2014-07-21

FÄHRMANNSFEST: INTERVIEWREIHE INKLUSION – SINA RIMPO

Das Fährmannsfest ist ein sehr schönes und spannendes Festival, immer Anfang August auf dem FAUST-Gelände in Hannover. Drei Tage Musik, Kunst und Poesie, inklusive Kinderfest. Ich war die letzten Jahre immer gerne dort – die Atmosphäre ist sehr angenehm und das Programm einfach so abwechslungsreich, dass eins locker den ganzen Tag dort verbringen kann. Das Besondere: Seit 2012 gibt es das Projekt "Inklusives Fährmannsfest". Die Projektbeteiligten sorgen dafür, dass Menschen mit Behinderung in alle Bereiche des Festivals eingebunden werden: auf der Bühne, bei Aufbau und Organisation und als Zuschauer_in. Dieses Jahr habe ich im Vorfeld des Festivals mit zwei Organisationsbeteiligten und dem Festivalchef über das Projekt gesprochen. Die Interviews werde ich nach und nach auf meinem Blog veröffentlichen. Außerdem werde ich das Projekt am Festivalwochenende begleiten und mir den Lotsendienst genauer anschauen. Ich bin super gespannt und freue mich, dass das Fährmannsfest so viel Wert auf den Inklusionspart legt. Nur wenig Festivals bemühen sich so stark darum, alle Menschen einzubinden. Ein positives Beispiel: Wacken Open Air.


Sina Rimpo
Als erstes habe ich mit Sina Rimpo gesprochen. Sina wohnt in Linden, dem Stadtteil in Hannover, wo auch das Fährmannsfest stattfindet und ist seit vielen Jahren treue Besucherin des Festivals. Sie gehört zum Organisationsteam des Inklusionsprojekt. Als Rollstuhlfahrerin möchte sie dazu beitragen, dass Barrieren reduziert werden.

Sina, du bist Mitglied im Orgateam für das Inklusionsprojekt auf dem Fährmannsfest. Warum liegt dir dieses Thema so am Herzen?

Da ich selbst Rollstuhlfahrerin bin, weiß ich, mit welchen täglichen Barrieren man konfrontiert wird. Ich möchte dazu beitragen, diese Barrieren zu reduzieren. Seit mittlerweile 7 Jahren wohne ich in Linden und besuche das Fährmannsfest jedes Jahr. Es ist ein tolles Festival mit vielen unterschiedlichen Menschen und deshalb arbeite ich dafür, dass auch Menschen mit einer Beeinträchtigung dieses Festival besuchen und dort arbeiten können. Ich möchte das Bewusstsein für Inklusion stärken, da ich finde, dass hier Inklusion beginnt.

Was genau machst du im Vorfeld zum Festival und dann an dem Wochenende?

Bestandteil unseres Projektes sind die Kulturlotsen. Das sind ehrenamtliche Helfer, die Menschen, insbesondere mit einer Seh- oder Körperbehinderung, während des Festivals unterstützen. Zu meinen Aufgabengebieten zählen unter anderem die Lotsenschulungen. Mein Schwerpunkt ist die Vermittlung von Begleittechniken und die Schaffung einer Sensibilisierung für den Umgang mit Rollstuhlfahrern. Auf unseren regelmäßigen Organisations- und Austauschtreffen bin ich bezüglich Fragen, Organisation und Anmerkung zur Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer Innen zuständig. An dem Wochenende selber werde ich organisatorisch und helfend zur Verfügung stehen.

Wie empfindest du das Feedback, das die Festivalbesucher_innen euch geben? Kommt das Projekt gut an?

Das Feedback, welches ich bekommen habe, war bisher immer positiv. Die Menschen in Linden sind sehr interessiert und offen für dieses Thema. Aber auch außerhalb von Linden gibt es interessante Gespräche, die anregend und positiv bestärkend sind.

Auf welche Acts freust du dich dieses Jahr am meisten?


Prinzipiell auf alle. Besonders die kleinen, unbekannten Künstler und Bands, denen hier eine großartige Bühne geboten wird, überraschen und erfreuen mich jedes Jahr aufs Neue.

Wenn du anderen Festival-Organisator_innen erklären müsstest, warum es so wichtig ist, allen Menschen Zugang zu einem Festival zu ermöglichen – was würdest du sagen?

Es ist gar nicht wichtig, sondern sollte einfach selbstverständlich sein!
Ein möglichst buntes, durchmischtes und auch kulturell vielfältiges Publikum ist Voraussetzung für ein gelungenes Festival, an dem man sich auch im Nachhinein noch erfreuen kann; alles andere würde immer den bitteren Beigeschmack von Ausgrenzung beinhalten.

Vielen Dank, Sina!

2014-07-08

LADY*FEST HEIDELBERG

Von 9. - 13. Juli findet in Heidelberg das Lady*fest statt. Alle, die mit dem Begriff noch nicht viel anfangen können, können hier mehr erfahren. In Heidelberg finden viele spannende Workshops und Veranstaltungen in den fünf Tagen statt. Das vollständige Programm findet ihr hier. Am Freitag setze ich mich in den Zug und fahre von Hannover nach Heidelberg – ich freue mich schon! Freitag Abend nämlich stehe ich beim Lady*fest auf der Bühne und erzähle den Besucher_innen ein paar Geschichten. Kommt doch auch rum!

