Jasmin
Mittag ist Initiatorin der Kampagne "Wer
braucht Feminismus?"
in Deutschland. Das amerikanische Vorbild "Who
needs feminism?"
hat sie so begeistert, dass sie es auch bei uns verbreiten wollte.
Ich finde das super und habe ebenfalls schon mitgemacht. Am 20. Mai
ist Jasmin nun zu Gast in Berlin: Im Rahmen ihrer Abokampagne "Miss
No Missy"
lädt das MISSY MAGAZINE zum Diskussionsabend „There
is more to sexism than meets the eye“ ins
HEBBEL AM UFER. Welche unterschiedlichen Formen es von Sexismus gibt
und welche Konsequenzen jetzt aus der aktuellen Sexismus-Diskussion
gezogen werden müssen, darüber diskutieren an diesem Abend die
legendäre Angela McRobbie zusammen mit Anne Wizorek, Sookee, Nana
Adusei-Poku, Jasmin Mittag und Margarita Tsomou. Hier
gibt es Karten!
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| Jasmin Mittag |
Im Vorfeld habe ich mir Jasmin geschnappt und ihr ein paar Fragen gestellt!
Am
20. Mai 2013 bist du beim Diskussionsabend „There is more to sexism
than meets the eye“ im HEBBEL AM UFER dabei. Was erwartest du von
der Diskussion?
Ich
persönlich erwarte auf engagierte, kluge Frauen zu treffen. Ich bin
erst seit letztem Jahr feministisch aktiv und das erste Mal bei so
einer Diskussionsrunde dabei und natürlich schon ganz gespannt.
Von
der Diskussion selber erhoffe ich mir einen erweiterten Blick auf
Sexismus und feministisches Engagement durch die Beiträge der
anderen Teilnehmerinnen und im Idealfall so etwas wie eine gemeinsame
oder auch mehrere Visionen für die Zukunft.
Mit
welchen Gefühlen hast du die Sexismus-Debatte im Netz und/oder in
den Medien verfolgt?
Zunächst
natürlich: Begeisterung! Ich habe direkt an dem Abend den ersten
#aufschrei Tweet gesehen und war in den folgenden Tagen und Wochen
davon fasziniert , dass dadurch - sogar auch noch unbeabsichtigt -
eine Welle in Gang gesetzt wurde, die das Thema Sexismus so enorm
präsent gemacht hat.
Später
kam bei mir noch - wie bei vielen anderen auch - Wut und Genervtsein
dazu: Darüber, dass immer wieder dieselben Phrasen herhalten, um die
Aufschreie und die Debatte ins Lächerliche zu ziehen oder
kleinzureden.
Sehr
interessant bzw. bemerkenswert find ich generell, dass die
öffentliche Diskussion bei einem vergleichbar 'soften' Thema so
hochgekocht ist. Also, als es zum Beispiel am 14. Februar weltweit
und in über 100 deutschen Städten 'One Billion
Rising'-Veranstaltungen gab, zu denen Eve Ensler aufgrund der
Statistik, dass jede dritte Frau in ihrem Leben Gewalt erfährt,
aufgerufen hat, war die Aufmerksamkeit hierzulande doch wesentlich
geringer.
Hast
du den Eindruck, dass die Debatte etwas verändert bzw. neue
Denkprozesse angestoßen hat?
Mein
Eindruck ist: ja. Auch ich höre immer wieder Berichte von Frauen,
dass sie durch die Debatte erstmals tiefer in ihren Erinnerungen
graben und den Mut gefunden haben, Erlebnisse zu benennen, Worte zu
finden und auch die eigene Wahrnehmung ernster zu nehmen. Missstände
benennen und Austausch sind ja der erste wichtige Schritt zur
Veränderung. Und Vernetzung und Zusammenhalt ein weiterer.
