Als
ich heute twitterte, dass nun der letzte Tag meiner Tätigkeit als Pendlerin
angebrochen sei, antwortete mir jemand, ich hätte den Absprung früher
geschafft. Er mache das seit elf Jahren. Elf Jahre. Der arme Mann.
Ich
habe in dieser Zeit alles erlebt. Und ich habe die Deutsche Bahn lieben
gelernt. Das ist kein Witz. Es verhält sich wie bei Süchtigen. Am Anfang findet
man alles spannend und neu. Wuhuu, wieder eine neue Fahrt, steigen Sie ein und
raten Sie, was heute passiert. Kommt der Zug? Wenn ja, wann? Und wenn er dann
da ist, ob sich wohl die Türen öffnen? Werde ich schwitzen oder frieren? Wann
weckt mich die „Kaffeee, Teee, kalte Getränke…. SNACKS!“-Frau? So viele Fragen.
Irgendwann merkt man, dass das alles eigentlich gar nicht sooo witzig ist, wie
man vielleicht dachte. Im Prinzip gar nicht witzig. Ziemlich scheiße sogar.
Aber man kann nicht aufhören. Man versucht dann zu meckern. Ein paar Tage lang.
Und dann ist man nach kurzer Zeit so unglücklich, dass man sich die Fahrerei
schön redet. „Aaach, ich fahre voll gern Zug. Da kann ich einsteigen und
entspannen, nicht so wie beim Autofahren.“ Und man lernt es, zu lieben. Ob man
will oder nicht.
Wenn
ich Leuten erzähle, dass ich eine Bahncard 100, also die sagenumwobene Black
Mamba habe, kommt immer die gleiche Reaktion: „Geil, davon träume ich seit
Jahren.“ Ich antworte meist: „Aaaach, das ist auch so praktisch. Ich kann mir
am Freitag überlegen, dass ich das Wochenende gerne in München verbringen
möchte und steige einfach ein.“ Hab ich nie gemacht. Und wenn ich es an einem Freitagnachmittag
gemacht hätte, hätte ich eh nie einen fucking Sitzplatz bekommen. „Liebe
Fahrgäste, unser Zug ist zurzeit leider etwas überfüllt. Auch in der ersten
Klasse gibt es keinerlei Sitzplätze mehr. Es macht also keinen Sinn, dorthin zu
gehen, um nach einem Platz zu suchen.“ Sie armen Würstchen.
Es
waren jetzt so etwas weniger als eineinhalb Jahre, die ich fahren musste. Jeden
Tag eine halbe Stunde hin und eine halbe Stunde zurück. Also nur im Zug die
halbe Stunde. In dieser halben Stunde kann so viel Leben und Abenteuer
passieren. Einmal ist der Zug einfach durch Göttingen durchgefahren. Wir stehen
an der Tür, die Stadt zieht an uns vorbei. Nach gefühlt endlosen Minuten sagt
eine Frau: „Ist der gerade durch den Bahnhof durchgefahren?“ Und alle so: „Yeah!“
Nee, stimmt nicht, alle haben sich nur gewundert. Dann kam endlich die
vollkommen logische Erklärung der Zugbegleiterin: „Liebe Fahrgäste, aus
menschlichen Gründen haben wir den Halt in Göttingen heute leider verpasst.“
Wir mussten dann bis Kassel, umsteigen und wieder zurück.
Ein
anderes Mal sind wir irgendwann zum Stehen gekommen (das passiert ungefähr alle
zwei Tage) und standen. Uns wurde dann Gott sei Dank gesagt, dass wir gerade
stehen. Später wurde uns dann gesagt, dass wir immer noch stehen und man noch
nicht wüsste, was passiert. Plötzlich wurden wir dann evakuiert. Alle Fahrgäste
mussten durch eine einzige Tür über einen kleinen Steg in einen anderen Zug
balancieren, der neben uns gehalten hatte. Die Passagiere in dem neuen Zug
haben sich auch total gefreut, dass jetzt nochmal so viele Leute dazu kommen.
