2011-06-30

Monsieur Delacroix

Ich wohnte einst in ein paar Wänden, die nicht besonders groß waren. Photos meiner Liebsten hingen an den Wänden, die in bunten Farben gestrichen waren. Die Gummistiefel standen nur im Flur, weil sie voller Blumen waren und dort einfach hinpassten. Ich trug sie nie.

Die Küche war alt und klapprig und mühte sich mit dem Kochen. Vor dem Fenster mit der breiten Fensterbank stand ein kleiner dunkelgrüner Tisch. Die Farbe blätterte ab und man wusste, dass es mit dem Tisch bald zu Ende gehen würde. Davor wartete jeden Morgen ein roter Stuhl auf mich und meinen Kaffee. Und gegenüber wartete Monsieur Delacroix.

Monsieur Delacroix saß immer an seinem Küchenfenster und blickte hinaus. Vor ihm stand eine Staffelei und er malte, tagein tagaus. Ich wusste nicht, wie er wirklich hieß, aber der Name erschien mir passend. Und ich musste ihm einen Namen geben, denn mit Dingen, die keinen Namen haben, konnte ich nicht umgehen.

Monsieur Delacroix war alt, sehr alt. Zumindest sah er sehr alt aus. Er hatte runzlige Haut, die sich über seine kleine Augen und seine große Nase legte. Ein paar weiße Haare standen vom Kopf ab und die restlichen hatten sich verabschiedet wie die Farbe an meinem Tisch. Und er lächelte immer. Er lächelte morgens, wenn ich mich setzte und abends, wenn ich heimkam. Er lächelte mir zu und ab und zu winkte er auch. Dazu legte er langsam den Pinsel aus der Hand, drehte sich frontal zum Fenster und hob seinen alten Arm, um mir zuzuwinken.

Anfangs war ich beschämt und drehte mich weg. Doch Monsieur Delacroix hörte nicht auf. Dann habe ich ihm zurück gewunken. Zaghaft erst und dann immer fröhlicher.

Monsieur Delacroix kannte mich damals besser als jeder andere. Er kannte meine Stimmungen, er kannte meine Männer, er wusste, dass ich keine Bohnen esse und mich erst mit Rouge auf den Wangen so richtig wohl fühle. Ich kannte Monsieur Delacroix nur lächelnd.

Es kam der Tag, da ich der Liebe wegen sehr unglücklich war. Ich packte meine Gummistiefel, meine Photos und meine Kaffeetassen in Kisten und war bereit zu gehen. Ich verabschiedete mich von meinem Tisch, da ich wusste, dass er eine weitere Reise nicht überleben würde. Ich wollte ihn in der Obhut von Monsieur Delacroix lassen und strich ein letztes Mal über die Tischplatte. Dann schaute ich nach oben und sah das leere Fenster. Die Wohnung von Monsieur Delacroix schien verlassen. Das Fenster war, ohne sein Lachen einrahmen zu können, wertlos geworden.

Mulmig wurde mir erst, als ich mit meinen letzten zwei Kisten auf die Straße trat und den Polizeiwagen sah. Ich wusste sofort Bescheid.

Ich rannte in das andere Haus, die knarrzenden Treppen hinauf in die vierte Etage. Die Tür stand auf und die Luft in der Wohnung war voller Staub. Es war dunkel, wie zur Abenddämmerung und eine Katze schlängelte sich um meine Beine. Ich nahm die Katze in den Arm und betrat die Wohnung. Der Polizist kam mir entgegen und fragte, ob ich den Herrn gekannt hätte. Ja, sagte ich, und doch nein, er wohnte mir gegenüber. Ich wurde in die Küche gebeten und da sah ich die Staffelei.

Auf dem Gemälde fand ich mich wieder. Wie ich umrankt von Blumen und Blättern in meinem Fenster sitze und Kaffee trinke. Ich lächle und hebe die Hand zum Gruß. Das sind doch Sie, nicht, sagte der Polizist. Ich nickte nur und weinte still.

Das Bild hängt heute in meiner Küche. Ich habe mir einen grünen Tisch gekauft und an einigen Stellen die Farbe abgeschlagen. Durch mein Fenster kann ich fast nicht blicken, weil so viele Blumen davor stehen. Und wenn ich morgens meinen Kaffee trinke, sitzt mir Monsieur Delacroix gegenüber, schlabbert seine Milch und maunzt mich an.

Kommentare:

  1. einfach schön

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  2. Eine schöne kleine Geschichte. Mir gefällt sie:-))))

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