2011-09-27

Ich möchte sehen, wie du stirbst.

Manchmal denke ich, ich möchte sehen, wie du stirbst. Ich möchte, dass jemand den Raum betritt und irgendetwas macht, dass dich sterben lässt. Und ich schaue zu. Manchmal wünsche ich mir nachts, du würdest aufhören zu atmen. Einfach um zu wissen, was dann passiert. Ich will gar nichts dazu beitragen. Es soll einfach so passieren. Und dann will ich sehen, wohin deine Seele geht. Und sobald ich das denke, weiß ich, dass das Gedanken sind, die man nicht denken darf.

Wir sitzen am Küchentisch und du hast gekocht. Ich habe Wein mit nach Hause gebracht. Du hast mich angeschaut und so gelächelt, wie ich es hasse, wenn du lächelst. Es ist dieses „Och, also, nee“-Lächeln, das mich erniedrigt und mich wissen lässt, dass du der einzige bist, der überhaupt weiß, wie das Leben funktioniert. „Och, also, nee“, hast du gesagt. „Du kannst doch keinen Chianti dazu trinken. Also, manchmal hast du echt Ideen.“ Und ich denke: ‚Ich hasse dich.’ Und sage: „Wieso nicht?“ Tststs, du schüttelst den Kopf und erklärst mir was von trockenen Abgängen und zusammen mit dieser speziellen italienischen Pasta, also nee. Ich reiße dir die Flasche aus der Hand, öffne sie und nehme drei große Schlücke, direkt aus der Flasche. Einige Tropfen landen auf meinem Shirt und mein Mund sieht aus, als hätte ich Marmeladenbrote gegessen. Du schaust mich an und flüsterst: „Manchmal übertreibst du es echt.“ Ich flüstere: „Ich möchte sehen, wie du stirbst.“ Und du meckerst: „Was? Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass ich nichts verstehe, wenn du flüsterst.“ „Ich möchte sehen, wie du rührst, ich mag die Bewegung deiner Arme.“ Du hältst mich für verrückt. Und ich mich auch.

Am nächsten Tag sitze ich weinend auf dem Stuhl und du hast die Schere in der Hand. Überall liegen Haare, kurz und lang und ausgefranst. Du warst fünf Minuten zu spät. Weiß ich doch nicht, dass der Bus kurz anhalten musste, weil ein kleines Kind mit dem Dreirad nicht von der Straße runtergefahren ist. Du warst fünf Minuten zu spät. Weiß ich doch nicht, dass du sofort versucht hast, mich zu erreichen, ich aber nichts gehört habe, weil ich aus dem Fenster starrte und das Telefon nicht da war. Du warst fünf Minuten zu spät. Weiß ich doch nicht, dass das normal ist, wenn man sich mal verspätet und Menschen sich keine Sorgen machen müssen, wenn das mal passiert. Du warst fünf Minuten zu spät. Fünf Minuten zu spät.
Ich dachte, du magst mich nicht mehr und habe mir im Bad alle Haare abgeschnitten, die ich auf die Schnelle greifen konnte. Dann hast du die Tür aufgeschlossen und mich erst nach zwei kurzen Momenten gesehen. Wie ich da stand. Nur im Unterhöschen und mit schlotternden Beinen. Die Haare stehen wild vom Kopf ab, weil sie jetzt ganz unterschiedlich lang sind. In der einen Hand die Schere und in der anderen die Wut. Und überall liegen Haare, kurz und lang und ausgefranst.
Du hast mich angeschaut. Ungläubig, zweifelnd. Hast mich gefragt, was ich da mache. „Mich schön machen. Mich schön machen, damit du heimkommst“, habe ich gesagt. „Du bist fünf Minuten zu spät.“ Dann hast du den Stuhl geholt, mich drauf gesetzt und meine Haare auf eine Länge geschnitten. Dabei hast du mir die Geschichte von dem Kind mit dem Dreirad erzählt. Und ich habe die ganze Zeit geweint.

„Weißt du, wo Seelen hingehen, wenn man stirbt?“, frage ich dich einige Zeit später. „Was soll das, Mimi, wo sollen Seelen denn hingehen?“, sagst du. „Meinst du, die fliegen dann einfach aus dem Körper raus?“ Ich zucke mit den Schultern, während sich unsere Zigaretten im Balkonaschenbecher treffen. Du hast wieder angefangen, weil ich nicht aufhören konnte. Und nur zuschauen, das ist nichts für dich. „Ich springe jetzt hier runter und dann guckst du mal, wo meine Seele hinfliegt“, schlage ich vor. „Hör auf mit dem Scheiß“, sagst du nur.

Du riechst komisch. Das habe ich schon vor einiger Zeit festgestellt. Plötzlich hast du anders gerochen und jetzt riechst du komisch. Deshalb kann ich jetzt nicht mehr meinen Kopf auf deinen Bauch legen, wenn wir vor dem Fernseher sitzen. Und weil ich das nicht tun kann, kann ich keine Haare mehr zählen und mich vom bekloppten Fernsehprogramm ablenken. Es prasselt alles auf mich ein und ich kann nichts einordnen. Du fragst plötzlich in den Fernsehlärm hinein, ob ich mich schon beworben habe. Und ich denke: ‚Nein. Ich habe so viele Dinge zu tun. Zum Beispiel Nachdenken. Da kann ich mich nicht auch noch bewerben.’ Mein Mund sagt: „Ja ja, zwei Sachen, mal schauen, wann die sich melden.“ Du machst den Ton aus und schaust mich an: „Du musst dich langsam sputen.“ Ich antworte: „Ich möchte, dass du stirbst.“

Ich hätte dir gerne gesagt, dass ich Hilfe brauche. Aber Gedanken sind anders als Worte.

1 Kommentar:

  1. das ist jetzt wieder so ein text wie seinerzeit in der schule der aufsatz: ogott, von wem ist das denn, da stimmt was nicht mit dem schüler, der braucht hilfe...

    AntwortenLöschen