2011-08-08

Und hinter Fenstern Leben.

Meine Stadt ist insbesondere absolut nicht besonders. Und das ist auch nicht wichtig. Hinter den Fenstern meiner Straße wirft die Frau mit dem blonden kurzen Haar die Tantentassen auf den Boden. Mit so viel Wucht, dass sie zerbersten. Und das soll auch so sein, weil die Frau mit dem blonden kurzen Haar sehr wütend ist. Der Jeanshosenmann steht im Türrahmen der erleuchteten Küche und schaut unglücklich. Seine Augen sagen, dass der ganze Mann nicht weiß, was er tun soll. Also zählt er die Scherben, die sich auf dem Boden treffen.

Als er nach oben blickt, sieht er gegenüber dieses junge Pärchen. Sie, seitlich, die Brüste milchig und nackt. Sie trägt nur einen weißen Bikini, den die Sonne gezeichnet hat. Und als sie ihre Haare hochzwirbelt, umgreift der Junge sie von hinten und legt seine Hände auf die Sonnenspuren. Und der Mann wünscht sich zurück zu Zeiten, als die wütende Frau vor ihm noch Sonnenbikinis trug.

Und ich ziehe Rauchschwaden und laufe diese Straße entlang. Ich kenne jeden Stein und jeden Geruch. Ich liebe das Geräusch vom Gehen. Wie meine flachen Schuhe auf die Straße treffen und der Kniefehler meine Füße leicht dreht. Dann kommt dieses Knirschen, weil vergessene Winterrollsplit-Steinchen sich drehen und kleine „Ich-bin-hier-gewesen“-Kratzer in die Steine meißeln. Eine Spur aus Erinnerungsnarben. Ich winke der Katze von unserer alten Dame, die so gerne eine Concierge wäre, aber keine ist, weil wir in unserer Stadt keine Concierge kennen, weil unsere Stadt gar nicht in dem Land liegt, in dem es Concierges gibt. Aber die Dame weiß immer, was um sie herum passiert. Und ich glaube, sie weiß sogar, was in der Straße passiert oder überall. Weil jede Straße unsere Straße ist.

Die Tür des Hauses, das ich ab und an als Heimat bezeichnen möchte, ist so bunt, das niemand mehr weiß, welche Farbe sie einst trug. Vielleicht war sie grün, weil grün beruhigend ist und man doch ruhig sein möchte, wenn man heim kommt. Vielleicht war sie braun, weil Türen immer braun sind und nichts aus der Reihe springen dürfen. Vielleicht war sie schon immer so bunt wie sie jetzt ist und nur die Graffitis und Flyer haben sich geändert mit der Zeit.

Bevor ich eintrete, muss ich wieder die Weinflaschen zur Seite stellen. Es sind immer fünf. Jeden Morgen. Ich weiß, dass der Knubbelnasenmann aus dem Erdgeschoss sie hier früh morgens, sehr früh morgens, abstellt. Einmal habe ich ihn dabei ertappt. Er hat mir erklärt, dass er Weinstraßen baut. Weinstraßen vor Haustüren. Damit die Menschen etwas zu tun haben, die heim kommen. Man bückt sich viel zu selten, sagte er, alle schauen nur nach vorn. Und deshalb bücke ich mich jetzt immer, wenn ich früh morgens heimkomme.

Die Briefkästen sind alle verbogen. Auf meinem ist ein gesprühtes Herz, das verblasst. Nach dem Ende mit dem Mann, der Herz versprühte, versuchte ich, das Herz mit dem Schwamm verschwinden zu lassen. Das hat nicht funktioniert. Der Briefkasten von dem Knubbelnasenmann quillt über. Wenn er das nicht schon seit fünf Jahren tun würde, glaubte ich, der Knubbelnasenmann würde nicht mehr leben. Er wäre dann einer dieser Vergessenen, die irgendwann errochen werden. Aber das ist er nicht. Jeder. Nicht er. Die Concierge bekommt nie Post. Niemand kennt sie und das findet sie gut. Vielleicht hat sie eine Tochter, die in Amerika lebt und immer seltener anruft. Und dann erklärt sie nur, wie viel sie zu tun hat und dass der George so einen Stress im Job hat und die beiden Kinder im Debattenclub und in der Hockeymannschaft sind. Und die Concierge nimmt vielleicht heimlich die Stimme ihrer Tochter auf. Bei jedem Telefonat. Und an Weihnachten spielt sie das Jahresband ab und entzündet eine Kerze. Es gibt dann Ente aus der Mikrowelle und die Familie ist ein bisschen komplett.

Es riecht so wie es in alten Treppenhäusern in Großstädten riecht. Ein wenig nach Essen, das vor vielen Stunden serviert wurde. Nach einem gelben Sack, der irgendwo im Treppenhaus vor einer Tür schläft. Nach altem Holz, das sich ausruht nach all den Jahren. Und nach Reiniger, der vor vielen Tagen oder gleich morgen schon wieder benutzt wird. Als ich vor meiner Tür stehe, höre ich die Nachbarin wie sie ihrer Tochter eine Geschichte vorliest. Sie liest einen Absatz und die Tochter liest einen. Dabei liest die Tochter nicht. Sie trägt ihn auswendig vor, weil sie die Geschichten schon so oft gehört hat, aber auch nicht nicht mehr hören möchte. Sie machen das jeden Morgen so, bevor die Tochter in den Kindergarten muss. Mama ist für’s Vorlesen abends zu müde und hat ihrer Tochter erklärt, dass alle anderen Kinder das falsch machen. Im fremden Land Amerika liest jede Mama ihrer Tochter morgens etwas vor und deshalb würden sie das jetzt auch so machen. Ich wünsche mir, dass die Tochter irgendwann sehr klug wird und schließe die Tür auf.

Es ist halbdunkel und ich gehe in die Küche für das letzte Glas Milch. Gegenüber sitzt der junge Mann vor seinem Laptop. Eine Hand stützt seinen Kopf und die andere hält die Kaffeetasse. Er will lesen, aber seine Augen wollen nicht. Langsam neigt sich die Tasse zur Seite. Immer wieder. Bis sein schöner Körper jedes Mal merkt, dass es jetzt eng wird und seine Augen wieder öffnet. Er sollte ins Bett gehen, finde ich. Das finde ich etwa alle drei Tage. Weil er dann da sitzt und die Kaffeetasse mit ihm spielt. Seine Küche ist nur schummrig, das Licht kommt vom Bildschirm. Man sieht keine Pflanzen, nur ein altes Filmplakat. Aber eingerahmt. Das ist wichtig. Vielleicht mag ich seinen Bart ein bisschen.

Meine Stadt ist insbesondere absolut nicht besonders. Und das ist auch nicht wichtig. Hinter einer Wohnungstür eines alten Hauses, das voller Graffitis ist, vor dem oft Flaschen stehen und in dem Menschen wohnen, die in jeder Stadt wohnen und trotzdem Einzelstücke sind, sinkt eine junge Frau ins Bett und denkt an Exsprühherzen.

Kommentare:

  1. Aw, sehr schön. Ich kann meine Lieblingsstellen gar nicht aufzählen, so viele habe ich. Ich wünschte, ich hätte so spannende Nachbarn :)

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  2. Wunderbar. Punkt.

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  3. schön! ich mag den knubbelnasenmann mit den weinstraßen.

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