Überhaupt
Passagiere. Die Deutsche Bahn bildet sich zuweilen ein, sie sei ein
Flugunternehmen. Passagiere. Willkommen an Bord der Deutschen Bahn.
Snack-Fahrzeuge. Sogar Kopfhörer verkaufen sie. Und ein Magazin haben sie auch.
In dem so sympathische Menschen wie Herr Mehdorn und Herr Grube Interviews mit
Prominenten führen. Und auf dessen Cover so sympathische Menschen wie Veronika
Ferres und Xavier Naidoo abgebildet sind. In der Not frisst der Teufel Fliegen.
Zwei
Sachen hasse ich, auch wenn ich die Bahn eigentlich liebe. Kinder und Rentner.
Rentner stehen hier als Oberbegriff für hilflose Menschen aller Art. „Bei der
Deutschen Bahn dürfen Kinder alles. Außer zahlen.“ Aha. So benehmen sich die
meisten dann auch. Spielen um Beispiel auf den Gleisen der Deutschen Bahn,
anstatt wie anständige Kinder zuhause vorm Computer zu sitzen. Zwei kleine
Mädchen sind mir allerdings in sehr positiver Erinnerung geblieben. Beide etwa
drei oder vier Jahre alt. Die eine stellt sich demonstrativ vor einen Vierer
mit Anzugkaspern und singt: „Meine Herren, meine Herren, die Arbeit ist kein
Frosch. Sie hüpft, sie hüpft, sie hüpft, sie hüpft uns nicht davon.“ Dabei ist
sie wie eine Irre herumgesprungen. Die andere habe ich nur gehört. „So, ich
male jetzt eine Fee. Mama, ich brauche SCHWARZ.“ – „Aber Schatz, du kannst auch
mit rosa…“ – „NEIN!“
Rentner
sind nicht mal lustig. Oder springen. Sie brechen in Panik aus, schon wenn der
Zug angesagt wird (dabei lügen die ja meistens, von wegen fährt jetzt ein, und
dann steht man da noch minutenlang, reine Hinhaltungstaktik). Sie verstopfen
die Türen, damit ja niemand aussteigen kann, bevor sie eingestiegen sind. Sie
steigen ein und bleiben sofort stehen. Koffer, Taschen und anderes Gepäck müssen
im Gang stehen bleiben. Definitiv. Geht gar nicht anders. Wir hatten ja nichts.
Pendeln
hat mich stark gemacht. Ich kann es prügelmäßig jetzt mit jedem aufnehmen. Ob
es um einen Sitzplatz, einen guten Ausgangsplatz am Bahnsteig oder einen guten
Platz in der Aussteigeschlange geht. Ich kriege ihn.
Und
als Tipp für alle Selten-Fahrer: Nein, Rucksäcke und Taschen brauchen keinen
eigenen Sitzplatz. Ja, man darf Leute, die schlafen unsanft aufwecken, damit
sie sich so hinsetzen, dass noch ein Platz frei ist. Meistens kann man sich
vorher informieren, wo sich der reservierte Sitzplatz befindet, damit man
gleich dort einsteigen kann, wo dieser ist. Crazy World. Und es kommt bei den
Mitfahrern tatsächlich nicht gut an, wenn man spontan ein Mettbrötchen,
Hamburger, Döner oder anderes geruchsreises Essen auspackt und genüsslich
verspeist. Genauso wenig wollen Menschen angesprochen werden, die Kopfhörer
tragen und Musik hören. Diese Menschen sind fast nie an deinem Leben
interessiert. Wenn ihr wirklich Spaß haben wollt, dann setzt euch gegen späten
Abend ins Bordrestaurant. Da findet man immer neue Freunde.
Ich
brauch das jetzt alles nicht mehr. Ich bin raus. Wie will rietsch sie end of
trävelling wis Deutsche Bahn. Meine Damen und Herren, der Ausstieg ist in
Fahrtrichtung Zukunft.