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| Kunst von mir. Vielleicht was für die Documenta. Oder doch eher Mamas Wohnzimmerwand. |
Meine Mutter hat mir viele gute Dinge mit auf den Weg gegeben, das kann man nicht anders sagen. Es gibt allerdings eine Sache, in der wir uns komplett unterscheiden und die mich in regelmäßigen Abständen zur Weißglut treibt. Und das ist unser unterschiedliches Verhältnis zur Kunst. Kunst, ja, was ist das überhaupt. Für mich ist Kunst, alles, wo eine gute Idee hintersteckt. Kunst kann provozieren, Kunst kann Tränen hervorrufen und Kunst kann einfach da sein und du bist in ihrem Bann. Für meine Mutter ist Kunst: „Etwas, das ich mir gut ins Wohnzimmer hängen könnte.“
Als ich vor Jahren das erste Mal einen Schreibwettbewerb gewann, rief ich sehr aufgeregt und halb über dem Boden schwebend Mama an: „Ich hab gewonnen!“ Mama: „Schön, welcher Text?“ – „Der über den Jungen, der nachts immer Laufen muss und am Ende am Grab seiner Liebe ankommt.“ – Mama: „Ach ja… das haste von mir.“ Ich: „??“ – „Ich habe deinem Onkel früher auch immer selbstausgedachte Geschichten erzählt. Zum Beispiel die eine, die ging so: ‚Ein Schweinchen läuft in einen Wald…’.“ Aha. Ein Schweinchen läuft in einen Wald. Welcher hochliterarische Text fängt nicht in dieser Art an?
Eine Jahre später zeigte ich meiner Mama einen Bildband über einige Exponate der Uni Göttingen. Wir Studentinnen (ja, es waren wirklich nur Frauen) haben jeder über ein Bild eine Hausarbeit geschrieben. Ich war komplett fasziniert. Da waren wirklich sehr interessante Gemälde dabei. Ich zeigte meiner Mutter mein Lieblingsbild. Es zeigte einen Blick in eine holländische Kirche, darüber hatte ich auch meine Hausarbeit geschrieben. Sie schaute kurz drauf und sprach allmächtig: „Nee, scheiße.“ Ich: „??“ – „Das ist scheiße, das kann man doch nirgends hinhängen.“ – „Darum geht es nicht, Mama.“ Sie fing an zu blättern: „Scheiße… scheiße… scheiße… ja, ok, das geht noch, von den Farben her.“ Ich riss ihr das Buch aus der Hand und stapfte davon.
Und dann immer dieser eine Satz, der unter anderem auch oft von meiner Mutter kommt und den ich hasse wie die Pest: „Ja toll, das kann ich auch.“ Und warum machst du es dann nicht? Es geht doch nicht darum, dass andere auch einen schwarzen Strich auf ein weißes Blatt malen können. Es geht darum, dass man es macht. Dass man das Blatt aufhängt und zur Kunst erklärt. Dass man seine Geschichte aufschreibt und zur Kunst erklärt. Das Leben ist Kunst.
Inzwischen habe ich gelernt, dass ihre pragmatische Sicht mir manchmal sogar ganz gut tun würde. Ein bisschen lockerer auf Dinge zuzugehen und einfach mal nach persönlichem Geschmack zu urteilen, das macht das Leben einfacher und vor allem witziger. Hierzu ein kleiner Tipp: Geht einfach mal zur Documenta (oder irgendeine andere Ausstellung) und erklärt laut vor den Plastiken und vermeintlichen Kunstwerken (ein LKW in einem dunklen Raum), wie UNGLAUBLICH beeindruckt ihr seid. Oder ihr geht einfach rein und lacht laut. Kommt immer gut.

"‚Ein Schweinchen läuft in einen Wald…’.“ Aha. Ein Schweinchen läuft in einen Wald. Welcher hochliterarische Text fängt nicht in dieser Art an?"
AntwortenLöschenFällt mir persönlich spontan auch keiner ein.
Ich mag Hubert!
das schweinchen im wald diente zum besseren einschlafen für einen ca. 6-jährigen jungen !! da bedurfte es keines hochliterarischen textes !
AntwortenLöschenich war damals ca. 8 jahre alt !!!
heute erzähle ich ganz andere geschichten... :-)