2011-12-07

Die Suche nach der guten Luft


Es war fast so, als hätte das alte Wohnmobil nur darauf gewartet, von Herrn Köstelmaier gefunden zu werden. Das Wohnmobil trug ein blasses Gelb und stand wahrscheinlich schon seit Jahren an diesem Platz, ohne dass jemand gewusst hätte, wem es gehört oder wer es einst dorthin gestellt hatte. An diesem Morgen nun spazierte Herr Köstelmaier mal wieder durch den Wald, während Frau Köstelmaier daheim das Mittagessen zubereitete. Er freute sich schon auf eine ordentliche Portion Rotkohl. Es war Herbst und da Herr Köstelmaier so gerne Rotkohl aß im Herbst, kochte Frau Köstelmaier jeden zweiten Tag etwas mit Rotkohl. Frau Köstelmaier konnte das ganz gut, das mit dem Rotkohl. Sie schnippelte noch ein wenig Apfel rein, warf nur eine kleine Prise Zimt hinzu und hatte noch zwei, drei andere Geheimzutaten, die den Rotkohl so machten, dass Herr Köstelmaier ihn gerne aß.

Als Herr Köstelmaier an diesem Morgen so tollkühn gewesen war und einen anderen Weg als üblich einschlug, kam er am Ende auf einen kleinen Parkplatz. Dort stand nur das alte Wohnmobil. Sonst nichts. Herr Köstelmaier wunderte sich erst und spazierte ein wenig die enge Straße hinab, die zu dem Parkplatz führte, aber er konnte weit und breit niemanden entdecken. Also schlich er sich zurück zum Wohnmobil und luchste heimlich in die Fenster. Man hörte ja so einiges von Wohnmobilen, die verlassen an engen Waldstraßen standen. Herrn Köstelmaier war auch nicht ganz wohl bei der Erwartung im Wohnmobil gleich eine, wohlmöglich, nackige Dame zu entdecken, die nur darauf wartete, dass er hereinschaute. In dem Wohnmobil aber war es nur sehr staubig. Überall Staubkörnchen, aber keine Menschenseele. Es sah nett aus dort drinnen. Pastellfarbene, kleine Ledercouch, ein enges Bett und zwei kleine Herdplatten. Insgesamt sah es so aus wie die Küche von der Tante von Herrn Köstelmaier. Damals, Ende der 40er, als Herr Köstelmaier Frau Köstelmaier nur als „das blonde Zopfmädchen von nebenan“ kannte.

Da kam Herrn Köstelmaier eine famose Idee. Frau Köstelmaier war schon längere Zeit etwas krank und sprach abends während der Tagesschau immer davon, dass sie eigentlich gerne nochmal eine andere Luft riechen wollte. Was das genau bedeutete, wusste Herr Köstelmaier nicht so richtig, denn die Luft war ja überall die gleiche und in Wirklichkeit wollte er auch gern hören, was der Reporter aus Ägypten gerade erzählte. Aber nun schien er eine kleine Ahnung zu haben, wovon Frau Köstelmaier immer sprach. So schnell ihn seine gebrechlichen Beine tragen konnten, lief er heim.

„Goldlöckchen“, rief er, als er die Küchentür aufriss. „Pack deine kleine Reisetasche, es geht los.“ „Zieh du erst einmal deine Schuhe aus“, antwortete Frau Köstelmaier und putzte sich die Hände an der Schürze ab. „Was soll das heißen, es geht los? Das Essen ist gleich fertig.“ „Das ist ganz egal“, sagte Herr Köstelmaier. „Ganz egal. Wir suchen jetzt die andere Luft.“ „Ich glaube, du hast andere Luft inhaliert, alles in Ordnung?“ fragte Frau Köstelmaier und begann schon mal den Tisch zu decken. „Nein, nein, Goldlöckchen, hör mir zu: Du stellst jetzt den Herd aus, packst dein Nachthemd und was du noch so brauchst, ein und dann fahren wir los.“ Frau Köstelmaier fand das alles sehr amüsant. Wie stellte er sich das denn vor? Andererseits, wegen dieser Verrücktheiten hatte sie sich damals in ihn verguckt. Warum nicht jetzt endlich mal die olle Tristess durchbrechen. „Na gut“, sagte Frau Köstelmaier. „Wann sind wir denn wieder da?“ „Das kann man nicht sagen“, sagte er Köstelmaier und räumte die Teller zurück in den Schrank. „Wenn wir die gute Luft gefunden haben.“

Zwei Stunden später kamen Herr Köstelmaier, Frau Köstelmaier und Rabauke, der kleine Rauhaardackel, am Wohnmobil an. Herr Köstelmaier hatte schon viele Sendungen über Einbrecher gesehen und zuhause genau das richtige Werkzeug eingepackt, um jetzt in null komma nichts die Tür des Wohnmobils aufbrechen zu können. „Aber das dürfen wir doch nicht, das ist verboten“, flüsterte Frau Köstelmaier, die sich, weil Herr Köstelmaier das so wollte, noch schnell eine Strumpfmaske übergezogen hatte. Sie fand das recht dumm, weil die Maske ihre Locken platt drückte, aber wenn Herr Köstelmaier das gerne so wollte, sollte es ihr recht sein. „Schnell, schnell, steig ein“, sagte Herr Köstelmaier da schon und Frau Köstelmaier kletterte in das Wohnmobil.

Herr Köstelmaier startete den Motor. Er war sehr aufgeregt. Frau Köstelmaier hatte noch schnell den gröbsten Staub weggewischt, damit sich Rabauke auf die kleine gelbe Couch legen konnte. Jetzt saß sie neben Herrn Köstelmaier auf dem Beifahrersitz und hatte sich die Strumpfmaske in die Haare geschoben. „Huh, was das wohl wird, wo willst du denn überhaupt hin?“ fragte sie. „Ich weiß es nicht“, sagte Herr Köstelmaier. „Aber das Wohnmobil wird schon wissen, was wir brauchen.“ Erstaunlicherweise ließ sich das Wohnmobil ohne Probleme starten, es war sogar noch genug Benzin im Tank, um wenigstens bis zur nächsten Tankstelle zu kommen. Und so drückte Herr Köstelmaier ein wenig zittrig auf das Gas und steuerte das Wohnmobil aus dem kleinen Waldstück hinaus.


[Fortsetzung folgt]

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