2016-11-24

AHOI, LADIES NIGHT ZUSCHAUER*INNEN!

Copyright: Steffen Baranski - szenestreifen.de
Ahoi und guten Tach! Ich freue mich, dass du während oder nach der Ausstrahlung von Ladies Night dein Handy in die Hand genommen hast und mich offensichtlich gegoogelt hast. Willkommen auf meinem Blog!

Wer bin ich überhaupt? Ich bin Ninia, ein bisschen über 30, ein bisschen unter 1,40 Meter und Moderatorin und Poetry Slammerin aus Hannover. Poetry Slams sind moderne Dichter*innenwettstreits, bei denen meist fünf bis zehn Poet*innen zusammenkommen, ihre selbstgeschriebenen Texte vorlesen und das Publikum bestimmt am Ende, was ihnen am besten gefallen hat. Vielleicht hast du dich drüber gewundert, dass ich bei Ladies Night abgelesen habe. Das machen wir so. Zumindest die, die keine Lust auf Auswendiglernen haben. Mehr über mich gibt's hier zu lesen.

Wenn dir der Text aus der Sendung gefallen hat, gefällt dir vielleicht auch mein Buch "... Und ganz, ganz viele Doofe!", in dem noch viel mehr Texte von mir enthalten sind. Das kannst du beim Blaulicht-Verlag versandkostenfrei bestellen.

Den Text aus der Sendung findest du als Video u.a. hier - im tollen Kanal des Slammer Filet Bremen.
Teil II des Textes gibt es hier zu lesen.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare auf meiner Facebook-Seite.
Auf Twitter und Instagram kannst du mir auch folgen.

Und wenn du mich mal live auf einer Bühne sehen willst, findest du hier alle Termine!
Und ansonsten klick dich einfach durch das Blog!

2016-11-14

SÜDSTADT. ODER: EIN UMZUG.

Der Mann und ich wohnten seit fünf Jahren und zwei Monaten in der Südstadt. Es war die erste Wohnung des Mannes in Hannover und meine zweite. Wobei ich mich an meine erste Wohnung nicht erinnern kann, denn da war ich ein neugeborenes Baby und gab nicht viel auf Quadratmeterzahlen und Einrichtung. Schon bald nach meiner Ankunft in der ersten Wohnung, dachten meine Eltern plötzlich, es sei besser, wieder in ihre Heimat zurückzuziehen und dann wohnten wir bald in der Stadt, deren Namen nicht genannt werden darf.

Jetzt sind der Mann und ich in unsere zweite beziehungsweise dritte Wohnung in Hannover eingezogen. Es ist nicht so, dass ich die Südstadt nicht mag. Allerdings sehe ich jedes Mal in enttäuschte Gesichter, wenn ich gefragt werde, wo in Hannover ich wohne und meine Antwort nicht „Linden“ oder vielleicht noch „Nordstadt“ lautet. Menschen sortieren gerne. Und mich sortieren sie in die „Linden“-Schublade. Weil ich Vorurteile gerne bestätige, bin ich jetzt nach Linden gezogen.
Die Südstadt ist ein ruhiges Viertel. Langezogen von der Marienstraße bis zur Bult, wabert dort ein Stadtteil so vor sich hin. Seit zwanzig Jahren warten die Leute darauf, dass die Südstadt doch auch mal so ein hippes Viertel wird, wie sie es sich erhofft hatten, aber die wenigen hippen Lädchen, die dafür sorgen könnten, müssen nach einem halben Jahr wieder schließen. Stattdessen haben wir eine Apotheke, die „Bunte Tüte“ heißt, was wirklich irreführend sein kann und einen der größten Edeka-Märkte Deutschlands, dessen Entstehung im Magazin Stern begleitet wurde, weil es nicht nur ein großer, sondern auch ein wirklich moderner Edeka-Markt ist. Mit Solarplatten auf dem Dach. Das ist ungefähr das Spektakulärste, was in den letzten zehn Jahren in der Südstadt passiert ist.

Wir wohnten in einer dieser kleinen Seitenstraßen, die nach Feministinnen aus Politik und Philosophie benannt sind und die kein Schwein kennt. Diese Straßen haben mich gerufen und ich bin gekommen. Es sind nur drei Gehminuten zum Bahnhof Bismarckstraße und wenn man auf dem Balkon sitzt, dann fühlt man sich als sei man in einer sehr kleinen Kleinstadt. In der Südstadt wohnen viele alte Menschen und ein paar Familien, die sich nicht nach Linden trauen.

