2016-02-09

WEEKLY LAGRANDE

Was es damit auf sich hat, seht ihr unten.
Vor langer Zeit habe ich jeden Sonntag meine Wochenzusammenfassung gepostet und dabei auch noch gezeigt, was ich die ganze Woche so für Klamotten trug. Dann kam der Stress und dann der Urlaub und dann die Selbstständigkeit und damit die Erkenntnis, dass dieser olle Spruch von "selbst und ständig" gar nicht so oll ist und neben den ganzen Aufträgen, die man erledigen muss, um die Miete und die neuen Speaker zu bezahlen, wenig Zeit bleibt, um sich dem Blog zu widmen. Vor allem, weil es viel wichtigere Sachen gab.

Nun nervt es mich selbst, dass hier gerade nichts regelmäßiges passiert, also hier bitte, endlich mal wieder eine Wochenzusammenfassung. Ohne Klamotten. Die gibt es nicht mehr jeden Tag, weil dreimal die Woche Jogginghose und nasse Haare irgendwie nicht so spannend sind und ihr euch das alles auch einfach bei Instagram anschauen könnt.

Wenn ich nicht gerade versuche, Buchhaltung zu verstehen oder zu arbeiten, beschäftige ich mich aktuell mit "Making a Murderer". Wie spannend und ekelhaft zugleich ist das bitte? Geschichten wie diese Serie machen mir mehr Angst als alle Horror-Splatter-Dinger zusammen. Ich bin ja eh großer Fan von Nacherzählungen wahrer Kriminalfälle oder alles, was zu diesem Thema sonst noch dazugehört. Deshalb bin ich auch großer Fan der Stern Crime. Stern, ich weiß, nicht der Himmel der journalistischen Qualität, aber diese Zeitschrift ist echt super. Und es ist eine Zeitschrift, also print. Und sie funktioniert trotzdem. Es geht also.

Außerdem habe ich in dieser Woche die Zusage bekommen, dass ich im April offiziell Leute beleidigen darf. I like. Wenn ich mir die Menschen so angucke, wird das auch nicht allzu schwer.

Schönes Hannover.
Immer, wenn ich poste, welche Termine in den nächsten vier Wochen so auf mich warten, kommen Eine große Übersicht der Termine gibt's immer hier. Eins muss ich aber leider sagen: Es werden in Zukunft eher noch weniger Slam-Auftritte als mehr werden. Da gehen andere Dinge leider vor. Zum Beispiel die Organisation der deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam 2017 in Hannover. Davon werde ich sicher noch viel berichten. Und irgendwann müssen diese ganzen Texte ja auch mal geschrieben werden, da kann man nicht jeden Tag auf Bühnen herumkriechen.
Nachfragen, weil ich nicht nach Hintertupfingen oder an den Pipapo-See oder sonst wohin komme. Ihr Lieben, ich finde es super, dass ihr mich alle sehen wollt.

Apropos andere Dinge: Am Donnerstag moderiere ich eine Veranstaltung von pinkstinks in Berlin. Freitag bin ich dann mit den Nachtbarden in Hildesheim und Samstag lese ich solo im Ihmezentrum. Ticket für letzteres konnte man nur bekommen, wenn man die Crowdfunding-Kampagne für den Film über das Ihmezentrum unterstützt hat. Was für crazy Geschichten ich inzwischen mache. Und von wegen, nicht jeden Tag auf Bühnen rumkriegen. Ich halt's ja selbst nicht ein.
Ich hab mir übrigens den schönen Kalender von Milena und Jan bereits als zweite Unterstützen gesichert und hab bis jetzt noch kein einziges Ziel oder andere Achtsamkeitsdinge notiert. Weil ich keine Zeit hatte. Oh, the irony. Zu diesem Thema hier ein gutes Video.

Und wie ist das eigentlich mit links und rechts und den neuen Rechten und überhaupt? Das wird hier sehr gut aufgedröselt.

Ihr wisst, dass ich mir größte Mühe gebe, euch davon abzuhalten, Hannover cool zu finden. Allerdings passieren hier dann doch wieder ganz coole Dinge. Die Mädels von Trailer Trash zum Beispiel bringen junge Kreative aus der ganzen Region zusammen. Und dann aber kommt irgendeine hippe Agentur daher und macht einen Film über die Region Hannover, den ich leider nach drei Minuten abbrechen musste. Meine Frage dazu: Warum?

