10-14

Dichter und Kämpfer

Für den Film "Dichter und Kämpfer" hat das Filmteam um Marion Hütter vier Slammer ein Jahr lang begleitet. Sie waren mit Theresa Hahl an der Uni, mit Julius Fischer Fußball spielen, mit Sebastian23 bei einer Kameraprobe und mit Philipp Scharrenberg auf der Buchmesse. Bis jetzt gibt es einen super Trailer, der den Beginn des Films zeigt, die deutschsprachigen Meisterschaften 2009. Der Film endet mit dem Gewinn von Patrick Salmen auf den Meisterschaften 2010. Noch bastelt das Team an den letzten Details und sucht einen Verleih. Wenn ihr nach dem Trailer ebenso gespannt seid wie ich, dann klickt mal auf die Seite und tragt euch für eines der vorgeschlagenen Kinos ein. Das erleichtert die Gespräche rund um den Verleih nämlich um einiges. Ich bin wirklich schon sehr, sehr gespannt! Auf dem YouTube-Kanal von Dichter und Kämpfer gibt es bereits weitere kleine Ausschnitte zu sehen.

2011-10-11

Wenn Eltern über Allem kreisen

Machst du eigentlich, was DU willst? Oder was andere für dich richtig finden?

Ich habe mir in den letzten Tagen Gedanken über die sogenannten Helikopter-Eltern gemacht. Und deren Kinder, die nun Abi machen und anfangen zu studieren und damit fast genau zehn Jahre jünger sind als ich. Anlässlich einiger Artikel in diversen Zeitungen habe ich mir wirklich den Kopf zerbrochen und überlegt, ob ich das jetzt gut oder schlecht finde, dass Eltern immer mehr Einfluss bei ihren erwachsenen (!) Kindern haben und wie viel Einfluss meine Eltern denn haben/hatten.

Ich telefoniere fast jeden Tag mit meiner Mama. Früher fanden die Leute das komisch. Heute finden sie es schön. Aus irgendwelchen Gründen. Wenn wir auf Klassenfahrt gefahren sind, habe ich als erstes Mama angerufen und sie darüber informiert, dass ich jetzt gut angekommen bin. Und jeden Abend habe ich angerufen und erzählt, was wir gemacht haben. Da gab’s ja auch noch kein Twitter, ansonsten hätte sie alle Kleinigkeiten wie heute über’s Netz verfolgen können. Mit Mama spreche ich über alles. Hauptsächlich wichtige Dinge, wie „Hast du schon gehört, Britney hat sich die Haare abrasiert?“. Mama und ich sind beide Promiholiker. Kein Magazin, das wir nicht kennen. Keine Punkt-12-Sendung in den Schulferien, die ohne uns stattgefunden hätte und kein Fehltritt irgendwelcher F-Promis, der uns entgangen wäre. Zu Studienzeiten rief meine Mama mich immer an, wenn ich gerade in der Mensa war. Meine Freundinnen schauten automatisch auf die Uhr und riefen wie aus einem Mund: „Prominews bei Punkt 12!“ Für mich waren das schöne Rituale. Unabhängig davon, ob es meine Mama ist oder nicht.

Mit meinem Papa spreche ich klassischerweise über alles, was mit meinem wirren Kopf zu tun hat: Finanzen, Versicherungen, Umzüge. Alles, worüber ich mich im Prinzip auch selbst informieren könnte, wovon ich aber weiß, dass Papa es sicherlich auch weiß. Manchmal spreche ich mit Papa auch über Promis. Das läuft dann so ab: „Papa, welche Promifrau findest du hübsch?“ (Ich habe schon eine im Hinterkopf.) Papa: „Puh. Keine Ahnung.“ Ich: „Wie findest du Catherine Zeta Jones?“ Papa: „Die kenne ich nicht. Aber die Frau von dem Douglas ist hübsch.“ Ok.

Meine Eltern helfen mir bei jeder Gelegenheit, bei der ich um Hilfe bitte. Und das finde ich sehr gut. Wenn ich allerdings nicht um Hilfe bitte, dann möchte ich auch keine. Und wenn ich mir überlege, was ich mal werden möchte, dann will ich das alleine tun. Und dann lese ich von jungen Erwachsenen, deren Eltern alleine (!) auf eine Studienmesse gehen, um sich mal zu informieren, was der Sprössling später machen könnte. „Wir bestimmen das ja nicht, wir suchen nur das Beste raus“, sagen die Eltern und wundern sich kein Stück, wenn andere Leute sich über sie wundern. Wie ich. Wie kommen Eltern auf die Idee, ihren Kindern zu erklären, welches das beste Studium wäre? Und wie kommen Kinder auf die Idee, sich das auch noch sagen zu lassen? Ist diese Generation so unselbständig, dass sie nicht alleine ein Studienfach wählen kann, nicht alleine das Zimmer im Studentenwohnheim ansehen kann, nicht alleine in der Lage ist überhaupt irgendwas zu tun? Betrinken sich die Eltern dann auch an deren Stelle bei der Erstsemesterparty? Schreiben die Eltern auch die erste Klausur? Es soll sogar Eltern geben, die sich bei der Uni über die Note ihrer Kinder beschweren… Erzählt man sich.