Einmal haben wir im Keller eine kleine Party mit allen Leuten aus dem Haus veranstaltet. Es gab Eierlikör im Kaffee und später Grillwurst. Herr M. hat erzählt, wie es in der Südstadt direkt nach dem Krieg war. Wie er zwischen all dem Geröll Fußball gespielt hat und immer, wenn es aus der Gilde-Brauerei klingelte, mussten sie kurz die Schienen räumen, damit das Bier ausgeliefert werden konnte. Zehn Jahre später hat er eine der Wohnungen für sich und seine Verlobte gemietet. Sie kostete fünfzig Mark. Jetzt kostet sie mehr, aber die beiden wohnen immer noch dort.

Seitdem ich in unserem Haus wohnte, wurden mehrmals Fahrräder geklaut – immer nachts und immer alle aus der Straße. Außer meinem. Das stand dann einsam und allein herum. Wahrscheinlich war es in der Größe für niemanden zu gebrauchen. Einmal wurde eingebrochen. In die Wohnung oben links. Dort brechen sie am liebsten ein, sagt mein Vater. Dann hätten sie das Treppenhaus im Blick und könnten aber selbst nicht beobachtet werden. Der Mann hat die Typen gehört. Er saß gerade auf dem Klo, als sie sehr schnell wieder runterrannten. „Kommen die nochmal wieder?“, fragte ich ängstlich meinen Vater. „Die wahrscheinlich nicht, aber vielleicht andere.“ Das beruhigte mich nur bedingt.
Zuletzt versuchten Trickbetrüger unsere ältere Nachbarin unten rechts zu verarschen. Sie hat sie aber nicht reingelassen, die kluge Frau. Es wurde Zeit, dass wir aus der kriminellen Südstadt verschwinden.

Das „Spiegel“ ist schon vor langer Zeit verschwunden. Selbst die Tapas-Bar, die danach in das Gebäude eingezogen ist, musste schon wieder schließen schon mehrmals umgebaut werden. Ein paar Meter die Straße hoch, wird gerade das alte Pindopp renoviert. Wenn es fertig ist, heißt es nicht mehr Pindopp, sondern „Extrablatt“ und dann ist eh Hopfen und Malz für die Südstadt verloren.
In den Bahnhof Bismarckstraße ist vor einem halben Jahr ein Paulaner Brauhaus eingezogen. Entgegen meiner Hoffnungen ist es dort regelmäßig sehr, sehr voll. Manchmal stolpern abends Messebesucher, hilflos in Möchte-Gern-Lederhosen gekleidet, aus der Tür des Restaurants. Sie wanken die S-Bahn-Treffen hinauf und pinkeln dort in die Ecken. Als ich das das erste Mal sah, war der Zeitpunkt gekommen, sich nach einer neuen Wohnung umzusehen. Lederhosen sind nun wirklich zu viel des Guten.

Das Baby kündigte sich an und der Mann begann, nach Wohnungen zu suchen. Wir wären auch in der Südstadt geblieben, so ist es nicht, aber so richtig schöne Wohnungen gab es nicht. Und wer möchte schon direkt an der Sallstraße über einem Restaurant wohnen? Meine Mutter rief an und berichtete erfreut, dass sie jemanden kenne, der eine Wohnung in Herrenhausen freimachen würde. Ich legte kommentarlos wieder auf. Als ich mich beruhigt hatte, erklärte ich ihr per Whatsapp, dass in Herrenhausen nur Langweiler und Zahnärzte wohnten, was ja eigentlich ein- und dasselbe ist und dann hat sie es auch eingesehen.
Der Mann hatte inzwischen einen Automatismus im Daumen. Alle zehn Sekunden aktualisierte der Finger von selbst die Immobilienscout-Seite. Und dann stand da plötzlich diese Wohnung in Linden-Mitte – bezahlbar, groß, Altbau, den besten Käsekuchen der Stadt direkt gegenüber. Wir durften noch am selben Abend vorbeikommen und ich spielte die Babykarte wie ein Profi, obwohl man wirklich noch gar nichts sah. Fünf Minuten nach uns klingelten dreißig weitere Paare, die alle leider sehr nett zu sein schienen, größere gewölbte Bäuche vor sich hertrugen und manchmal sogar ein fertiges Kind dabeihatten. Was für ein Mist.

