Und wenn es nicht sie selbst war, dann war es ihre Wohnung. Die R. wohnte direkt neben mir in der Straße, in die ich ziehen musste, weil keine andere frei war. Der Balkon von R. war genauso groß wie meiner. Glaube ich. Er müsste es gewesen sein, aber ich habe ihn nie gesehen. Er war grün und doch unsichtbar.
R. hatte sich selbst eingemauert mit Grünzeug. Das Grünzeug wuchs überall hin. Regelmäßig musste ich es abschneiden, damit es nicht auch auf meinen Balkon wuchs. Ich hatte Angst, sie würde mit dem Grünzeug nach mir greifen und mich in ihre stinkige Wohnung ziehen. Manchmal qualmte es aus dem Grünzeug heraus. R. war wohl Raucherin, wie ich. Unterhalten haben wir uns trotzdem nie.
Wenn ich meine Wohnung verließ, ging ich an der Wohnung von R. ganz schnell vorbei. Danach wurde ich immer langsamer. Fast immer war es sehr still in der Wohnung. Ab und zu, aber wenn dann abends hörte ich kurze Schreie. Ich konnte nicht hören, was sie rief. Es klang, als würde Sie ein Klavier umhertragen.
Als ich einzog, habe ich mit einer Flasche Wein bei R. geklingelt. Vorstellen, gute Nachbarschaft und so. Dann habe ich noch mal geklingelt. Etwas schlurfte durch den Flur und dann öffnete sich die Tür einen Spalt. Im Flur war es so dunkel, dass ich nur ihre hellen Haare sah, die vom Kopf abstanden, als sei sie gerade aufgestanden. Traurig, fast gleichgültig schaute sie mich an und sagte nichts.
Ich riss mich zusammen und lächelte und sagte: „Hallo Frau R., ich bin die neue Nachbarin!“ Und völlig überdreht streckte ich ihr meinen Arm mit der Weinflasche entgegen. R. blickte auf die Flasche, hob schwer ihren Kopf, sah mich an, flüsterte: „Hallo.“ Und schloss die Tür.
Es ist fast überflüssig, zu erwähnen, denn es ist ja vollkommen klar, dass die R. nie Besuch bekam. Nie. R. schien auch keine Haustiere zu haben. Alle ältere Damen hatten Haustiere. R. nicht.
Einmal traf ich R. auf dem Flur. Sie schlich hinaus und ich kam gerade heim. Ich roch sie schon im Erdgeschoss. Als ich im dritten Stockwerk ankam, betrat sie gerade die Treppe. Ich war Luft für sie. Ich blickte ihr noch hinterher, als die Tür unten schon ins Schloss gefallen war. Ihr schwerer Duft hing im überall.
In dem Moment wäre ich gern in ihre Wohnung eingebrochen, um zu sehen, zu riechen, wer sie war. Den ganzen Abend saß ich auf meinem Sessel und dachte an R.. Doch ich hörte nicht einmal, als sie wieder heimkehrte. Irgendwann musste sie ja heimkommen. Jeder kommt irgendwann heim.
Nur R. nicht. Die R. kam nicht zurück. Nach drei Wochen war der Vermieter da und ließ die Wohnung aufbrechen. Er fragte auch mich. Aber ich konnte ihm nichts sagen.
Die R. tauchte nie wieder auf. Sie war einfach gegangen. Ohne alles. Nur die R. und ihr Geruch.
Heute wohnt N. neben mir. N. hat Blumen auf dem Balkon. Einen großen Fernseher und einen grünen Tisch davor. N. hat immer Wein im Kühlschrank und viele Männerprobleme. N. redet gern und sitzt oft auf dem Balkon, um zu mir rüber zu blicken. Ihre Blumen duften und erinnern mich daran, die R. zu vermissen.

Ja so ist das im Leben. Viele gehen, auch wenn es nur zum Zigaretten holen ist und kommen dann niemals wieder zurück. Und dann ? Genau dann fängt man an an sie zu denken oder sie sogar zu vermissen.
AntwortenLöschenSchönes Wochenende!