Ich habe ja ein sehr großes, persönliches Problem mit der Kabarett- und Comedyszene in Deutschland. Das Problem besteht im Kern darin, dass ich eigentlich fast niemanden richtig lustig finde. Zumindest von den Alt-Eingesessenen. Vielleicht schreibe ich dazu auch bald mal einen ganz eigenen Artikel. Heute auf jeden Fall gehe ich zur Desimo-Gala im Aegi. Dort werden die drei besten Acts der Saison ausgezeichnet. Ich bin gespannt. Vor allem darauf, ob das auch für mich die drei besten Acts sind. Beziehungsweise, ob ich zwischendurch mal schmunzeln werde.

Seit Januar bin ich ja jetzt ganz groß im Snapchat-Business. Das ist nicht nur mir aufgefallen, sondern auch anderen. Sowohl Femtastics empfehlen meinen Account als auch Teresa beim Fillmore-Magazin. Danke!
Und damit ihr mal seht, was ich dort treibe, wenn ich richtig gut bin, hier meine zweite Snapchat-Story über das Ihmezentrum in Hannover-Linden. Die "tiefe Passage für Autos" nennt man übrigens auch "Garage" - ach, Ninia.

2016-01-26

FREIBURG, BULLY & ELLIOTT SMITH – MUKKE FÜR DEN JAHRESSTART

Heute ist es passiert. Als ich im Bus saß und Musik, von der ich irgendwo gelesen hatte, hörte, dachte ich: 'Ach mensch, so eine Playlist, kannste ach mal wieder machen." Also machte ich eine. Was ist da so drauf? Natürlich die zwei Neuen von Turbostaat, meiner absoluten Lieblingsband bis in alle Ewigkeit. Und dabei kann ich auch gleich mal von einem Drama berichten. Turbostaat haben gestern viel zu spontan für meine zarte Seele angekündigt, dass sie nächste Woche (nächste Woche!) nach Hannover kommen. Tja, und ich bin an dem Abend natürlich bei einem Slam, den ich nicht absagen möchte und da war das Geheule gestern aber groß. Nichts zu machen. Muss ich halt zu einem anderen Tourstopp fahren.

Turbostaat ist nicht zu verwechseln mit Turbonegro, die ebenfalls eine neue Single rausgehauen haben, die ich, wenn ich ehrlich bin, noch besser finde, als die beiden Auskopplungen von Turbostaat. Ist natürlich auch dabei. Gestern las ich die "Frankie", ein unfassbar schönes Magazin, und dort gab es ein Interview mit der Sängerin von Bully. Musste ich heute auch reinhören und was soll ich sagen, ich bin jetzt süchtig nach dem neuen Album. Punkrock vom Feinsten mit Frauenstimme. Juhu.

Speaking of  Turbostaat. Der Hagen hat letztes getwittert "Freiburg sind die besseren Turbostaat" und das kann ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Also auch reingehört. Stimmt nicht ganz, aber sie sind wie Turbostaat vor sechs Jahren. Fast. Was auch ok ist. Also sie sind gut. Wirklich.

Als Svenja vor einer Woche hier war, empfahl sie mir den Film "heaven adores you" über Elliott Smith und keine Ahnung, was in den 90ern passiert ist, aber irgendwie ist dieser Mensch völlig an mir vorbeigegangen. Obwohl ich so ein cooles Indiegirl war, was sich so viel auf seinen Musikgeschmack eingebildet hat. Verdammt. Aber: Besser spät als nie. Wobei es ja auch ein bisschen traurig ist: Elliott Smith ist jetzt schon länger tot und wird nie ein neues Album machen. Das hab ich jetzt davon. Keine Vorfreude mehr.

Tja, den Rest müsst ihr selbst erhören. Viel Spaß dabei!



2016-01-24

SNAPCHAT - JETZT AUCH MIT NINIA

Was hab ich gelästert und gestöhnt. Noch ein Netzwerk. Eines, bei dem ich klitzekleine Videos aufnehmen kann und mir angucken kann, wie andere zur Arbeit fahren oder was sie essen? Das seh ich ja schon bei allen anderen den ganzen Tag. Und dann wieder diese Arbeit, sich die Schätze rauszusuchen. Ach, ach, ach. Und dann hat mir Amina an Silvester gezeigt, wie die App funktioniert. Ja, ich bin alt, man muss mir sowas inzwischen zeigen. Und ganz ehrlich, so richtig selbsterklärend finde ich den Kram nämlich nicht. Wie das mit den Texten und der Farbe und den lustigen Effekten alles funktioniert, das musste ich mühsam lernen. Aber dann! Dann konnte ich nicht mehr ohne. Ich mag Snapchat. Es ist in Wirklichkeit nämlich mehr als "Guck mal, ich kann Nutella aufs Brot schmieren". Wie es dann eben doch so oft ist. Und aus der miesepetrigen Läster-Verweigerin ist ein Snapchat-Fan geworden.