2014-06-26

EIN BUCH, EIN BUCH – UND AUCH NOCH MIT MIR.

Im Prinzip könnte ich mich jetzt zurücklehnen, die Beine auf den Tisch und Arme verschränken: Das war's, alles geschafft. In der neuen Anthologie "Die letzten werden die Ärzte sein" aus dem Satyr-Verlag steht mein Text nämlich genau vor dem von Horst Evers. Und das ist, sagen wir mal, eine meiner absoluten Helden. Neben Horst und mir stehen da natürlich auch noch Geschichten von anderen Menschen drin: André Hermann, Tilman Birr, Kirsten Fuchs... aber ich behaupte, Horst und ich sind die wichtigsten!
Fünfundreißig Geschichten versammelt das Buch und es geht, wie der Titel schon hinterrücks vermuten lässt, um Arzt-Besuche, Krankenhäuser und Krankheiten aller Art. Und lustig ist das Ganze auch noch. Wenn das nichts ist, vor allem für den Sommerurlaub am Strand! Zu kaufen gibt's "Die letzten werden die Ärzte sein" ab sofort hier.

Kleiner Tipps für alle Berliner_innen: Am 27.6. findet im Comedyclub Kookaburra die Buchpremiere statt. Ich werde leider nicht dabei sein, dafür aber Sarah Schmidt, Michael-André Werner, Kirsten Fuchs und Heiko Wernin! Lohnt sich bestimmt!


Und weil ich so stolz drauf bin, dass in dem Band auch ein Text von mir dabei ist, verlose ich ein Exemplar! Schreibt mir bis zum 30. Juni 2014 einen netten Kommentar mit gültiger E-Mail-Adresse unter diesen Post – ich lose unter allen Kommentaren aus. (Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.)

Edit (01.07.14): Ich habe ausgelost und Ula hat das Buch gewonnen. Herzlichen Glückwunsch, eine Mail ist schon unterwegs! Vielen Dank an alle für's Mitmachen!

2014-06-25

LEITFADEN FÜR BLOGGERINNEN – INTERVIEW MIT STINE ECKERT

Stine Eckert
Schon in meinen letzten Linktipps habe ich kurz von Stine Eckert und ihrer Studie, aus der sie einen Leitfaden für Bloggerinnen entwickelt hat, berichtet. Auch ich durfte Stine damals einige Fragen zur Bloggerei und meinen Erfahrungen im Netz beantworten. Jetzt hab ich den Spieß umgedreht und mir Stine kurz zwischen Promotion und Umzug geschnappt, um ihr ein paar Fragen zu stellen.

Liebe Stine, im Rahmen deiner Doktorarbeit hast du 109 Frauen, die bloggen oder online veröffentlichen, befragt. Wie bist du auf die Idee gekommen, dich mit dem Thema zu beschäftigen?

Ich habe durch zwei Studien zu Blogs in Deutschland vorher und der wissenschaftlichen Literatur zu Blogs in Deutschland, Großbritannien und den USA immer wieder gemerkt, dass Blogs von Frauen in den Medien und der Gesellschaft entweder weniger wahrgenommen werden oder oft in bestimmte Schubladen gedrängt werden (Stichwort „Internettagebuch“ oder „Mamablog“). Die meisten Studien, in denen es um Bloggerinnen ging, waren auch Umfragen, Textanalysen oder Diskursanalysen. Um mehr über Bloggerinnen, ihre Erfahrungen und ihr eigenes Erleben herauszufinden, wollte ich mit so vielen Frauen wie möglich und auch mit verschiedenen Hintergründen selbst sprechen. Ich wollte vielen, verschiedenen Bloggerinnen eine Stimme geben und sie selbst erzählen lassen.

Wie ist das Feedback auf deine Arbeit?

Bisher ist das Feedback nur positiv. Es gab zwei-drei kritische Bemerkungen zu meinem „Leitfaden zum Bloggen,“ der ein Teil meiner Arbeit gewesen ist. Diese Stimmen sind auch wichtig und Teil einer Diskussion, die wir weiter brauchen. Wie können mehr Frauen mit verschiedenen Hintergründen, die sich durch soziale Medien in die Gesellschaft einbringen, gehört werden? Wie können Frauen digitale Räume noch mehr und noch besser nutzen? Es scheint dafür sehr viel Aufmerksamkeit zu geben. Ich freue mich, dass so viele meine Arbeit interessant und diskussionswürdig finden.