Ich wusste schon sehr früh, dass ich nicht für einen sehr vernünftigen Job gemacht bin. Vernünftige Jobs waren für mich Mediziner, Juristen und Banker. Ich stand auf Bühnen, ich schrieb, ich sang. Und dann kam das Internet und irgendwie kam alles zusammen und mein Leben hat sich so ergeben. Und als es soweit war, zu entscheiden, was ich studieren oder lernen will, da gab es eine Berufsberatung in der Schule. Ich ging hin, setzte mich und sagte: „Hallo, ich bin Ninia und ich möchte gerne Journalistin oder sowas werden.“ Und die Tante vom Amt sah mich an und sagte: „Uh, das ist ganz schlecht. Welche Note haben Sie denn in Mathe?“ Und ich sagte: „Unterschiedlich, mal eine Drei, mal eine Vier.“ Die Tante vom Amt antwortete ernsthaft: „Ach, das würden Sie schon hinkriegen, wie finden Sie denn Wirtschaftsmathematik?“ WTF? Sie erklärte mir, dass es da ja viel mehr Jobs gäbe und man „nur mit Schreiben“ im Leben nicht weit kommen würde. Ich stand kommentarlos auf und ging. Abends sprach ich mit Papa. Er sagte: „Du musst dir überlegen, wo deine Interessen liegen. Und was dir wichtiger ist, ein Job, in dem du aufgehst und der dir möglicherweise nicht Millionen einbringt oder lieber viel Geld und dafür nicht so viel Spaß.“ Das musste er mir nicht zweimal sagen. Von da an war alles geritzt.

Meine Eltern sind nie zur Uni gegangen und haben sich angeschaut, was bei Germanistik und Kunstgeschichte und Spanisch so passiert. Meine Eltern hätten es wahrscheinlich auch nicht verstanden. Wozu auch? Sie haben selbst nie studiert. Wozu sollen die sich durch dieses ganze Kack-System durchömmeln, wenn es doch reicht, dass ich weiß, wie es geht und was ich machen muss? Wenn die Helikopter-Eltern immer mehr werden, gibt es bald niemanden mehr, der Dinge wie Philosophie oder Arabistik oder Geschichte studiert. Weil das Dinge sind, mit denen Eltern meist nicht viel anfangen können. Über 20-Jährige sind nicht mehr in der Lage, sich selbst ein Praktikum zu suchen oder eine Wohnung. Viele trauen sich nicht mal nach der Bewerbung im Unternehmen anzurufen und nachzufragen, das machen die Eltern (alles schon erlebt!). Die perfekten Sprösslinge sind dann 24 Jahre alt, können drei Fremdsprachen (oder vier), haben einen Uniabschluss, Auslandserfahrung und viele tolle Praktika gemacht, aber kein Stück Lebenserfahrung. Weil sie nichts davon selbst organisiert haben. „Der Kollege von meinem Vater arbeitet dort, deshalb hat er gesagt, ich solle da auch mal hingehen.“ Aha. Es sind kleine Schüler, die heimlich älter geworden sind, aber nicht weiser. Irgendwann rächt sich das.
Ich wünsche mir nicht, dass niemand mehr Jura studiert. Aber ich wünsche mir, dass die, die es machen, sich selbst dazu entschieden haben. Und natürlich ist es nicht verwerflich, Vitamin-B zu nutzen. Aber eben so, dass es dich dahin bringt, wo du wirklich hin willst und nicht um des perfekten Lebenslauf Willens.

Eltern haben ein ganzes Leben lang Einfluss, ob man will oder nicht. Aber wie viel und worauf, das kann jeder selbst steuern. Und wenn ich euch jungen Hüpfern einen Tipp geben darf: Fallt selbst auf die Schnauze. Sucht euch euer Leben selbst aus! Und wenn es schief geht: Na und? Aus Scheitern lernt man. Und wenn es gut läuft: Dann wisst ihr, dass ihr die wichtigsten Dinge auch alleine könnt. Und für Klatsch und Tratsch sind dann ja immer noch die Eltern da.