Wie konnte das passieren? Unter anderem wegen Eva Schulz. Die ist nämlich auch dort (hurraeva) und erzählt richtig coole, zusammenhängende Geschichten. Und gestern fragte sie ihre Follower dann nach den Stadtteilen, die bei ihnen zuhause gerade gentrifiziert werden. Challenge accepted! Und so erzählte ich vier Minuten was über Hannover-Linden. Weil der ganze Spaß immer nur 24 Stunden verfügbar ist, hab ich die Videos dieses Mal runtergelassen und zusammengeschnitten (wieder bei Eva abgeguckt). So könnt ihr mal gucken, was ich da mache, wenn ihr (noch) keinen Account habt. Mich findet ihr natürlich unter ninialagrande. Natürlich sind die Videos alle im krass modernen Hochkant-Stil. Ich kann's halt einfach.

Edit: Der trotzdendorff hat just auch über Snapchat geschrieben, ein bisschen länger und journalistischer - genauso lesenswert. Anklicken.



2015-12-28

JAHRESRÜCKBLICK 2015. ODER: "HAST DU CHRISTLICHE LEUTE UM DICH, AN DIE DU DICH WENDEN KANNST?"

Januar

Im Zug sitzt ein Mann neben mir, der zwanghaft zählen muss. Auf meine Frage, bis wohin er fahre, antwortet er: "43." Nach zwei weiteren Small Talk Fragen, die er mit "156" und "283" beantwortet, beschließe ich, das Gespräch aufzugeben und etwas zu lesen. Haben Sie schon einmal versucht zu lesen, während jemand zählt? Es funktioniert nicht. Die letzten zwei Stunden der Fahrt zähle ich mit. Ich verzähle mich dreimal. Er nie.

In Paris werden nicht das letzte Mal in diesem Jahr Menschen bei einem Terroranschlag getötet. Ich weiß jetzt noch nicht, dass ich in etwas mehr als 10 Monaten auf einem Poetry Slam in Wien sitzen werde und verstört Videos der CNN im Internet gucke. Niemals in diesem Jahr wird eine Flagge oder ein anderes solidarisches Statement mein Facebook-Profilbild schmücken. Weil das Internet für mich kein Ort der Trauer ist.

Februar

Den 49. Superbowl gewinnen die New England Patriots. Das ist gut, weil sie meine Lieblingsmannschaft sind. Überhaupt mag ich American Football. Als ich 11 Jahre alt war, war ich das erste Mal bei einem Spiel. Seitdem hat es mich nie ganz losgelassen. Ich kann stundenlang über Spielzüge diskutieren. An einer amerikanischen Highschool gibt es einen Running Back, der 1,35 m groß ist. Geht nicht, gibt’s nicht.

Ich bin in diesem Jahr oft in Krankenhäusern. Nur als Besucherin. Manchmal träume ich von diesem hygienisch-desinfizierten Geruch. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, ich könne alte Haut knistern hören, wenn sie sich bewegt. Es klingt wie so ein leichtes Rascheln von ganz dünnem Pergamentpapier. Und spätestens, wenn dich ein Mensch aus dem Krankenhaus-Bett anschaut, willst du Zeit gern in Konserven packen.

März

Ich gewöhne mir an, Dialoge aus Zügen zu notieren. Dialoge, die ich aus irgendeinem Grund kurios oder seltsam finde. So wie diesen.
"Kennst du noch diese verrückte Frau vom Dessauring?"
"Ja."
"Die hat meine Oma geschubst. Einfach so."
"Auf die Straße?"
"Nee, nur an der Haltestelle."
"Ach so."
Ich kenne den Dessauring nicht, aber in Hannover habe ich auch oft das Bedürfnis, Menschen einfach so zu schubsen.