Was war für dich die wichtigste Erkenntnis der Studie?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass Gender und auch andere Dimensionen der Identität eine große Rolle im Netz spielen, wenn es darum geht, welche Stimmen wie laut gehört werden. Das Netz ist kein Allheilmittel für eine demokratischere Teilhabe, auch wenn es Möglichkeiten für Frauen bietet. Diese Möglichkeiten entfalten sich aber auch entlang bekannter Probleme, die es auch „offline“ gibt. Zum Beispiel war es erstaunlich, dass 4 von 5 Frauen ihr Bloggen als zumindest teilweise oder indirekt als politisch beschreiben. In den herkömmlichen Medien, Rankings, aber auch mitunter Studien, kommen in als „politisch“ bezeichneten Blogs fast nur Männer als Autoren vor. Das heißt, die Definition von Politik, die verwendet wird, greift zu kurz. Es war toll zu sehen, wie viele Frauen mit ihren verschiedenen Hintergründen sich zu so vielen wichtigen Themen im Netz einbringen! Beeindruckend! Das muss noch viel stärker in der Öffentlichkeit, in den Medien, und in Studien wahrgenommen werden, und eben auch als politisch wahrgenommen werden.

Ein Thema deiner Arbeit war der „Umgang mit Kommentaren“ – das ist auch für mich ein sehr interessantes Thema. Der Umgang mit Kommentator_innen, vor allem mit Trollen, war für mich ein „Learning by Doing“, was teilweise auch sehr schwer war und ein dickes Fell erforderte. Was sind deine wichtigsten Tipps für Bloggerinnen, wenn es um Kommentare geht?

Natürlich sollte jede Bloggerin ihren Blog so organisieren wie sie möchte. Aber eine der häufigsten Antworten meiner Teilnehmerinnen war, dass sie alle Kommentare moderieren, bevor sie sie online stellen oder zumindest den ersten Kommentar einer neuen Leserin moderien. Je eher diese Praxis angewendet wurde, desto weniger Probleme schien es später zu geben. Sehr häufig half es auch, sich mit anderen Bloggerinnen auszutauschen und sich in schwierigen Situationen zu unterstützen, schon vorher Netzwerke zu bauen, sich gegenseitig wahrzunehmen, zu lesen, auch Kommentare selbst zu hinterlassen. Die Wichtigkeit von Solidarität wurde immer wieder betont, auch wenn verschiedene Frauen vielleicht verschiedene Ansätze, Themen und Perspektiven haben. Ich habe weitere Tipps zum Umgang mit Kommentaren, aber auch generell zum Bloggen, in einem Leitfaden zusammengestellt.

Eine der positivsten Sachen am Bloggen für mich ist, dass ich so viele tolle Menschen kennenlerne – sei es über Kommentare, Twitter oder bei Konferenzen. Ich habe gelernt, dass es viele gibt, die ähnliche Meinungen haben wie ich und meine Postings gerne lesen. Geht es anderen Bloggerinnen genauso – kannst du das nach deiner Studie bestätigen?

Ja, auf jeden Fall! Alle 109 BloggerInnen haben mir mindestens ein positives Erlebnis erzählt. Neben der Freude einen eigenen digitalen Raum zum Schreiben zu haben, lag das meist daran, dass sie interessante, hilfreiche, spannende Menschen getroffen haben. Es haben sich wichtige Freundschaften entwickelt; es sind Projekte daraus entstanden oder persönliche Hilfsnetzwerke. Viele Frauen waren erstaunt, welche tollen Möglichkeiten sich durch den Blog ergeben haben und wie viel Unterstützung und Ermutigung sie für ihre Belange unter anderen BloggerInnen gefunden haben.

Wie geht es für dich jetzt weiter? Wirst du dich mit dem Thema weiter beschäftigen?

Ja, ich werde weiter zu den Themen neue Medien, demokratische Teilhabe, Frauen, Gender und auch Minderheiten forschen. Im Moment versuche ich eine Studie zu „race,“ Feminismus und „toxicity on twitter“ in den USA auf die Beine zu stellen. Ab August forsche und lehre ich als Juniorprofessorin an der Wayne State University in Detroit. In und um Detroit leben sehr viele people of color, muslimische und arabisch-stämmige AmerikanerInnen und EinwandererInnen. Da bietet es sich an auch weiter zur Nutzung von social media mit Menschen mit diesen Hintergründen zu forschen. Da sie in den herkömmlichen Medien als ProduzentInnen meist unterrepräsentiert sind oder in Inhalten verzerrt dargestellt werden, ist es spannend mehr darüber herauszufinden, was ihnen die sozialen Medien bringen (oder nicht), um sich in öffentliche Debatten einzumischen. 

Und wenn ich deine Doktorarbeit lesen möchte? Wo finde ich sie?

Meine University in Maryland stellt die Doktorarbeit im September ins Netz. Dort können dann alle (auch außerhalb der Uni) kostenlos darauf zugreifen. Ich werde auf meiner Website auf die Doktorarbeit verlinken, sobald sie online ist. Wer bis dahin spezielle Fragen hat, kann mich per E-Mail erreichen: keckert@umd.edu.
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Wer noch mehr von Stine lesen möchte: Bei den Kolleg_innen von kleinerdrei.org hat sie einen Gastartikel zu Ihrer Doktorarbeit veröffentlicht.