2011-10-06

Miss LaGrande liest.

Das einzige, was ich nie gelesen habe, waren Pferdegeschichten und ???. Ich bin in der TKKG-Crew, mit Justus-Jonas und seiner Gang konnte ich nicht viel anfangen. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse habe ich mir aber gedacht, ich eröffne mal eine neue Kategorie, die nun heißen soll "Miss LaGrande liest.". Und das tue ich. Mal exzessiver, mal weniger. Je nachdem, was die Zeit gerade zulässt. Ich werde ich in regelmäßigen Abständen berichten, was ich gerade lese, was ich davor las und was ich vorhabe zu lesen. Ich werde euch Bücher empfehlen, was natürlich völlig von meinem eigenen Geschmack durchtränkt ist und keinerlei qualititativen Anspruch hat und ich will von euch wissen, was ihr mir für Bücher empfehlen könnt. Außerdem möchte ich euch erzählen, warum ich das Buch überhaupt gelesen habe. Denn ne reine Rezension finde ich irgendwie öde. Nebenbei wird es auch ab und an Posts zu alten Kinderbüchern geben, die ich früher geliebt habe. Um der alten Zeiten willen und so... Sollte ich disziplinizert bei der Sache bleiben, werde ich vielleicht einen neuen Reiter einrichten, damit die Büchernasen unter euch immer ganz schnell Zugriff auf den Kram haben. Und jetzt geht's los.

Was ich zuletzt gelesen habe:

"Wie der Soldat das Grammofon repariert" von Sasa Stanisic:

via
Stanisic kenne ich als Kolumnenschreiber aus dem U_mag, einem meiner absoluten Lieblingsmagazine. Nun begab es sich, dass die wunderbare Katja Hofmann und ich gemeinsam nach Bielefeld reisten, um dort aufzutreten. Wir hatten beide von unseren letzten Siegen in Bielefeld noch einen Gutschein für einen sehr tollen Buchladen dabei (unbedingt hingehen, wenn ihr mal da seid!) und wollten diese gemeinsam einlösen. Auf der Hinfahrt las Frau Hofmann eben dieses Buch und beschwor mich, es auch zu lesen. Und so kaufte ich unter anderem das. Als die nette Frau im Buchladen übrigens bemerkte, dass wir die Slammerinnen sind, hat sie uns die restlichen paar Euro geschenkt, die uns noch fehlten. Grandios.

Nun also das Buch: 
In den 90er Jahren wächst Aleksandar in Bosnien auf. Bis der Bürgerkrieg ausbricht. Er flieht mit seinen Eltern in den Westen, nach Deutschland und erzählt in Rückblicken seine Geschichte. Er erzählt von seinem süßen Großvater und seiner ersten großen Liebe, er erzählt von den Schrecken, den die Soldaten verbreitet haben und warum es wichtig ist, zu angeln. Das Buch, vor allem seine Erzählweise, hat mich gefesselt. Ich hätte es am liebsten aufgegessen. Jedes Wort war einfach an der richtigen Stelle und schön. Anfangs muss man noch durch die Zeitsprünge durchsteigen, aber dann läuft alles wie von selbst. Aleksandar hat einen kindlichen Blick auf die Vergangenheit, der zerstört wird, als er am Ende eine Reise in seine alte Heimat macht. Ein toller Literaturzauber.

Was ich gerade lese:

"Für Eile fehlt mir die Zeit" von Horst Evers:

via
Herrn Evers habe ich durch den Mann kennengelernt. Der hat nämlich das erste Buch von ihm gelesen und sich sowas von kaputtgelacht, dass ich gedacht habe 'Das brauche ich auch!'. Bei jeder der kleinen Geschichten denke ich dann 'Verdammte Axt! Wieso fällt mir so etwas nicht ein?'. Diese Texte funktionieren gelesen genauso wie auf der Bühne. Grandiose Komik, bei der ich ab und an das Buch weglegen muss, weil ich sonst leider ersticken würde vor Lachen, wenn ich weiterlese.