Ich stehe auf dem Hof und beobachte die Sonnenfinsternis durch eine selbstgebaute Lochkamera. Ich bin nicht allein. Wir alle schauen durch die Kameras oder über unseren Handybildschirm und sind dann doch etwas beeindruckt. Obwohl wir den Quatsch eigentlich einfach so an uns vorbeiziehen lassen wollten. Wir machen Erinnerungsfotos. Sonnenfinsterniserinnerungsbilder.

April

Ich lese eine Zeitschrift über grüne Menschen. Laut der Zeitschrift sind das Menschen, die gute Dinge tun. Für die Umwelt und so. Sie essen kein Fleisch, bringen armen Kindern das Fußballspielen bei, spritzen Menschen in anderen Ländern Medikamente und lassen sich mit schwarzen Kindern, die sehr große Augen haben in einer kargen Landschaft fotografieren. Denn das sind gute Dinge. Ich gehe an den Computer und tippe eine Mail, die ich in Kopie an alle Interviewten schicke. Ich möchte gern von Ihnen wissen, ob sie ein iPhone haben. Oder Nike-Sneaker. Oder ob sie gerne Coca-Cola trinken und Nutella essen. Ich verabschiede mich mit lächerlichen Grüßen.
Leider habe ich keine Antworten erhalten.

Mai

Ich lerne, dass Frauen und Männer bei der Schachweltmeisterschaft getrennt spielen. Weil Schach ein Sport ist und die Geschlechter da grundsätzlich getrennt werden. Ich lerne, dass eine Reinigung für Frauenblusen mehr berechnet als für Männerhemden. Und dass Frauenrasierer teurer sind als die für Männer. Und ich lerne, dass es immer noch Menschen gibt, die für diese Fakten Gründe anführen wollen, um all die Ungerechtigkeiten zu verteidigen. Ich finde alles bescheuert.

Zum ersten Mal moderiere ich eine richtige Sendung im Fernsehen. Ich sitze Samstagmorgen vor meinem Empfangsgerät und starre mich an. Davon habe ich geträumt als ich elf Jahre alt war. Jetzt passiert das wirklich. Ich finde alles sehr verrückt.

Juni

In den USA dürfen Homosexuelle endlich heiraten, überall und in jedem Staat. Regenbögen auf Facebookbildern, weil Love wins und damit keiner vergisst, wie tolerant man ist. In Irland und Finnland wird die homosexuelle Ehe auch erlaubt. In Deutschland darf immer noch nicht jede und jeder heiraten. Weil unsere Kanzlerin dabei ein schlechtes Gefühl hat. Na dann.

Im Internet tobt eine Diskussion um die Bundesjugendspiele. Die einen meinen, sie gehörten abgeschafft, zumindest in der Form, dass alle mitmachen müssen, die anderen argumentieren mit „Ist noch keiner bei gestorben“ für den Erhalt. Ich bin die Einen. Andererseits passt es gut zu einer Gesellschaft, Kinder gleich von Anfang an auf Wettbewerb und Enttäuschung zu trimmen. Wird eh nicht besser in diesem Leben.

Juli

Ich war auf einer Hüpfburg. Der Höhepunkt des Monats.
Merkel streichelt ein Mädchen.

August

Den August verbringe ich in Kroatien. Ich fahre mit einem Wohnwagen durch Dalmatien und die Küste entlang bis nach Dubrovnik. Überall ist immer Sonne. Ich sitze im Meer und lasse mir alles aus dem Kopf pusten. Ich lese tagelang nur und versuche, das Nichtstun wieder zu lernen. In einem Badehaus mache ich Bekanntschaft mit einer sehr wild herumfliegenden Fledermaus, die so wild ist, das sich Angst bekomme, sie würde gleich in meinen Haaren landen. Ich lerne, dass die aufmüpfigen Jungs aus Italien immer Marco heißen, weil man das so gut schreien kann. In Dubrovnik steige ich Treppenstufe um Treppenstufe, um die ganze Stadt zu erkunden. Ich umrunde die Altstadt auf der Stadtmauer und mache Pärchenfotos mit dem Mann und für andere Pärchen. Ich speichere Endorphine, um im Herbst noch welche übrig zu haben. Mir fällt ein, dass das die beste Zeit im Jahr für mich ist. Und dass ich die beste Zeit vielleicht öfter haben sollte. Zurück in Deutschland kündige ich meinen Job und arbeite ab sofort nur noch für mich selbst. Auch ohne Sonne.