Dazu
vielleicht ein kleines Beispiel: Ich war neulich tagsüber in der
Straßenbahn unterwegs. Gegenüber saß eine junge Frau, neben ihr
ein Mann im Rentenalter, der sie auf einmal unvermittelt anfing
auszufragen, wo sie den hinfährt und ob sie da wohnt und ob und was
sie arbeitet. Die ersten beiden Fragen beantwortete sie noch höflich
distanziert und dann sagte sie zu ihm "Ich möchte mich mit
ihnen nicht unterhalten - wir kennen uns ja gar nicht." Sie und
ich tauschten verständige Blicke und nickten uns zu und es war eine
Art Gemeinschaftsgefühl da, dass wir beide keinen weiteren Schritt
von ihm dulden würden.
Solche
Szenen gibt es seit dem öffentlichen Austausch über Sexismus
bestimmt öfter als vorher, weil die öffentliche Benennung das
Bewusstsein geschärft und Einigkeit über No-Gos geschaffen hat.
Wie
definierst du „Alltagssexismus“?
Ich
bringe den alltäglichen Sexismus, den wir hier alle erleben, stark
mit der globalen Benachteiligung und Mißhandlung von verschiedenen
Personengruppen und insbesondere von Frauen in Verbindung, sehe
Sexismus also vor allem als sogenannte Spitze des Eisbergs.
Gesondert
benennen würde ich die allgemeine gesellschaftliche Atmosphäre und
die persönlichen Erfahrungen: Also, einmal, die strukturelle
Benachteiligung von Frauen, die uns schon als Mädchen spüren lässt,
dass wir nur besonders wertvoll sind, solange wir jung und attraktiv
und gefällig u.ä. sind und potentiell sexuellen Gefahren
ausgesetzt. Und dann konkrete Erlebnisse wie eben persönliche
Belästigung, Anmache und Übergriffe.
Du
hast die Aktion „Wer braucht Feminismus“ nach Deutschland geholt.
Erzähl doch mal etwas darüber!
'Who
needs feminim?' ist eigentlich eine Aktion von amerikanischen
Studentinnen. Kern der Kampagne sind Aussagen von Menschen, warum sie
Feminismus brauchen, meist in Form von Fotos, auf denen sie mit einem
Schild abgebildet sind, auf denen ihre individuelle Begründung "Ich
brauche Feminismus, weil..." steht. Die Kampagne möchte so
stärker zur Identifikation mit Feminismus anregen und Menschen
gewinnen, die ihre eigenen, ihrer Lebenswelt nahen Pro-Feminismus
Argumente finden und so für das Thema einstehen. Wir sammeln seit
Oktober letzten Jahres explizit Statements auf deutsch.
Was
willst du mit „Wer braucht Feminismus“ erreichen?
Die
Vision von dem amerikanischen Original und auch der deutschen
Variante ist, zu einer Imageverbesserung von Feminismus beizutragen.
Wir möchten, dass es mehr Mainstream und 'cool' wird, sich als
Feministin oder Feminist zu bezeichnen. Wir hoffen einen Teil dazu
beitzutragen, weil das schlechte Image von Feminismus den Blick auf
die Bedeutung von Frauenrechten und auf Themen der Gleichstellung
verstellt.
Wir
arbeiten gerade an einer Reihe von Ideen für Aktionen im Rahmen der
Kampagne, z.B. bundesweite Aktionstage an Hochschulen, eine
Wanderausstellung, eine Publikation und eine Anzeigenkampagne und
suchen noch nach Finanzierungsmöglichkeiten. Momentan arbeiten wir
quasi ganz ohne Budget.
Vielen
Dank an Jasmin für das Interview! Sie freut sich übrigens über
jedes "Ich brauche Feminismus..."-Statement - ob als Foto
oder Text über die Webseite oder Facebook und Twitter.
Auch neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind willkommen. Hier
findet ihr den Kontakt. Am 7. Juni gibt es beim "Festival
contre le racisme"
an der Uni Hannover den ersten Aktionsstand. Dort werden Statements
gesammelt und Kampagnenfotos geschossen - wer Lust, geht dort vorbei!