Das Buch:
"Mir passieren auch schlimme Dinge. Zum Beispiel habe ich eine Saftpresse zum Geburtstag bekommen." Evers Protagonist berichtet kleine Episoden aus seinem Leben, die alles in allem ziemlich bemitleidenswert, aber äußerst komisch sind. Allein der Titel ist ja schon ein Kunststück. Evers Alter Ego ist relativ faul, uninteressiert und ein Einzelgänger. Trotzdem wird er sowohl in seiner Wohnung als auch beim Herumlaufen und Zugfahren einfach nicht in Ruhe gelassen. Und das ist wunderbar, denn sonst würden ihm nicht diese ganzen wahnwitzigen Geschichten passieren. Unbedingt kaufen und dann immer mal wieder aufschlagen und lesen. In einem Rutsch ist das nämlich gesundheitlich unmöglich.

Was ich lesen will:

Ja, wenn das mal so einfach wäre. Ich habe eine handgeschriebene Liste, auf der einige Bücher stehen. Und in meinem Regal stehen natürlich auch noch Bücher, die ich noch nicht gelesen habe. Ganz oben auf der Liste: "Schimmernder Dunst über CobyCounty" von Leif Randt. Was ich bis jetzt darüber gelesen habe, klingt spannend und interessant und vor allem anders. Und im Regal ganz weit vorn: "Kleines Mädchen mit komischen Haaren" von David Foster Wallace. Na, dreimal dürft ihr raten, wieso ich das in erster Linie gekauft habe. Weil ich dachte: 'Wow, er hat ein Buch über mich geschrieben!'. Wollen wir mal sehen, ob das auch wirklich der Fall ist. Kennt ihr schon eines der Bücher? Was steht auf euren Listen ganz oben?

2011-10-04

Schau mal rein...

Ganz ganz früher habe ich viel Hip Hop gehört. Heute ist das für mich irgendwie alles nicht mehr so das Richtige. Und genau für diesen Gedanken hat Gott aka Samy Deluxe jetzt einen Song gemacht. Ich mag's. Auch weil da eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mann vorhanden ist... 

2011-10-01

„If god could make a perfect girl for me, it would be you.“


Als ich dich das erste Mal geküsst habe, saß deine Freundin 253 Kilometer von uns entfernt an einem grünen Küchentisch und trank witzige, bunte Cocktails mit ihren Mädels. Sie erzählte, dass du ihr noch vor zwei Stunden die letzte SMS schicktest, in der du deine Sehnsucht beteuertest und wie gut das doch mit euch funktioniert. Dabei wackelte ihr blonder Zopf und wahrscheinlich freuten sich unbemerkt auch ihre Eltern im heimischen Dorf unterm heimischen Hirschgeweih über dieses junge Glück. Und ich kannte sie von Bildern und küsste.
Als ich das erste Mal mit dir geschlafen habe, habe ich es genossen und du hattest kein schlechtes Gewissen. Ihr hattet euch gestritten, weil sie wusste, dass du ein anderes Mädchen geküsst hast und nun saß sie an diesem grünen Küchentisch, weinend mit ihren Freundinnen und ich schwitzend auf dir. Und wie ich meine Hüfte bewegte, wurde mir klar, dass ich auf jeden Fall die Böse in diesem Game werden würde.

Weißt du, für mich ist das ein Spiel. Ich kriege dich nie ganz, weil sie dich hat. Und weil sie die Beliebte ist und die, die diese Freundinnen hat. Also versuche ich es trotzdem. Und pflanze mich in deinen Kopf. Versende Wurzeln unbemerkt. Und du denkst plötzlich, dass alles einfacher wird, wenn du mich küsst und machst dein Leben dadurch kaputter als es jemals war. Du verlässt sie dann für mich. Und sie schreibt mir böse Dinge. Weil man heutzutage böse Dinge ganz leicht über das Internet verschicken kann. Sie denkt, ich wäre so etwas wie eine Hexe. Ich hätte Tropfen, die ich dir verabreicht hätte, damit du bei mir bleibst. Dabei habe ich nur Wurzelgedanken.
Nach zwei Wochen kommst du mich besuchen und lässt zum ersten Mal länger als zehn Minuten deine Kleidung an. Du schenkst mir in kitschigster Manier ein Mixtape und sagst: „If god could make a perfect girl for me, it would be you.“ Und ich sage: “Ich habe da jemanden kennengelernt.”
Er ist wie du, nur als Traummann. Er ist derjenige, für den ich dich jetzt verlassen werde. Weil ich ihn genau so mag wie dich. Nur mehr. Und ich brauche dir die Geschichte gar nicht weiterzuerzählen, weil du mir nicht mehr zuhörst. Du sitzt jetzt mit ihr am grünen Küchentisch und führst Gespräche, die Dinge klären sollen, die niemals schwierig waren. Weil es Dinge sind, die immer zwischen euch liegen werden, sobald jemand kommt, der genauso spielsüchtig ist wie ich.