Der Monat, der für mich der glücklichste war, ist für viele andere der schlimmste. Ende August wird in Parndorf ein LKW mit 71 Toten entdeckt. Geflüchtete, die mit der Hoffnung auf ein neues Leben in diesen Wagen eingestiegen waren. In Deutschland nehmen die Anschläge auf Unterkünfte für Geflüchtete zu. Ich schäme mich und fühle mich hilflos.

September

Griechenland wählt. Schon wieder.
Ich lächele vom Cover einen richtigen Zeitschrift und räume diese in jedem Kiosk, den ich finde, weiter nach vorne.
Volkswagen hat nicht nur Dreck am Stecken, sondern auch in den hauseigenen Autos. Autofahren ist jetzt umweltschädlich. Was für eine Erkenntnis.

Zwischendurch ist es acht Uhr morgens und ich will nur in Ruhe Zug fahren. Eine Frau setzt sich zu mir und flüstert in parselschen S-Tönen vor sich hin. Plötzlich dreht sie unvermittelt den Kopf zum Mann nebenan und schreit ihn an: "UND WIE GEHT ES DIR ÜBERHAUPT?" Der Mann: "Wie soll's mir gehen?" Die Parsel-Frau: "Hast du denn christliche Leute um dich herum, zu denen du gehen kannst?" "Willst du mich jetzt so früh morgens verhören?" "Ich will dir nur helfen. Oder Gott will dir helfen. Vermutlich."
Alle schweigen kurz.
Dann verkündet sie sehr laut: "Jedenfalls stehen wir kurz vor einer großen Erweckung, weißt du, was Erweckung ist?" Der Mann, angenervt laut: "JA!" Die Frau zu mir: "Ich glaube, ich lese jetzt auch mein Buch."
Sie liest es jetzt in Flüstertönen vor. Ich hab noch fünf Stunden Zugfahrt vor mir.

Oktober

Meine Mutter ruft an. "Du, ich muss dir einen Knaller erzählen." Ich setze mich und warte.
"Gestern klingelte K. und sagt, dass ihre Mülltonne nicht geleert wurde. Sie wollte wissen, ob unsere auch nicht geleert wurde."
"Knaller", sagte ich.
"Nein, nein, warte doch mal."
"Ach so."
"Unsere war auch nicht geleert. Und da K. sich ja nichts traut, hab ich dann angerufen. Bei der Alba, weißte. Und mich beschwert. Und jetzt haben die heute Morgen nur unsere geleert, die von K. ist noch voll." Sie lacht sich kaputt.
"Knaller", sage ich.
"Ja, oder?! Du zieh dich warm in der nächsten Woche, es wird kalt."
"Ok."
"Tschüss."
"Tschüss."
Dreißig Sekunden später piept mein Handy. Meine Mutter schreibt mir: "Sei nicht immer so fröhlich, wenn ich auflege."

November

In der Anmoderation eines Slams sagt die Frau auf der Bühne etwas von "Refugees welcome". Die Frau auf dem Sitz vor mir flüstert ihrer Nachbarin ein "Das muss doch jetzt nicht sein" ins Ohr. In den nächsten zehn Minuten gewöhne ich mir an, alle 30 Sekunden wie zufällig gegen ihren Sitz zu treten. Nach fünfeinhalb Minuten steht sie auf, dreht sich um und fragt, ob ich denn bitte mit der Treterei aufhören könne. "Das muss doch jetzt nicht sein", antworte ich.

Tickets für Adele kosten über 150 Euro. Musik ist doch nicht für alle gemacht.

Dezember

Ich bin erschlagen. Von diesem krassen Jahr. Von diesen krassen Ereignissen. Von zu viel Krebs und Tod in meiner Familie und zu viel Glück auf meinem Lebenskonto. Von zu viel „Ich bin kein Nazi, aber“ und Wiederfinden der Hoffnung.

Die Idee eines grenzenlosen Kontinents, mit der ich aufgewachsen bin, wird begraben in dem Jahr, in dem ich selbst mich so frei fühlte wie nie. Bald ist stehen die Zeiger wieder auf Null und irgendjemand stößt sein Sektglas gegen deins und irgendjemand wirft einen Böller auf die Straße und irgendjemand küsst dich und wünscht dir ein schönes Jahr. Es soll ein Neuanfang sein. Zäsur. Und doch ist es nur ein neuer Tag.