Am nächsten Tag unterbrach der Mann seinen Unterricht in der Oberstufe, was nur gegen Versprechungen von Schnaps beim Abiball möglich war und rief die Vermietung an. Ist vielleicht besser, wenn der Beamte sich dort meldet und nicht die freischaffende Künstlerin, dachten wir. Die Frau am anderen Ende bat ihn um eine Minute, um wenigstens noch ihren Computer hochzufahren und den Mantel abzulegen und dann durften wir die Selbstauskunft ausfüllen. Und aus irgendeinem Wunder durften wir jetzt in die Wohnung einziehen. In so einer Wohnung wollte ich schon immer wohnen und jedes Mal, wenn ich drinstehe, stelle ich mir vor, wie das Kind durch den Flur rennt und unter seinen kleinen Patschefüßen das Parkett vor sich hin knarrt.

In Zukunft muss ich also nicht mehr nachts mit dem Taxi von der Lesebühne heimfahren, was mir leider ein paar weniger Taxigeschichten einbringen wird. Dafür darf ich dann irgendwann vielleicht bei der nächsten Linden-Anthologie von Kersten und Henning mitmachen und allein dafür hat sich so ein Umzug ja schon gelohnt.

2016-10-18

KINDERBUCH: UDO BRAUCHT PERSONAL

So ist das, ne? Kaum hat sie erzählt, dass da ein Baby unterwegs ist, handelt der nächste Blogpost von einem Kinderbuch. Ganz so ist es dann aber doch nicht. Ich bin einfach zu langsam. Das Buch, das ich heute empfehlen möchte, liegt schon lange im Wohnzimmer, beziehungsweise jetzt in einer Umzugskiste und ich bin einfach noch nicht dazu gekommen, meiner Begeisterung darüber ein Schriftbild zu geben. Jetzt aber.

(Copyright: Jana Heinicke/Haba)

"Udo braucht Personal" ist da erste Kinderbuch meiner Kollegin und Freundin Jana Heinicke. Gemeinsam mit Illustratorin Joëlle Tourlonias hat Jana ein sehr schönes Buch rausgebracht, das die Geschichte von Udo erzählt, der zwar alles hat (einen eigenen Zuckerwatteautomaten!), aber sich trotzdem einsam fühlt. Er sucht dann Personal, um nach einiger Zeit festzustellen, dass das Boss-Sein zwar ne coole Nummer ist, eine gleichberechtigte WG mit ganz vielen Mitbewohner*innen aber nochmal toller ist. Wie Kinderbücher das so an sich haben, ist die Geschichte schnell erzählt, aber das ist ja auch gut so. Tourlonias Bilder sind sehr vielfältig und liebevoll und haben mir besonders gut gefallen. Auch die Idee, Kindern zu vermitteln, dass das Zusammenleben mit vielen unterschiedlichen Wesen was Schönes ist, fand ich toll. Wie das Baby über das Buch urteilt, kann ich leider noch nicht sagen, ich versuche es aber nachzuliefern, sobald ich Neues weiß.

Das Buch ist für Kinder ab drei Jahren geeignet und wird in Kürze sogar bei der internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse in Mexico City vorgestellt. Eine weitgereiste Geschichte, also.
Ich kann grundsätzlich alles, was Jana macht, empfehlen (auch den Puppetry Slam in Berlin) und lege euch das Buch gerne ans Herz!

2016-10-04

BABYS FÜR DIE GESELLSCHAFT - TEIL II

Vor mehr als zwei Jahren schrieb ich über den Besuch bei der Vertretung meiner Frauenärztin. Es ist mir wichtig, hier die Vertreterin noch einmal zu erwähnen, weil meine eigentliche Frauenärztin wirklich toll ist. Sie lobt mich immer für meine Brüste. Aber das wissen Sie ja schon.

In jedem Fall gerieten die andere Frauenärztin und ich ein wenig aneinander, weil sie sich sehr übergriffig verhielt und mir erklärte, dass ich ja nun in der Pflicht sei, Kinder zu bekommen, so mit dreißig Jahren, die ich mein Leben schon kinderlos vertrödelt hätte und dass das mit den Kindern eben nicht immer später möglich sei, so wie das ihrer Meinung nach die halbe Welt inzwischen handhaben würde. Ich erklärte ihr, dass es da schon sowas wie einen Zeitplan geben würde und ich wohl in zwei, drei, vier, fünf Jahren, also irgendwann sicher so etwas wie ein Kind haben wollen würde. Dass ich bis dahin aber noch ein bisschen Zeit bräuchte, um auf Bühnen Texte über meine Abscheu gegenüber Kindern vorzutragen, dass erzählte ich ihr nicht. Überhaupt verstehe ich bis heute nicht, wie eine Ärztin, die keinerlei Background meinerseits kennt, die nicht einmal weiß, ob ich Frauen oder Männer oder beides oder keines liebe und wenn ja, ob ich jemanden zuhause hätte, der auch Feuer und Flamme für diese Baby-Idee wäre, wie so eine Ärztin mir erzählen kann, ich sollte jetzt dringend Kinder kriegen.

