Manchmal denke ich, ich
möchte sehen, wie du stirbst. Ich möchte, dass jemand den Raum betritt und
irgendetwas macht, dass dich sterben lässt. Und ich schaue zu. Manchmal wünsche
ich mir nachts, du würdest aufhören zu atmen. Einfach um zu wissen, was dann
passiert. Ich will gar nichts dazu beitragen. Es soll einfach so passieren. Und
dann will ich sehen, wohin deine Seele geht. Und sobald ich das denke, weiß
ich, dass das Gedanken sind, die man nicht denken darf.
Wir sitzen am Küchentisch
und du hast gekocht. Ich habe Wein mit nach Hause gebracht. Du hast mich
angeschaut und so gelächelt, wie ich es hasse, wenn du lächelst. Es ist dieses „Och,
also, nee“-Lächeln, das mich erniedrigt und mich wissen lässt, dass du der
einzige bist, der überhaupt weiß, wie das Leben funktioniert. „Och, also, nee“,
hast du gesagt. „Du kannst doch keinen Chianti dazu trinken. Also, manchmal
hast du echt Ideen.“ Und ich denke: ‚Ich hasse dich.’ Und sage: „Wieso nicht?“
Tststs, du schüttelst den Kopf und erklärst mir was von trockenen Abgängen und
zusammen mit dieser speziellen italienischen Pasta, also nee. Ich reiße dir die
Flasche aus der Hand, öffne sie und nehme drei große Schlücke, direkt aus der
Flasche. Einige Tropfen landen auf meinem Shirt und mein Mund sieht aus, als
hätte ich Marmeladenbrote gegessen. Du schaust mich an und flüsterst: „Manchmal
übertreibst du es echt.“ Ich flüstere: „Ich möchte sehen, wie du stirbst.“ Und
du meckerst: „Was? Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass ich nichts
verstehe, wenn du flüsterst.“ „Ich möchte sehen, wie du rührst, ich mag die
Bewegung deiner Arme.“ Du hältst mich für verrückt. Und ich mich auch.
Am nächsten Tag sitze ich
weinend auf dem Stuhl und du hast die Schere in der Hand. Überall liegen Haare,
kurz und lang und ausgefranst. Du warst fünf Minuten zu spät. Weiß ich doch
nicht, dass der Bus kurz anhalten musste, weil ein kleines Kind mit dem Dreirad
nicht von der Straße runtergefahren ist. Du warst fünf Minuten zu spät. Weiß
ich doch nicht, dass du sofort versucht hast, mich zu erreichen, ich aber
nichts gehört habe, weil ich aus dem Fenster starrte und das Telefon nicht da
war. Du warst fünf Minuten zu spät. Weiß ich doch nicht, dass das normal ist,
wenn man sich mal verspätet und Menschen sich keine Sorgen machen müssen, wenn
das mal passiert. Du warst fünf Minuten zu spät. Fünf Minuten zu spät.
Ich dachte, du magst mich
nicht mehr und habe mir im Bad alle Haare abgeschnitten, die ich auf die
Schnelle greifen konnte. Dann hast du die Tür aufgeschlossen und mich erst nach
zwei kurzen Momenten gesehen. Wie ich da stand. Nur im Unterhöschen und mit
schlotternden Beinen. Die Haare stehen wild vom Kopf ab, weil sie jetzt ganz
unterschiedlich lang sind. In der einen Hand die Schere und in der anderen die
Wut. Und überall liegen Haare, kurz und lang und ausgefranst.
Du hast mich angeschaut. Ungläubig,
zweifelnd. Hast mich gefragt, was ich da mache. „Mich schön machen. Mich schön
machen, damit du heimkommst“, habe ich gesagt. „Du bist fünf Minuten zu spät.“
Dann hast du den Stuhl geholt, mich drauf gesetzt und meine Haare auf eine
Länge geschnitten. Dabei hast du mir die Geschichte von dem Kind mit dem
Dreirad erzählt. Und ich habe die ganze Zeit geweint.
„Weißt du, wo Seelen
hingehen, wenn man stirbt?“, frage ich dich einige Zeit später. „Was soll das,
Mimi, wo sollen Seelen denn hingehen?“, sagst du. „Meinst du, die fliegen dann
einfach aus dem Körper raus?“ Ich zucke mit den Schultern, während sich unsere
Zigaretten im Balkonaschenbecher treffen. Du hast wieder angefangen, weil ich
nicht aufhören konnte. Und nur zuschauen, das ist nichts für dich. „Ich springe
jetzt hier runter und dann guckst du mal, wo meine Seele hinfliegt“, schlage
ich vor. „Hör auf mit dem Scheiß“, sagst du nur.
Du riechst komisch. Das
habe ich schon vor einiger Zeit festgestellt. Plötzlich hast du anders gerochen
und jetzt riechst du komisch. Deshalb kann ich jetzt nicht mehr meinen Kopf auf
deinen Bauch legen, wenn wir vor dem Fernseher sitzen. Und weil ich das nicht
tun kann, kann ich keine Haare mehr zählen und mich vom bekloppten
Fernsehprogramm ablenken. Es prasselt alles auf mich ein und ich kann nichts
einordnen. Du fragst plötzlich in den Fernsehlärm hinein, ob ich mich schon
beworben habe. Und ich denke: ‚Nein. Ich habe so viele Dinge zu tun. Zum
Beispiel Nachdenken. Da kann ich mich nicht auch noch bewerben.’ Mein Mund
sagt: „Ja ja, zwei Sachen, mal schauen, wann die sich melden.“ Du machst den
Ton aus und schaust mich an: „Du musst dich langsam sputen.“ Ich antworte: „Ich
möchte, dass du stirbst.“
Ich hätte dir gerne
gesagt, dass ich Hilfe brauche. Aber Gedanken sind anders als Worte.
das ist jetzt wieder so ein text wie seinerzeit in der schule der aufsatz: ogott, von wem ist das denn, da stimmt was nicht mit dem schüler, der braucht hilfe...
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