--- Schnitt ---

Der Mann und ich sitzen in St. Andrews in Schottland in einem Pub, beziehungsweise vor einem Pub, weil es für schottische Verhältnisse wirklich mal sehr warm ist. St. Andrews ist dafür bekannt, dass es eine Uni hat und dass sich an dieser Uni Prinz William und Kate kennengelernt haben. Prinz William hat Kunstgeschichte studiert, wie ich und das bedeutet, ich bin in Wirklichkeit vielleicht eine Prinzessin.
Auf jeden Fall gibt es in St. Andrews auch ein kleines Café, das mit einer Aufschrift dafür wirbt, dass sich genau in diesem Café William und Kate das erste und danach viele weitere Male getroffen haben. Es ist so ein kleines Alte-Damen-Café und ich finde die Vorstellung sehr witzig, dass die Beiden nicht wie normale Menschen in einen Pub oder an den Strand gegangen sind, sondern eben in dieses kleine Café und dann vielleicht immer ein Stück Buttercremetorte gegessen haben.

Der Mann und ich sitzen dort und mir fällt auf, dass ich seit einigen Tagen ein komisches Verhalten an den Tag lege. Ich bin oft schlecht drauf und hatte in Edinburgh keinerlei Lust, Dinge zu kaufen. Also auch keine Kleidung. Ich habe nichts gekauft, ich bin einfach nur dem Mann hinterhergedackelt und habe gesagt, ich weiß auch nicht, das gefällt mir nicht und dieser Rotton und überhaupt. Und der Mann war ganz schockiert und hat gesagt: „Wenn du nicht bald ordentlich menstruierst, dann weiß ich auch nicht.“

Und dieser Satz fällt mir wieder ein, als wir da so sitzen und ein dunkles Bier trinken. Ach ja da war ja was, menstruieren, Moment mal. Ich hole mein Handy heraus und öffne die App. Und ja, mein Gefühl trügt mich nicht, ich wäre dran und zwar schon seit einiger Zeit. Hm, denke ich und schaue das Bier an. „Hm“, sage ich und schaue den Mann an. „Weißt du, also, ich wäre schon längst dran, meine Periode meine ich, die wäre dran. Vielleicht kaufen wir gleich lieber noch einen Schwangerschaftstest.“ Und dann trinke ich ganz schnell das Bier aus, weil ich Angst habe, dass es mein letztes sein könnte.

In der Pharmacie überlege ich, welcher Test wohl zuverlässiger ist, der für 3 Pfund oder der für 8 Pfund und dann denke ich, das ist ja wohl Quatsch, die testen beide mein Pipi, was soll da schon anderes rauskommen und nehme den für 8 Pfund, nur zur Sicherheit. Wir übernachten im Studentenwohnheim. Das macht man so als Tourist in St. Andrews. Man schläft in viel zu kleinen Zimmerchen, die nicht eingerichtet sind, aber einen kleinen Fernseher haben und in die in ein paar Wochen dann wieder die Studenten einziehen. Ich bin ein bisschen angetrunken von diesem dunklen Bier und stehe im Badezimmer herum. Ich mache das nicht zum ersten Mal, aber jetzt ist es doch irgendwie aufregender, weil ich wir es ja drauf angelegt haben, es wäre ja Absicht, wenn da jetzt wirklich... aber nein, das kann nicht sein.

Wenige Minuten später sind da zwei rosa-farbene Streifen auf dem teuren Teststreifen und ich sage zum Mann: „Huch.“ Mehr sage ich nicht. Dann halte ich ihm den Test hin. „Oh“, sagt er, „also, das würde ich jetzt doch als aufregend bezeichnen.“ Und im Hintergrund jubelt das Kandidatenpärchen einer Quizshow auf Channel 5 stellvertretend für uns.
Ich bin jetzt sehr aufgeregt und leider immer noch angetrunken, das geht ja nicht sofort weg. Ich mache mir deswegen Sorgen und sehe mich schon in vierzehn Jahren mein völlig verwahrlostes, betrunkenes Kind von der Polizeiwache abholen, nur weil es zu früh an dieses Zeug gewöhnt wurde. Oder trinken die heutzutage nicht vielleicht schon mit elf? Oh Gott.
Dann fange ich an, zu überlegen, was wir jetzt alles kaufen müssen. Ein Bett und eine passende Matratze und eine Spieluhr und so Schutz-Kopfhörer, damit wir das Kind mit auf Konzerte nehmen können. Ich mache im Kopf völlig unzusammenhängende Listen von Dingen, die man auf jeden Fall nicht als erstes braucht, wenn man gerade festgestellt hat, dass man schwanger ist.
Der Mann liegt immer noch da und überlegt. „Aber das ist doch was Gutes, oder?“ sagt er, „das wollten wir doch?!“ „Ja“, sage ich, „jaja, aber jetzt, wo es ernst wird, ist es doch komisch, oder? Auf jeden Fall kann ich jetzt keinen Whiskey trinken in diesem schönen, schönen Whiskey-Land.“ „Du wirst es überleben“, sagt der Mann, aber ich bin mir da noch nicht so sicher.

Als wir wieder zuhause sind, schaue ich mir die Eröffnungsfeier der Olympiade an. Sie wird gerade im Fernsehen wiederholt, als der Mann im Arbeitszimmer Klausuren korrigiert und ich herumsitze und dann eben dort hängenbleibe. Die Flamme wird entzündet und ich fange an zu weinen, einfach so, weil es so schön ist. Ich heule bis zum Ende durch, weil die Sportler sich so freuen und immer ein Kind dabei ist, das so ein niedliches Bäumchen trägt. Alles ist sehr schön. Als der Mann ins Zimmer kommt, macht er sich über mich lustig. Ich heule sonst nie und vor allem nicht in der Öffentlichkeit meines Wohnzimmers. Höchstens, aber allerhöchstens mal im Schlafzimmer oder abschließbaren Badezimmer, schon gar nicht im Kino oder bei anderen Gelegenheiten, wo andere Leute dabei sind. Ich gelte als emotional abgestumpft, weil ich nicht so wie eine Freundin weinen kann, wenn Pikachu eine neue Attacke lernt. Kurz: Ich weine wirklich selten. Und jetzt plötzlich bei jeder Gelegenheit. Ich habe mir letztens einen wirklich kitschigen Liebesfilm angeschaut und quasi schon beim Vorspann Tränchen verdrückt, weil alles so schön sonnig aussah. Hormone sind nicht einfach zu händeln.

Meine Brüste werden immer größer und ich habe Angst, dass sie mir über den Kopf wachsen. Wobei das wirklich witzig aussähe. Das ist eine der Veränderung, an der der Mann sehr interessiert ist. Hier, schau mal, das ist jetzt anders runzelig und das hat eine andere Farbe, irgendwie dunkler, aber auch schön, und wow, wie schwer sie jetzt sind, nimm die mal in die Hand und ich sage, die hängen an mir dran, immer, ich weiß, wie schwer die jetzt sind.

Der Umzug wird vorbereitet, in eine Wohnung, die auch ein Kinderzimmer hat. In eine ganz große Altbau-Wohnung, bei der mich alle fragen, wen ich dafür bestochen habe und ich nur antworten kann, keine Ahnung, wir hatten Glück, ein bisschen muss man sich ja auch engagieren und die Gentrifizierung vorantreiben und dann weine ich wieder, weil ich ein schönes Poster für das zukünftige Kinderzimmer gesehen habe.

Ich esse Gurken, weil man das so macht und bin froh, dass ich nicht im Hochsommer schwanger sein werde, weil wirklich niemand weiß, wie man sich dann die Beine rasieren soll (denn das eine der wichtigsten Sachen, laut diesen Ratgebern). Eigentlich ist noch gar nicht viel passiert, außer ein paar Ultraschallbilder und Herztöne und dieses verwunderte Gefühl, dass da jetzt jemand in einem wohnt und bald rauskommt und dann in der Wohnung wohnt, ohne sich vorgestellt zu haben, ohne WG-Casting, einfach so.

Ich hoffe, dass die frohe Nachricht bis zu der Vertretung der Frauenärztin durchgerungen ist. Auch, wenn ich das Baby bekommen werde, weil ich es haben will und weil es sicher furchtbar süß und sehr klug sein wird, wie der Mann und ich und nicht, weil sie gesagt hat, dass ich das muss. Und dann muss man mal schauen, was so passiert, wie sich das Baby entwickelt und welche Hobbies es haben wird. Der Mann sagt, es darf kein Hip Hop hören, so was gäbe es zuhause nicht (er ist überzeugter Punker) und ich sage, es darf auf keinen Fall Ornithologie spannend finden, solche Leute sind immer komisch und am Ende wird es ein hip-hop-hörendes Kind mit großartigen Ornithologie-Kenntnissen und viel Streetcredibility und das ist ja dann eigentlich auch egal.